Das folgende Interview mit Simon Moon, dem Betreiber von sharereactor.com, führte importantpeople.net am 20.04.2004. Sharereactor war bis zu seinem Close eine der größten eDonkey - Linkseiten schlechthin, mit einer sehr aktiven Community, die regelmäßig hochwertige Esel - Releases machte. Wir veröffentlichen es mit freundlicher Genehmigung von importantpeople.net. Nach wie vor ist das Thema völlig aktuell - nach Rücksprache mit Simon Moon hat sich gezeigt, dass in dem Fall praktisch nichts vorangegangen ist. Aktuell stieß dem Betreiber der TV-Serienseite The Realworld ähnliches zu - ob das Hamburger Urteil Präzedenzcharakter haben wird, ist noch offen. Indessen - Sharereactor wird nach schweizerischem und nicht nach deutschem Recht beurteilt werden, und in beiden Fällen darf man gespannt sein, was nun nachkommt.
ImportantPeople.net: Simon, zunächst natürlich die Frage, die über 250.000 Menschen aus aller Welt am brennensten interessiert: Warum ist sharereactor.com nach so langer und erfolgreicher Zeit offline?
Simon Moon: Wie es schon relativ oft breit getreten wurde in den letzten Wochen, aufgrund einer Strafuntersuchung gegen mich. Mir wird vorgeworfen gegen den Artikel 67 des Urheberrechtsgesetzes und gegen Artikel 61 des Markenschutzgesetzes der Schweiz verstossen zu haben (jeweils der ganze Artikel, was etwa so präzise ist, wie wenn man mir vorwirft mit einem Auto einen Fehler gemacht zu haben). Der leitende Untersuchungsrichter, beschlagnahmte daraufhin die beiden Hauptserver, wo SR drauf lief, meine private Arbeitsmaschine und die Arbeitsmaschine meiner Freundin. Ebenso nahm er alle Backups, die ich hatte, mit, so blieb ich an jenem Abend ohne Computer und meine Daten zurück. Der Stand der Dinge ist, das sie IMMER NOCH am untersuchen sind, wobei sie erst vor kürzester Zeit überhaupt mal die Server angeschaut haben (und das, nachdem sie diese schon über 5 Wochen hatten!). Bis diese Untersuchung nicht beendet ist - und das kann ein bis unbekannt Monate dauern.
ImportantPeople.net: Besteht die Möglichkeit, dass die Seite - vielleicht auch in anderer Form - wieder in naher oder ferner Zukunft online gehen wird?
Simon Moon: Wenn diese Untersuchung am Ende zeigt, es ist legal, eine Seite wie ShareReactor zu betreiben, von dem ich bisher ausging und was mit bisher auch jeder Anwalt und Rechtsgelehrte, der mit dem Schweizer Recht vertraut ist bestätigt hat, wird ShareReactor wieder online gehen. Allerdings dann mit einem neuen Basissystem, das schon fast fertig ist, aber aus verständlichen Gründen programmiere ich nicht daran weiter zur Zeit, da unklar ist, was dabei rauskommt.
ImportantPeople.net: Wie erklärst du dir den großen Erfolg der Seite, die ja bis zuletzt täglich ca. 250.000 Besucher aus aller Welt aufweisen konnte?
Simon Moon: Ein simples Konzept, das einfach zu erreichen war und professionell gestaltet den Content gezeigt hat. Dazu nimmt man noch die hervorragende Leistung, die die Admins Tag für Tag hinlegten, meine Wenigkeit, dafür sorgend, dass die Technik nicht komplett zum Erliegen kommt, und schon hat man eine wundervolle Plattform. Der größte Teil des Erfolgs geht auf die Admins zurück, da sie schlussendlich den Content erstellt haben, für den täglich tonnenweise User auf das Portal geströmt sind. Wenn man bedenkt, das es knapp 25 Leute waren, die für 250.000 Leute Content erzeugt haben, dann sieht man recht schnell die extremen Relationen, die hier am Werk waren.
ImportantPeople.net: Wenn du nun auf die vielen Monate sharereactor.com zurückblickst - was ist für dich in schönster Erinnerung, was in negativer Erinnerung zurück geblieben?
Simon Moon: Schönster Erinnerung... Gibt es nicht, es gab sehr sehr viele gute Momente. Am schockierendsten im positiven Sinne war für mich die Spendenaktion mit dem Forum. Der Plan war, die Aktion einfach so laufen zu lassen und dann nach 4 Tagen das Ding abzublasen und zu sagen "Wir haben 200$ gekriegt, also so funktionierts auch nicht, drum seid froh was da ist, und wenns nicht passt, Schnauze, wir versuchen, was möglich ist". Tja, da hats mir dann recht die Sprache verschlagen. Negativ schockierend war die Sache mit Gowenna. Ich will da nicht weiter drin rumstochern, andere lieben das anscheinend, aber ich finde es nur geschmack- und respektlos gegenüber ihrer Person.
