Steinberg ist der Ansicht, es gebe zwar "den Wunsch der Al Quaida in Pakistan Anschläge hierzulande zu verüben". An den Maßnahmen, die momentan zum Schutz vor diesen Anschlägen ergriffen werden, zweifelt er aber: "Grundsätzlich ist es [...] richtig, vor den Bundestagswahlen die Sicherheit zu verstärken und bekannte Islamisten verschärft zu überwachen. Dennoch können diese Maßnahmen eine entscheidende Schwäche der deutschen Sicherheitsbehörden nicht verdecken."
Als großes Problem sieht Steinberg das mangelnde Wissen der Sicherheitsbehörden über interne Vorgänge in der islamistischen Szene. "Bisher war es stets ein Problem, dass die Leute, die hier Anschläge verüben wollten, bis zu ihrer Festnahme gar nicht als Gefährder auf den Listen der Polizei auftauchten. In der Szene bewegt sich viel, neue Leute kommen hinzu und andere tauchen ab," erklärt er.
Auch daran, dass eine "Erhöhung des Drucks" auf die Islamisten wirksam ist, zweifelt der Terrorismus-Experte: "Wie wollen Sie jemanden einschüchtern, wenn sie nicht einmal genau wissen, wer dieser jemand ist? Unter dem Verfolgungsdruck der vergangenen Jahre sind viele radikalisierte Islamisten aus Deutschland an Sprachschulen überall in der arabischen Welt gegangen - nach Ägypten, Syrien manche sogar in den Jemen. Andere suchten die Trainingslager in Pakistan auf. Über diese Leute wissen die Behörden sehr wenig."
Steinberg plädiert deswegen dafür, dass die Geheimdienste sich mehr Informationen direkt aus der Szene beschaffen. "Sie brauchen Muttersprachler, die dazu fähig sind, in das Millieu einzutauchen - nicht nur Islamwissenschaftler, die das Ganze lediglich von außen beobachten können. Bisher setzen die Dienste und die Polizei außerdem zu sehr auf technische Überwachung. An die wirklichen gefährlichen Aktivisten kommt man jedoch nur mit menschlicher Informationsgewinnung heran. Diese Leute muss man nämlich erst einmal finden," erklärt er.
Mutmaßungen, dass "die Filiale von Al Quaida in Nordafrika einen Anschlag in Deutschland verüben soll" hält Steinberg für falsch. Er meint: "Laut den US-Informationen klingt es ja so als hätte die Al Quaida von Bin Laden den Nordafrikanern den Befehl gegeben, nun auch in Deutschland Anschläge zu verüben. Aber die Al Quaida im Maghreb ist keine Befehlsempfängerin von Bin Laden. So funktioniert dieses Netzwerk nicht." Die einzelnen Gruppen des Terrornetzwerks seien "sehr selbständig". Die nordafrikanische Al Quaida-Gruppe würde sich kaum auf Deutschland konzentrieren: "Die Quaida im Maghreb hat ihren eigenen Fokus, der klar in Nordafrika liegt. Wenn sie Anschläge in Europa verübt, dann vielleicht noch in Frankreich, weil es das allgerische Regime stützt oder in Spanien, weil es einmal muslimisch war und nach Meinung dieser Leute wieder werden soll."
Viele Menschen, so Steinberg, haben eine unzutreffende Vorstellung von der Funktionsweise Al Quaidas. Zwar sei diese ein internationales Netzwerk. Sie funktioniere jedoch "nicht wie eine Armee oder ein Konzern." Die Untergruppen verfolgten weiterhin eigene Ziele: "Die Terroristen im Maghreb haben den Namen Al Quaida angenommen, weil ihnen die Rekruten in Richtung Irak davongelaufen sind. Dort schien es attraktiver zu kämpfen. Sie haben sich Osama bin Laden vor allem aus PR-Gründen untergeordnet. Ihr Hauptziel bleibt der Sturz des Regimes in Algerien."
Damit gibt es laut Steinberg zwei Möglichkeiten, wer sonst in Deutschland einen Anschlag verüben könne: "Entweder es gibt in Deutschland doch drei, vier Rekruten, welche den Sicherheitsbehörden nicht bekannt sind. Das wäre angesichts der benannten Schwächen nicht unwahrscheinlich. Oder Aktivisten versuchen aus Pakistan einzureisen. Gleich drei Organisationen haben Deutschland von dort aus ins Visier genommen: Al Quaida, die Islamische Jihad Union und die Islamische Bewegung Usbekistan."
Kurzfristig, so der Terrorismusforscher, bleibe uns "hierzulande nichts anderes übrig", als auf Überwachung zu setzen, "weil wir die längerfristigen Ansätze bisher vernachlässigt haben." Langfristig favorisiert er allerdings nachhaltigere Ansätze: "In Großbritannien und den Niederlanden gibt es vielversprechende Modellprojekte zur Deradikalisierung von Jugendlichen. In Amsterdam beispielsweise existieren Stellen, an die sich jeder wenden kann, der bei einem Bekannten eine Radikalisierung bemerkt. Dann wird versucht zu helfen. [...] Vielleicht mit einer Beratung bei familiären Problemen. Oder indem man versucht, einen Job für den Betreffenden zu finden. Die Idee dahinter ist, das Problem auf lokaler Ebene anzugehen. Die Menschen sollen gar nicht erst ins radikale Milieu abrutschen." (Annika Kremer)
(via taz, thx!)
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Sempralon am 04.07.2009 06:05:13: |
am 04.07.2009 20:58:53: |
herrenlos am 08.07.2009 16:18:56: |