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Die gulli:Monatsglosse für Mai

Im Mai hätte eigentlich planmäßig die Welt untergehen sollen. Da das aber mal wieder nicht geklappt hat, konnten wir statt der üblichen Apokalypse wieder mal den ganz normalen Wahnsinn garniert mit Hollywood-reifen Katastrophen-Szenarien bewundern. Langweilig wurde es jedenfalls nicht.

Dabei begann der Monat so verheißungsvoll - zumindest für die Freunde Sozialer Netzwerke und sinnfreier Linksammlungen. Die Programmierer der sozialen Plattform Facebook stellten nämlich erneut ihr Können unter Beweis und präsentierten eine neue Funktion ihrer beliebten Webseite: einen „Senden“-Button. Total cool, oder? Mit diesem soll es jetzt möglich sein, nicht nur kollektiv alle seine Freunde mit vollständig unnötigen Informationen zu belasten („Guck mal ich hab ne Seite gefunden mit einem tanzendem Affen“), sondern ganz gezielt einzelne Kontakte mit seinen Netzfunden zuzumüllen – genial. Und zum Glück wurde diese wertvolle Funktion so effektiv beworben – vermutlich wäre dem durchschnittlichen Facebook-Nutzer dieses Feature neben dem Share-Button und dem „Gefällt mir - Knöpfchen“ aka „dem Daumen-hoch-Teil“ gar nicht aufgefallen. Laut Facebook unterstützen sogar schon „50 führende Webseiten“ die neue Erfindung. Wow.

Ebenfalls große Mühe, uns je nach Temperament zu erheitern oder zum Kopf-auf-den-Tisch-hauen zu bewegen, gab sich die deutsche Politik. Offenbar ist den Zensus11-Befürwortern aufgefallen, dass sie bei ihrer Schwachsinns-Aktion nicht mit der Hilfe des Volkes rechnen können. Ein guter Grund im Zensusgesetz die Möglichkeit einzuräumen, volljährige Bürgerinnen und Bürger zum "Ehrenamt des Volkszählers" zwangszuverpflichten. Im Klartext bedeutet das: Man selbst soll bei den Hempels an der Haustür klingeln und fragen, wie viele Kevins und Jacquelines dieses Jahr noch in Planung sind und wie groß deren Spielzimmer ist. Für die Entlohnung dieser zweifellos ehrenvollen Aufgabe hat sich die Legislative natürlich ein tolles Präsent ausgedacht: Zwischen 2,50 und 7,50 Euro als Aufwandsentschädigung. Und um diese Dreistigkeit nochmals auf die Spitze zu treiben: Man SELBST muss sich auch noch darum kümmern, den ausgefüllten Wisch zur nächsten Behörde zu schleppen. Möglichkeiten, der Zwangsverpflichtung zu entgehen, gibt es kaum, wenn man nicht gerade gestorben oder schwer erkrankt ist. Auswandern wäre vielleicht eine Option…

Skurril und verwirrend ging es weiter. In Hollywood ist es meistens ein gutes Zeichen, wenn der Oberbösewicht das Zeitliche segnet. Im wahren Leben jedoch ist es etwas komplizierter. So sorgt Top-Terrorist Osama Bin Laden auch nach seinem Tod noch für einigen Schaden. Und zwar nicht nur am Weltbild manches Republikaners. So warnt das FBI vor verseuchten Mails, die angeblich Bilder von der Leiche zeigen. Gleichzeitig ist die Zahl der Spam-Mails mit Malware gestiegen, vermutlich weil nach der Zerstörung von Rustock neue Botnets aufgebaut werden müssen. Was zu recht seltsamen Vorstellungen anregt. Nachdem im Leben mit ihm Terroristen für Al Quaida rekrutiert wurden, wird Osama bin Laden nach seinem Tod dazu benutzt, um eine neue Armee von Zombies zu rekrutieren. So funktioniert wohl Nekromantie im 21. Jahrhundert.

