Insbesondere im Rahmen der aktuellen Zensur-Debatte, aber auch durch andere spektakuläre Leaks, ist die Whistleblowing-Plattform WikiLeaks momentan in aller Munde. Auch Andeutungen über engagierte Zukunftspläne wurden in letzter Zeit zunehmend laut. WikiLeaks-Mitarbeiter Daniel Schmitt stellte sich nun dem gulli:news-Interview und gab Auskunft über die Motivation der Wikileaks-Mitarbeiter, ihre Erfolge und ihre Zukunftspläne.
gulli:news: Wie kam es zu der Idee, WikiLeaks zu gründen? Welche Gruppen waren daran beteiligt?
Daniel Schmitt: WikiLeaks wurde von einer Gruppe von Menschen erdacht, die sich durch die verschiedensten Umstände an einer Kreuzung von Technik, Menschenrechten, Journalismus und Recht trafen, um verschiedene Beobachtungen in unserer Gesellschaft zu analysieren und Strukturen zu schaffen, die erkannte Missstände erfolgreich verbessern sollten.
Die primäre Ueberzeugung des Projekts, seine Basis, ist, dass ein Recht auf freie Information und Kommunikation grundlegender Bestandteil des Rechts auf ein Leben ist, und unser aller Grundlage zu einem erfolgreichen Zusammenleben in der Informationgesellschaft. Ohne die Möglichkeit, gut informiert zu sein, handeln zu können wenn ein Handeln nötig ist um Fehler in der der Gesellschaft und ihrer Entwicklung zu vermeiden oder zu korrigieren, ohne eine freie Kommunikation miteinander, ist kein freies Leben möglich. Gerade dann nicht, wenn viele unserer Handlungen heute globale Konsequenzen haben.
Die Überzeugung, dass Informationsaustausch nur unzensiert und unzensierbar stattfinden kann für eine und in einer gesunden Gesellschaft, und der Austausch von Informationen geschützt werden muss, ist das, ist das was WikiLeaks grundlegend definiert.
Gerade dieser letzte Punkt wird heute relevant, wenn es um Zensur im Internet geht, ob nun hier in Deutschland per Zensur verpackt als "Zugangserschwerung", in Skandinavien oder Australien. Zensur ist ein Konzept, dass sich in egal welcher Form unser aller Kommunikation miteinander über das Neutrum Internet in den Weg stellen wird. Genau wie das Überwachen von Telefonauskünften für die erfolgreiche Zugangserschwerung zu Drogen vollkommen unsinning wäre, ist es unsinnig, die Verhinderung der Verbreitung von "Kinderpornos" über DNS-Sperren realisieren zu wollen. Über die Implikationen zur Filterung unserer Telefonauskunft, zum Beispiel durch personalisierte Rufnummernauskünfte zu Werbezwecken, braucht man gar nicht zu reden.
Es geht uns aber vor allem und viel globaler um das Konzept der Freiheit von Informationen. Denn nur diese erlaubt uns das Aufdecken und die Korrektur von Missbrauch in der Gesellschaft. Eine Zensur, für welchen Zweck auch immer, steht dem genau gegenüber. Eine freie Kommunikation ist nur so lange frei, solange niemand definiert, was frei ist.
WikiLeaks ist ein Mechanismus, der Zensur, in welcher Form auch immer, gegenüberzustehen und sie auszuhebeln, und einen digital korrekten und unendlichen Bestand der Daten für die Rechte und die Geschichte der Menschen dieser Welt zu garantieren.
WikiLeaks versucht den instabilen Zustand der Medien, rechtlich und inhaltlich, vor allem was den investigaten Journalismus angeht, zu korrigieren, Quellen und ihre Materialen vor den Ansprüchen Dritter zu schützen, die Öffentlichkeit ohne Kompromiss zu informieren und eine globale informationsbasierte Allianz zu schaffen.
gulli:news: Habt ihr eine besondere "Philosophie" Wenn ja, könntest du sie bitte kurz beschreiben?
Daniel Schmitt: "Kurz" ist eine Herausforderung. Wie oben beschrieben gab es Erkenntnisse zur Situation unserer Welt, und die Idee war, hierfür Lösungsansätze zu bieten.
