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23. Juni 2008
Nino Leitners Doku "Every Step You Take" Rezension, Preisrätsel und InterviewKameraüberwachung. Bei uns in Deutschland oder Österreich die Ausnahme, in Großbritannien die Regel, noch. Der österreichische Filmemacher Nino Leitner veröffentlichte letztes Jahr den Dokumentarfilm "Every step you take". Manche Experten sprechen von rund fünf Millionen Überwachungskameras in Großbritannien, andere von sieben oder acht Millionen, die genaue Zahl ist unbekannt. Nino Leitner sprach mit Kritikern wie auch Befürwortern der ständigen Überwachung, sammelte Argumente für beide Seiten. Wir haben uns während eines Besuchs in Wien sehr ausführlich mit ihm über sein Projekt unterhalten.
Nino Leiter versucht die Tatsache zu erklären, warum ausgerechnet George Orwells Heimatland zur Nation der Überwachungskameras wurde. Nirgendwo sonst auf der Erde finden sich so viele davon, alleine ihre Unterhaltung kostet Milliarden. Durchaus denkbar, dass es in UK bald so viele Kameras wie Menschen gibt. Die Technik ist bereits zum Großteil aus dem Bewusstsein der Leute verschwunden, die Briten nehmen kaum noch Anstoß daran. Auch der Widerstand dagegen hält sich sehr in Grenzen. Nach dem Ende des Kalten Krieges waren viele Rüstungsfirmen auf der Suche nach neuen Absatzmärkten. Gleichzeitig nahmen während der 1980er Jahre die Probleme zu, Kriminalität wurde vermehrt ausgeübt. Keiner der Politiker wusste so recht, was er dagegen tun soll. Zudem verbreitete in den 1990ern die IRA in der Bevölkerung mit ihren Terroranschlägen Angst und Schrecken. Die Antwort war schnell gefunden: die Kameras mussten her. Auch wenn die Mittel für die Polizei gekürzt wurden, so sollten die CCTVs (Closed Circuit Televisions) für Abhilfe sorgen. Reicht die symbolische Wirkung wirklich aus um derart viele Gelder in die Technik anstatt in die Gehälter zusätzlicher Polizisten zu investieren? Überfälle, Ladendiebstähle passieren damals wie heute. Der Film war ein Teil der Magisterarbeit an der Fachhochschule Salzburg, die theoretische Ausarbeitung dringt noch weitaus tiefer in die Materie ein. Nino Leitner führte Gespräche mit dem stellvertretenden Chef der Polizeieinheit, die in England für den öffentlichen Verkehr zuständig ist, mit Paul Smith, einem der Gründer der Safe Speed Campaign. Im Film kommen auch Professor Clive Norris von der Universität Sheffield, der Juraprofessor Lars Mossesson, der Aktivist Barry Hugill, James Morris vom Digital-TV-Projekt und viele andere Personen zu Wort. Der Autor selbst lebte für einige Monate im Vereinigten Königreich. Er fand die ständige Bewachung durch die zahlreichen elektronischen Brüder befremdlich. Noch mehr verwunderte ihn die Tatsache, dass sich deswegen keiner auflehnt. Die Überwachungsmaschinerie ist mittlerweile vollständig in die Gesellschaft integriert, nach Nutzen und Kosten fragen nur wenige Kritiker des Systems. Während seines Auslandssemesters im Jahr 2004 kam er auf die Idee der Sache auf den Grund zu gehen. Ihm und spanischen Studienkollegen war die Präsenz der Geräte sofort ins Auge gefallen. Nachdem in seinem Heimatland Österreich die ersten Kameras im Bereich der beliebten Ausflugsziele der Touristen installiert wurden, kam er aufs Thema zurück und schloss den Film mit einem weiteren Aufenthalt in Großbritannien ab. Die DVD enthält neben den englischen Dialogen auch die deutschen Untertitel. Zudem findet sich dort der Mitschnitt einer Podiumsdiskussion, eine Aufbereitung des Themas von Langenscheidt in Form von HTML-Dateien, die Magisterarbeit in deutscher Sprache und umfangreiches Pressematerial. Auf der Website von Nino Leitner wird "Every step you take" inklusive aller Versandkosten für rund 20 Euro angeboten. Am Ende des Interviews verbirgt sich aber noch ein Preisrätsel! Wir verlosen fünf DVDs, die wir netterweise von Nino Leiter gestellt bekommen haben. Wer sich auch nur annährend für dieses Thema interessiert, dem sei gesagt: das Geld ist gut angelegt. Viel mehr kann man der Thematik wirklich nicht entlocken, was auch die zahlreichen Auszeichnungen auf diversen Filmfestspielen erklärt. Weitere Informationen zum Film finden sich auf der Website des Autors.
