gulli: Was tun gegen die Überwachungsgesellschaft? Interview mit Kai Raven, Teil Zwei

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11. Februar 2007

Was tun gegen die Überwachungsgesellschaft? Interview mit Kai Raven, Teil Zwei

Von der Politik ist wenig Hilfe zu erwarten, die öffentliche Aufmerksamkeit für die schleichende Abschaffung des Datenschutzes und die zu weiten Teilen bereits realisierte Überwachungsgesellschaft ist (noch) erschreckend gering. Gegen die "Ich kann ohnehin nichts ändern" und "Ich habe nichts zu verbergen"-Haltung einige Anregungen im zweiten Teil des Gesprächs mit Kai Raven.

In Bezug auf das Internet: verbessert sich die Situation durch ein "mehr davon" der jetzigen Möglichkeiten - mehr Tornodes, mehr GPG-Anwender, mehr Bandbreite und damit schnellere anonyme Kommunikation, mehr Open Source? Oder siehst du neue/andere Techniken, die mehr Potential haben? I2P? Bürger-VPNs? Was sonst?

Kai RavenJeder, der einen Node für ein Netzwerk stellt, das wie Tor oder die Mixmaster und Mixminionverbünde der Anonymisierung dient, der mit der Verschlüsselung seiner E-Mail und Instant Messaging Kommunikation beginnt usw. ist ein Gewinn und trägt zur Verbesserung der Situation bei. Im Fall der anonymisierenden Netze können mehr Daten transportiert und mehr Routen gebildet werden. Die Ausfallrate verringert sich, wenn genügend Ersatznodes zur Verfügung stehen. Die Verbreitung immer erschwinglicherer Internetzugänge mit größeren Bandbreiten lassen hoffen, dass sich langfristig auch die Geschwindigkeit erhöhen lässt. Netze werden weniger angreifbar, je größer und verteilter die Wolke teilnehmender Nodes wird.Ein Mehr an OTR oder OpenPGP Anwender bedeutet für jeden, dass sich auch die Anzahl der Kontakte erhöht, mit denen man sicher kommunizieren kann und damit auch die Absicherung der Inhalte, die Teil komplexerer Kommunikationsbeziehungen bzw. -netze sind. Hinzu kommt die Signalwirkung, die eine große Anwenderschaft hätte: Die Nutzlosigkeit vieler Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen wäre offensichtlich.

Generell haben diejenigen Techniken ein großes Potential, deren Anwendung für alle Nutzer einfach zu verstehen und zu realisieren sind. Da gibt es ja immer noch oder immer wieder das Problem, die komplexen Mechanismen der Verschlüsselung und Anonymisierung so umzusetzen, dass sie auf der Ebene des normalen Anwenders als selbstverständliche Bestandteile des jeweiligen Programms oder Dienstes in Erscheinung treten.

"Das optimale Privacytool für den Privatanwender" - gibt es so etwas und kann es sowas geben? Wenn der USB-Stick mit Torpark, Firefox mit sinniger Cookiepolicy, vorkonfiguriertem Enigmail/Thunderbird und automatischer Importfunktion für Outlook kommt, wird die Welt ein besserer Ort oder lernen die Leute nur, Lösungen zu vertrauen, die sie nicht verstehen?

Kai RavenDas optimale Pivacytool wäre die Bündelung aller bekannten und als sicher eingestuften Privacy Enhancing Technologies (PET) in einem Rahmenwerk, das Funktionen zum Identitätsmanagement, zur Nutzung dezentraler P2P Strukturen und Protokolle und zur Verschlüsselung und Anonymisierung aller Dienste und Protokolle beinhaltet, plattformübergreifend aufgesetzt werden kann, auf offenen Standards und Open Source basiert, in das man jede bekannte Internetapplikation einklinken kann, das aber ohne komplizierte Konfigurationsprozeduren auskommt und für den Benutzer transparent im Hintergrund arbeitet. Diese "eierlegende PET-Wollmilchsau" sehe ich nicht und es sind auch Zweifel angebracht, ob ein derartiges Gebilde, wenn es nicht modular, sondern monolithisch gestaltet würde, nicht die gleichen Krankheiten aufweisen würde wie alle monolithischen Programme und Betriebssysteme. Insofern stellen die in der Frage enthaltenen Kombinationen schon recht gute und einfach zu handhabende Privacytools dar. Eine verbreitete Bündelung von Jabber-Clients mit der OTR-Verschlüsselung wäre ein gutes Privacytool im Instant Messaging- Bereich.

Echelon RadarstationDer Großteil der Privatanwender wird immer die Tendenz aufweisen, dem Verständnis der Hintergründe weniger Aufmerksamkeit zu schenken als der einfachen Bedienung grafischer Programme oder dem Einschalten ihres PCs, ob man das begrüßt oder nicht. Aber jedes noch so vereinfachte Privacytool setzt zumindest Grundkenntnisse und ein grobes Verständnis in die Methoden und Funktionen von Anonymisierungs- und Verschlüsselungslösungen voraus und ein damit verbundenes Interesse daran, überhaupt die eigene Privatsphäre, die eigenen Daten und Informationen schützen zu wollen. Letztendlich liegt es bei jedem selbst, wieviel er bereit ist, an Zeit, Interesse und "kritischem Bewußtsein" zu investieren.

