In den vergangenen Tagen war die Diskussion um die Relevanzkriterien der Wikipedia, die über Löschung und Beibehaltung von Artikeln entscheiden, außergewöhnlich hitzig geführt worden. Die Beteiligten beschimpften sich gegenseitig als "Blockwarte" und "Trolle" - heute trafen sie in Berlin aufeinander.
Einer der lautesten Kritiker der Wikipedia in den vergangenen Wochen tauchte gar nicht erst auf. Felix "Fefe" von Leitner blieb der Veranstaltung in den Räumen von Wikimedia Deutschland fern. Er wolle nicht, dass Wikimedia das Gespräch wegen seiner Anwesenheit platzen lasse, schreibt er in seinem Blog.
Auf dem Podium diskutierten die Wikipedianer Leon Weber und Martin Zeise und die Blogger Johnny Haeusler und Pavel Mayer. Der hatte in einem Blogbeitrag der Wikipedia unterstellt, ein "vordigitales Menschenbild" zu haben.
Das bekräftigte er gleich zu Anfang noch einmal: Das, was auf Papier gedruckt erschienen ist, zählt für die Wikipedia als Quelle, was in einem Blog geschrieben wurde dagegen nicht. Mayer stellt die Frage: "Was soll das, wenn man sich an aussterbenden Medien orientiert in der Wikipedia?"
Vor allem aber störten sich die beiden Blogger auf dem Podium - und mit ihnen die meisten Zuschauer - daran, dass es überhaupt Relevanzkriterien in der Wikipedia gibt. Relevanz, sagt Johnny Haeusler, sei für ihn nichts Objektives. Einige Zuschauer wollten dann auch gleich alle Schleusen öffnen. Im digitalen Raum gebe es kein Platzproblem, warum solle also irgendetwas aus der Wikipedia gelöscht werden?
Eine Position, die besonders bei Martin Zeise auf wenig Gegenliebe stieß: "Es ist eine gewisse Kontrolle erforderlich", hielt er denen entgegen, die sich gegen die Relevanzkriterien aussprachen. Zeise ist Administrator der Wikipedia und damit Mitglied einer Gruppe, an denen einige Teilnehmer der Veranstaltung kein gutes Haar ließen.
Sie hätten sich in eine "priesterliche Kaste" verwandelt, warf Willi Schroll diesen Wikipedianern vor, die unter anderem Löschungen von Artikeln vornehmen können. Andere kritisierten, die Administratoren würden unter einander eine intransparente Kommunikation pflegen, von Vereinmeierei war die Rede. So könnten sich alte Hasen unter den Wikipedia-Nutzern Dinge erlauben, für die Neulinge schnell verwarnt oder gar gesperrt würden.
Was bedeutet diese Kritik für die größte Enzyklopädie der Welt und wohin könnte der Weg der deutschsprachigen Wikipedia führen? Häufig war von davon die Rede, das Projekt zu forken. Viele der Kritiker würden gerne ihre eigene Enzyklopädie aufmachen, in der andere Regeln gelten. Dahinter steckt vor allem der Wunsch, sich nicht mit der Bürokratie der deutschen Wikipedia herumschlagen zu müssen.
Offenbar haben diese Kritiker bereits den Glauben darin verloren, dass eine Reform des Projektes überhaupt möglich ist. Das betrifft nicht nur technische Neuerungen, die laut Leon Weber erschreckend langsam umgesetzt werden, sondern vor allem soziale Problem.
Pavel Richter von Wikimedia Deutschland hofft, dass die Diskussion hilft, die Qualität der Wikipedia zu steigern. Davon war an diesem Abend wenig zu spüren. Besonders Martin Zeise zeigte sich deutlich als Vertreter einer Position, die einen Richtungswechsel ablehnt. Das haben die Kritiker sich zum Teil allerdings selbst zuzuschreiben. Häufig wirkten die Wortmeldungen nicht wie der Versuch, die Wikipedia zu verbessern, sondern mehr wie eine Anklage.
| 31 Reaktionen aus dem gulli:Board |
|---|
Freakonomist am 07.11.2009 06:05:10: |
cyhyryiys am 07.11.2009 07:52:29: |
beeze am 07.11.2009 12:48:33: |