Magdeburger Open-Source Tag: Interview mit Stefan Schumacher

Magdeburger Open-Source Tag: Interview mit Stefan Schumacher

gullinews am Mittwoch, 24.09.2008 22:37 Uhr

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Was kommt dabei raus, wenn ein technikaffiner Student der Bildungswissenschaft und Psychologie auf die Idee kommt, an seiner Universität eine ganztägige Veranstaltung zum Thema Freie Software ins Leben zu rufen? So oder so ähnlich könnte man grob die Entstehung des Magdeburger Open-Source Tages erklären. Die Schnittmenge aus Informationstechnik, Psychologie und Pädagogik ist weitaus größer, als man zunächst annehmen könnte. Die Uni Magdeburg könnte somit erstmals am 11. Oktober zu einem Treffpunkt für Entwickler und Entscheidungsträger aus Industrie und Wirtschaft werden, die sich auch für die pädagogischen und psychologischen Aspekte bei der Gestaltung von Software interessieren. Dieser neuartige Ansatzpunkt hat unser Interesse geweckt, weswegen wir einen der Macher des Events gebeten haben, sich unseren Fragen zu stellen.

Im Osten nichts Neues? Die Aussage könnte in diesem Zusammenhang falscher nicht sein. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass der Magdeburger Open-Source Tag zu einer Kopie anderer Events werden könnte. Veranstaltungen wie die FrOSCon, Come2Linux oder die Chemnitzer Linux-Tage haben jeweils ganz andere Schwerpunkte. Die Referenten stellen in Magdeburg beispielsweise die Frage, welche Rolle Freie Software in Verbindung mit Bildung in Südamerika spielt. Auch soll den Zuhörern die Funktionsweise des Schulservers "Arktur" auf Linux-Basis vorgestellt werden. Dieser wird bereits seit 1996 in verschiedenen Ländern an rund 2000 Schulen eingesetzt. Wir berichteten kürzlich über die Distribution SkoleLinux, die sich ebenfalls speziell an die Lehrkräfte in den Schulen richtet. Einer der Mitglieder des Regionalteams Berlin-Brandenburg von SkoleLinux, Roberto Menk, wird im Rahmen seines Vortrages die Frage stellen, wie teuer gute Software für Kinder sein muss. Er selbst ist Lehrer an einer Schule in Berlin und wird kindgerechte Programme vorstellen, die für den Einsatz zu Hause und auch in der Schule geeignet ist. Daneben finden auch zahlreiche Vorträge und Workshops zu den unterschiedlichsten Themen statt. Darunter Veranstaltungen über GnuPG, OpenOffice.org, PostgreSQL, LaTeX, Mantis und vieles mehr. Grund genug einen der Initiatoren dieses Kongresses in Beschlag zu nehmen, um ihn über sein Baby zu befragen.

ghandy: Hallo Stefan! Magst Du dich zu Beginn des Interviews den Lesern von gulli einfach mal vorstellen?

Stefan Schumacher: Ja, mein Name ist Stefan Schumacher, ich bin 28 Jahre alt und zur Zeit studiere ich an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg im Studiengang Bildungswissenschaft und Psychologie.

Ich bin NetBSD-Entwickler und Vorsitzender des frisch gegründeten NetBSD Deutschland e.V..

In meiner Freizeit beschäftige ich mich viel mit Computern und Technik, bin also das, was man landläufig unter einem Nerd oder Hacker versteht. Außerdem lese ich viel, vor allem Stephen King, und übe mich im Jiu-Jitsu und Kendo.

ghandy: Wie kam es zu der Idee, den Magdeburger Open-Source-Tag ins Leben zu rufen?

Stefan Schumacher: Die Idee gab es eigentlich schon länger. Nach den Chemnitzer Linux-Tagen 2007 kam es zu ersten Planungen für einen Open-Source-Tag 2007, allerdings kam dieser nicht zustande. Glücklicherweise haben wir 2008 die Unterstützung des Lehrstuhls Allgemeine Pädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaften gewonnen und konnten so an der Uni Räume organisieren.

ghandy: Mit welchen Inhalten wollt ihr euch von den anderen Veranstaltungen in Deutschland abheben. Was genau erwartet eure Besucher am 11. Oktober?

