gulli: Rezension: SCEEN #2

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22. Juni 2008

Rezension SCEEN #2

Der Hamburger Layouter, Demoszenefreak und Machinima-Aktivist Alex "Monroe" Scholz ist seit je her ein bekennender Perfektionist. Wenn nicht alles zu 100% passt, wird es auf die lange Bank geschoben. Wie im Fall seines englischsprachigen Printmagazins SCEEN können aus ein paar Monaten Verzögerung bis zur Fortsetzung auch schon mal mehr als zwei Jahre werden. Nicht ganz ohne uns selbst zu verspäten, haben wir das Magazin über digitale Kultur und Kunst einer eingehenden Prüfung unterzogen.

 

Grund für die Verzögerung war nach eigenen Angaben die fehlende Manpower und das kleine Budget des Projekts. Da jeder der Teilnehmer die aufwendigen Beiträge während seiner Freizeit erstellt, kann sich die Angelegenheit schon mal etwas hinauszögern. Die erste Ausgabe warf das Team im Spätsommer 2005 auf den Markt. Mit einer eindrucksvollen Lieferung mehrerer hundert druckfrischer Zeitschriften per LKW begann vor etwa drei Jahren der Vertrieb auf der Kölner Demoszeneparty Evoke.

Das Abosystem der Zeitschrift lief an, die zweite Ausgabe kam und kam aber nicht. Auf Pouet.net und anderen einschlägigen Foren war es deswegen schon zu Protesten gekommen. Im Verlauf eines Interviews des Magazins Jurassic Pack versprach Alex Scholz die Herausgabe der zweiten Ausgabe für September 2007. Nun, im Frühjahr 2008 war es dann tatsächlich so weit. In Zukunft werden die Bezieher dieser Zeitschrift schlichtweg solche Abstände zwischen den einzelnen Ausgaben berücksichtigen - dann wird auch niemand deswegen enttäuscht sein.

SCEEN, digital culture, MonroeFür rund zehn Euro erhält der Käufer dafür aber auch eine sehr gut gestaltete Zeitschrift mit edlem Papier und DVD als Bonus. Diese enthält zahlreiche Beispiele der Materialen, die im Verlauf der SCEEN besprochen wurden. Inhaltlich geht es um alles, was mit digitaler Kultur zu tun hat. Neben den üblichen Newsrubriken wird die Intel Demo Competition des Vorjahres mit einem Feature bedacht. Daneben wird das Wiener Projekt "Fightclub Real Tekken" besprochen. God's Entertainment ist das Kollektiv einer der wenigen experimentell arbeitenden Theatergruppen in Österreich. Die Künstler arbeiten in den Bereichen Performance, Happening, Visual-Art und Sound. Erneut werden wir tief in die Welt des Vj'ing eingeführt. In diesem Fall begleitete man den Vj Graham Daniels von Addictive TV auf eine Vorführung und führte mit den Künstlern ein umfangreiches Interview. Zudem wurde die neue VJ-Software Sculp vorgestellt, die sich auch auf der beigefügten DVD befindet. Der Salzburger Andreas Koller benutzt für seine dreidimensionalen VJ-Effekte die Umgebung für die Entwicklersoftware eines Spieleherstellers. Auch wenn er selbst kein Gamer ist, versucht er damit diese beiden Welten effektvoll miteinander zu verbinden.

Auch das Leipziger Ausnahmetalent vom Netlabel Jahtari wird mit einem Bericht bedacht. Höhepunkt für die Fans der Demoszene ist ohne Frage das Special über die griechische Gruppe Andromeda Software Development (ASD). SCEEN, digital, culture, demoscene, vjAlex Scholz hinterfragte zudem die Hintergründe des weltweit ersten iPod-Demos "Podfather", wir berichteten ausführlich über das deutsche Pendant der Gruppe kakiArts für den iPod Nano. Auch wird mithilfe eines Interviews geklärt, was an vier Kilobyte Intros so sexy ist. Last, but not least werden zehn populäre Vertreter der Demoszene über jeweils zehn Produktionen der Szene befragt.

Selbst Gulli-Redakteur Martin Wisniowski aka 020200 ist unter anderem mit einem Beitrag über den norwegischen Programmierer Marius Watz vertreten. Netlabel Experte Moritz Sauer aka Mr. Phlow.net hat den Lesern auch in der zweiten Ausgabe sein Wissen zur Verfügung gestellt. Die erste Ausgabe seiner Netaudio Classics kurz vor Ende der zweiten Ausgabe bietet den SCEENern eine Art "Best of Netlabel-Releases", sehr spannend!

Wirklich alle Beiträge könnte und sollte man an dieser Stelle nicht erwähnen, das würde den Rahmen sprengen und inhaltlich auch viel zu weit vorgreifen. Die Gestaltung des Layouts ist so faszinierend, wie wir es uns von einer Fortsetzung der ersten Ausgabe her erwartet haben. Vom Schreibstil her gibt es absolut nichts zu bemängeln. Was für die Briten, Amerikaner und sonstige native Speaker von Vorteil ist, kann hier für uns zur harten Belastungsprobe werden. Weil dem Durchschnittsleser vieles fremd sein dürfte, sind die Themen an sich schon keine leichte Kost. Wer der englischen Sprache nicht in Perfektion mächtig ist, hat an dieser Stelle das Nachsehen oder muss oftmals den Duden bemühen, will er auch den letzten Gedanken und Satz nachvollziehen - Perfektion hat halt auch seine Schattenseiten.

SCEEN, Monroe, Alex Scholz, VJ, DJ, digital, cultureSCEEN füllt eine klaffende Lücke - für digitale Kultur in allen Formen gab es bislang kein Magazin und es macht absolut Sinn, diese Lücke in einer Sprache zu füllen, die weltweit so viele Menschen wie möglich verstehen. Für manchen Käufer könnte das Studium beider Ausgaben zu dem werden, was das Wort schon besagt, ein Studium. Ansonsten ist die Präsentation der Themen im Heft und auch der Medien auf DVD absolut professionell. Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten mag, überall wird auf weitergehende Links verwiesen.

Wir zählen also schon mindestens zwei weitere Jahre in froher Erwartung, bis die nächste Ausgabe das Licht der Welt erblicken wird. Alexander Monroe Scholz gab im Jurassic Pack Interview übrigens an, dass er zur Erholung auf seinem Amiga ab und zu "Turrican II" und "Lotus II" zocken würde. Nicht dass wir dem Mann seine Freizeit nicht gönnen, aber würde er hier und da die Spielsessions einschränken ...

Bezugsquellen:

SCEEN#2 @ Go64.de  -  SCEEN Issue #2 @ Amazon  -  SCEEN Website (Abos/Infos)

Video: SCEEN#2 Trailer

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