Die meisten Entwicklungen, die unserer Gesellschaft geschadet haben und noch heute schaden, konnten einfach viel zu lange im Geheimen ablaufen. Je geschlossener, geheimer ein System, desto anfälliger ist es für Missbrauch und Fehler. Egal, ob wir hier von einem technischen System, einem Regierungssystem oder einem Unternehmenssystem reden. Das ist einer der Gründe, wieso investigativer Journalismus und transparente Aufklärung von essentiell wichtiger Bedeutung für jede, und besonders unsere Gesellschaft sind.
Um diesen Missbrauch in einem geschlossenen, nicht-transparenten System aufzudecken, braucht diese Welt Whistleblower: Menschen, die wichtige Informationen an die Öffentlichkeit geben entgegen ihrer Anweisung und in manchen Fällen entgegen ihrem eigenen Interesse. Sie stellen so etwas wie einen natürlichen Korrekturmechanismus einer geschlossenen Gesellschaft dar: Mit dem Missbrauch im System steigt die Wahrscheinlichkeit für einen mutigen Menschen, der im Sinne der Moral und im Sinne Aller handelt und den Missbrauch aufdeckt. Diese Menschen sind ein essentiell wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und müssen mit allen Mitteln geschützt werden.
Vor allem dürfen diese Whistleblower nicht kriminalisiert werden, wie durch das von Ursula von der Leyen eingeführtes Gesetz zur Zugangserschwerung zu "Kinderpornografie".
WikiLeaks ist eine systemische Überlegung, der diese Philosophie im Kern zugrundeliegt und die umgesetzt wurde, um diese Aspekte einer gesamtgesellschaftlichen Problematik zu verbessern und zu optimieren. Gesellschaftsproblematisch erschlossen, technisch implementiert.
gulli:news: Wie genau ist eure Motivation bei eurem Projekt? Was ist euch (oder dir persönlich) dabei besonders wichtig?
Daniel Schmitt: WikiLeaks' Aufgabe ist es, die technisch und rechtlich geschützte Annahme von Informationen durch anonyme Quellen sicherzustellen und diese Informationen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die Motivation dahinter ist, den Zugriff auf gesellschaftlich relevante Dokumente vollumfänglich zur Verfügung zu stellen. Dies erlaubt es den Medien, in Zeiten von immer knapperen Budgets und dem Aussterben des investigativen Journalismus als Königsdisziplin seiner Zunft, auf Quellenmaterialien erster Güte zugreifen zu können und diese zu verarbeiten.
WikiLeaks gibt ein Versprechen. Dieses gilt ohne Kompromiss einer Quelle gegenüber. Ich denke, unser aller Motivation ist, dieses Versprechen, das überall auf der Welt Früchte trägt, aufrechtzuerhalten.
Abgesehen davon sorgt die Arbeit mit WikiLeaks für ein positives Gefühl auf täglicher Basis. Es ist sehr dynamisch und es gibt die unterschiedlichsten Inhalte und Kontexte. Und es ist unglaublich befriedigend, die täglichen Wunder irgendwo auf der Welt zu sehen, die es katalysiert, die Courage und deren Reportage, den Widerstand und das Aufbäumen gegen Ungerechtigkeit. Das ist ein mächtiger Mechnismus für die Gesellschaft, und er muss einfach unterstützt werden.
Außerdem möchten wir die Plattform zu Release 1.0 ausgebaut sehen. Wir sind immer noch in einer Beta-Phase in der WikiLeaks abgebildet hat was potentiell möglich ist. Und der Erfolg des Ganzen treibt alle an den Geist aus der Maschine zu lassen und das anzuzapfen was möglich ist.
gulli:news: Warum der Name "WikiLeaks"? Was genau ist das Besondere an der Funktion eines Wikis, und wie nutzt ihr das für eure Zwecke?
Daniel Schmitt: Die ursprüngliche Idee mit dem Wiki war verbunden mit dem Ziel, so etwas wie den ersten Intelligence Service der Öffentlichkeit aufzubauen. Ein System, in dem sich Massen von Bürgern in die Massen von Materialien, die WikiLeaks publizieren können, so involvieren, dass etwas wie eine Open Source Intelligence Gemeinschaft entsteht, die dem globalen Missbrauch auf unserer Welt als geschlossener Verbund globaler informierter Buerger gegenübersteht.