Stefan Schumacher: Ein Ziel ist es, nicht nur die technischen Aspekte zu beleuchten. Es sollen sich - klischeehaft gesprochen - nicht wieder dicke, bärtige Hacker über vi vs. Emacs streiten. Wir möchten auch die gesellschaftlichen bzw. sozialen Komponenten beleuchten. Dazu gehören beispielsweise Fragen des Projekt- und Wissensmanagements. Schließlich heißt ein berühmtes Buch über IT-Projektmanagement nicht umsonst "Herding Cats" ;-). Daher sollen sich ITler bzw. Open-Source-Entwickler auch mit Nicht-Techies treffen und so hoffentlich neue Einsichten bspw. in die Soziologie gewinnen, die ihnen dann beim Projektmanagement helfen können.

ghandy: Die Konkurrenz unter den Veranstaltungen erscheint relativ groß zu sein. Oder findet im Osten der Republik mit Ausnahme von Berlin eher wenig statt?

Stefan Schumacher: Nun es ist nicht so, das nichts stattfinden würde. Die Chemnitzer Linux-Tage sind nach Besuchern die zweitgrößte Open-Source-Veranstaltung, im März waren 2.400 Besucher vor Ort. Und in der Entwicklerszene sind sie nach allgemeinem Konsens die Spitzenveranstaltung schlechthin.

Außerdem finden in Brandenburg bzw. Potsdam und Dresden regelmäßig ähnliche Veranstaltungen statt. Zusätzlich gibt es dazu noch die lokalen User-Gruppen, die beispielsweise in Jena oder Brandenburg sehr aktiv sind regionale Veranstaltungen organisieren. Von daher würde ich nicht sagen, das eher wenig stattfindet. Ansonsten muss man das natürlich auch in Relationen setzen. Die gesamten 5 neuen Bundesländer haben weniger Einwohner als Nordrhein-Westfalen.

In Magdeburg selbst bzw. in ganz Sachsen-Anhalt gibt es keine vergleichbare Veranstaltung, dies war natürlich auch ein Grund, den Open-Source-Tag ins Leben zu rufen. Außerdem war es ein Wunsch von uns, nicht nur rein technische Vorträge zu organisieren, sondern auch das Drumherum zu beleuchten, also Projektmanagement und Co. So was kann man zwar an der Uni als theoretisches Seminar belegen, aber ein Vortrag über die Organisation des OpenOffice.org-Projekt hat schon eine andere Qualität.

ghandy: Du beschäftigst dich mit den Themen IT, Pädagogik und Psychologie - wie bitte passt das denn zusammen? Zumindest klingt das nach keiner langweiligen Fächerkombination. Wird sich diese besondere Mischung auch in der Veranstaltung niederschlagen?

Stefan Schumacher: Die Kombination passt wunderbar zusammen. Auch wenn ich sowohl bei den Techies als auch den Erziehungswissenschaftler etwas exotisch bin, weil ich von Psychologie bzw. Computern Ahnung habe ;-)

Die Schnittmengen sind riesig, schließlich arbeitet ein Computer in der Regel nicht im luftleeren Raum, sondern soll als Werkzeug benutzt werden. Das heißt er interagiert mit Menschen. Dazu kann die Pädagogik bzw. Psychologie beispielsweise Beiträge im Bereich Schnittstellen-Design bieten. Schließlich befassen sich diese Wissenschaften schon sehr lange damit, Informationen ansprechend aufzubereiten.

Aber auch das bereits angesprochene Projekt- und Wissensmanagement sind Bereiche, die in der IT hohe Priorität haben. Sei es nun das ein paar hundert weltweit verteilte Entwickler koordiniert (und gehätschelt) werden wollen, oder ein Handbuch bspw. für NetBSD entstehen soll.

