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07. Juli 2008
OpenOffice.org Interview mit Mechtilde StehmannMechtilde Stehmann ist eigentlich von Haus aus Diplom-Ingenieurin für Chemie mit der Fachrichtung Biochemie/Biotechnologie. Zudem zeichnet sie sich seit einigen Wochen bei OpenOffice.org (OOo) für die Sicherstellung der Qualität der Quellcodes und der Produkte verantwortlich. Zusammen mit ihrem Kollegen ist sie für die Organisation der Fehlerbehebung, den Test und die Freigabe der deutschsprachigen Releases von OpenOffice.org zuständig. Einerseits kommen die Mitglieder des OOo-Teams in den Medien generell eher selten zur Sprache. Andererseits erschien uns ein Interview mit einer Frau mit solch unterschiedlichen Qualitäten sowieso sehr sinnvoll zu sein. Wer die Chemie der Elemente beherrscht und diese auch die im eigenen Team im Griff hat, mit einer solchen Person könnte sich ein Gespräch absolut interessant und herausfordernd gestalten. Lars Sobiraj: Hallo Mechtilde! Die Schätzungen über den Marktanteil von OpenOffice.org (OOo) liegen irgendwo zwischen drei und 15 Prozent. Was kann man tun, um den eigenen Marktanteil noch mehr zu erhöhen? Gibt es zwischenzeitlich aktuellere Zahlen bezüglich des Marktanteils? Es gibt keine verlässlichen Zahlen über die Anzahl der Installationen und damit auch nicht, wie viele davon genutzt werden. Dies zeigt auch diese Studie aus dem Jahre 2007. In den letzten 12 Monaten ist ein deutlicher Zuwachs an neuen Nutzern zu bemerken. Ob sich dies überhaupt in Marktanteilen ausdrücken lässt, ist aber fraglich. Erste Anfragen lassen einen deutlichen Zuwachs der Nutzer zur kommenden Version 3.0 erwarten. Hier besonders unter den Mac-Nutzern. Für die 3.0 ist es nämlich dann nicht mehr notwendig, X11 zu installieren. Sinnvollerweise kann - meiner Meinung nach - der Marktanteil nur auf die Zahl der installierten "Office"-Pakete bezogen werden. Unter (Open)Solaris, FreeBSD und auch unter (GNU/)Linux dürfte insoweit der "Marktanteil" sehr hoch sein. Unter MacOSX ist eine deutliche Steigerung zu erwarten. Unter Windows scheint es ein stetiges Wachstum zu geben. Lars Sobiraj: Im Vergleich zum Office 2007 von Microsoft, was in der verbilligten Version für Studenten schon beinahe 100 Euro kostet, ist OOo umsonst. Mechtilde Stehmann: "Umsonst" gefällt mir nicht so ganz. OpenOffice.org ist frei - im Sinne von Freiheit. Man muss schon etwas investieren, um damit effektiv arbeiten zu können, z. B. Lernbereitschaft.
Mechtilde Stehmann: Das spielt schon eine große Rolle, wie auch die Anfragen zu diesem Thema zeigen. Die Kompatibilität hängt entscheidend auch von der Art der auszutauschenden Dokumenten ab. Bis zur Version MS-Office 2003 klappt der Dokumentenaustausch ganz gut, solange keine Makros im Spiel sind. Bei einer Migration spielen dann wieder andere Kriterien eine Rolle. An der Im- und Export-Möglichkeit von OOOXML wird noch gearbeitet. Lars Sobiraj: Wie kooperativ gibt man sich beim großen Riesen aus Redmond diesbezüglich, wie läuft die Zusammenarbeit bei der Erstellung gemeinsamer Standards? Mechtilde Stehmann: Meines Wissens gab es keine Kooperation mit Redmond. Die Kompatibilität beruht auf reinem Reengineering. Nunmehr gibt es das bekannte "Novell-Microsoft"-Abkommen. Was das für OpenOffice.org bringt, bleibt abzuwarten. Lars Sobiraj: Wie kommt es, dass auf so vielen neuen Computern anstatt von OpenOffice.org eine zeitlich limitierte Version von Office 2007 vorinstalliert wird? Mechtilde Stehmann: Ich nenne so etwas gerne "Anfixen". Lars Sobiraj: Knappe aber präzise Antwort. Mit welchen Methoden sichert sich Microsoft bei den Herstellern von Hardware seinen Marktanteil bei vorinstallierten Laptops und Desktops? Mechtilde Stehmann: Nun das Wettbewerbsverhalten von Microsoft ist Gegenstand verschiedener Verfahren in Europa, aber auch außerhalb von Europa gewesen.