Die Realität hat WikiLeaks zumindest bis heute in diesem Zusammenhang etwas eingeholt. Die meisten Interessierten werden erst durch eine Story bei, zum Beispiel, gulli auf Dokumente aufmerksam. Und noch verstehen zu wenige die Macht dieser Dokumente für unsere globalen und lokalen politischen und gesellschaftlichen Interessen. Für eine globale Allianz informierter Bürger.
Allerdings sind wir auch der Meinung, dass dies mit der Verbreitung und vor allem der sub-optimalen Präsentation von WikiLeaks im MediaWiki zusammenhängt. Wir haben die Hoffnung da nicht aufgegeben. Release 1.0 wird für Abhilfe schaffen.
Die Verbreitung nimmt weiter schnell zu, unter anderem Twitter sei Dank. Ein besseres Interface und eine besser zugeschnittene Plattform im Release 1.0 werden sicherlich dazu beitragen, dass die Effizienz unserer Arbeit für jeden im Internet zunimmt. Das wird mehr Aspekte als nur das Wiki involvieren, und das Wiki bietet außer für Diskussionen auch keine wirklich gute Basis für unsere Plattform. Und Diskussionen könnte man beispielsweise über die Reddit Software wesentlich besser lösen als im Wiki.
gulli:news: Wie finanziert ihr euer Projekt; geschieht das nur über Spenden?
Daniel Schmitt: Die Finanzierung des Projekts ist sehr schwer zu fassen. Das muss man eigentlich erstmal in den operativen gegenüber dem inhaltlichen Teil trennen. Der operative Teil, also das Betreiben der Infrastruktur, ist vollkommen entkoppelt von dem inhaltlichen Teil und wird ganz anders getragen. Dies geschieht in der Regel durch Leute, die dem Projekt Rackspace, Strom und eine Leitung zur Verfügung stellen. Da das Projekt flexibel ist, was die Kapazitäten von Servern angeht, können die Anforderungen an das, was Unterstützer des Projekts zur Verfügung stellen können, angepasst werden. Das skaliert recht gut, ist allerdings schwer monetär zu beziffern. Dafür müsste auch irgendwer zentrales wissen, wie viele Server eigentlich wo genau stehen.
Was den inhaltlichen Teil angeht, so sind das Leute, die ihre Zeit und persönlichen Ressourcen einbringen, um die Platform voranzubringen. Sei das beim Prüfen von Dokumenten, der Zusammenarbeit und Koordination der Arbeit mit der Presse, oder einfach dem Sauberhalten des Wiki. Das lässt sich auch alles schlecht beziffern. Wieviel Geld wäre meine Zeit gerade wert, um auf die Fragen der gulli Leser zu antworten, wenn ich sie dem Projekt belasten könnte? Das ließe sich vielleicht ausrechnen, aber dafür hat wirklich niemand Zeit.
Wir haben Spenden, ja, und ein beachtlicher Teil kommt aus Deutschland. Vielen Dank dafür auch an dieser Stelle. Diese helfen uns, zumindest einige der Ausgaben abzufangen, die im Projekt aufkommen, wie Hardwareanschaffungen oder ähnliches. Das Problem hierbei ist leider, dass individuelle Spenden schlecht planbar sind und meist abhängen von einem aktuellen heißen Dokument oder Sachverhalt.
Wir sind gerade dabei, die Finanzierung von WikiLeaks auf bessere Beine zu stellen, und bewerben uns bei einigen großen Foundations, deren Ziele zur Förderung von investigativem Journalismus oder der Bekämpfung von Korruption oder Ungerechtigkeit wir genau verfolgen. Und das ja auch sehr erfolgreich, von daher sind wir zuversichtlich.
Was die Spendensituation angeht, so haben wir jetzt die Möglichkeit, dass unsere Arbeit durch die Wau Holland Stiftung als gemeinnützige Stiftung zur Förderung der Zivilcourage, Informationsfreiheit und Mediengeschichte unterstützt wird. So können, wie beim TOR-Projekt für Europa zum Beispiel auch, Spenden an die Stiftung gemacht werden, die von uns zweckgemäß verwendet werden können. Dies ist schonmal ein enormer Schritt für uns, und wir sind sehr erfreut und dankbar, dass sich die Wau Holland Stiftung entschieden hat, uns organisatorisch zu unterstützen, sich solidarisch zu zeigen.
gulli:news: Wie nehmt ihr die redaktionelle Prüfung der Inhalte vor?
