Was haben alle Musikgruppen, wie die Arctic Monkeys, Franz Ferdinand, Sunshine Underground, Calexio, We Are Scientists, The Strokes und Tomte gemeinsam? Sie haben zu Beginn oder im Verlauf ihrer Karriere versucht, ihre Popularität durch das Angebot von kostenlosen Mp3s zu steigern. Die Fans haben die Chance, ihre Lieder kostenfrei und legal auszuprobieren. Das Label und die Band die Aussicht auf Besserung des Absatzes ihrer Produkte. Die Geschichte der Netlabels wie auch eine große Zahl von Bands, Plattformen, Künstlern und Labels werden an dieser Stelle vorgestellt.
Was nützen der Plattenindustrie kommerzielle Songs wenn sie auf Halde liegen, weil den entsprechenden Gruppen die nötige Popularität fehlt? Dann lieber hier und da ein Häppchen von der offiziellen Homepage des Labels anbieten und hoffen, daß jemand davon Wind bekommt und anbeißt. Tonspion.de ist so ein Fischer, dessen Redakteure im Trüben angeln, viele Angebote ausprobieren und vortesten, was uns an Fischen, klein wie gross, munden könnte. Speziell bei den Arctic Monkeys und Franz Ferdinand ist dieses Konzept voll aufgegangen.
Da Flatratekunden nichts pro Megabyte extra bezahlen müssen, ziehen sie sich, wessen sie habhaft werden können. Auf Dauer verbleibt auf der Festplatte oder auf der selbst zusammengestellten CD fürs Auto ohnehin nur, was man wirklich gut findet. Ein großes Angebot auf der einen Seite und die Tatsache, daß nur der persönliche Geschmack und die Qualität entscheidet - so soll es in der freien Marktwirtschaft ja eigentlich zugehen. Eigentlich.
Als Karsten Obarski, der Übervater des Trackers Ende der 80er Jahre das Musikprogramm "Ultimate Soundtracker" zu vertreiben begann, hatte er weniger kommerzielle Aspekte im Sinn. Sein Programm wurde zwar zum Standard für alle Amiga-Musiker, aber viel Geld hat er deswegen nicht verdienen können. Der Crack war in Windeseile bis in die letzten Winkel der rot-weiss karierten Amiga-Gemeinde verstreut. Viele Gruppen veröffentlichten parallel dazu leicht modifizierte oder anderweitig weiter entwickelte Kopien des Orginals, die als Freeware vertrieben wurden, aber auf dem Orginal-Sourcecode basieren. Natürlich war das illegal, aber sich zu wehren hätte wahrscheinlich wenig Sinn gemacht. Atari-Freaks, wie z.B. der französische Musiker Jean Michel Jarre, hatten sich eher auf die Midi-Fähigkeiten ihres Rechners spezialisiert. Bei der Generation davor, bei den SID- (sound interface device) tunes des C64 war man als Musiker noch stärker eingeschränkt. Um mehr als drei Instrumente gleichzeitig erklingen zu lassen, mussten Lücken in der Melodie der anderen Kanäle genutzt werden, um noch einen zusätzlichen Ton spielen zu können.
Aber auch die Musikkomposition auf dem Amiga mit Hilfe des Soundtrackers, später Protracker oder Hearttracker genannt, gestaltete sich sehr schwierig. Die Musiker haben in diesem Fall nur vier Kanäle, also wenig mehr als beim C64 zur Verfügung und versuchen, das Optimum rauszuholen. Im Gegensatz zum C64 konnten diverse Samples beliebiger Grösse nachgeladen oder selbst digitalisiert werden. Trotzdem sind umfangreiche Kenntnisse der Befehlssyntax und ein gewisses Talent im musischen Bereich nötig, wenn man über langweiligen bumm-bumm Techno hinaus kommen wollte. Der Aufbau jeden Moduls ist im Gegensatz zu einem mp3 oder ogg gut nachvollziehbar. Hat der Komponist nur riesige Samples aneinander gereiht, was denkbar einfach wäre. Oder steckt mehr Können dahinter? Berichtenswert ist auch, daß sich die sogenannten .mod files sich durch ihre geringe Größe auszeichnen. Die kleinsten Stücke, die sogenannten chiptunes, belaufen sich im Durchschnitt auf ca. 10-30 kb, die modules durchschnittlich auf ca. 2-300 Kilobyte. In Zeiten von 2.400 und später 19.200er Baud Modems spielten für alle Freaks, die nicht via blue boxing umsonst telefonieren konnten, Dinge wie die Größe eines Stücks noch eine erhebliche Rolle.
