gulli: SF goes Stop-Motion: Interview mit dem Filmemacher Paul "Carrotkid" Whittington
30. April 2008

SF goes Stop-Motion Interview mit dem Filmemacher Paul "Carrotkid" Whittington

Über die Kurzfilme des Künstlers Paul Whittington kann man in den Mainstream-Medien bislang nichts in Erfahrung bringen, lediglich die Autoren einiger Blogs weisen mehr oder weniger dezent auf seine Werke hin. Dabei lohnt ein ausführlicher Blick auf einen seiner SF-Kurzfilme, sie verknüpfen sehr geschickt, was einem von irgendwoher bekannt vorkommt. So ganz genau mag es aber keiner erklären, woran sich der Zuschauer dabei genau erinnert fühlt. Wir wagen einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen und haben den Autor der Filme vor ein paar Monaten mit Erfolg um ein Interview gebeten.

Manch einem kommt bei Carrotkids Filmen die sterile Stimmung des SF-Filmeklassikers "THX 1138" hoch.

In Ben Bova's Drogenparadies, der Literaturvorlage des amerikanischen Autors und Journalisten, dreht sich alles um eine Gesellschaft von Menschen, die ähnlich wie Ratten in unterirdischen Gängen gehalten werden. Sie werden von ihren Aufsehern lückenlos überwacht und mithilfe von unterschiedlichen Drogen gefügig gemacht. Der Ausdruck jeglicher Gefühle ist verboten, das Ausleben von sexueller Lust erst recht. Im Gegenzug dürfen im Roman die versklavten Bewohner Drogen konsumieren, wie es ihnen gerade gefällt. Die Liebe und der Sex ist letztendlich das, was den Hauptdarstellern in dieser Gesellschaft auch zum Verhängnis wird.

Regisseur dieses Klassikers, in dessen Verlauf die Akteure von zahlreichen Robotern verfolgt werden und der Anfang der 1970er veröffentlicht wurde, war niemand Geringeres als Mr. SF: George Lucas. Später machte er als Urvater der Star Wars und, man achte auf den Namen des Unternehmens, Firmengründer der "THX Ltd." Fuore. Sein völlig unbekanntes Erstlingswerk aus seiner Studentenzeit war aber glücklicherweise von ihm weit weniger massentauglich gestaltet worden, als der restliche "Krieg der Sterne".

Carrotkid, Paul Whittington, Android, Star Wars, Stop-Motion, Science FictionDoch zurück nach Kanada: Whittingtons Filme dringen nicht nur in diesen Sektor vor, sie bedienen sich noch weit mehr Elemente aus den unterschiedlichsten Bereichen. Manch einer fühlt sich wahrscheinlich in uralte Spieletitel, wie "Impossible Mission" oder "Archon" zurück versetzt. In "Android207" versucht ein Roboter einem Labyrinth gespickt mit unzähligen bösartigen Fallen zu entkommen. Die Szenen gleichen denen aus diversen Jump'n Run Games der frühen 1980er Jahre. Der Commodore 64 als Roboter auferstanden? Und doch wurde der Film vom Autor künstlich auf historisch getrimmt. Überleben um jeden Preis, und sei es nur als Versuchskaninchen derjenigen, die das undurchschaubare Szenario erstellt haben? Das klingt indes eher nach dem populären und weit weniger historischen Science-Fiction-Horrostreifen "Cube" von Regisseur Vincenzo Natali aus dem Jahr 1997.

Die Anwendung der Stop-Motion Technik erscheint für solche Hobbyprojekte geradezu ideal. Das Objekt wird lediglich ein winziges Stück verschoben, erneut aufgenommen und die Summe der Bilder ergibt dann den Film. In der Produktion höchst simpel und die ganze Angelegenheit kostet so gut wie nichts, außer jede Menge Zeit, die darin investiert werden will. In der europäischen Demoszene fand diese Technik bei Kurzfilmen Carrotkid, Paul Whittington, Android, Star Wars, Stop-Motion, Science Fictionwie LeGorso von tAAt, TCPAper von Brainwank oder Freilandeier der Kölner von 5711 ihre Anwendung. Dem Kanadier Paul "Carrotkid" Whittington aus Vancouver Island waren diese Filme überhaupt kein Begriff. Er war vor einigen Monaten so freundlich, sich der Redaktion von Gulli für ein Interview zur Verfügung zu stellen.