Der Investitionsschutz hat bei OpenOffice.org einen hohen Rang. Für die, die noch die Version 1.1.5 nutzen möchten/müssen, erhalten so Security-Updates. Lars Sobiraj: Ein Ziel vieler Organisationen, bei denen Du Mitglied bist, ist das Erlangen von Freiheit. Wie kann mir OOo dabei behilflich sein? Was ist daran ganz konkret freier und offener als bei den Produkten der Konkurrenz? Mechtilde Stehmann: OpenOffice.org erlaubt es mir, Herr/in über meine Dokumente zu bleiben. Ich bin nicht abhängig von einem Software-Hersteller, ohne den ich dann nicht mehr an den Inhalt meiner Dokumente komme. Das Dokumentenformat ODF ist offen und frei und wird daher von einer zunehmenden Zahl anderer Programme unterstützt. Es ist für Textdokumente und Kalkulationstabellen ein Klartext-Format, sodass man nach der Dekomprimierung seine Dokumente mit einem simplen Editor betrachten kann. Im Rahmen der Diskussion, dass auch Microsoft mit Ihrem OOXML eine Standardisierung anstrebt, vielleicht folgendes Gedankenspiel: Es ist heute (Mitte 2008) eine Software denkbar, die den ODF-Standard komplett implementiert hat. Dann können mit dieser Software alle Dokumente, die mit der Version 2.x erstellt wurde, gelesen werden. Eine denkbare Software, die den OOXML-Standard komplett implementiert hat, kann die Dokumente von MS-Office 2007 nicht oder nur sehr schlecht einlesen, da diese Dokumente noch Teile beinhalten, die nicht dem Standard entsprechen. Ehrlicherweise muss aber gesagt werden, dass auch die vollständige Implementierung des aktuellen ODF-Standards eine Aufgabe für Gegenwart und Zukunft ist. Dabei ist allerdings OpenOffice.org am weitesten fortgeschritten.
Mechtilde Stehmann: Die Zusammenarbeit ist gut, intensiv und konstruktiv. Bei Sun ist eine große Bereitschaft vorhanden, nicht nur der Community zuzuhören und sie zu unterstützen, sondern ihr auch - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung zu übertragen. So ist es überwiegend Aufgabe der nationalen Communities ihre Lokalisierung up-to-date zu halten. Lars Sobiraj: Wie sehr ist das Unternehmen an der Entwicklung beteiligt? Mechtilde Stehmann: Sun Microsystems ist nach wie vor der Hauptsponsor von OpenOffice.org. Die meisten Entwickler von OpenOffice.org stehen bei Sun auf der Gehaltsliste. Lars Sobiraj: ... und womit begründet sich deren Interesse an diesem Projekt? Mechtilde Stehmann: In erster Linie ist Sun ein Hardware-Hersteller und dies nicht im klassischen PC-Bereich. Aber ohne entsprechende Software lässt sich Hardware heute nicht mehr verkaufen. Deshalb muss man daran interessiert sein, plattformübergreifende Programme zur Verfügung zu haben, sodass den Kunden für die Sun-Hardware eine Kollektion ihnen anderweitig bekannter, erprobter Programme geboten werden kann. Auf der anderen Seite ist dann der Nutzer dieser Programme nicht auf eine bestimmte Plattform festgelegt. Sun ist selbstbewusst genug, kein sogenanntes "vendor-lock-in" anzustreben, sondern respektiert die Freiheit der Kunden. Lars Sobiraj: Was reizt dich persönlich daran? Mechtilde Stehmann: Angefangen hat die ganze Sache damit, dass ich ein leistungsfähiges Office-Programm