Auch die nächste Woche war alles andere als langweilig. Wir stellten fest, dass auch bei unseren europäischen Nachbarn teilweise merkwürdige Vorstellungen herrschten. So wollte der französische Labelverband SNEP Google dazu zwingen, gewisse Suchbegriffe mit Piracykontext aus der Autovervollständigung zu filtern. Offenbar hält manch einer den durchschnittlichen Copyrightverletzer nicht für intelligent genug, das Wort "torrent" richtig buchstabieren zu können. Ja, das mag auf manchen Vertreter wirklich zutreffen, aber die würden es sowieso nicht schaffen, ohne Gabelstapler etwas herunterzuladen. Indes scheint sich Google gewonnener Rechtstreitigkeiten dem Willen zu beugen und die Begriffe nicht mehr automatisch zu vervollständigen. Aber Google ist ja sowieso böse. So zumindest wollte es eine PR-Agentur im Auftrag von Facebook die Welt wissen lassen. Dumm nur, dass man sich ein Thema aussuchte, bei dem man selbst nicht gerade als Vorbild gilt: den Datenschutz. Verständlich, dass Facebook da versuchte, das ganze Vorhaben im Geheimen durchzuführen. Die Schlagzeile "Facebook wirft Google Verletzung der Privatsphäre seiner Nutzer vor" klingt nämlich verdächtig nach "Bulle bezeichnet Ochsen als Rindvieh". Noch peinlicher ist die ganze Angelegenheit, weil herauskam, dass das Social Network bereits seit seiner Entstehung gravierende Sicherheitsmängel bezüglich privater Daten aufwies. Ob diese Meldung wiederum in irgendeiner Weise von Google unterstützt wurde, bleibt unbekannt. Jedenfalls dürfte man sie problemlos bei Google News finden können.

Andere Dinge dürften demnächst bei Google aber schwerer zu finden sein. Der Suchmaschinenriese will nämlich seine Suchalgorithmen dahingehend verbessern, dass Contentfarmen auf niedrigere Rankings verwiesen werden. Prompt wurde der Vorwurf laut, man würde so die Arbeitsplätze auf diesen Contentfarmen vernichten. Allerdings muss man sich auch einmal die dortigen Arbeitsbedingungen vergegenwärtigen. Hunderte bis Tausende kleiner Contents werden unter inhaltsunwürdigen Bedingungen gehalten. Einquetscht in kleine, von Rechtschreibefehlern verdreckte Sätze, werden sie ausschließlich mit synthetischem Substantivfutter gemästet und bekommen ihr ganzes Leben niemals ein Verb oder Adjektiv zu Gesicht. Eine Produktion von Massencontent unter derartig katastrophalen Umständen ist sonst nur aus Talkshows oder der Musikindustrie bekannt. Doch bislang kamen aus der Politik noch keine Vorgaben über Mindestsatzgröße oder Relativsatzpflicht, so dass eine solche Trockenlegung der Farmen notwendig erscheint.

Wem das immer noch nicht skurril genug war, der konnte sich dem Bürger- beziehungsweise Sandkastenkrieg im Online-Kollektiv Anonymous widmen. Alternativ könnten die dortigen Ereignisse auch ein unzulässiger Staatsstreich oder eine notwendige Revolution sein. Das hängt maßgeblich davon ab, wem man gerade zuhört. Nimmt man jedoch alle Aussagen zusammen und betrachtet sie aus einiger Entfernung, wirkt das ganze weniger wie ein digitaler Aufguss des Dreißigjährigen Krieges, sondern vielmehr wie eine Soap-Opera mit Ionenkanonen. Da is der eine der Meinung, die anderen hätten zuviel Macht an sich gerissen, während die anderen argumentieren, dass der eine eben jene Macht übernehmen will, weil er noch nie die leicht chaotische Organisationsstruktur von Anonymous mochte. Das Ganze erinnert an eine Kombination aus Episode I bis III und der Lindenstraße.

Auch die nächste Woche wartete wieder mit so mancher Plot-Idee auf, auf die Roland Emmerich ebenso wie George Lucas stolz gewesen wäre. Statt Anonymous sorgten diesmal die Piraten für Schlagzeilen. Den Anfang machten diverse Mitglieder der österreichischen Piratenpartei. Ein Kommentar bei gulli:News sorgte für eine Seeschlacht, die "Fluch der Karibik" alle Ehre gemacht hätte. Als Nicht-Österreicher konnte man nur staunend daneben stehen und mehr oder weniger erfolgreich versuchen, Streitereien zu durchschauen, die von der Komplexität her eher an die politischen Intrigen von Tom Clancy erinnern als an geradlinige Actionfilme. Das einzige, was man zweifelsfrei feststellen konnte: zumindest im Hinblick auf interne Streitigkeiten und gefühlte Wichtigkeit sind die Piraten mittlerweile gut in der Politik angekommen.

Dazu passte auch der Tonfall der Presseerklärungen der deutschen Kollegen rund um "Servergate". Liebe Piraten: Ja, es ist nicht nett, fair oder freiheitsfördernd von der deutschen Polizei, pünktlich zwei Tage vor der Wahl an euren Servern herumzufummeln. Keine Frage. Aber die Solidarität mit euch würde gleich nochmal soviel Spaß machen, wenn ihr nicht in jeder Pressemitteilung fünffach betonen müsstet, dass ihr die x-t-größte Partei in Deutschland seid und diese Vorfälle eure enorme politische Bedeutung untergraben. Denkt doch bitte - nein, nicht an die Kinder, aber doch an die Nerven eurer Zielgruppe oder wenigstens an die Verschwendung von wertvollem Speicherplatz, bevor ihr dermaßen dick auftragt. Nicht jeder Pirat braucht eine meterhohe Bugwelle. Anderenfalls läuft das Piratenschiff Gefahr, irgendwann unterzugehen, weil die ganzen großen Egos nicht mehr an Bord passen.