Nino Leitner: Ja und nein - sie soll aufzeigen, wie die Realität und die Fiktion auch in unseren Leben tagtäglich immer weiter verschmelzen, und wie das vor allem auch Technologien wie CCTV fördern. Es handelt sich um einen nachgestellten Ausschnitt einer Folge aus der Reality-TV-Serie "Big Brother". Die Art und Weise, wie das Mädchen gemaßregelt wird, weil es sich schlichtweg der Order, nicht schlafen gehen zu dürfen, nicht nachkommen kann, ist schon erschreckend. Natürlich wurde das bis zu einem gewissen Maß inszeniert und fand ja "nur" im Fernsehen statt. Trotzdem finde ich, dass mit dem Einzug von solchen Serien in den medialen Mainstream auch die Bereitschaft der Bevölkerung, sich solchen Überwachungsmaßnahmen auszusetzen stark erhöht hat. Das ist bedenklich.
Lars Sobiraj: In Großbritannien kommt schätzungsweise eine Überwachungskamera auf zirka 14 Personen. Mindestens 4,2 Millionen Stück überwachen jeden Briten auf Schritt und Tritt. Auf ihrem Weg zur Arbeit werden sie täglich rund 300 Mal am Tag gefilmt. Wie kommt es dazu, dass niemand dort Anstoß daran nimmt? Liegt es daran, weil viele so Passenten die schwarzen Kästen nicht als Kameras identifizieren? Eine Registrierungspflicht wie hier in Deutschland wäre dort schwer umzusetzen, was macht für die dortigen Bürger den Unterschied aus? Nino Leitner: In meinen umfangreichen Recherchen zum Film und zur schriftlichen Diplomarbeit (die es übrigens kostenlos auf www.EveryStepYouTake.org zum Download gibt) habe ich mir diese Frage auch immer wieder gestellt. Das Verhalten der britischen Öffentlichkeit in Bezug auf Überwachungsmaßnahmen ist massivst widersprüchlich, und ich bin überzeugt, dass das an der Art und Weise liegt, wie die britische Öffentlichkeit durch die Medien informiert wird. Ein Beispiel: Die Briten scheinen zwar mehrheitlich für den Einsatz der Videoüberwachung zu sein, andererseits gibt es ganz massiven Widerstand gegen die Einführung von ID-Cards, also Personalausweisen. Hier in Deutschland und Österreich können wir darüber nur lachen, weil es bei uns schon sehr lange eine Ausweispflicht gibt. Das ist in Großbritannien nicht so, und die Menschen dort sehen gerade das als massiven Einbruch in ihre Privatsphäre. Sie wollen niemandem - auch nicht der Polizei - die Macht geben, ihre Identität ohne ihr Einverständnis in der Öffentlichkeit feststellen zu können. Hier sieht man also einen ganz krassen Gegensatz, weil die Videoüberwachung von der Bevölkerung größtenteils gar nicht als Überwachungsmaßnahme, sondern mehr als Schutz angesehen wird. Das wiederum halte ich wie schon erwähnt für ein Phänomen, das von den Medien ausgelöst wurde. Die Videoüberwachung hat ja den unglaublichen politischen Vorteil, dass man vor ihr fast immer nur etwas hört bzw. sieht, wenn ein "Verbrechen" oder Ähnliches aufgezeichnet wurde. All die Ereignisse, die in Millionen von Stunden tagtäglich umsonst aufgezeichnet werden, sind irrelevant und werden natürlich nicht medial weitervermittelt. Dasselbe gilt für Bilder, die missbraucht werden - da es keine Kontrolle der Überwacher in England gibt, erfährt man in den allerseltensten Fällen von Missbrauch. Aber die in unscharfen Bildern aufgezeichneten Verbrechen, zum Beispiel Überfälle in Geschäften, werden tagtäglich in den lokalen Printmedien und speziellen TV-Sendungen "vermarktet": Man fragt z. B. die Bevölkerung, ob sie eine auf einem Standbild abgebildete, maskierte Person erkennen oder ob sie Hinweise auf dieses Verbrechen geben können. Das macht gute Headlines, ist scheinbar hocheffizient (obwohl die Bilder meist nutzlos sind) und vermittelt in seiner ständigen Wiederholung natürlich ein "gutes" Bild der Technologie, sodass die Leute es eher als Schutzmaßnahme sehen als das, was es in Wahrheit ist: ein Einschnitt in ihre Privatsphäre oder - wahrscheinlich noch viel bedenklicher - eine höchst ineffiziente Verbrechensbekämpfungsmethode für den öffentlichen Raum (was auch durch zahllose Studien immer wieder belegt wurde).