Anfang bis Mitte der 90er, nach dem kommerziellen Niedergang des Amigas stiegen immer mehr Hobbymusiker auf das MS-Dos Programm Fasttracker für den PC um. Das System war in seinen Grundzügen das gleiche. Nur war man hier nicht mehr durch die Architektur der Hardware respektive des Soundchips auf vier Kanäle beschränkt. Später setzte sich der Impulse Tracker für Windows durch. Heutzutage stehen verschiedene Varianten zur Auswahl: Milkytracker, Madtracker oder Adlib Tracker II, um nur ein paar zu nennen, die aber alle auf das urprüngliche Prinzip des Soundtrackers von Herrn Obarski zurück gehen.
Die ersten Netlabels, die Mitte der 90er, wie Monomatic, Mo'playaz, Kosmic Free Music Foundation, Tokyodawn Records, Five Musicians und Poise Records entstanden, haben dementsprechend auch primär mods, .it und .xm files released. Ogg & Mp3 soundfiles kamen später hinzu. Anfangs sahen sich die Leader dieser Musikgruppen noch dazu genötigt, ihre Releases auf den illegalen Mailboxen oder dem Aminet upzuloaden. Wenig später beschränkte man sich auf das virtuelle Angebot der Tracks auf der jeweiligen Homepage der Gruppe.
Kommerz kontra Spaß!
Bei den Netlabels geht und ging es nie um das Promoten von kommerziellen Acts. Hier gehen Leute ihrem Hobby nach, sie machen Musik und sie machen es gerne. Am meisten Spaß macht es ihnen, wenn es auch andere gibt, die sich ihre Sachen ziehen und dann im Idealfall via guestbook oder email ihre Meinung hinterlassen. Die Suche nach Dingen wie Feedback, Anerkennung und danach, einfach gehört zu werden, stehen deutlich im Vordergrund. Verkaufen wollte seine Tracks so gut wie niemand, von Anfang an. Frei nach dem alten Hackermotto: Alles ist jedem frei zugänglich - keine Geheimnisse! Alles wird überall mit jedem geteilt, jeder tut etwas dazu und die Gemeinschaft ist das, was unter dem Strich zählt. Nicht das Einkommen, das man evtl. mit seiner Musik hätte erzielen können.
Fast zeitgleich im Jahre 1997 versuchten Online Portale wie mp3.com und andere Nachahmer, Künstler an die Frau und den Mann zu bringen und komplette Alben, EPs oder einzelne mp3s on demand zu verkaufen. Was zu Zeiten des Internet-Booms noch prächtig funktionierte, tat es später nicht mehr. Die Herren von der Industrie mussten einsehen, dass die Bäume halt doch nicht in den Himmel wachsen. Hüben in good old Germany, wie drüben in silicon valley. Manch potentieller Kunde zog es wohl doch vor, seinen p2p-Client zu bedienen, um an ihm bekannte Hausmannskost zu gelangen, anstatt sich durch das unübersichtliche Dickicht dieser Portale zu wühlen und auf Verdacht zu kaufen.
Und jetzt im Jahre 2006, in Zeiten der wirtschaftlichen Depression in Deutschland, sieht die Lage auch nicht zwingend besser aus. Die Verbraucher haben de facto monatlich weniger Geld für Luxusgüter übrig. Und ja, warum sollte man es auch ausgeben? Es gibt noch genügend kostenlose Perlen im Netz zu entdecken, mit denen man seinen mp3 stick, sein mp3 fähiges Autoradio, seinen iPod, Handy, Pc oder Mac füttern kann. Und das ohne auch nur gegen ein einziges Gesetz zu verstossen.
Eine Trennung von Hobbyisten und Profi-Labels wird ebenfalls immer deutlicher. Die einen nutzen die totale Freiheit des Netzes und bieten frei jeder Qualitäts- oder Geschmackskontrolle an, was immer ihnen gefällt und kaum verkaufbar wäre. Die anderen beschreiten ihren Weg für ein breiteres Publikum und auf seriösere Art. Die geheime Revolution der Netlabels verläuft sehr sanft und ohne Wellenbrecher. Grosse Schlagzeilen, mit denen man auf sich aufmerksam machen könnte, sind nicht von Nöten. Alleine die Musik spricht für sich.
Und wer seine Tracks nicht auf seinem Webspace oder dem von Scene.org oder Archive.org anbieten will, kann wie die amerikanischen Künstler der Gruppe Harvey Danger ihr komplettes Album als Torrent-File vertreiben. Gute Idee: Ihr aktuelles Werk "Little by Little" gibt es mit der maximalen Klangqualität nicht als direct download. Dies ist nur den Leechern des Torrents vorbehalten. Wem es gefällt, ist herzlich eingeladen, das Album später im Laden im Orginal zu kaufen.
