gulli: No Copy - die Welt der digitalen Raubkopie
31. März 2006

No Copy - die Welt der digitalen Raubkopie

Jan Krömer und Evrim Sen führen in die Szene ein

Wie beginnt man die Rezension einer feinen Übersicht über die Welt der Warez, die sich prima liest, die Szene wie auch ihre Geschichte umfassend abhandelt und mit so hübschen Details wie dem Bekenntnis des GVU-Chefs Joachim Tielke aufwartet, regelmäßiger gulli:board-Leser zu sein? Mit einem rundum lobenden Satz.

Danach fällt es ein Stück leichter zu beklagen, dass man bei der Lektüre immer wieder das Gefühl hat, die Autoren hätten ein Thema an sich nur angekratzt - und an sich gäbe es noch viel Spannendes zu erzählen, nun muss man aber zum nächsten Punkt übergehen. Dies der Wermutstropfen, liest man die nun erschienene Szeneeinführung von Jan Krömer und Evrim Sen, "No Copy - die Welt der digitalen Raubkopie". Oder, zum Positiven gewendet: 100 Seiten mehr hätten nicht gestört.

Die Geschichte der "Szene"

Die Welt der *digitalen Raubkopie ist das Thema des Buchs, mit der digitalen Raubkopiererei setzt die Geschichte der unberechtigten Vervielfältigung auch ein: analoge Vorläufer wie der Aufbau des US-Verlagswesen auf der Basis von unautorisierten Nachdrucken oder die Gründung Hollywoods sind kein Thema. Vorangestellt ist jedoch die Geschichte der "ersten Hacker" - Krömer und Sen werden noch mehrfach im Buch Hackerkultur, Warezszene und Freie Software miteinander verknüpfen. Der "Sündenfall" kommerzielle Software zog zwei Reaktionen nach sich - freie Software zum einen, "Befreiung" kommerzieller Soft zum anderen. Verbindendes Element der verschiedenen Szenen ist die (kosten)freie Verbreitung von Code und Information - ein Standpunkt, über den sich trefflich streiten läßt.

No Copy - BuchcoverÜber die ersten BBoxen und Crackergroups kommt der Text schnell zur Webwarezszene und der heute immer noch präsenten Struktur Releaser, FxP-Crews und Filesharing. Aufkommen und technische Voraussetzungen der verschiedenen Distributionsformen und Medien werden umfassend erläutert, dazu listen die Autoren auch mal zwei Seiten lang Crewnamen auf. Regeln und Rituale werden ebenso beschrieben wie Unterschiede und Eigenheiten von verschiedenen Crews und "Tätigkeitsfeldern" - wie im Moviez-Sektor oder in der Ebook-Szene.

Dann kommt der erste aprupte Bruch: mit Linux, freier Software und Hackerethik folgt eine schnelle EInführung in die Kultur geteilten und frei zugänglichen Wissens. Von Open Source über die Wikipedia bis hin zur Bloggerszene werden die dezentralen, freien Kulturen dargestellt. Nach der ersten Verblüffung dringt die Botschaft durch: die dezentrale, freie Verteilung von Code und Information scheint ein grundlegendes Prinzip zu sein, welches sich in allen Bereichen der Netzkultur wiederfindet, sowohl in legalen Ausprägungen wie auch in kriminalisierten. Die Hoffnung auf eine tiefergehende Erörterung der mutigen These wird indessen enttäuscht, und ehe man sich versieht, findet man sich in der Psychologie des Kopierens wieder.

Ein insgesamt sehr rosiges Bild

...der Szeneangehörigen zeichnen Krömer und Sen. Und es ist auf alle Fälle zu begrüßen, dass mit den Klischeebildern des bebrillten, bläßlichen Szenenerds aufgeräumt wird, der soziale Defizite des RealLife im Netz kompensiert. Dabei wird gelegentlich über das Ziel hinausgeschossen: die Literatur, die herangezogen wird, scheint etwas selektiv zitiert. Dass innerhalb von Subkulturen "keine Diskriminierung herrscht", kann man bezweifeln: vor allem nach Lektüre der vorhergehenden Kapitel, in denen eben solche Diskriminierungsprozesse mehrfach beschrieben werden.

Jan Krömer und Evrim SenDas Bild der sozial gut vernetzten, solidarischen "Szene" im Gegensatz zu den "Normalchattern", die Untersuchungen zufolge des öfteren "Symptome wie soziale Isolierung, Depression und Vereinsamung" aufweisen, scheint das Resultat etwas einseitiger Literaturauswahl zu sein. Die als "szenetypisch" dargestellten Freundschaftsnetzwerke finden sich auch in zahlreichen anderen Communities im Netz, ausführlich dargestellt wird dies beispielsweise im Standardwerk Nicola Dörings: die "Sozialpsychologie des Internet" hatten die beiden Autoren durchaus in der Hand, im Literaturverzeichnis ist es aufgeführt.

Auch andernorts hat das Bild der Szene etwas zuviel gaußschen Weichzeichner abbekommen: einiges wird ausgeblendet, was den Autoren zweifellos bekannt ist. Die Reibereien zwischen diversen Sites, die bis hin zum Streuen von Gerüchten über Kooperation mit den Strafverfolgern oder der Veröffentlichung von RealLife-Daten gingen, sind gelegentlich nicht mehr unter "sportlichen Wettbewerb" einzuordnen: oft geht es schlicht um mehr User, und mehr User bedeuten mehr Werbeeinblendungen. Rivalitäten bis hin zur Sabotage finden sich nicht nur zwischen den "Ligen" Releaser/FxP/Filesharingszene, sondern auch zwischen und innerhalb von Gruppen. Auch hierfür gab es in der letzten Zeit einige unrühmliche Beispiele, die man bei der Lektüre zur Szenesolidarität leicht vergisst.