Ausgelöst wurde diese massive mediale Stimmung zugunsten der Videoüberwachung aber eigentlich schon viel früher, und zwar im Jahre 1993. In England wurde damals ein dreijähriger Junge von zwei Zehnjährigen aus einem Einkaufszentrum entführt, stundenlang grausam gefoltert und schließlich durch Schläge mit Ziegelsteinen und Tritten getötet. Dieser Junge, Jamie Bulger, und seine beiden Mörder wurden beim Verlassen des Einkaufszentrums von einer privaten Videoüberwachungskamera erfasst. Eines dieser unscharfen Standbilder, auf denen man nur Silhouetten der Drei erkennen kann, war monatelang ständig in den Medien. Der Fall führte zu großen Diskussionen über den Status der Jugend etc., und im Jahr darauf konnte der Innenminister der konservativen Regierung ohne Widerstand der Opposition ein großes Förderprogramm für Videoüberwachung im öffentlichen Raum einführen, ohne Beweise zur Effizienz der Technologie zu haben. Obwohl ironischerweise die Bilder der Überwachungskamera das Verbrechen nicht verhindert hatten, wurde die Videoüberwachung im öffentlichen Raum mit dem Ziel der "präventiven Verbrechensbekämpfung" eingeführt. Dieser Widerspruch wiederholt sich auch in aktuelleren Ereignissen immer wieder: Auch bei den London Bombings im Juli 2005 konnten die Überwachungskameras die Selbstmordattentäter natürlich nicht daran hindern, ihre Taten zu begehen, und dennoch reagierte man mit einem lauten Ruf nach mehr Videoüberwachung. Das gleiche ist 2006 auch in Deutschland passiert, wo zwei potenzielle Terroristen sich mit Kofferbomben in Zügen in die Luft sprengen wollten und am Bahnsteig von Kameras gefilmt wurden. Auch hier wieder der völlig irrationale Ruf nach noch mehr Videoüberwachung - obwohl die Bombenattentate ja nicht durch die Kameras verhindert wurden, sondern nur dadurch, dass die beiden glücklicherweise einfach zu blöd waren, funktionierende Bomben zu bauen. Alles in allem glaube ich also, dass der Unterschied zwischen Großbritannien und Deutschland vor allem in der medialen Vermittlung der Technologie liegt. Und glücklicherweise gibt es gerade in Deutschland einen sehr lebendigen kritischen Widerspruch von breiteren Bevölkerungsgruppen zu tendenziell Demokratie gefährdenden Maßnahmen aller Art. Ich habe bei den vielen Publikumsdiskussionen nach Vorführungen meines Films in Deutschland gemerkt, dass man sich hier vieles nicht so leicht gefallen lassen will, wie das in anderen Staaten weltweit schon längst der Fall ist. Leider auch in Österreich ist der Widerstand nicht so massiv wie in Deutschland.