suchte, das unter Linux läuft. Und dann sollte es noch mit relationalen Datenbanken zusammenarbeiten. Da fiel die Wahl dann ganz schnell auf OpenOffice.org und auf die damaligen Entwicklerversionen der 2.0. Da funktionierte es oft hier und da nicht. Je mehr ich dann nach Informationen suchte, kam ich auch über den IRC mit den Entwicklern in Kontakt. So konnte ich dann auch meine Probleme vortragen und mich bei der Weiterentwicklung einbringen. Lars Sobiraj: Welche Aufgabe hast du dabei übernommen? Mechtilde Stehmann: So bin ich zur Qualitätssicherung (QA) gekommen. Hier geht es vor allem um die Tests und Freigabe jedes deutschsprachigen Releases von OpenOffice.org. Da OpenOffice.org auf einigen Plattformen läuft, gibt es für die Ansprechpartner auch administrative Aufgaben. Tester für die verschiedenen Plattformen müssen gefunden, eingeführt und immer wieder motiviert werden. Testergebnisse müssen abgefragt und zusammengetragen werden. In Abstimmung mit den Testern muss schließlich entschieden werden, ob eine Version für eine bestimmte Plattform freigegeben werden kann.
Mechtilde Stehmann: Ohne Kapitalmacht würde auch bei OpenOffice.org zunächst einmal sehr viel weniger laufen. Wenn gerade auch mittelständische Unternehmen einmal merken werden, dass es kein Naturgesetz ist, dass man sich im EDV-Bereich "auf Gedeih und Verderb" an einen bestimmten Produzenten binden muss, könnte Freie Software eine größere volkswirtschaftliche Bedeutung erlangen. Ob dies eintritt und welche Auswirkungen dies nicht zuletzt auf die Contributoren Freier Software haben wird, ist eine spannende Frage. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Freie Software zukünftig eine wichtige Rolle, vor allem auch in Ländern wie Brasilien China, Indien und Südafrika, spielen wird. Lars Sobiraj: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch und viel Erfolg bei deiner weiteren Tätigkeit bei OOo! Verwandte News
Trackbacks
Vielen Dank an die Redaktion. Es ist ein nettes und angenehm zu lesendes Interview. StevenBiko am 08.07.2008 14:15
Mal wieder eine lohnende News. cu mathmos mathmos am 08.07.2008 14:27
OpenOffice hat leider einige Probleme, und diese halten zumindest mich davon ab, dieses Programm ständig zu benutzen. Wohlgemerkt: Ich benutze OO seit der Version 1 immer in den neuesten Fassungen; aktuell habe ich außer der 2.4.1 sogar gelegentlich die 3.0b in Gebrauch. Ein sehr wichtiges Kriterium für OO ist die portableapps-Version, die unkomplizierte Aktualisierungen ermöglicht. Also: OO ist zu träge. In jeder Version. Und das sogar auf ... Pater_Lingen am 08.07.2008 18:45
Subjektiv kann ich eigentlich nicht wirklich einen Unterschied zwischen aktuellen Versionen von OpenOffice und MS Office feststellen was die Geschwindigkeit betrifft. Eigentlich ist mir das auch recht egal, ob das ganze nun 2 oder 4 Sekunden zu starten braucht. Kannst du bitte auch mal etwas genauer werden, was deine Kompatibilitätsprobleme mit MS Word Dokumente unter OpenOffice betrifft? Ist ja nicht so, dass ich es nicht glaube, aber leider ... mathmos am 08.07.2008 18:59
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