ImportantPeople.net: Nicht nur sharereactor.com musste offline gehen, sondern auch immer mehr andere Seiten, die über Tauschbörsen-Links bekannt geworden sind, müssen ihre Pforten schließen. Zudem werden mittlerweile auch die Nutzer von Tauschbörsen global und immer aggressiver durch die "geschädigte" Industrie gejagt und verklagt. Wie siehst du diese Entwicklung seit dem Beginn der Tauschbörsen bis heute?
Simon Moon: Ich bin glücklich, in der Schweiz zu leben. Wäre ich in den USA, würde ich schon lange hinter Gittern sitzen und den Schlüssel hätte man dummerweise verloren. Das ist auch das Dilemma der Geschichte. Was hier legal ist, kann in anderen Ländern hoch illegal eingestuft werden. In Deutschland darf ich mir keine Kopie einer Musik-CD machen damit das Original nicht kaputt geht, geschweige denn eine Kopie machen fürs Auto, das ist strafbar. Hier darf ich die CD kopieren, ja sogar 2 - 5 Stück machen und sie meinen engsten Freunden geben (Fair Use). Auf der selben Schiene funktionieren Tauschbörsen. In Kanada darf man Musik raufladen und auch runterladen, das ist kein Scherz! In der Schweiz ist es theoretisch straffrei, wenn man sich etwas aus dem Internet beschafft (Eröpfungsgrundsatz, wers nachlesen will). So hast du dann auch die Entwicklungen. Napster war nicht das erste P2P, aber das erste, was gross bekannt wurde. Was man heute so kennt, ist nur der Schrott, sprich Kazaa. Properitäre Systeme wie Napster und Kazaa haben keine Zukunft, sie haben die Entwicklung stets gehemmt und zwanghaft verkommerzialisiert. Projekte wie Emule, mlDonkey, Gnutella, etc, haben grössere Chancen, noch mehr aus sich zu machen, da ihre Strukturen anders gelegt sind und die Erweiterungen offen sind.
ImportantPeople.net: Werden trotz diesen Maßnahmen Tauschbörsen weiter in der heutigen Form bestehen, oder werden letztenendes die Industrie und die Regierungen die Oberhand behalten?
Simon Moon: Das Problem kennt man mit IRC und FTP auch. Ist IRC illegal? Ist FTP illegal? Nein, es sind Technologien. Auch P2P-Netzwerke sind nichts anderes als Technologien. Ich warte immer noch drauf, dass sich dies grosse Firmen zunutze machen, und beispielsweise die neusten Gamefiles auf dem Netzwerk anbieten oder Trailer, etc. Und selbst wenn das nicht passiert, wie will man eine Technolgie verhindern? Peer To Peer ist eine zu allgemeine Technologie um sie zu verhindern, man müsste alle Computer, die mit Windows und *NIX-Derivaten funktionieren, einstampfen. Auch Macs wären dann infiziert mit der hässlichen Technologie, sprich nur Großrechner mit "Dumm-Terminals" wären dann noch ok. P2P ändert sich andauernd, man muss Schritt halten, was etwas ist, das sich die Politik und die Verfolgungsbehörden schlichtweg nicht leisten können, und die Industrie nicht kapiert, weil es zu schnell geht, um die vorsichigen Langzeitdenker aus dem Sessel zu schmeissen.
ImportantPeople.net: Siehst du Potential in "legalen" Downloaddiensten und/oder Tauschmöglichkeiten von urheberrechtlich geschützten Produkten oder wird diese neue Methode sogar die traditionell kostenlosen Tauschbörsen verdrängen können?
Simon Moon: Wenn du einen Film kaufst, sagen wir die DVD von Matrix Revolutions, dann zahlste dafür bei Amazon.de locker 19.95 Euro. Und das, ohne das du wirklich was von dem Film sehen könntest, es gibt kein Preview auf der Seite. In einem Laden kannst du dir Cover und Rückseite anschauen, aber das wars auch schon. Wenn du jetzt ein Stück des Filmes, sagen wir mal 10 Minuten, runterladen könntest, anschauen und dann erst entscheiden könntest, würdest du viel weniger Filme dir reinziehen, aber dafür nur diejenigen, die dir gefallen, und dafür auch bereitwillg bezahlen. Bei so einer Kauf-DVD geht massig was weg für Verpackung und Handel. Lässt man das weg, rechnet man die Bandbreite dazu (die in so grossen Mengen, die man hier benötigen würde, im nichts verlaufen), dann würde man für GENAU DASSELBE Produkt, einfach nur in digitaler Form, auf etwa 4 - 5 Euro kommen, und die Firmen würden immer noch einen satten Profit fahren. Das du dann diese digitale Kopie so oft anschauen kannst wie du willst, sogar auf DVD brennen und in einem Standalone-Player spielen, ist selbstverständlich. Dasselbe mit anderen Dingen wie Musik, Büchern oder auch Games. PC Games machen es ganz gut vor mit Demo-Versionen. Werden die kostenlosen Tauschböresen aufhören zu existieren? Nein. Aber ich weiss, dass es eine MENGE Leute da draussen gibt die sofort für einen Service bezahlen würden, der ihnen qualitativ hochstehendes bringt, für eine angemessen kleine Gebühr. Ein Song 99 Cent? Lachhaft.