Kennt ihr das, wenn ihr einen Film seht und der Protagonist einen dermaßen überflüssigen und gleichzeitig verhängnisvollen Fehler macht, dass ihr kaum anders könnt, als ihm aus dem Fernsehsessel gute Ratschläge zuzurufen? Würde die Geschichte von Bradley Manning und seinen Unterstützern verfilmt, wären die Erlebnisse von David House für so einen Moment perfekt geeignet. Vergangenen November beschlagnahmte das US-Heimatschutzministerium den Laptop des Aktivisten und wertete die darauf befindlichen Daten aus. Mailinglisten, Strategiebesprechungen, Quellcode, private Kommunikation. Jeder, der mit House über Manning kommuniziert hat, steht nun potentiell im Visier der US-Behörden. Und tausende Zuschauer schreien: "Verschlüssel' ihn!" Zu spät. Der Informatiker House trug offenbar sensible Daten im Klartext über die Grenze. Da staunt der Laie, und der Fachmann knallt den Kopf auf den Tisch. Nun will House die US-Behörden wegen dieser Episode verklagen. Der Erfolg des Ganzen ist allerdings fraglich, sind doch US-Gerichte traditionell in etwa so daran interessiert, invasive Grenzkontrollen einzuschränken, wie der Chaos Computer Club an einem Verbot koffeinhaltiger Getränke. Und die Moral von der Geschicht': Vergiss das AES bloß nicht. Die Aktivitäten der US-Regierung gegen Aktivisten und Whistleblower spotten ohnehin dermaßen jeder Beschreibung, dass der Glaube vieler Amerikaner, in einem freien Land zu leben, fast nur noch mit dem Konsum irgendwelcher Drogen erklärt werden kann (ich glaube, die Droge heißt in diesem Fall "Patriotismus" und ist ein ganz besonders gefährliches Zeug). Wenn dann noch diejenigen, die etwas gegen diese Tendenzen unternehmen, den Selbst- und Fremdschutz vergessen, hat man alle Zutaten für einen Thriller, der schlaflose Nächte bereitet. Noch allerdings ist die Hoffnung auf ein Happy-End zumindest nicht völlig ausgeräumt.

Wenn es kein Happy End gibt, kann der Held zumindest noch - wie in Braveheart - mit Stil untergehen. Das jedoch müssen manche Leute erst lernen. Das zeigte die Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung, deren Befürworter noch immer nicht einsehen wollen, dass ihre Ansichten total 2007 sind. Aber naja, Geschichte ist ja auch was feines. Stellen wir einfach das BKA mitsamt der Vorratsdatenspeicherung ins Museum und Herrn Ziercke als Zeitzeugen zu Guido Knopp, und schon ist allen gedient.

Zu den üblichen Verdächtigen in Sachen "Abneigung gegen Bürgerrechte und wenig Ahnung vom Computer" zählt neben Herrn Ziercke auch der deutsche Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich. Dieser verkündete zum krönenden Abschluss des ereignisreichen Monats: er hat Angst. Nicht etwa, dass er die Grundrechte mit Füßen tritt, sondern davor, dass demnächst Terroristen virtuelle Bomben einsetzen. Es ist nur noch "eine Frage der Zeit, bis kriminelle Banden oder Terroristen virtuelle Bomben zur Verfügung haben". Da hat er recht, denn Terroristen dürften viele simulierte oder theoretische Bomben besitzen. Ob sie allerdings demnächst auch digitale einsetzen werden, ist unklar. Außerdem ist "eine Frage der Zeit" ein höchst dehnbarer Begriff. Es ist auch nur noch eine Frage der Zeit, bis ich mein Geschirr spülen werde. Trotzdem bezweifle ich, dass dieses Ereignis in nächster Zukunft eintreten wird. Davon abgesehen gibt es ja andere, für die deutsche Innenpolitik selbstverständlich völlig unbedeutende, Leute wie den NATO-Generalsekretär, die behaupten, dass solche Gefahren weniger von Terroristen als vielmehr von anderen Staaten ausgehen. Aber wen interessieren schon Fakten. Hollywood-Filme sind ja ohne auch viel schöner.

Mit dieser weisen Erkenntnis ging ein Monat zuende, der es auch ohne Weltuntergang in sich hatte. Wir hoffen, dass der Juni ähnlich interessant wird - dann haben wir zumindest genug zu schreiben. Bis dahin viel Spaß mit der Realität, die ja bekanntlich oft merkwürdiger ist als jede Fiktion

Annika Kremer am 01. Juni 2011

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