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19. Dezember 2006
Turtle Entertainment im Interview Computerspieler als Sündenböcke der Nation?Politiker wie Uwe Schünemann, Günther Beckstein und andere fordern im Zusammenhang mit dem Amoklauf in Emsdetten lauthals danach, "gewaltverherrlichende" Spiele zu verbieten. Barbara Sommer, die Schulministerin von NRW, hat ihr Augenmerk primär auf die Förderung der Jugendlichen und nicht auf das Verbot der Spiele gerichtet. Dabei sind alle eben genannte Personen schon alleine aufgrund ihres kalendarischen Alters nicht oder nur unzureichend in der Lage, den Puls der Zeit zu vernehmen. Mancher Zeitgenosse fragte sich öffentlich in den vergangenen Wochen in diversen Foren, ob die PolitProfis jemals eines der Spiele ausprobiert haben, welche sie jetzt verboten sehen möchten. Wir interessierten uns natürlich dafür, wie der durchschnittliche Besucher einer solchen Convention beschaffen ist. Wir wollten wissen, wie brutal diese Spiele wirklich sind. Und ob das Kölner Unternehmen eventuell einen Zusammenhang zwischen diesen und den jüngst verübten Amokläufen entdecken kann.
Hallo, ich habe Medienkommunikation & Journalismus studiert, bin 27 Jahre alt, arbeite in der PR-Abteilung von Turtle Entertainment und bin momentan als Pressesprecher tätig. Turtle Entertainment ist die "eSport Company", die treibende Kraft im deutschen und europäischen eSport-Markt. Wir betreiben die Electronic Sports League (ESL), mit 600.000 Mitgliedern die größte Liga für Computerspiele in Europa und veranstalten in ganz Europa Events, bei denen professionelle eSportler vor Publikum auftreten: die "Intel Friday Night Games". Turtle Entertainment wurde im Jahre 2000 gegründet und beschäftigt derzeit über 80 Mitarbeiter.
Ich spiele seit 2001 Counter-Strike in einem Team und seit 2002 fast ausschließlich in der ESL. Da war der Schritt zu Turtle Entertainment naheliegend und ich habe auch schon lange mit dem Gedanken gespielt.
Gewinner der ESL-Finals 9: Christian inklusive Plüschtier
Gibt es den typischen Besucher einer solchen Convention? Durch welche Merkmale würde sich dieser auszeichnen?
Es gibt einen Typus - männlich, zwischen 16 und 22, hohe Bildung, technik-affin. Aber diese homogene Struktur existiert nicht mehr so wie früher. Immer mehr Menschen aus allen möglichen Schichten und Sozialisationen drängen auf unsere Events. Was uns besonders erfreut: Der Frauenanteil steigt kontinuierlich.
Was würdest Du sagen: Wie erfolgreich sind die Teilnehmer Ihrer Veranstaltungen beruflich wie privat? Grundsätzlich ist jeder Gast, der nicht in der Szene aktiv ist, überrascht. Denn die üblichen Vorurteile von leeren Pizzaschachteln, Zigarettenqualm und Bierkästen, dunklen Räumen und pickligen Jugendlichen entsprechen nicht der Wirklichkeit. Sowohl unsere Spieler, als auch unsere Besucher sind ganz normale Menschen. Gaming an sich und auch eSport im Speziellen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, niemand in Deutschland muss weit gehen, um den nächsten Computerspieler zu entdecken. Insofern gibt es auf unseren Veranstaltungen alles das, was es auch außerhalb gibt: Schüler, Berufstätige, Studenten, Auszubildende, Arbeitslose.
Zuschauer der Intel Friday Night Games
Was hälst du von den kürzlich bekannt gewordenen Plänen des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann bezüglich einer Ergänzung des Strafgesetzbuches um die sogenannten Gewaltdarstellungsparagrafen? Die Verbreitung von Gewalt verherrlichen Spielen soll mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden!?
Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Behörden in Zukunft auf uns zu kommen werden, um uns zu bitten, irgendwelche Inhalte aus dem Web zu entfernen. Zudem sind wir eine Liga, kein Spiele-Entwickler und auch kein Webhoster. Wie viel Blut braucht ein Egoshooter, um in der Community als attraktiv zu gelten? Wie realistisch sind EgoShooter kurz vor dem Jahreswechsel von 2006/2007? Das kommt ganz darauf an, mit welchen Kriterien an die Sache herangegangen wird. Ein Spiel, das ein erfolgreiches eSport-Spiel werden will, kann komplett ohne Blut auskommen. Ein Spiel, das eher für den Einzelspieler ausgelegt ist und einen spielbaren Actionfilm darstellt, benötigt Blut. Nicht exzessiv, aber immerhin will man dem Spieler ja nicht die Illusion rauben. Als Beispiel: Wenn man sich heute mal einen Western aus den Fünfziger Jahren anguckt und zusieht, wie Kirk Douglas einen Indianer ersticht und der nicht mal blutet, wirkt das auch etwas merkwürdig und unrealistisch im Vergleich mit den heutigen Filmen.
Ausgewählt wird grundsätzlich nach dem Interesse in der Community. Immer wieder können die Spieler in den normalen Ligen über die Anzahl der gespielten Matches darüber abstimmen, welches Spiel in die höchste Spielklasse aufsteigen darf. Dazu kommen natürlich auch andere Faktoren wie die Unterstützung durch die Publisher und die eSport-Tauglichkeit des Spiels an sich.
Counter-Strike ist doch primär ein Spiel, dass in einer Gruppe gespielt wird. Wenn sich jemand völlig isoliert und Probleme bei der Kommunikation mit anderen Menschen hat - wirkt sich das nicht sehr schädigend auf seinen möglichen Erfolg aus? Ohne Team kann in Counter-Strike niemand gewinnen. Counter-Strike ist kein Spiel für Einzelgänger, ohne Teamwork kommt man keinen Meter voran. Auch Teams, deren Einzelspieler viel schlechter sind als der Durchschnitt, können ein Ansammlung von Stars schlagen, wenn die Stars nicht „miteinander können“.
Nein, selbstverständlich nicht. Das Pferd wird hier einfach falsch herum aufgezäumt. Nicht Counter-Strike macht gewalttätig, die Chance ist – man bedenke, dass pro Monat weltweit 5 Milliarden Minuten Counter-Strike gespielt werden – relativ hoch, dass ein gewalttätiger Mensch Counter-Strike spielt. Wobei vielfach von den Medien da ein falsches Bild gezeichnet wird. Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, spielte beispielsweise alle möglichen brutalen Spiele, aber kein Counter-Strike. Das war ihm laut Abschlussbericht der Polizei zu "harmlos".
Bühne der Extreme Masters Intel Friday Night Games
Kann es nicht sogar sein, dass das Ausleben der Gewalt in einer virtuellen Umgebung dazu führen kann, dass man dort wo man keinen Schaden anrichtet, seine Aggressionen rauslässt anstatt auf der Straße? Ich persönlich glaube nicht, dass das Argument zieht. Viele Spieler führen so was an, doch ich denke, dass Aggressionen verarbeitet werden müssen, nicht "herausgelassen" - ob auf der Straße oder vor dem PC und genau hier muss die Politik ansetzen. Natürlich würde ich es nichtsdestotrotz vorziehen, wenn ein Mensch computergesteuerte Wesen am PC niederschießt, als wenn er auf der Straße anderen Menschen Schaden zufügen würde. Dennoch denke ich, dass Computerspiele kein sonderlich guter Weg zur Aggressionsverarbeitung sind. Welche Entwicklung nehmen Egoshooter? Wie werden diese in 5 oder 10 Jahren aussehen? Das ist eine verdammt schwierige Frage. Stell dir mal vor, man hätte dich vor zehn Jahren nach der durchschnittlichen Festplattengröße im Jahre 2006 gefragt. Ich denke, dass in den Singleplayer-Spielen der Trend zur bestmöglichen Grafik weitergeht. Und natürlich folgen auch die Hersteller von neuen Multiplayer-Shootern in gewisser Weise dieser Devise. Aber man konnte in den letzten Jahren doch klar sehen, dass die Mehrspieler-Spiele, die fast ausschließlich von ihrer Grafik lebten, sehr schnell keine Community mehr hatten, während „billig“ aussehende Spiele für Furore sorgen, die mit ausgeklügeltem Gameplay aufwarten konnten. Insofern müssen die Developer hier die Gratwanderung schaffen zwischen dem reinrassigen eSport-Titel und dem gutaussehenden Shooter-Spiel für Single- oder Multiplayer-Partien zwischendurch.
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