gulli: Hacker, Geeks - Computerfreaks

Hacker, Geeks - Computerfreaks

Entstehung einer Subkultur

Manch einer mag sich fragen, wie es denn nun zur Entstehung dieser Subkultur kam, oder, um es medienwirksamer zu formulieren: "Wer war den nun der erste Hacker?". Die konkrete Beantwortung muss auf später aufgeschoben werden, genauso wie die Antwort auf die Frage: "Hacker - was ist das denn?".

Beginnen wir lieber mit etwas Idyllischerem: mit einer Modelleisenbahn. Und zwar mit irgendeiner beliebigen Eisenbahn des "Tech Model Railroad Club" (TMRC), einem Verein, der in den 50er Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründet wurde. Um eine bessere Vorstellung zu bekommen: das MIT war - und ist im Grunde heute noch - DER Ort in den USA (oder gar weltweit) schlechthin, an dem man die genialsten Köpfe der Welt treffen kann. Nun, was tun geniale, aber schrullige Studenten in ihrer Freizeit? Richtig, diese Frage wäre in diesem Kontext sinnlos, wenn sie NICHT Hobbymodelleisenbahner wären. Das Mini-Verkehrsnetz, das die "Hacker" des TMRC auf die Beine stellten, verlangt eine ungeheure Organisation und Planung. Einfache Modelleisenbahnen zu bauen und zu bemalen war den Herren vom MIT zu langweilig. Sie stellten ein voll funktionsfähiges Netzwerk aus Eisenbahnen zusammen, erstellten Fahrpläne, bauten Elektromotoren, usw.

Die Studenten waren also Technikfreaks der ersten Stunde. Sie verschwendeten ihre Zeit lieber damit, sinnlose Spielereien mit neuer Technik anzustellen, als in Abhängigkeit der gerade in Mode kommenden Fernsehgeräte zu geraten (wenn schon hätten sie es wohl jene TV-Geräte auseinander genommen um zu sehen, was dahintersteckt) oder sich am Campus- Klatsch zu beteiligen.

Im TMRC und in später am MIT eingerichteten AI- Labs (Labor für künstliche Intelligenz)entstand auch die erste Form der "Hackerethik", die Steven Levy in seinem Standardwerk "Hackers - Heroes of the Computer Revolution" wie folgt zusammenfasst:

 

  • 1. Zugang zu Computern -und allem, was Dir zeigen kann, wie die Welt funktioniert- sollte unbeschränkt und umfassend sein. Das Schöpfen und Lernen aus eigener Erfahrung ist immer Ziel.
  • 2. Alle Informationen sollten frei sein.
  • 3. Misstraue Autoritäten - Fördere Dezentralisierung.
  • 4. Hacker sollten nach ihrem Hacken beurteilt werden und nicht nach sinnlosen Kriterien, wie Noten, Alter, Rasse oder Stellung.
  • 5. Du bist in der Lage, Schönes und Kunst mit dem Computer zu schaffen.
  • 6. Computer sind in der Lage, die Welt zum besseren zu verändern.

Grundsätze, die im Leben der Hacker von heute noch genauso gelten wie seinerzeit vor 50 Jahren, als die Szene geboren wurde. Grob kann man die Entwicklung dieser Subkultur in 3 Phasen einteilen:

"INFORMATION WANTS TO BE FREE!" war schon der Leitsatz der ersten Hacker, wohl geprägt vom Allgemeinen Lebens- und Gedankenstil der wilden 60er Jahre, in denen sie lebten. Sie waren getrieben von Positivismus und vom Gedanken, dass Technik den Menschen dienen sollte - allen Menschen, nicht nur jenen mit viel Geld. Die Elektro- Abteilung der Hippiebewegung, wenn man so will.

Danach kam die Zeit, in der Elektronik zum Allgemeingut wurde, die Zeit der ersten Hardware- Guru's, von Pionieren wie John Draper (bekannter als "Captain Crunch", der erste Phreaker1) oder Steve Jobs (Gründer von "Apple Computers", der nach Microsoft vielleicht bekanntesten Computerfirma überhaupt).

Es war erst in der anschließenden dritten Phase, dass erste Hacker auch hier in Europa auftauchten. Man schrieb damals gerade die 80er Jahre, Videospiele und - konsolen, Spielhöllen. Das war die Welt der Computerfreaks der dritten Generation. Pubertierende Jugendliche, deren Interesse weit über das simple Streben nach Einträgen in die Highscore- Listen der Automaten hinausging. Mit "Wargames" kam 1983 der erste Film in die Kinos, der die Faszination Computer auch auf die Kinoleinwand brachte (und leider auch eine von Anfang an eine übersteigerte Angst vor dem Phänomen schürte2).

Es war eine eigenwillige Zeit. Mit dem Commodore C64, dem IBM PC AT, den ersten Apple Macintosh's und Amiga's kamen erste auch für Privatanwender erschwingliche Homecomputer auf dem Markt, und es dauerte nicht lange, bis findige Freaks einen Weg fanden, ihre Computer zu Netzwerken zusammenzuschließen. Erste so genannte "Bulletin Boards" wurden eröffnet. Virtuelle Cafes, in denen Interessierte sich treffen konnten um Meinungen (und Daten) auszutauschen. In diesen Vorläufern des modernen Internet wie dem deutschen DATEX oder dem italienischen ITAPAC - kleinen auf Datenübertragungen ausgelegten Netzen – trafen sich die ersten Hacker online. Es wurde diskutiert, gestritten, geplaudert, es wurden Programme getauscht (auch das dunkle Kapitel der Softwarepiraterie fand in diesen Bulletin Boards seinen Anfang) und neue Bekanntschaften geschlossen. Und ja, es wurden auch die ersten Computer "geknackt".

