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15. Dezember 2007

Spielefresser, Biomonster und Fanboys Ghandys Buchrezension, Interview mit Jörg Luibl

Der CSW-Verlag aus Winnenden bei Stuttgart hat sich in den vergangenen Jahren beim einschlägigen Publikum mit seinen Veröffentlichungen schon so etwas wie einen Namen gemacht. Enno Coners und Co. sind durch ihre Publikationen zum Thema digitale Kunst und Kultur schon häufiger positiv aufgefallen. Im September dieses Jahres beschritt man neue Pfade und verzichtete auf einen erneuten Griff in die Retrokiste. Im Gegenteil: Es geht um die Zocker und ihre Devotionalien, das Thema ist zudem hochgradig aktuell. Jörg Luibl, seines Zeichens Chef des Onlineportals 4Players.de konnte für das neueste Werk als Autor verpflichtet werden. Und eben jener Luibl hatte sich in der vergangenen Zeit wegen seiner kritischen Kolumnen bereits einen Namen machen können. Doch das Buch sollte man nicht nur auf ein 'Best of Luibl' reduzieren. Wir haben dem Lesestoff für Gamer wie auch dem Autor höchstpersönlich einer eingehenden Prüfung unterzogen.

Der Hamburger Interpret Jan Delay besang die Spieler des Landes passenderweise als die Bürger von Konsolien. Die gängigen Vorurteile besagen, dass diese mit Ausnahme von Anleitungen wenig bis überhaupt keine Bücher lesen. Das kann in manchen Fällen, muss aber nicht stimmen. Überraschend auch, von wie vielen Seiten man sich dem Thema Videospiele nähern kann. Sei es z. B. ein zugegeben abgefahrener Vergleich zwischen dem Philosophen Heraklit und einem MMOPRG-Spieler. Beide leben sehr zurück gezogen in ihren vier Wänden und tauchen tagtäglich tief in ihre Materie ein. Bleibt nur die Hoffnung, der Rollenspieler entwickelt nicht ebenfalls Ödeme, wie es einst der Philosoph getan haben soll. Aber Luibls Buch bietet weitaus mehr. Es zeigt zum Beispiel die große Gefahr auf, wie schnell Redaktionen von Print- wie auch Onlinemedien zu den Helfershelfern der Spielehersteller gemacht werden könnten. Die Publisher werfen mit Brotkrumen in Form von Anzeigen, frühzeitigen Previews, Screenshots und Betas und erwarten nicht selten im Gegenzug, dass man ihr neuestes Werk in einem guten Licht bescheinen lässt.

Der Autor hinterfragt auch, ob man lieber den Nerv des Mainstreams treffen oder eine ehrliche Rezension veröffentlichen sollte. Ist das besprochene Spiel so beschaffen, dass es bei den Massen ankommen wird? Oder spricht der Spieletester hier mit spitzer Feder für sich selbst und beschreibt seinen eigenen Geschmack? Beides kann sich im Extremfall total widersprechen. Jörg Luibl hinterfragt unter anderem auch, ob man Spiele nicht als Kunst bezeichnen sollte. Mit einigen Werken zeitgenössischer Künstler können Betrachter ohne ein abgeschlossenes Studium nichts anfangen. Warum sollten aufwendig gestaltete Spiele nicht eine eigene und hochgradig moderne Kunstform darstellen, in der man sich interaktiv bewegen kann? Was spricht eigentlich dagegen, in 2012 auf der nächsten documenta den Besuchern einen Testlevel "GTA San Andreas", "Gothic II" oder "Crysis" anzubieten? Manchmal wird einem in Kassel und anderswo konservierter Kot inklusive der Definition aller tiefenpsychologischer Dimensionen als Kunst verkauft. Wer Kunst so großzügig definiert, müsste der Fairness halber auch anspruchsvoll gestaltete Spieletitel mit dazu zählen.