Daniel Schmitt: Die Prüfung ist eigentlich per Dokument individuell und von daher ist diese Frage schwer zu beantworten. Es gibt eigentlich drei Felder, in denen eine Beurteilung vorgenommen wird: technisch, inhaltlich und kontextual. In diesen Bereichen gibt es dann Leute, die Erfahrung mit der Beurteilung von Dokumenten haben, und die diese dementsprechend prüfen. Da jedes Dokument seine eigene Geschichte hat, technisch wie inhaltlich und kontextual, ist diese Prüfung eigentlich immer einzigartig und involviert unterschiedliche Prüfer.
Wie mit allem arbeiten hier Leute, die für das, was sie tun, einen guten Ruf haben, und im Moment bereit sind, ihre Hilfe in den meisten Fällen unbezahlt einzubringen. Dies ermöglicht allerdings auch, in einem sehr angenehmen Umfeld tätig zu sein, in dem sehr viel Kompetenz und eine grundlegende Überzeugung für das Recht auf Information vereint sind. Unabhängig von den eigenen Interessen und nur in den vom Projekt definierten Kriterien für Dokumente.
Eine Prüfung der Inhalte im Sinne einer Wertung, rechtlich oder inhaltlich, ist nicht möglich oder erwünscht im Rahmen unseres Versprechens an Quellen, und wird somit nicht als Bestandteil einer redaktionellen Prüfung betrachtet. WikiLeaks publiziert.
gulli:news: Gab es einen Fall, der die Bedeutung von Wikileaks besonders deutlich gemacht hat?
Daniel Schmitt: Was WikiLeaks auslöst, wirkt auf so vielen Ebenen, dass es eine Vielzahl von Beispielen gibt. Es gibt Beispiele aus eher lokalen Bereichen, wo "kleine Wunder" erreicht wurden, und wir Bürgern und ihren Interessen direkt helfen. Das sind Einzelschicksale, die man schwer mit 3.000.000.000 Dollar in Korruptionsgeldern, Hunderten Millionen in Steuerumschiffungen, den Guantanamo Handbüchern, politischen Ermordungen in Kenya und Ost-Timor, Korruption im EU Parlament oder ähnlichem vergleichen kann. Aber sie alle haben ihre Berechtigung und stellen eine Dokumentation von Missbrauch und zunehmend auch erwirkter Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft dar.
Interessant sind die Wirkweisen:
* Die Publikation der Dokumente zur Barclay Bank in England, da ging es um ein sehr großes Netzwerk an Firmen zum Ausfließen von Kapital aus der Bank, wurde dem Guardian richterlich untersagt. Die Dokumente mussten unverzüglich aus der Onlinepräsenz verschwinden. Am nächsten Tag musste der Hinweis, dass WikiLeaks die Dokumente publiziert, entfernt werden, und erst durch die explizite Erwähnung der WL Publikation im britischen Parlament durfte unter parlamentarischem Privileg die britische Öffentlichkeit durch die Presse über das Dokument informiert werden.
* Die Veröffentlichung des vermutlich fast gesamten Werks von Scientology und deren Zurückschrecken vor rechtlichen Maßnahmen, vielleicht als Konsequenz des Misserfolgs der Schweizer Bank Julius Baer, ist ebenso interessant. Was Scientology betrifft, sollte hier alles Originalmaterial zu finden sein, das man braucht, um den Kult ein für alle mal als das zu exponieren, was er ist.
* Unsere Publikationen von mehr als 6500 Congressional Research Service Reports aus dem US-Kongress, die heute sogar in US-Regierungsstellen gehosted werden. Als ein Beispiel für aktive Hilfe bei Regierungstransparenz innerhalb der eigenen Regierung.