Lars Sobiraj: Hallo Paul. Wie entstand bei dir die Idee, Stop-Motion Filme zu erstellen?

Paul Whittington: Als Kind habe ich damit herumexperimentiert und hatte viel Spaß dabei. Später wollte ich mich irgendwann nochmal damit beschäftigen. Erst bei den Arbeiten an "Spare Parts" ist es tatsächlich zum Einsatz dieser Technik gekommen. Hier wird eine Story bestehend aus statischen Bildern per Stop-Motion in Bewegung gesetzt. Mir wurde klar, dass sich diese Methode für solche Dinge sehr gut eignet. So ist es dazu gekommen und ich bin bis jetzt dabei geblieben.

Lars Sobiraj: Warum spielen Roboter eine so wichtige Rolle in deinen Kurzfilmen, was fasziniert dich an ihnen so sehr?

Paul Whittingon: Roboter, eigentlich sollte ich sagen: Roboter, Androiden und kybernetische Gebilde, sind nur ein Teil der Dinge, die mich begeistern. Den Rest habe ich noch nicht weiter erforscht. (lacht) Was mich daran so fesselt, ist, dass sie in jeder Form oder Gestalt erscheinen können, die man sich nur vorstellen kann. Alle Menschen verfügen grob gesagt über die gleiche Gestalt, aber bei Androiden kannst du so kreativ sein, wie du magst. Es macht mir jedes Mal viel Spaß wieder einen neuen Roboter zu erschaffen. Mag sein, es gibt jetzt Leute, die jetzt sagen, dass ein Android nur einem Menschen ähnlich sehen darf, aber für mich ist diese Aussage nur halb richtig. Einerseits gibt es die Definition, dass ein Androide immer menschlich sein muss, aber für mich kann das jedes künstliche Objekt sein, welches einem Menschen vom Intellekt her ähnelt - also jede Maschine, die künstliche Intelligenz besitzt. Diese Begriffsdefinition erscheint mir persönlich logischer, weil es alle zukünftigen Maschinen mit einschließt, die über K.I. Verfügen aber nicht zwingend wie Menschen aussehen werden.

Und das bringt mich wieder dazu, warum mir der Umgang mit der Welt der Androiden so gut gefällt: Es ist Intelligenz. Das Gehirn fasziniert mich, wie es arbeitet und wie es eines Tages in Maschinen arbeiten wird. So gleich oder anders diese Funktionsweise im Vergleich zum menschlichen Gehirn dann auch aussehen mag. Es wird sich zeigen, welche Teile des Gehirns imitiert werden müssen und was man dabei auslassen kann. Spannend dabei ist, wie sich die neue Erfindung dann verhalten wird. Aber künstliche Intelligenz ist so ein gewaltiger Bereich, den es mit allen Variablen und Möglichkeiten zu erforschen gilt. Das alles in einem Kurzfilm darzustellen ist sehr schwierig, weswegen ich mich pro Film auf die Realisierung von nur einer oder zwei Ideen begrenze.

Lars Sobiraj: "Android 207"hat mich stark an die Atmosphäre von George Lucas' "THX 1138" erinnern. Es ist ähnlich clean, grau und depressiv gehalten wie die Vorlage aus dem Kinofilm - hat dich der Meister der Star Wars beeinflusst?