ImportantPeople.net: Neben eDonkey ist mittlerweile eine weitere recht populäre Tauschbörse, nämlich "BitTorrent", aufgetaucht, über die sich die Nutzer oft noch einen Tick schneller aktuelle Filme, Spiele und Software downloaden können. Was hälst du von dem BitTorrent-Protokoll im Vergleich zu eDonkey/eMule?
Simon Moon: BitTorrent basiert auf Peer To Peer Technologie. BitTorrent ist keine "Tauschbörse". Kazaa, eDonkey, Gnutella, das sind Tauschbörsen, da du dich in ein "globales" Netz einklinkst, und dann mit allen anderen in diesem Netz Kontakt hast. Es kann Server, Supernodes und noch anderes geben, aber im Endeffekt hast du immer Zugriff auf alle. Bei BitTorrent ist das anders. Bram Cohen, der Schöpfer von BitTorrent, verfolgte mit dem Torrent-System simpel das Ziel, eine Datei so schnell wie möglich auf so viele Orte wie möglich verteilen zu können. Da wie bekannt, P2P dazu ideal ist, hat er das simpelst gelöst. Ein Download wird zuerst als Torrent-File angelegt. Dieses Torrentfile holt sich dann die Person, die es runterladen will, doppelclickt das File unter Windows (nach Installation des BT-Clients) und schon lädt man die Datei runter. Dabei verbindet sich der client mit einem zentralen Server (der kann bei jedem Torrent ein anderersein), der die Downloads koordiniert und dafür sorgt, das man so schnell wie möglich die Datei bekommt. Dieser Server ist das Pro wie auch das Contra. Kill diesen Server, und dein Torrent ist Dreck wert. Kill bei ed2k einen Server und die Downloads laufen unbeirrt weiter. Ebenso ist es möglich, "incomplete" Torrents zu haben. Ohne sehr fortschrittlichen Client sieht man das aber nicht, wobei man bei ed2k das relativ schnell zu Gesicht bekommt. Das grösste Loch ist aber die persönliche Sicherheit. Es ist extrem einfach rauszufinden, wer das Torrent gestartet hat, man kann schnell und simpel Statistiken von jeder einzelnen IP abrufen. Es würde mich nicht wundern, wenn einige US Angestellte bereits Torrent-Tracker aufstellen, nur um zu spionieren, wer was runterlädt. Selbst der Macher von BT sagt es klar und deutlich, BT ist nicht für das Verbreiten von illegalen Inhalten bestimmt, es ist alleine technisch schlechtmöglichst für so etwas ausgestattet. BT ist eine nette Sache. Solange man nicht grad in den US- oder ähnlichen Staaten wohnt, hat man eine nette Quelle für Brandneues. Allerdings tritt da auch der Schwachpunkt auf: Älteres findest du fast nie mehr komplett auf dem Netzwerk, teilweise gibt es nicht einmal mehr den Tracker, der dafür zuständig war.
ImportantPeople.net: Neben dem erfolgreichen Webmaster Simon Moon gibt es auch einen Menschen Simon Moon im Real Life. Willst du uns etwas über deine Aktivitäten und/oder Hobbies im RL verraten, die du bisher neben Sharereactor betrieben hast ? ;)
Simon Moon: Nein. Ich mag meine Privatsphäre und mein Leben ist nicht online, ich lebe im RL. Online mache ich nur relativ viel, weil mich das interessiert, das ist mein Hobby. Was ich im RL mache, geht eigentlich keinen was an :)
ImportantPeople.net: Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick eines Internet-Experten: Was wird das Netz in 4,5 - vielleicht auch in 10 Jahren bringen?
Simon Moon: Ich werde das Internet kaufen und die Welt beherrschen!
Nein, ich habe keine Ahnung. Die letzten 5 Jahre wars ned so prickelnd (man denke an das Jahr, wo der erste Matrix-Film rauskam bis heute). Davor war schon etwas mehr los, aber sonst eher trüb. Ich denke, dass in den nächsten 10 Jahren diverse Dinge passieren werden. Unter anderem hoffe ich stark auf IPv6, das mehr als genug IP Adressen für jeden zur Verfügung hat. Dann glaube ich, dass die Vernetzung weiter geht, Handy -> internet wird stärker und einfacher werden, aber auch weitere Sachen wie WLAN werden sehr stark aufkommen. Vernetzungen mit dem Toaster und dem Kühlschrank sind natürlich interessante Kombinationen, aber auch mit dem Wasserzähler, der Hausklingel, dem Lichtschalter etc. wird sehr interessant. Dann kann man sein Haus am Computer steuern, oder von einem Computer überwachen lassen, damit keine Energie verschwendet wird. Dinge in diese Richtung haben viel Potential und stecken erst in den Kinderschuhen. Die andere Richtung wird das Spielen online sein. Online-Games wie MMORPGs werden immer beliebter. Je länger je mehr wird es immer weniger Singleplayer-Spiele geben und mehr Spiele, die nur übers Internet spielbar sind. In etwa 2 - 4 Jahren dürften wir eine Revolution auf diesem Sektor erleben.
ImportantPeople.net: Simon Moon, ich bedanke mich herzlich für das Interview!