* Unzählige Entwicklungen um den gesamten Globus, in allen Schichten unserer aller Leben
Die Wirkweisen sind so vielfältig, wie die Gesellschaft Facetten hat. Es geschehen unzählige Entwicklungen um den gesamten Globus. Und es entwickeln sich sehr interessante Dynamiken, auch hier in Deutschland, mit einer extrem großen und sehr aktiven außer-parlamentarischen und partei-übergreifenden Opposition gegen das Zensurgesetz der CDU und dem Mittäter SPD. Eine APO die sehr viel Macht hat, und die eine mächtige Stimme hat, wenn sie weiß, wie sie in der nächsten Zeit Gebrauch davon machen kann.
Und das, neben vielen gesellschaftlichen Dynamiken, auch weil sie über WikiLeaks informiert werden konnte. Gerade dieses Thema macht deutlich, wie wichtig eine offene, transparente und fachliche Debatte um jedes Thema, und hier das Thema Kontrolle im Internet und unsere Kommunikaton, durch das Veröffentlichen von aktueller, nicht-öffentlicher Information ist. Es erlaubt die Einflussnahme und Kritik am laufenden Prozess durch die Schaffung von dessen Transparenz.
gulli:news: Die aktuelle Entwicklung geht hin zu immer stärkeren Einschränkungen der Freiheit im Internet. Viele Internetnutzer befürchten, dass auch WikiLeaks einmal von einem Takedown oder einer Sperre bedroht sein könnte. Habt ihr entsprechende Vorkehrungen getroffen? Wenn ja, wie sehen diese aus? Habt ihr eine spezielle Infrastruktur geschaffen, die derartige Vorhaben erschwert oder unmöglich macht? Würdet ihr juristisch gegen eine Sperre vorgehen?
Daniel Schmitt: WikiLeaks ist ein global anerkanntes Projekt zum Schutz der Menschenrechte und unser aller Recht auf Information. Amnesty International, der Economist und Ars Electronica haben das Projekt bisher mit Preisen ausgezeichnet.
WikiLeaks ist eine öffentliche Plattform, die mehr als 85.000 Publikationen in der globalen Presse ermöglicht hat, und einen Wert und eine Größe in der Gesellschaft entwickelt hat, der auch weit über die Veröffentlichung von Internetsperrlisten hinausgeht. Dies könnte man als die Verhandlungsbasis definieren.
WikiLeaks versucht man nicht zu zensieren. Nicht, wenn man in irgendeiner Art und Weise an Freiheit, Moral und Gerechtigkeit interessiert ist, und wenn man den Wert von Information für die Gesellschaft in der Informationsgesellschaft verstanden hat.
Das vorangetriebene Gesetz sieht eine Kriminalisierung sowohl der Quelle der Information wie auch der Veröffentlichung von Informationen in der freien Presse vor. Dieser Umstand ist vollkommen unhaltbar und stellt eine extrem wichtige Facette der Problematik dar. Den Missbrauch des Systems zu exponieren, muss eine grundlegende Möglichkeit innerhalb der Gesellschaft und für eine freie Presse sein. Und wer nichtmal darüber nachgedacht hat, der hat nicht weit gedacht.
WikiLeaks wurde konzipiert und geschaffen, um den Begehrlichkeiten von Zensoren entgegenzustehen, und Maßnahmen gegen WikiLeaks, egal ob technisch oder rechtlich, werden entsprechend abgefangen. Das von der Regierung geplante und schon angesprochene Gesetz ist ein schlechter Versuch, der im Detail kläglich scheitern wird. Ohne dass hier von irgendeiner Seite viel Handlungsbedarf bestehen wird. Rechtlich wie auch technisch gibt es unzählige Schwachstellen.
Wie das Internet, so routet auch WikiLeaks um Probleme mit dieser Art von Attacke auf die Pressefreiheit herum. Und so wird auch die Gesellschaft um das Problem herummanövrieren und es auschalten.
WikiLeaks geht allerdings auch aktiv gegen Angriffe auf seine Publikationen oder seine Quellen vor. Wir sind rechtlich gut abgesichert, das darf man nicht vergessen. Und es funktioniert auch hier über Allianzen. Über Interessensgemeinschaften, die sich formieren in dem Moment, wo sie benötigt werden. Allianzen aus wundervollen Anwälten, die uns direkt helfen, den vielen internationalen Gesellschaften, die sich für die Presse einsetzen, und deren wundervollen Anwälten. Aus Menschenrechts- und Anti-Korruptionsorganisationen und vielen anderen. Allianzen mit der Öffentlichkeit, Solidarisierung und Mobilisierung.