Nino Leitner: Ich denke und hoffe, dass es sich bei diesem Beispiel noch um eine Ausnahme handelt. Man muss bei aller Kritik sagen, dass es ja glücklicherweise (zumindest noch) nicht möglich ist, mit dem System Gesichter wirklich erkennen zu können. Aber das könnte sich schnell ändern. Ich denke, das war eher ein Marketinggag als irgendetwas anderes, der aber eher nach hinten losgegangen ist: Die Berichterstattung war weltweit sehr negativ. Aber: Die Linksammlungen zu ungeschützt und unwissentlich in die ganze Welt übertragenden Überwachungskameras, die wir schon jetzt im Internet finden, werden täglich umfangreicher. Vor allem aber Mustererkennungssysteme wie Kennzeichenerkennung und Gesichtserkennung werden Einschnitte in unsere Lebenssphäre nach sich ziehen, wie wir es bisher nicht kannten. Die generelle Gefahr sehe ich derzeit aber vor allem in der zunehmenden Art und Weise, wie persönliche Daten von Menschen im Allgemeinen immer mehr zentralisiert und in Datenbanken angeordnet werden, und zwar unter dem Deckmantel der "Sicherheit". Es liegt aber natürlich im Interesse des Staates und der großen Konzerne, den Bürger "durchsichtig" zu machen und schlussendlich auch Druckmittel gegen ihn in der Hand zu haben. Das hat nichts mit irgendeiner linken Propaganda zu tun, sondern ist eine Tatsache. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht leichtfertig die demokratischen Rechte Stück für Stück wegnehmen lassen, für die viele Generationen vor uns jahrhundertelang gekämpft haben. Denn wir wissen alle: Etwas zu zerstören geht viel schneller und leichter als etwas zu erschaffen. Ich hoffe, dass speziell in Deutschland und Österreich aufgrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts hier schneller die Alarmglocken schrillen als in anderen Staaten, die vor Totalitarismus in jüngerer Vergangenheit verschont geblieben sind. Dennoch heißt es, immer auf der Hut zu sein - vor allem vor denen, die am lautesten nach mehr Sicherheit schreien.
Lars Sobiraj: Wie schwer ist es wirklich an die Softwarecodes der Digitalkameras zu kommen? Kann man auf diese wirklich so einfach über Suchanfragen bei einem der Suchmaschinen zugreifen oder wie viel technisches Verständnis ist dafür erforderlich? Nino Leitner: Das ist erschreckend einfach. Man muss im Prinzip nur einen Teil einer URL googlen, unter der Steuerungssoftware für einen bestimmten Typen von Überwachungskameras zu finden ist. Dann kopiert man diese URL meist in einen Medienplayer wie VLC und lässt sich das Video live streamen. Klingt komplizierter als es ist. Hier finden sich Anleitungen und jede Menge solcher Beispiel-URLs: pinoyconsole.com/hacking/how-to-hack-into-security-cameras-in-google/ defeatingthehacker.com/videoham/
Nino Leitner: Ich vermute, dass das sehr häufig passiert. Ohne einen Anwalt hat man kaum eine Chance, die Betreiber dazu zu zwingen, das Material rauszurücken - obwohl sie alle es laut Gesetz müssen, wenn man es anfordert. Rechtsdurchsetzung ist eine andere Sache als grundsätzlich im Recht zu sein. Man muss bedenken, dass es für die Betreiber extrem teuer und aufwendig ist, das Material zu durchsuchen. Ich glaube, dass sie sich mit solchen Ausreden (wie z. B., dass das Material bereits überspielt wurde) vor einem Ansturm an Anfragen schützen wollen. Eigentlich muss auch jeder Otto-Normal-Würstelbudenbetreiber das Material seiner privaten Überwachungskamera rausrücken, wenn man einen Antrag stellt.
Lars Sobiraj: Wie gut hat die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniert? Die mussten doch befürchten, dass du kritisch über dieses Thema berichten wirst. Nino Leitner: Naja, es kommt immer drauf an, wie man an die Leute herantritt. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, Interviews lange genug anzulegen, damit das Gegenüber auch irgendwann mit der persönlichen Meinung bzw. geglaubten Wahrheit rausrückt, und sich nicht ewig in PR-Getöse erschöpft. Das gilt aber grundsätzlich für alle Interviewpartner, ist aber schlussendlich eine Zeitfrage und bedarf in der Dramaturgie der Fragenstellung eine ausgeklügelte Taktik. Aber wenn man überhaupt schon mal so weit kommt, ein Interview machen zu dürfen, ist das Interview an sich aus meiner Sicht nur noch "abzuarbeiten". Schlussendlich hat jeder etwas Interessantes zu sagen, wenn man seine Interviewpartner im Vorfeld gut genug recherchiert hat. Schwierig war es, überhaupt einen Interviewtermin mit einem hohen Vertreter der Polizei zu bekommen. Sobald wir dort waren, hat sich unser Gesprächspartner als überaus kooperativ, ehrlich und angenehm herausgestellt und kaum kontroversielle Fragen gescheut.