Paul Whittingon: Nein, eigentlich nicht. Ich mag die frühen Werke von Lucas sehr und vor allem auch "THX 1138", aber überraschenderweise haben sie mich nie sonderlich beeinflusst. Was ich sehr bewundere, sind die Kunstwerke von M. C. Escher. Sie sind so rein, farblos und geometrisch korrekt. Der Stil vom Irrgarten im Film "Android207"Carrotkid, Paul Whittington, Android, Star Wars, Stop-Motion, Science Fiction entstammt Escher, keine Frage. Der schwarz-weiß Retrolook kommt von einem der zahlreichen Wissenschaftsfilme, die ich mir als Kind so gerne angeschaut habe. Ich wollte das mit der Idee verknüpfen, dass "Android207" auch nur Teil eines Experiments ist. Solche Fallen sind zwar schon alt aber die verwendete Technologie entstand der Zukunft, so versuche ich Vergangenheit und Zukunft in Einklang zu bringen.

Lars Sobiraj: Konntest Du viele der angebotenen DVDs verkaufen?

Paul Whittingon: Ja, zu meiner Überraschung kaufen die Leute mehr DVDs, als ich zunächst annahm, wenn auch nicht so viele wie ich mir das wünschen würde. Seit Anbeginn war es schwierig, Filme zu vermarkten. Für Kurzfilme gab es zudem nie einen eigenen Markt. Dank des Internets, der Existenz von Podcasts und tragbaren Geräten, die sich für solche Zwecke gut eigenen, hat die Popularität von Kurzfilmen zugenommen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis wir unabhängigen Macher von Kurzfilmen eine stabile und zuverlässige Quelle für eine breit aufgestellte Distribution zur Verfügung haben.

Lars Sobiraj: Gab es Versuche Kontakte mit der Filmindustrie herzustellen, um denen dein Talent anzubieten? Wie war die Reaktion auf deine Anfrage?

Carrotkid, Paul Whittington, Android, Star Wars, Stop-Motion, Science Fiction Paul Whittingon: Ich unterzeichne häufiger Verträge und betreibe auch Geschäfte mit Firmen und anderen Künstlern. Zahlreiche Musiker aus der ganzen Welt haben mich angesprochen, ob sie Szenen aus "Android207" in ihrem Musikvideo verwenden dürfen. Kürzlich habe ich einen Vertrag mit einer kalifornischen Produktionsfirma unterzeichnet, die eine DVD auf der "TED Konferenz" vertreiben wollen. Auf der DVD wird auch "Android207" zu sehen sein.

Lars Sobiraj: Gerade dieser Kurzfilm sieht ein wenig so aus wie uralte Jump'n Run Games auf dem C64 und Amiga - gibt es da eine Verbindung?

Paul Whittingon: Ich mag die Frage, weil ich häufiger E-Mails von Leuten bekomme, die mir schreiben, dass sie sich an alte Videospiele aus den 1980ern erinnert fühlen. Es war keine Anlehnung daran geplant, auch wenn ich mit den ganzen alten Spielen aufgewachsen bin und sie als Kind sehr mochte. Generell habe ich keine Probleme mit dieser Aussage. Ich denke das ist klasse wenn im Nachhinein Elemente auftauchen, die ich bei der Erstellung überhaupt nicht berücksichtigt habe. Das lässt Freiraum für Spekulationen und eigene Schlussfolgerungen. Es ist immer toll, wenn andere etwas entdecken, was so gar nicht geplant war. Die Handlung würde sich für ein Spiel tatsächlich sehr gut eignen. Jede Szene gleicht einem neuen Level, der nur erreicht werden kann, wenn man die vorherigen Hindernisse überwinden konnte. Könnte ich so etwas realisieren, würde ich bestimmt daraus ein Spiel machen. (lacht)

Lars Sobiraj: Wie stellst du dir deine Zukunft in fünf oder zehn Jahren vor? Generell gesprochen: Wie wird deiner Meinung nach unsere Gesellschaft im gleichen Zeitrahmen aussehen?