Da, wo wir als Gesellschaft eine Allianz brauchen, gegen die Verletzung von Menschenrechten auf der Welt, die Korruption, Krieg, Folter und Missbrauch, und deren Zensur, da schaffen wir eine.
gulli:news: Wie geht ihr mit der Gefahr um, dass Wikileaks von Dritten als "Propagandaschleuder" missbraucht wird? Wie schützt ihr euch vor einem solchen Missbrauch?
Daniel Schmitt: Das sehen wir, wenn es mal soweit ist.
gulli:news: Wie sehen eure Zukunftspläne aus und wie werdet ihr vorgehen, um diese zu erreichen?
Daniel Schmitt: Unsere Pläne für die Zukunft laufen zielstrebig auf den Release von Version 1.0 hinaus. Dies wird einen gewissen Aufwand in verschiedenen Bereichen bedeuten. Technisch muss Infrastruktur gekauft und ausgebaut werden, es müssen verschiedenste Sachen programmiert werden und so weiter.
Inhaltlich wird ein neues Interface benötigt, das konzipiert und implementiert werden muss, es werden Übersetzungen für gewisse Teile der Plattform benötigt, damit grundlegende Informationen in möglichst vielen Muttersprachen zugänglich sind.
Es gibt Überlegungen, ob wir so etwas wie Patenschaften für Server ausgeben, an Leute, die sich gerne involvieren möchten mit einer Hostingspende, um eine globale Infrastruktur auszubauen, die zukünftiger Zensur und Kontrolle auf sehr vielen Ebenen widerstehen wird. Wir haben für viele der Problematiken entsprechende Routinen, rechtlich und technisch, und hoffen, dass wir möglichst viele Menschen für diese Allianz gewinnen können.
Die zwei Fragen, die sich stellen, sind zum einen, inwiefern wir Organisationen zu unserer Finanzierung finden werden, und zum anderen, inwiefern wir die Öffentlichkeit für die Mobilisierung der nächsten Ausbaustufe gewinnen können. Eine gesunde Mischung wäre denke ich optimal.
Wir haben viele weitere Ideen, die realistisch und zielführend sind, die wir gerne als "Features" für die Gesellschaft implementieren würden. Wir haben bisher gezeigt, dass wir dies erfolgreich können, und hoffen, dass wir das Vertrauen und die Unterstützung der Welt weiter gewinnen können.
gulli:news: Welche Rolle siehst du fuer WikiLeaks in der zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung?
Daniel Schmitt: Wir sehen das, was das Projekt leistet als einen wichtigen Mechanismus zur Wahrung der Integrität unserer Gesellschaft, ihrer Daten und damit unserer Geschichte. Schon Orwell sagt, der die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wir müssen die Integrität der Informationen in unserer Gesellschaft gewährleisten.
Auch diese Problematik verbietet jede Zensur auf grundlegender Ebene. Was ist, ist. Und es muss sichergestellt sein, dass es genau wie es ist historisch verzeichnet wird: dies wäre der Beginn der wirklichen Informationsgesellschaft und ihres Potentials zu richtigen Entscheidungen für die Zukunft.
Die Ansprüche an das Projekt sind von allen Seiten extrem hoch, und es wird sehr viel Arbeit, das Potential auch nur annähernd auszuschöpfen. Aber das, was langfristig angestrebt wird, wird gebaut sein für die Ewigkeit.
Es gibt klare Vorstellungen, wie man wichtige Mechanismen einfach und dauerhaft etablieren könnte, und wir hoffen, möglichst viele dieser etabliert zu sehen.
Da WikiLeaks an sehr vielen Schnittstellen mit der Gesellschaft interagiert, besteht ein enormes Potential, wie weit wir die Realität in unserer Gesellschaft aufrollen können. Und wir alle, ob wir nun als informierte Bürger oder Blogger, Anwälte oder Akademiker, Journalisten oder Aktivisten, auf die Informationen zugreifen, können aktiv helfen, unser aller Entwicklung für morgen sinnvoller zu gestalten. Basierend auf guten Entscheidungen und einer Lobby der dokumentarisch Informierten.