 

Spielefresser, Biomonster, Fanboys, 4players, Jörg Luibl, Zocker, Gamer, KillerspieleAuf rund 150 Seiten werden dem Leser höchst amüsant und unterhaltsam alle Aspekte dieses Zeitvertreibs nahe gebracht. Selbst wenn man nicht täglich zehn Stunden zockenderweise vor dem Bildschirm verbringt, wird man diesem Buch viel abgewinnen können. Luibls Texte sind witzig und locker geschrieben. Er hatte ganz offensichtlich viel Spaß bei der Arbeit und die überträgt sich auch beim Lesen. Ernste Aspekte wie z. B. die Rolle der Frau in der Welt der meist männlichen Gamer kommen ebenfalls zu tragen. Negative Punkte bei der Bewertung des Buches finden sich kaum. Lediglich die Aufmachung und der Druck hätte etwas professioneller ausfallen können. Klar auch, dass ein so kleiner Verlag nicht die erforderlichen Mittel besitzt, ihre Publikation auf Hochglanzpapier o. ä. zu veröffentlichen. Beim Wein ist es ein wenig so wie mit einem guten Buch. Es kommt am Ende nicht auf die Verpackung an, primär der Inhalt zählt. Und da hätte man wirklich nicht mehr viel verbessern können. Wer es sich selbst leisten oder zu Weihnachten verschenken möchte: Die knapp 10 Euro stellen keine unübersichtliche Investition dar. Der Erwerb dürfte keine unnötig tiefen Löcher ins Portemonnaie reißen. Die Käufer oder Beschenkten bekommen als Gegenleistung viele vergnügliche Lesestunden nach Hause geliefert. Wenn das Wetter draußen mal wieder so ungastlich wie im Moment ausfällt, bietet es sich an, sich mit dieser Lektüre für einen Tag oder länger ins warme Bett zurückzuziehen. Wir haben den Chef von externer Link in neuem Fenster folgt4Players.de mit Erfolg für ein paar Minuten von seiner Arbeit abhalten können, um uns ein paar Fragen zu beantworten.
 

Hermann der User, Karl Bihlmeier
Hermann der User zockt. Comic von externer Link in neuem Fenster folgtKarl Bihlmeier.
 

 
Lars 'Ghandy' Sobiraj: Wie wird man von einem Student der Fächer Geschichte, Skandinavistik und Archäologie zum Chefredakteur des deutschen Onlinemagazins 4Players.de? Den Zusammenhang müssen Sie mir aber bitte mal etwas ausführlicher erläutern. ;-)

Jörg Luibl: Eigentlich ist das gar nicht so bizarr.;) Die Geisteswissenschaften bilden für viele Journalisten die berufliche Grundlage. Im Studium lernt man genau das, was man später in der Redaktion gut gebrauchen kann: Dazu gehört der Umgang mit Sprache, die Analyse von Texten und Theorien, die Skepsis gegenüber festen Systemen sowie der Mut zur Kritik. Und wo Archäologen nach Schätzen und kulturellen Zusammenhängen buddeln, suchen wir eben nach Spielspaß.



Lars Sobiraj: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee mit dem Buch gekommen? Das Leben eines Online-Journalisten ist ein wenig so wie das einer Eintagsfliege. Alles muss extrem schnell über die Bühne gehen, beim nächsten Morgengrauen ist alles vergessen, zumindest für den Leser. Haben Sie das Buch quasi als Spielwiese benutzt, um sich mal richtig austoben zu können? Oder war´s eher der Wunsch, sich mal dauerhaft zu verewigen?

Jörg Luibl: Ich tobe mich ja regelmäßig online aus.;) Das Buch "Spielefresser, Biomonster & Fanboys" ist ja nur eine Sammlung einiger Kolumnen, die man auf 4Players.de findet. Die Idee, meine Texte auch gedruckt anzubieten, entstand aufgrund des positiven Feedbacks in meiner Umgebung. Natürlich ist es auch cool, wenn man seinen Namen auf einem Buch sieht. Aber hey: Selbst Boris Becker und Kerner schreiben...