Lars Sobiraj: Millionen CCTVs können offensichtlich nur sehr wenige Verbrechen und auch keinen Terrorismus verhindern. Welche Maßnahmen schweben dir denn alternativ vor, die du für effizienter hältst? Nino Leitner: Studien sprechen in Bezug auf Verbrechen eine eindeutige Sprache: Effizienter wären ganz einfach mehr Polizisten auf Patrouille, aber das scheint aus Kostengründen europaweit zurückzugehen. Eine ganz einfache und billige Alternative klingt banal, ist aber äußerst effizient: Mehr und bessere Beleuchtung im öffentlichen Raum. Die meisten Verbrechen finden auf dunklen Straßen oder in Parks statt, da verhindern die Videoüberwachungskameras genauso wenig wie anderswo. Die Verbrecher fühlen sich in der Dunkelheit geschützt, selbst wenn die Videoüberwachungskameras in der Nacht alle im Infrarot-Modus mitfilmen. Helligkeit vertreibt potenzielle Diebe und Vergewaltigungstäter nachweislich. Dennoch sieht man gerade in England sehr oft dunkle Ecken, in denen immer wieder etwas passiert. Und auf die Kamera-Idee kommen die Medien und Politiker seltsamerweise immer schneller als auf Straßenlaternen.
Nino Leitner: Ich war selbst erstaunt, was da technisch schon möglich ist. Da es sich bei Fahrzeugen und Nummerntafeln um technisch standardisierte Formen handelt, ist es bereits jetzt ganz leicht, hier Muster zu erkennen - seien es die Muster der Kennzeichen selbst oder die Art und Weise, wie sich Autos bewegen. Das wird ja auch bei uns in verschiedenen Formen schon angewandt, in Österreich z. B. in Form der "Section Control", wo ein Tempolimit nicht punktuell, sondern als Durchschnittswert innerhalb eines bestimmten Streckenabschnitts gemessen wird. Grundsätzlich ist es auch möglich, zu überprüfen, ob Fahrer mit dem Handy telefonieren oder nicht - das z. B. in Verbindung der Kamerabilder mit den Daten eines Mobilfunkbetreibers. Die Fantasie einiger Gesetzgeber scheint in diesem Bereich derzeit keine Grenzen zu kennen, obwohl sich auch hier die Zweckfrage stellt. Großbritannien hat beispielsweise extra für die Aufzeichnung aller Bewegungsdaten aller Fahrzeuge (die werden seit 2006 aufgezeichnet) eines der weltgrößten Datencenter errichtet, dessen Datenbanken tagtäglich unzählige Terabyte an Daten zu verarbeiten und speichern haben. Grundsätzlich wichtig zu verstehen ist es, dass eine neue Funktion dieser Kameras inzwischen oft nur noch ein Softwareupdate entfernt ist - im Gegensatz zu früher, in Analog-Zeit, braucht man die Hardware nicht mehr notwendigerweise austauschen, um die Funktionsweise zu verbessern. Wir bekommen also vielleicht gar nicht mit. Deshalb könnten die Regierungen auch plötzlich bei uns entscheiden, dass jetzt auch alle PKW-Fahrten auf den Autobahnen aufgezeichnet werden. Die Infrastruktur wäre bereits vorhanden. Protest gibt es wahrscheinlich deshalb keinen, weil sich die Leute wieder mal nicht der Gefahren bewusst sind. Die abstrakte Gefahr des "Verlusts der Privatsphäre" oder der Bürgerrechte scheint den Leuten zu wenig nahe zu gehen, um massenweise auf die Straße zu gehen. Auch und vor allem in Großbritannien. Unter dem in sich widersprüchlichen Motto "Krieg gegen den Terrorismus" wird ja schon seit Jahren alles verkauft, was man den Leuten schon lange unterjubeln wollte aber vorher nicht so leicht konnte. Nur die Naivsten werden wohl glauben, dass Staaten zig Milliarden Euro an Mitteln in die Hand nehmen, nur um möglicherweise irgendwann irgendwelche Terroristen ausforschen zu können. Dass Terroristen nicht mit selbst angemeldeten Autos herumfahren, sollte ja wohl auch dem dümmsten Politiker klar sein.
