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08. Mai 2007

Russischer Schulrektor wegen unlizensierter Software verurteilt Staat und Microsoft distanzieren sich

Alexander Ponossow, Rektor einer Dorfschule in der entlegenen Perm-Region (Ural-Gebirge), wurde gestern zu einer Geldstrafe verurteilt, weil auf zwölf Schulrechnern Schwarzkopien von Microsoft-Produkten liefen - ohne sein Wissen, wie er beteuert. Von dem heiklen Prozess distanzierte sich Microsoft, aber auch der russische Staatspräsident selbst. Der Lehrer will Einspruch einlegen.

Das Gericht verurteilte Ponossow zu einer Geldbuße von 5.000 Rubel (143 Euro). Dies entspricht dem halben Monatsgehalt des Rektors. So endet vorerst der Prozess, der eine große Diskussion in der russischen Öffentlichkeit ausgelöst hatte. Das Verfahren nahm seinen Anfang im Mai 2006, nachdem eine Inspektion festgestellt hatte, dass die zwölf Computer der Dorfschule mit nicht korrekt lizensierten Versionen von Windows und Microsoft Office ausgestattet waren. Der Rektor wies die Schuld von sich - die Computer seien bereits vorinstalliert an die Schule geliefert worden. Nichtdestotrotz eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Urheberrechtsverletzung. Am 15. Feburar dieses Jahres stellte ein Bezirksgericht die Schuld des Rektors fest - stellte das Verfahren dennoch wegen Geringfügigkeit ein. Dagegen legte jedoch die Staatsanwaltschaft, die den Lehrer verurteilt wissen wollte, Einspruch ein, wie auch Ponossow selbst, da er auf seiner Unschuld bestand und einen Freispruch forderte. So wurde das Verfahren wieder aufgenommen, und gestern schließlich wurde der Rektor verurteilt. Das Gericht schätze den verursachten "Schaden" auf 267.000 Rubel.

Angesichts des heiklen Verfahrens, bei dem Urherrechtsgesetze mit der moralischen Sorge um Schulbildung kollidieren, befand Microsoft es für nötig, sich von dem Prozess zu distanzieren. Nach Aussage der Präsidentin der Microsoft-Niederlassung für Russland und die GUS, Olga Dergunowa, habe der Konzern nie eine Anklage angestrebt. Es läge nicht im Interesse des Konzerns, Schulen und Lehrer zu verklagen, so das offizielle Statement. Die Initiative der Anklageerhebung sei komplett von russischer Behörden ausgegangen.

Bemerkenswert ist jedoch, dass auch der russische Staat sich von dem brisanten Prozess distanziert hatte - in Gestalt des höchsten Staatsrepräsentanten, Präsident Wladimir Putin. Am 1. Februar sagte dieser auf einer Pressekonferenz, eine mögliche Verurteilung des Lehrers sei "völliger Unsinn". Die Bekämpfung illegaler Softwarekopien dürfe nicht "formalistisch" vor sich gehen. Daraufhin setzten sich viele staatliche und nichtstaatliche Institutionen für den Rektor der 380 Schüler fassenden Dorfschule ein - darunter das Ministerium für Massenkommunikation, das staatliche Patentamt und das regionale Bildungsministerium von Perm. Sogar der letzte Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow, der sonst nicht automatisch auf Putins Seite steht, trat in Erscheinung: Er schrieb einen offenen Brief an Microsoft-Chef Bill Gates persönlich und apellierte an ihn, den Rektor nicht zur Rechenschaft zu ziehen - allerdings ohne Antwort.

Daß der Microsoft-Konzern den Eindruck vermeiden will, er würde unbarmherzigerweise Schulkindern Computerkenntnisse entziehen, ist offensichtlich. Ebenso offensichtlich ist, daß Putins Führung angesichts der Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr, bei denen ein "Nachfolger" den Kurs der jetzigen Regierung fortsetzen soll, den Anschein vermeiden will, man würde sich dem Druck eines ausländischen Konzerns beugen. Nichtdestotrotz wurde Alexander Ponossow als "Raubkopierer" verurteilt - gerade in Russland wäre dies nicht geschehen, wenn der Staat ernsthaftes Interesse gehabt hätte, das Urteil abzuwenden. Der wahren Grund könnte im bevorstehenden Eintritt Russlands in die Welthandelsorganisation liegen, schließlich haftet dem Land der Ruf einer nachlässigen Haltung zu Urheberrechten an. So mußte ein sichtbares Exempel statuiert werden - notfalls an einem Dorflehrer.

Der verurteilte Rektor sieht sich als Opfer von Konzerninteressen. Über seinen Anwalt bekundete er, Revision einlegen zu wollen. Dabei porträtieren ihn staatsnahe Medien, getreu der im Februar durch Putin vorgegebenen Linie, als mutigen Kämpfer gegen Justizwillkür und Kapitalinteressen. So schlägt die russische Führung zwei Fliegen mit einer Klappe: Nach innen gibt sie vor, die Interessen des "kleinen Mannes" zu vertreten, nach außen signalisiert sie die Bereitschaft, Urheberrechtsverstöße erbarmungslos zu ahnden.

Währenddessen melden Software-Händler in der Perm-Region einen Kaufanstieg vom lizensierter Programmunterstützung um 50%. Schließlich will niemand der nächste sein.

  • 5 Kommentare zum Artikel
  • Moin, da sage ich nur "Putin ein Parasit was Demokratie betrifft". mfg

    amondaro am 08.05.2007 11:48
  • Zitat: Zitat von gulli:news  Währenddessen melden Software-Händler in der Perm-Region einen Kaufanstieg vom lizensierter Programmunterstützung um 50%. Schließlich will niemand der nächste sein. omg... dennen sollte mal jem opensource nahe legen . es ist zum kotzen, dass alles so läuft wie sich die korrupten schweine gedacht haben gewinnmaximierung und "guter ruf" ist heute wohl alles

    Wandang am 08.05.2007 16:03
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