Lars 'Ghandy' Sobiraj: Zum Thema Spielebranche am Apparat: Der ehemalige Chefredakteur vom Portal GameSpot.com externer Link in neuem Fenster folgtJeff Gerstmann hat für seine negative Rezension des Spieles "Kane & Lynch" (Eidos) wohl keinen Award erhalten. Zufall oder nicht, auf der Website des Portals befinden sich einige Banner, die dieses Spiel bewerben. Und wenige Tage nach der Veröffentlichung seiner Kritik musste er seinen Stuhl räumen. Sie befinden sich in einer ähnlich prekären Situation. Einerseits möchte man sich die guten Kontakte und Werbeumsätze nicht kaputt machen. Andererseits möchte man als Journalist schlichtweg die Wahrheit schreiben. Wie befreit man sich aus diesem Dilemma?

Jörg Luibl: Man bleibt Journalist. Man lässt sich nichts aufschwatzen. Allerdings kann man das nur durchziehen, wenn wirklich die gesamte Firma hinter dieser Philosophie steht und die redaktionelle Unabhängigkeit auch intern immer wieder als höchstes Gut verteidigt wird. Der Geschäftsführer, der Chefredakteur und alle Verantwortlichen müssen konsequent an einem Strang ziehen, sonst wird man erpressbar, sonst wird gemauschelt - wir haben bei 4Players.de das Glück, dass wir alle daran festhalten. Das Dilemma entsteht erst, wenn es intern bei einem Magazin heißt: "Wir müssen mal überlegen, ob wir den Publishern, die so viel Geld in uns investieren wollen, nicht irgendwie entgegen kommen." Genau das ist der entscheidende Punkt, genau hier muss man ganz klar sagen: Nicht mit uns - Redaktion und Marketing bleiben getrennt! Der Gerstmann-Fall ist für diese Branche ein wichtiger Hallowachruf, damit die Beteiligten mal über ihre Grundsätze nachdenken.


Hermann der User, Karl Bihlmeier

Neue Physik-Engine oder Realität? Comic von externer Link in neuem Fenster folgtKarl Bihlmeier.

 

Lars 'Ghandy' Sobiraj: Sehr spannend auch ihre Ausführungen zum Thema Product Placement in Spielen. Kommt auf uns tatsächlich eine Flut von Games zu, die als virtuelle Werbefläche missbraucht wird? Wie wird sich das Ingame-Marketing in den nächsten Jahren entwickeln? Müssen wir uns auf eine Zwei-Klassengesellschaft einstellen? Zum einen die preislich subventionierten Spiele mit Werbung und die Teuren ohne?

Jörg Luibl: Es wird in Zukunft immer mehr Werbung in Spielen geben: Man schaue sich Pro Evolution Soccer 2008 an oder andere aktuellen Titel. Allerdings ist das Ingame-Advertising noch nicht so weit, dass man darüber Spiele finanzieren oder gar den Preis senken könnte. Denkbar ist das natürlich trotzdem.



Lars 'Ghandy' Sobiraj: Aktuelle Titel bieten der Community brillante Texturen, fantastische Effekte und Physik-Engines vom Allerfeinsten. Visuell gesehen lässt man's gerne krachen bis zum Anschlag. Aber gerade ältere Zocker jenseits der 30 vermissen bei all den nahezu fotorealistischen Abläufen Dinge wie ein ausgeklügeltes wie abwechslungsreiches Konzept, innovative Ideen, witzige Dialoge oder andere Running Gags. Das sind alles Aspekte, durch die manche Retrogames für uns Fans so liebenswert wurden. Sind die grafiklastigen Spiele von heute wirklich besser als die alten Schinken?