Mein persönliches Gebiet ist die IT-Sicherheit. Denn die ist beileibe kein technisches Problem, sondern ein soziales. Und als solches nur mit Mitteln der Psychologie, Soziologie und Pädagogik bearbeitbar. Deshalb stelle ich meinen Studiengang Bildungswissenschaft manchmal auch scherzhaft als "Social Engineering auf Bachelor" vor. Auf dem Open-Source-Tag werde ich einen Vortrag über Security-Awareness-Kampagnen halten, da geht es unter anderem darum, Benutzer für die Bereiche IT-Sicherheit zu sensibilisieren. Denn man kann zwar einen Passwort-Cracker wie John the Ripper einsetzen, um unsichere Passwörter auf einem Computer zu verhindern. Man kann aber nicht verhindern, dass die Benutzer ihre Passwörter auf Klebezettelchen am Monitor aufhängen. Und genau da kommt dann die Pädagogik und Psychologie ins Spiel, denn Benutzer zu schulen bzw. zu sensibilisieren ist ein Gebiet der Erwachsenenbildung.

ghandy: Euer Motto lautet "Entwicklung trifft Anwendung". Was muss ich mir darunter vorstellen und wie seid ihr auf die Entwickler zugegangen?

Stefan Schumacher: Wie schon gesagt, es soll nicht rein technisch werden. Wir haben zum Beispiel einen Workshop zum Thema Design, der von einem Psychologiestudenten gehalten wird. Meiner Meinung nach orientieren sich viele Projekte nicht so sehr am Endanwender, sondern an den Bedürfnissen der Entwickler. Das kann dann dazu führen, das neue Anwender verschreckt werden. Daher halten wir es für sinnvoll, wenn man über dieses Thema mal nachdenkt und eben auch Psychologen zum Thema Design und Wahrnehmung einlädt.

Einen Teil der Entwickler habe ich z.B. auf anderen Veranstaltungen angesprochen und direkt eingeladen. Da ich ja selbst seit einigen Jahren als Referent bzw. für das NetBSD-Projekt unterwegs bin, lernt man sich mit der Zeit kennen und knüpft Kontakte.

Andere Referenten haben wir direkt angeschrieben bzw. den Call for Papers auf verschiedenen Mailinglisten verteilt.

ghandy: Der Call of Participation ist kürzlich abgelaufen. Seid ihr zufrieden mit den Ergebnissen?

Stefan Schumacher: Ja, wir haben zurzeit 3 parallele Tracks mit je 7 Vorträgen, also insgesamt 21 Vorträge. Dazu kommen noch 4 Workshops. Die Beiträge decken ein breites Spektrum ab, von Textsatz mit LaTeX über PGP und Statistik mit R sind viele Anwendungsgebiete vertreten.

Es wäre natürlich schön, wenn wir noch mehr Beiträge zum Thema Projekte bzw. Projektmanagement bekommen hätten, aber wir hoffen da auf den 2. Magdeburger Open-Source-Tag 2009.

ghandy: Eine solche Veranstaltung entwickelt sich meist recht langsam und wird im Laufe der Jahre immer mächtiger. Dir in jedem Fall vielen Dank für das interessante Gespräch und euch allen viel Erfolg und Spaß am 11. Oktober!

Wer sich über die Inhalte im Detail informieren will: Das Programm vom Magdeburger Open-Source Tag kann man auf der Website der Veranstaltung einsehen. In Kürze steht auch das Programmheft zum Download zur Verfügung. (Lars Ghandy Sobiraj)

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5 Reaktionen aus dem gulli:Board

a_d_s am 25.09.2008 18:42:08:
Was heißt für dich "in der Nähe"? Von wo kommst du denn?...

_Benny_ am 25.09.2008 18:56:23:
Leider zu weit weg. Wäre gerne hingefahren....

SyneX am 09.10.2008 21:49:16:
Was heißt für dich "in der Nähe"? Von wo kommst du denn? Möckern - nicht weit weg ^^...

 

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