Ein laufender politischer Prozess kann immer am besten anhand von harten Fakten beeinflusst werden, das ist präventiv und vermeidet mindestens die gröbsten Schäden. Der Rest ist dann nur eine Frage des Timings und der Etablierung des Mechanismus WikiLeaks auf möglichst breiter gesellschaftlicher Ebene. Und da bin ich optimistisch.
Und wieder ist die momentane Entwicklung in Deutschland extrem wichtig. Wie schon gesagt besteht diese großartige Lobby im Moment, die festgestellt hat, dass sie eine Stimme hat, wenn sie eine will. Und wenn das alles richtig genutzt wird, und wir hoffen wir können unseren Teil dazu beitragen, dann besteht ein Potential für Reformation.
Für die mittel- und langfristige Perspektive spielt Release 1.0 eine sehr wichtige Rolle, und das ist im Moment im Fokus des Projekts. Unsere Pläne für Unzensierbarkeit und freie Kommunikation sind vielfältig und werden der Gesellschaft auf vielen weiteren Ebenen zugute kommen.
Mittelfristig werden wir wohl auch eine Anerkennung durch die Vereinten Nationen anstreben, das von uns publizierte Material wird ja schon erfolgreich verwendet. Und vielleicht können wir WikiLeaks Serverpräsenzen in Botschaftsräumlichkeiten ausbauen.
gulli:news: Welche Unterstützung wünscht ihr euch für eure zukünftige Arbeit?
Daniel Schmitt: Wir brauchen dann Unterstützung, wenn es darauf ankommt. Leider sind manche Geschehnisse bei WikiLeaks schlecht planbar und sehr spontan.
Das ist zum einen politische Unterstützung, die Solidarität einer Gesellschaft gegen die Missstände, die WikiLeaks enthüllt, und den Versuch diese zu zensieren.
Wenn es um aktuelle Entwicklungen in einem komplexen Kontext und den nötigen politischen Support in einer Sache geht, überlegen wir in dem Kontext, gewisse Tweets mit einem Hashtag für Notfälle zu versehen, der signalisieren soll, dass es sich um eine sehr wichtige Angelegenheit handelt, die der Aufmerksamkeit der Welt bedarf. #EMERGENCY oder so etwas. Wir müssen versuchen, dass dramatische Entwicklungen auf der Welt die nötige Aufmerksamkeit der Menschen bekommen.
Um die strukturelle Unterstützung besser auszubauen, hoffen wir, dass zum Beispiel die Idee mit den Patenschaften Anklang findet. Auch ist uns vor allem für Deutschland aber, auch Europa und den Rest der Welt, über die Wau Holland Stiftung nun eine weitere Möglichkeit gegeben, unterstützt zu werden.
Optimalerweise möchten wir demnächst 10 Leute mit einem Büro unterhalten können, um die Arbeit an der Entwicklung des Projekts und Release 1.0 zu optimieren. Eine Überlegung ist hier Berlin, was mir persönlich sehr gut gefiele, aber eine Finanzierungsfrage ist.
gulli:news: Gibt es sonst noch etwas, das du unseren Lesern gerne sagen möchtest?
Daniel Schmitt: Abschließend möchte ich noch einmal daran erinnern, dass unsere Gesellschaft die Mittel und Wege hat, informiert zu sein und die Missstände in unserer Welt zu beseitigen, manchen davon sogar vorzubeugen.
Wir alle dürfen dies nie vergessen. Wir haben die Mittel und Wege, unsere Gesellschaft besser zu gestalten, eine Welt zu schaffen, die dem Missbrauch stark und geschlossen gegenüber steht. Lokal, national, global.
Alles, was es uns kostet, sind unsere Aufmerksamkei und der Entschluss, in wichtigen, die Menschen auf dieser Welt und die Qualität von deren Leben betreffenden Belangen als geschlossene Einheit zusammen zu stehen.
Alexander Solschenizyn sagte das in seiner Nobelpreisrede von 1972 sehr treffend: Die Rettung der Menschheit besteht darin, das alle alles angeht.
Das ist die wirkliche Informationsgesellschaft.
(Das Interview führte Annika Kremer)
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betauser2 am 04.07.2009 15:10:42: |
AtlasBuero am 04.07.2009 20:30:57: |
H1N1 am 05.07.2009 04:13:30: |
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