Jörg Luibl: Das kommt auf den eigenen Standpunkt und die damit verbundene Definition von "besser" an.;) Ich schwelge auch gerne in alten C64- oder Amiga-Zeiten, aber ehrlich gesagt sieht durch die Nostalgiebrille immer alles etwas schöner aus, als es damals wirklich war. Und man vergisst, dass manche Spiele in Sachen Dialoge, Atmosphäre oder Regie gerade jetzt Höhepunkte erreichen - man denke an Mass Effect, The Darkness, an Shadow of the Colossus oder auch an Fahrenheit. Wir haben heutzutage eher das Problem einer unüberschaubaren Flut an Spielen, die kaum etwas neu machen können, weil so vieles an virtuellen Spielmechaniken schon erfunden wurde. Also konzentriert man sich auf die Kulisse oder die Weiterentwicklung bekannter Prinzipien. Es war in den 80ern viel, viel einfacher, etwas wirklich Neues anzubieten, weil der Markt erstens noch nicht so überschwemmt war und zweitens die Produktionskosten nicht so viel Geld verschlangen.



Lars 'Ghandy' Sobiraj: Softwarepiraterie gibt es, seitdem es Anwendersoftware und Spiele gibt. Was glauben Sie, welchen Einfluss der illegale Vertrieb von Games auf die Spieleindustrie hat? Sollten sich Firmen mehr auf Onlinespiele konzentrieren oder welche Strategien halten Sie stattdessen für sinnvoll?

Jörg Luibl: Raubkopien schaden immer der gesamten Branche. In den 80ern hatte das ganz fatale Folgen, da gingen ganze Firmen Pleite, weil niemand ein Original kaufen wollte. Heutzutage ist das Problem immer noch akut, allerdings nicht in dem Ausmaß wie damals. Die beste Strategie ist und bleibt der beste Kopierschutz sowie eine Preispolitik, die der Käufer nachvollziehen kann.


Hermann der User, Karl Bihlmeier

Kopierschutz mal ganz anders. Comic von externer Link in neuem Fenster folgtKarl Bihlmeier.

 

Lars 'Ghandy' Sobiraj: Last, but not least: Wie kommt es eigentlich, dass so viele Journalisten, die sowohl fürs Fernsehen als auch für Printmedien arbeiten, zu diesem Thema ein Statement abgeben, obwohl sie selten oder nie zuvor einen Joystick in Händen hielten? Möchten Sie bezüglich der leidigen Killerspiel-Diskussion eine Prognose abgeben ob und wann der Gesetzgeber bei uns in Deutschland die rechtlichen Mittel ausweiten wird, um die "bösen Spiele" gänzlich von den Ladentischen zu verbannen?


Jörg Luibl: Traue nie einem Experten, den du nicht selbst engagiert hast! Es gibt für alle Studien eine Gegenstudie. Allerdings entstehen ja mittlerweile auch wertvolle akademische Kontrapunkte zur sachlich falschen Hysterie eines externer Link in neuem Fenster folgtFrontal21 oder den fragwürdigen Studien eines Pfeiffer. Und viel wichtiger ist: In der Gesellschaft setzt sich das Spiel als Kulturgut immer weiter durch - auch der Erfolg Nintendos, ganz neue Spielergruppen anzusprechen, trägt dazu bei. Der Staat hat gar keinen Grund den Jugendschutz hierzulande auszuweiten, denn er gehört schon zu den strengsten der Welt. Dass Kinder geschützt werden, ist natürlich wichtig. Aber der Skandal ist: Viel mehr als hierzulande kann man erwachsene Spieler gar nicht bevormunden - es wird geschnitten, gekürzt, ersetzt und indiziert, als ob man Bürger in einem totalitären Regime ist. Unsere europäischen Nachbarn lachen nur, wenn sie von den "speziell für Deutschland" umprogrammierten Spielen hören, in denen virtuelles Blut oder ganze Animationen fehlen. Was in Holland, Dänemark oder Österreich ungekürzt im Laden erhältlich ist, kommt hier entweder gar nicht oder zerstückelt an. Der Gewalt-Komplex der Deutschen ist für alle aufgeklärten Geister eine Farce und in letzter Konsequenz kulturvernichtend.


Lars 'Ghandy' Sobiraj: Herr Luibl, vielen Dank für das interessante Gespräch. Und auch vielen Dank an Karl Bihlmeier, der mit seinen externer Link in neuem Fenster folgtComics schon zu  Amiga-Zeiten viele Fans zum Schmunzeln bringen konnte.

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