Diese Netze waren neu und aufregend, es gab so vieles zu sehen, auszuprobieren, zu entdecken, zu verstehen und zu erlernen, dass man sich von einfachen Passwort - abfragen bald nicht mehr aufhalten ließ. Die damaligen Systeme waren großteils nicht auf Integrität und Sicherheit hin konzipiert worden, "Computerkriminalität" war kein Fremdwort, es war zu jener Zeit noch nicht mal ein Wort! Dementsprechend fern lag auch der Gedanke, ein Verbrechen zu verüben, indem man Computer "hackte". Für die findigen Computerbenutzer war es einfach, sich Zugang zu Bereichen zu verschaffen, die geheim bleiben sollten. Sie waren es gewohnt, sich alles selbst beizubringen, alles selbst zu erforschen und zu erlernen, ja sich sogar ihre Computerteile vom Transistor aufwärts selbst zusammenzubasteln. Computerkurse, Fachzeitschriften und -bücher... damals noch mehr als Zukunftsmusik, nahezu undenkbar.

Schon bald kursierten Gerüchte über neu entdecktes Wissen, Sicherheitslücken und Schlupflöcher, mit denen man den legitimen Betreibern der Computer ein Schnäppchen schlagen konnte. Warum auch nicht? Niemand hatte das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, und niemand hatte vor, etwas Verbotenes zu tun. Es galt nur, diese neue, aufregende Welt zu erkunden und zu verstehen. Dass Daten böswillig verändert oder zerstört wurden, war die absolute Seltenheit. Man wollte dazu lernen, und wer eine Lücke im System fand, bemühte sich nicht selten auch darum, sie zu schließen, indem er dem Administrator des jeweiligen Systems eine Mitteilung hinterließ.

Trotzdem war die Hackergemeinschaft bereits zu jener Zeit in Misskredit geraten. Die wenigen Fälle, in denen Schaden entstand oder mutwillig das Wissen der Hacker für den eigenen Profit ausgenutzt wurde, erwiesen sich als medienwirksam und einschlägig. Und als noch weitaus schlimmer erwies sich der DAU3- Faktor: Man denke nur daran, wie schwer sich Menschen heutzutage noch in dieser hochcomputerisierten Welt zurechtfinden, und welche Rätsel Personal Computern ihnen heute noch aufgeben. Man stelle sich vor, wie schlimm es da vor 20 Jahren war, als Computer noch rar waren und das Wissen der Bevölkerung in diesem Bereich dementsprechend gleich Null war! Eine falsche Eingabe in die damals noch alles andere als benutzerfreundlichen Systemen konnte mitunter für deren Besitzer erschreckende Folgen haben! Es gibt obskure Berichte über DAUs und Super- DAUs aus jener Zeit, die als Anekdoten verpackt auch heute noch Computerbegeisterte zum Schmunzeln bringen.

Die flächendeckende Unwissenheit der damaligen Bevölkerung erklärt wohl ganz gut, warum Geschichten über Computerkriminelle damals (und leider nicht nur damals) so viel Anklang fanden. Und mit fortschreitender Technisierung wurden sie immer bekannter. In den 90er Jahren schließlich entdeckte auch Hollywood diese neue Gruppe für sich. Kaum ein Thriller, Spionagekrimi oder Actionfilm kam mehr ohne böse Hacker aus, die die Welt zerstören, oder guten, die den Helden (der selbst aber immer zu cool war, um ein Hacker zu sein) bei ihrer Mission unterstützten.

Gleichzeitig verbreitete sich das Phänomen "Computerfreak" aber immer mehr, und mit zunehmender Abhängigkeit der modernen Welt von den digitalen Rechenknechten öffneten sich für sie eine endlose Reihe neuer Türen als Webdesigner, Systemadministrator, Datenbankverwalter, Programmierer oder einfach als technische Alleskönner. Sie waren nicht länger eine Randgruppe von Spinnern, nein, sie waren die Könige des Microchips, heimliche Regenten der EDV-Abteilungen von Firmen weltweit; keine Außenseiter mehr, sondern ein normaler Teil der Gesellschaft.

Geniales Beispiel moderner Computer - Kunst:

Zur Feier seines 20ten Geburtstages hat der "Chaos Computer Club" ein Programm entwickelt, um mit Hilfe der Lichtanlagen von Wolkenkratzern Häuserfronten als Computerdisplays zu benutzen. Eine erweiterte Version des Programmes entzückte die Einwohner von Paris 2002 beim Anblick der Nationalbibliothek:

 

 

Legende:

1"Phreaking" kann man im allgemeinen wohl am Besten als "Telefonnetz - Hacking" bezeichnet werden. Captain Crunch fand heraus, dass er mit Hochfrequenz tönen die Steuerzentralen der Telefongesellschaften fernsteuern konnte. Bis in die frühen 90er Jahren war Phreaking ein unter Hackern beliebtes Hobby, ihre Späße mit dem Telefonnetz zu betreiben und die Telefonrechnung zu drücken.

2"Wargames" erzählt die Geschichte eines Teenagers, der sich in geheime Militäranlagen der USA hackt und beinahe einen thermonuklearen Krieg anzettelt.

3 Der in der Computerwelt vielzittierte "Dümmste Anzunehmende User", eine Hommage an die GAU (größte Anzunehmender Unfall) aus der Nuklearphysik

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