Boing Boing ist eigentlich eher ein Sammelbecken für alles, was geekig, außergewöhnlich und überflüssig ist und was man als Normalsterblicher eigentlich überhaupt nicht braucht. Überdimensionale Gitarren, die als Statuen verkauft werden, Programme für analoge Wählscheiben für iPhones, aber auch einiges von Interesse in Bezug auf Datenschutz und Anonymität. Der Videoblog-Ableger "Boing Boing TV" hat kürzlich ein interessantes Interview mit John Gaeta, dem Visual-Effects Supervisor der Matrix-Trilogie und dem neuen Werk der Wachowski-Brüder "Speed Racer", durchgeführt. Der neue Film wirkt wie ein knallbunter Kaubonbon, mitten aus einer Nintendo-Werbung. Können die Macher den hohen Erwartungen nach dem Vendetta-Flop gerecht werden?
Sieht man sich die Ausschnitte aus dem Interview an, kommt man sich vor, als wäre man bei "F-Zero X" oder anderen Spielen des Nintendo 64 gelandet.
Gaeta bezeichnet den farbenfrohen Stilmix als "poptimistic", als Pop-Art, die viel Optimismus ausstrahlen soll. Von den vielen Farbverläufen, dem atemberaubenden Schnitt und dem Speed kriegt man eher Augenflimmern als gute Stimmung. Das Mammut-Projekt wurde komplett vor Green Screens in den Filmstudios Babelsberg in Potsdam gedreht, die Schauspieler mussten sich mit viel Fantasie die Szenarien vorstellen, die sie später nach dem digitalen Zusammenschnitt umgeben werden.
Im Verlauf des Interviews erläutert Oscargewinner Gaeta einige der technischen Details, wie zum Beispiel die selbst erfundenen VR-Bubbles. Zudem werden zahlreiche Objekte in verschiedenen Ebenen erstellt, um diese später in einem Bild zusammenzubringen. Beim sogenannten Parallax Scrolling bewegen sich verschiedene Schichten und Objekte horizontal, die Technik wird schon seit den frühen 1980ern in uralten Computerspielen angewendet. Anhand eines Beispiels wird gezeigt, wie eine Szene des Films entstand. Die Straße, Mauern, der Himmel, das Auto und die beiden Personen werden auf dem Bildschirm als eigene Ebenen platziert, die miteinander interagieren können. So lehnt sich der Mann an das Auto, der Junge geht um den Wagen herum. Die Realität wird dabei in winzige Teile zerlegt und neu abgemischt, John Gaeta spricht von "Sampling the real world". VR-Bubbles sind hochauflösende Innenansichten von Räumen oder z. B. von einem Gebirge, in denen man sich in alle möglichen Richtungen bewegen kann. Über die Bubbles werden wiederum die entsprechenden Schichten, also zum Beispiel die Inneneinrichtung oder die Personen der jeweiligen Szene gelegt.
Im zweiten Teil des Gesprächs, welches am Tag der weltweiten Premiere veröffentlicht wurde, erklärt Gaeta warum Elvis und die damalige Popkultur so prägend für den Film war. Auch wenn man an den Rand der technischen Möglichkeiten ging, der Streifen wird beim herkömmlichen Publikum in Europa und den USA keinen Erfolg einspielen. Die Japaner haben einen völlig anderen Geschmack, sie könnten sehr viel Gefallen an der farbenfrohen Verfilmung finden. Schade denn mit oder ohne Iron Man als Konkurrenten, der in den gleichen Publikums-Gewässern fischt, der Film der Gebrüder wird aller Wahrscheinlichkeit nach an den Kinokassen floppen. Und das bei einem Film, der künstlerisch gesehen der bisher herausstechenste der Wachowskis ist.
Teil eins und zwei des Interviews kann man sich auf der Website anschauen oder wahlweise als .mp4 herunterladen. Wer sich als Jugendlicher auf seinem SNES oder später dem N64 für kunterbunte Renngames wie Nintendos "F-Zero X" oder Lucas Arts "Star Wars Racer" begeistern konnte, sollte sich das Interview auf jeden Fall in einer ruhigen Minute anschauen.
Deutscher Trailer zu Speed Racer
Ich fand das Interview ganz interessant, sonst hätte ich nicht darüber geschrieben.
der typ is ja mal hardcore