Kunst gegen Abhörwahn: Johannes Kreidler mit neuer Medieninstallation "Call Wolfgang"

gullinews am Sonntag, 07.12.2008 03:06 Uhr (Rating: )

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Der Komponist und Medienkünstler Johannes Kreidler ist den meisten noch in Erinnerung, weil er vor wenigen Wochen in einer spektakulären Aktion über 70.000 Formulare an die GEMA zwecks Rechteklärung übermitteln wollte. Sein neuestes Werk hat mutmaßlich das Ziel, Wolfgang Schäuble und das BKA zu provozieren. In einem andauernden, synthetisch erzeugten VoIP-Telefonat fallen Schlagworte wie "Prekarisierung" oder "Bezugsrahmen", die 2007 zu der Überwachung des Soziologen Dr. Andrej Holm geführt haben sollen.

Die Kunstinstallation "Call Wolfgang" besteht aus zwei Computern, die in einem andauernden künstlichen Dialog zwischen unverständlichem Gebrabbel entsprechende Schlagworte gebrauchen wie "Bombe", "Koranverse" und "Lieferung". Diese Tag und Nacht laufende Installation soll eine Kritik an der BKA-Praxis der Überwachung und der Vorratsdatenspeicherung sein. Genau so harmlos wie diese Installation sei auch die tägliche E-Mail Kommunikation von Millionen von Bundesbürgern.

In dem erklärenden Video sagt Kreidler: "Verdachtserhärtend kommt hinzu, dass die Rechner nicht direkt verbunden sind, sondern über einen Server im Iran. Also registriert das BKA eine IP-Adresse, die auf den Iran verweist." Er schlussfolgert: "Sehr verdächtig! Gut, dass das alles abgehört und gespeichert wird."

In einem Interview zu der Aktion sagt Kreidler: "Wer die Energie für Kriminelles hat, wird auch das bisschen Energie haben, seine Emails im Internetcafé zu schreiben, das kann sich doch jedes Kind denken. Aber trotzdem will der Innenminister so viele Daten aus privaten Haushalten per Gesetz sammeln, Vorratsdatenspeicherung, Telekommunikationsüberwachung, man weiß nie, ob sein Telefonat nicht auch ein Telefonat mit Schäuble ist." Und weiter: "Ich empfinde da einen Bildungsauftrag und inszeniere ein Hörspiel, einen algorithmischen Theaterdialog in Abhörkulisse."

Schon bei der GEMA-Aktion, wo Johannes Kreidler die 70.200 Formulare zur Sampleklärung eines seiner Musikstücke nicht einreichte, sondern wieder mitnahm, so ist auch bei "Call Wolfgang" die pathetische Absicht gewichtiger als die eigentliche Aktion an sich. Schon damals sagte er, dass er nicht die Bürokratie der Gesellschaft überlasten möchte, sondern mit den Mitteln der Kunst für bestehende Missstände sensibilisieren möchte. Zu Call Wolfgang ist sein Kommentar: "Kunst muss verdächtig sein, das ist ihre Aura." (020200)

(via Annalist, Nerdcore, thx!)

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20 Reaktionen aus dem gulli:Board

Jormungandr am 07.12.2008 23:15:33:
Wie wärs mit ner KettenSMS? Einfach ne Sms voll Wörter wie "bombe, koran, leiferung, wasserstoffperoxid," etc? Und dann losschicken mit der bitte es weiterzuschicken. Das wäre ein Aufwand für das BKA. Aber Kreidler ist echt ein genialer Mensch. Wünsche ihm noch viel Erfolg und weitere coole ide...

Mainfield am 08.12.2008 16:00:02:
ja, und das beste.. die IP wird jetzt von den überwachern ignoriert.. ich frag mich, wann kreidler das erste angebot von echten terroristen bekommt, die über den server telefonieren wollen.. ;)...

drmaniac am 08.12.2008 16:56:25:
wie wäre es mit einem Anti-BigBrother-Staat Tool ;) dieses hat verschiedene Random Funktionen, welche z.B. - per ISDN angebunden, iranische+sonstige Nummern in den Schurkenstaaten anklingeln lassen - pro Tag 1-2 Mails versenden mit bestimmten Keywörterm - im Hintergrund verschiedenste Webseiten...

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