Paul Whittingon: Das ist schwerlich für mich zu beantworten, wo ich in fünf oder zehn Jahren beruflich stehen werde. Ich werde auf jeden Fall Filme machen, aber keine Ahnung, in welche Richtung sich das alles bis dahin entwickeln wird. Ich liebe das Genre und ich glaube fest daran, es wird einen großen Markt für diese Produkte in naher Zukunft geben. Auch würde ich zu gerne einen kompletten Spielfilm produzieren. Das ist ein sehr großes Projekt und ich muss dafür natürlich die Erstellung von Kurzfilmen einstellen. Aber ich beabsichtige weiterhin Kurzfilme zu machen. Mir kam kürzlich auch die Idee für eine Podcast Serie in den Sinn.

Bezüglich der Menschheit: Ich denke es ist schwer das einzuschätzen oder vorauszusagen. Was ich jetzt weiß, so stelle ich mir unsere Zukunft hier auf der Erde sehr düster vor. Für eine Weile mag das Okay sein.

Carrotkid, Paul Whittington, Android, Star Wars, Stop-Motion, Science Fiction Aber ich glaube, dass wir ohne Frage irgendwann diesen Planeten eh verlassen werden, um in den Weltraum zu emigrieren. Das gibt uns schon die Gesetzmäßigkeit der Natur vor. Das kann demnach das offensichtlichste und natürlichste Ziel unserer Rasse sein. Seit der Existenz dieses Planeten vor 4,5 Milliarden Jahren wurde die komplexeste Lebensform vorbereitet und entwickelt - der menschliche Körper. Das natürliche Ziel ist es, zu überleben, sich zu vermehren und einen Vorteil in seiner Evolution zu suchen. Und nun wo wir uns selbst weiterentwickeln können, gilt es alles vorzubereiten, um diesen Planeten verlassen zu können, um im Weltraum unser Glück zu suchen. Diese eigene Weiterentwicklung könnte man auch Technologie nennen. Und selbst wenn Technik aktuell eher wie ein Spielzeug als ein Werkzeug aussehen mag, dauert es noch lange, bis wir für diesen Schritt wirklich mündig sind.

Aber eines Tages werden wir an einem Punkt sein, wo wir unser Nest verlassen und himmelwärts aufsteigen können, um neue Grenzen im Weltraum zu überschreiten. Irgendwann wird so sein, dass die Entwicklung auch ohne das Zutun der Menschen vonstattengehen kann. Dieser Punkt in der Zukunft beginnt dann, wenn eine echte künstliche Intelligenz geboren wird, das ist zumindest, woran ich und viele andere glauben. Als übergeordnete Wesen, die wir Menschen glauben zu sein, sind wir in Wirklichkeit doch nur ein kleiner Teil eines riesigen Prozesses, über den wir in keiner Form irgendeine Kontrolle besitzen. Das ist ein Prozess, der sich eigenständig im Universum weiterentwickelt. Jeder Tropfen Masse und alle Energie könnten sich auch jederzeit ins Gegenteil verwandeln.

Carrotkid, Paul Whittington, Android, Star Wars, Stop-Motion, Science Fiction Lars Sobiraj: Ich glaube kaum, dass diese Generation das noch in voller Ausprägung erleben wird. Paul, danke für das aufschlussreiche und informative Interview!

Auf deiner Website carrotkidfilms.com können sich die Besucher deine Werke als Flash Animationen anschauen und bei Bedarf auch bestellen. Wir wünschen dir alles Gute und den Zuschauern abschließend viel Freude dabei!

  • 2 Kommentare zum Artikel
  • Ein wenig Kultur zum Feiertag? Immer wieder erstaunlich, was dank vorhandener Kreativität mit vergleichsweise einfachen Produktionsmitteln so alles geht. Der Plot eines Jump&Run-Games, und da stimme ich mit Whittington überein, muss meines Erachtens ja irgendwo im menschlichen Genom verborgen sein. Nennen wir es ruhig den Masterplot der Evolution. Gleicht das Leben in seiner Natur, selbigem, einfach zu oft und in zu vielen Punkten. Der ...

  • THX 1138 kann ich nur empfehlen!! (wenn Du SF magst)

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