Unrühmlichkeiten und Propaganda

Die gängigen Mythen und Behauptungen der Gegenseite werden hingegen umfassend dargestellt. Krömer und Sen haben eine Zusammenfassung sowohl der gängigen Anti-Kopierpropaganda und ihrer Widersprüche wie auch der Resultate der Kriminalisierung abgeliefert, in der sich auch für den Leser mit Hintergrundwissen viel neues entdecken läßt. Absurditäten des Urheberrechts, ärgerliche bis empörende Verfahren der Verwertungsindustrie gegen Kopierer bis hin zu den Ungereimtheiten um DeCSS, DRM und Konsorten werden dargestellt, anschließend werden die großen Szenebusts der vergangenen Jahre beschrieben.

All die Kriminalisierung hat nichts gebracht, so das abschließende Statement, da die Ursachen für Umsatzeinbrüche der Medienindustrie - sofern überhaupt vorhanden - woanders liegen. Auch hier wird der aktuelle Stand der Diskussion umfassend dargestellt - darüber hinaus geht die Erörterung leider nicht. Hier hätte man sich vielleicht noch den Ausblick auf alternative Mediendistribution gewünscht, wäre eine kurze Darstellung der gerade erst beginnenden Problematik für die TV-Sender spannend gewesen, für die das zeitversetzte Ausstrahlen von Serien in unterschiedlichen Ländern mittelfristig problematisch werden dürfte. Zeitversetztes TV a la TiVO oder Shift.tv und die resultierende schrumpfende Reichweite von Fernsehwerbung sind kein Thema mehr, Broadcast Flag und der Kampf um das Recht zur Videoaufnahme klingen ebenso nicht mehr an. Auch hier stehen Kämpfe an, in denen die Verbraucher die Herrschafft über ihre Heimelektronik behaupten müssen, wollen sie nicht von einer alles kontrollierenden DRM-Industrie bevormundet werden.

Der Kampf geht weiter

Den "sportlichen Kampf" hingegen pflegt nach eigener Aussage eine Institution, von der man ein solches Statement weniger erwartet hätte. Joachim Tielke, GVU-Chef und Interviewpartner der beiden Autoren hegt "kein Feindbild des Raubkopierers", und die Bezeichnung der durch unerlaubtes Kopieren von der Industrie immer wieder in den Raum gestellten Schadenszahlen als "Bullshit" sind nur zwei der überraschenderen Äußerungen, die er in einem der fünf Interviews macht, die das Buch beschließen.

Neben den Interviews wird das Buch durch Glossar und umfangreiches Quellenverzeichnis ergänzt.

Szeneaffine Leser werden in "No Copy" viel Bekanntes zu lesen und einiges Neues zu entdecken bekommen. Der Einsteiger bekommt ein Buch in die Hand, welches umfassend und gut verständlich in die Materie einführt - und bei dem man sich, wie eingangs bemerkt, gelegentlich einfach noch ein paar Seiten mehr wünscht.

"No Copy - die Welt der digitalen Raubkopie" steht auf der Homepage der Autoren am Donnerstag, den 6. April zum freien Download zur Verfügung. Am gleichen Tag um 20:00 Uhr stellen sie es im Filmhaus Köln in der Maybachstraße vor.
Jedenfalls wenn sie davor nicht durch einen wütenden Mob Linux-Anhänger gesteinigt werden - das Linuxkapitel des Buchs ist mit "Crackerethik" überschrieben.

No Copy. Die Welt der digitalen Raubkopie
von Jan Krömer, Evrim Sen
Paperback, 304 Seiten, EUR 15,80
Tropen Verlag

  • 13 Kommentare zum Artikel
  • habs jetzt mal angelesen, ist echt gut !!

    MatzZz3 am 07.04.2006 09:11
  • Habs mir bestellt, finds an sich ganz gut, aber das ganze Buch hätte auch als Serie oder die Kapitel unabhängig irgendwo erscheinen können. Es hat keinen roten Faden, die inhaltlichen Sprünge sind sehr groß. Aber alles in allem ein Buch, das auch mal von "unser" Seite berichtet (muss sich ja nicht jeder angesprochen fühlen ). Dadurch aber wiederum sehr objektiv, Gegendarstellungen werden sofort unterbuttert usw. Aber trotzdem, ...

    ~ocean~ am 12.04.2006 11:39
  • Zitat: Zitat von swiftx hackerland != hackertales im übrigen verbinde ich mit gravenreuth und evrim vor allem das gravenreuth-märchen vom rauswurf: Es waren zwei verschiedene Parties - wer es nicht glaubt: Evrim fragen.

    Gravenreuth am 12.04.2006 17:39
  • Zitat: "No Copy - die Welt der digitalen Raubkopie" steht auf der Homepage der Autoren am Donnerstag, den 6. April zum freien Download zur Verfügung. Wie sieht es damit jetzt aus? Kann man sich bei einem einmaligen Download-für-alle so etwas legal jetzt irgendwoher als Kopie besorgen? Ich habe vom Buch leider erst vor 2 Monaten gehört, da war die Arktion gerade schon vorbei Ich habe das Buch ...

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