Egoistische Frage: missi und ich haben seit ewigen Zeiten einen "Ich hab doch nichts zu verbergen" - Text in der Mache. Welche Themen siehst du als die an, über die man Leute sensibilisiert bekommt? Um den Rekurs auf Tschernobyl zu kriegen: Der Einstieg ist einfach, Radioaktivität macht Krebs und dann ist man tot. Das ist unmittelbar fassbar. Dass eine Suchhistory ein sensibler Datensatz sein kann, leuchtet wenigen ein. Die elektronische Krankenakte muss nicht jeder kennen, das schon eher. Was der Gegenüber bei einem Bewerbungsgespräch nicht wissen sollte, da fällt auch einigen Leuten was ein, aber dass der kritische Informationen finden könnte, ist für viele schon wieder nicht nachvollziehbar. Was sind da deine Ratschläge, womit hattest du schon "Oh, so hab ich das noch nicht gesehen" - Reaktionen, wenn du dich unterhalten hast?

Kai RavenDas Problem der nicht unmittelbar erfassbaren und erfahrbaren Kontroll- und Überwachungsmöglichkieten mit ihren Konsequenzen, Auswirkungen und langfristigen Folgeschäden habe ich ja bereits oben angesprochen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die beiden Flashpräsentationen Panopti.com und Google Epic 2015 verweisen. Ich denke, außerhalb der Zirkel der "üblichen Verdächtigen", jenseits akademischer "Datenschutzkreise" und Interessierter wird man eine breitere Öffentlichkeit - jetzt auf die Nutzung des Internets als Multiplikator bezogen - nicht durch mehr oder weniger abstrakte Texte erreichen und sensibilisieren können. Gerade die Panopti.com-Präsentation ist in meinen Augen eine gelungene Form, da sie an den Alltag jedes Betrachters anknüpft, es dem Betrachter interaktiv überlässt, wie tief er in die Materie eindringen will und mit ihrer Kombination aus plastischen, grafischen Elementen mit kurzen Texten zur Verdeutlichung heutiger Gewohnheiten des Informations- und Medienkonsums entspricht. Ich denke, diesen Ansatz könnte man auf spezielle Themen anwenden und auch auf Formen der politischen Aktion und des Protests übertragen.

Ich hörte schon von Leuten, die stolz drauf waren, dass ihr Key von dir gesigned ist. Freut dich sowas?

Kai RavenNun, es ist ein Zeichen der Anerkennung, die wohl jeden freuen würde. Ich freue mich aber mehr, wenn Leute z. B. wissen, was mit einem Schlüsselzertifikat verbunden ist, wenn ihnen angebotene Informationen nützlich sind oder sie selbst aktiv werden - als Weblogautoren, als Beteiligte an Aktionen und Initiativen, Verfasser von Anleitungen oder Programmierer.

Das Selberdenken wird uns mittelfristig demnach nicht erspart bleiben. Gerüchten zufolge soll es jedoch Spass machen - dafür zu werben und darüber zu informieren, bleibt damit auch längerfristig gut, richtig und wichtig. Kai Raven macht das seit Jahren, dafür und für das Gespräch vielen Dank.

  • GAU = größter anzunehmender Unfall; Das ist ein Superlativ, denn kann man nicht noch weiter steigern oder mindern. Daher ist es unsinnig von kleinen GAUs o.Ä. zu sprechen.

  • Zitat: Zitat von Juzam  GAU = größter anzunehmender Unfall; Das ist ein Superlativ, denn kann man nicht noch weiter steigern oder mindern. Daher ist es unsinnig von kleinen GAUs o.Ä. zu sprechen. Ist es nicht mittlerweile anerkannter Standard in unserer Gesellschaft alles noch weiter und weiter zu steigern?

    cronjob am 11.02.2007 19:50
  • Ich find die "Unterscheidung" gar nicht so unsinnig. Was ist ein GAU, der von breiten Teilen der Bevoelkerung gar nicht als solcher erkannt wird? Was ist einer, bei dem es soundsoviele merken, was nun ueber den Jordan ist? usw. -

    Korrupt am 11.02.2007 19:53
  • Zitat: Das ist ein Superlativ, denn kann man nicht noch weiter steigern oder mindern. Warum handelte es sich in Tschernobyl dann um einen Super-GAU? Das ein Superlativ in GAU vorkommt, dient der Verdeutlichung eines schlimmsten, möglichen Schreckensszenarios dessen Auswirkungen sich dennoch qualitativ unterscheiden können. So wäre der Super-GAU der Datenschützer wenn Verschlüsselung, ähnlich wie in ...

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