Lars Sobiraj: Jetzt sind wir in Deutschland oder Österreich nicht ganz so obrigkeitstreu wie auf der Insel. Trotzdem steigt auch hier die Zahl der Kameras langsam aber stetig an. Was muss passieren, damit dieser Trend aufgehalten werden kann? Befürchtest du hier auch öffentliche Ausschreibungen, die die Installation von Kameras finanziell unterstützen? Wie siehst du die Zukunft: in Deutschland wie auch in UK und auch in deinem Heimatland Österreich?
Trotzdem glaube ich, dass es in Bezug auf Kameras im Speziellen hier nicht so weit wie in Großbritannien kommen wird, schon alleine aus finanziellen Gründen. Bei uns ist, wie schon erwähnt, die öffentliche Stimmung in Bezug auf Videoüberwachung doch etwas kritischer (auch wenn man sich sonst wie gerade gesagt vieles gefallen lässt), bzw. gibt es auch viele Politiker, die daran keinen großen Gefallen finden. Die Zahl der Kameras steigt an, kann aber wegen der anderen Organisationsstrukturen nie die Zahl der Kameras in Großbritannien erreichen. Aber auch bei uns wird jeder Anlassfall für die Rechtfertigung noch restriktiverer Überwachung benutzt. So lasse ich mir beispielsweise ja noch einreden, dass man in den Fanmeilen während der Fußball-EM in Österreich mehr Kameras aufgebaut hat, aber warum etwa 100 davon alleine in Wien auch nach der EM bleiben sollen, ist mir ein Rätsel. Es wirkt schon so, als ob man durch die Hintertür alle möglichen Dinge einzuführen versucht, die eine totale Überwachung dann doch irgendwie möglich machen soll. In Deutschland ist das ja kaum anders. In Großbritannien schaut die Zukunft düsterer aus wie eh und je: Die immer noch ziemlich bedingungslose Zusammenarbeit der Brown-Regierung mit den USA bringt immer neue Regelungen wie das gerade ganz aktuelle und umstrittene Anti-Terror-Gesetz, das den Behörden wieder mehr Macht gibt, Leute noch länger ohne Anklage festhalten zu können. Ganz allgemein hoffe ich natürlich auf ein Umdenken: Irgendwann müssen sich alle Regierungen eingestehen, dass all die Gesetze und Regeln eher zu mehr Kriminalität und Terror geführt haben, als es ohne sie der Fall gewesen wäre. Schließlich freut sich ja beispielsweise ein Selbstmordattentäter, wenn er von einer Kamera bei seiner Tat gefilmt wird, weil er so zum Märtyrer unter seinen Bewunderern und somit unsterblich wird. (Das World Trade Center war ja kein Zufallsziel - es wurde mit eingeplant, dass die Türme zu jeder Zeit von etlichen Touristen gefilmt werden.) Und je mehr Massenüberwachungssysteme es gibt, desto attraktiver erscheinen die Möglichkeiten für Kriminelle, sich anderer Mittel der Kommunikation zu bedienen, denen man nicht leicht nachforschen kann. Der täglich wachsende Berg an Datenmüll, der durch Data-Mining und Überwachungsdatenbanken immer größer und größer wird, ist schon jetzt auch für die beste Software undurchschaubar. Die Geheimdienste ersticken daran, und sorgen so schon jetzt für mehr Unsicherheit als je zuvor. Von der "Außenpolitik" der USA brauche ich wohl gar nicht erst anzufangen.
Lars Sobiraj: Nino, vielen Dank für deine Antworten und dir weiterhin viel Erfolg für dein Berufsleben! Deine eigene Produktionsfirma ist ja erst vor ein paar Monaten angelaufen.
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