Eine Idee, die offensichtlich Schule macht. Portale wie Jamendo vertreiben diverse Künstler unter den Creative Commons Lizenzen völlig gesetzestreu und mit Erfolg. Das Konzept der herkömmlichen CD, ohne und erst recht mit Kopierschutz ist schon lange überholt. Neue Vermarktungsstrategien und Ideen sind gefragt! Die harte Masse (Hardware) Musik gibt es nicht mehr. Eine Schallplatte, eine Musikkasette, ein Tonband kann man anfassen. Ein Mp3 nicht. Hoffen wir, die Industrie passt sich dem an und legt nach.
Und wenn nicht, dann wünschen wir viel Freude beim Zuhören, Zuschauen und Mitverfolgen der sanften Revolution der Netlabels.
Weiterführende Links:
netlabels.org - Der Netlabel Katalog. Guter Startpunkt für Anfänger! Gewünschtes Musikgenre aussuchen, Netlabel anklicken, track leechen, fertig! Phlow.net -"Mo" aka Moritz Sauer, freier Journalist und NetlabelMann der erstenStunde hat den richtigen Riecher für gute, freie Musik. Bei Phlow.net teilt er seine Erfahrungen gerne mit allen deutschsprachigen Lesern. ftp.modland.com - Modland: Im Verzeichnis /pub/favourites/Protracker finden sich unzählige alte Schätzchen aus der guten, alten Zeit. Mod Archive - der Name ist Programm No:Error - Anlaufstelle für viele Netlabel-News TraxerNews, inhaltlich sehr ähnlich wie No Error. Nectarine demoscene radio, Qualitätsmusik, die 24 Stunden am Tag gestreamed wird Chiptune.com für die kleinsten der kleinen tracks im neuen retro dhtml Gewand. Ein rundum gelungener Auftritt und ein wichtiges Archiv! Goodstuff wurde zwar schon länger nicht mehr upgedated. Aber es finden sich dort noch immer viele hilfreiche Reviews von Netalben und Eps! Remix64.com - Alte Sid-Tunes meist von Spielen im komplett neuen Gewand. Für Retrogamesfans sehr interessant! Demovibes - fünf randvolle Alben mit gemixten Stücken der Demoszene inklusive Tracklist und Cover. Maz Sound Tools. Hier findet sich alles, was Musikbastler von heute & morgen für ihr Tun benötigen. Scene.org und speziell Archive.org bieten Musikern unendlich viel, kostenlosen Webspace an!
Für die Zeit während und auch nach der WM: Unsere gulli Anspieltipps ohne Foul und Abseits!
chillmeister 01 - faszinierende compilation von fünf chill out tracks. Einfach ziehen, auspacken, Musik anschalten und relaxen! Superb:Rinne Radio - Remix von Crankshaft aka Yolk/CNCD! Retrograde - wurde später auch zum Soundtrack des gleichnamigen Demos der Gruppe Black Maiden! Comic Bakery, das Video! Sehr gelungene Boyband Persiflage, gemischt mit einem edlen Remix eines c64 Hits! Noch was fürs Auge: Das Netlabel Moods Plateau trifft auf die Hip-Hop Kultur, genauer gesagt auf die deutsche Graffiti Gruppe Rowdy Club. Nicht nur für Sprayer "A key to success" ! Bitte reinhören, auch wenn es schon was älter ist: A friend of myself von Shawn/Tokyodawn Records Ein Muss für Nostalgiefans - Remix des Soundtracks vom Kultspiel Giana Sisters. Der französische Demoszene-Altmeister Willbe mit "We compute each other". Waschechter Reggae und ein Remix von International Karate aus c64 Zeiten, kann das gehen? Jahtari aus Leipzig zeigt und lässt uns hören wie! Charlotte Roche pflegte zu sagen: "Wenn`s nicht rockt, isses für`n Arsch." Bei der deutschen HipHop Gang "Broke Gringos" gibt es keinen Grund, sich deswegen Sorgen zu machen! Die komplette Junk EP sollte in keiner guten Sammlung fehlen!! Es fiept, zischt und rauscht. Hörenswerter, experimenteller Minimal techno aus Russland! Ab ins Auto damit und bitte nicht vergessen, nach erfolgter Betätigung Gaspedal auch wieder loslassen!
Ja is ein guter Bericht geworden... Hab mir jetzt auch ein Netlabel gegründet...
Wer Lust hat kann ja mal vorbeischauen und mitmachen
Würd mich freuen
www.gox.eu.tt