gulli: Kreidler und die GEMA: Musikaktivist diskutiert mit Rechteverwaltern

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12. September 2008

Kreidler und die GEMA Musikaktivist diskutiert mit Rechteverwaltern

Vor einigen Wochen kündigte der Musiker Johannes Kreidler an, bei der deutschen Musikverwertungsgesellschaft GEMA ein 33 Sekunden langes Musikstück lizenzieren zu wollen, das 70.200 Samples aus Stücken anderer Künstler enthält. Jedes einzelne Sample im Stück "product placements" muss bei der GEMA schriftlich registriert werden. Heute fand die Übergabe des insgesamt sieben Meter hohen Bergs aus Formularen statt. Gulli war vor Ort.

Der Wittenbergplatz im westlichen Zentrum Berlins ist bekannt für das Edelkaufhaus KaDeWe, welches an dessen südwestlichem Rand steht. Weniger geläufig dürfte den zahlreichen vorbeiflanierenden Touristen sein, dass auch Deutschlands Musikverwertungsgesellschaft GEMA hier eine ihrer beiden Zentralen besitzt. In einer Seitenstraße ragt das siebenstöckige Gebäude wie eine Trutzburg empor, es ist eckig, grau und wirkt funktional, unwillkürlich denkt man, dass das Äußere des Baus durchaus recht passend sein könnte für die Institution, die es beherbergt.

Kreidlers Aktion, im Grundgedanken zur Hälfte politischer Aktivismus, zur Hälfte Aktionskunst, wurde in jüngster Zeit von diversen Medien aufgegriffen. In der taz und der Berliner Zeitung etwa gab es Interviews, der "Zünder" der ZEIT, Heise, Telepolis und natürlich auch Gulli berichteten, die deutsche Blogosphäre brummte und selbst international machte Kreidler Schlagzeilen. Umso verwunderlicher, dass an diesem schönen Freitagmorgen nur etwa dreißig Journalisten und eine Handvoll Vertreter der Piratenpartei vor dem GEMA-Gebäude der Dinge harrten, die da kommen sollten.

Johannes Kreidler und die GEMA-Formulare

Johannes Kreidler ist ein Endzwanziger, der aus Süddeutschland stammt. Schon im Kindesalter begann er zu komponieren, er studierte die avantgardistische "Neue Musik" in Freiburg und doziert heute selbst. Sein spitzbübischer Gesichtsausdruck lässt es vielleicht auf den ersten Blick nicht vermuten, aber dass er Künstler mit einem ernstzunehmenden Anliegen ist, wird spätestens deutlich, als er aus dem geliehenen Umzugswagen steigt und auf direkte Art, ohne aufgrund der Situation ins Stottern zu geraten, den versammelten Journalisten erneut die Beweggründe für seine Aktion erläutern: Ja, er ist selbst GEMA-Mitglied und aus Prinzip für das Urheberrecht, findet aber, dass die GEMA sich nicht an die digitale Revolution anpasse. Nein, er hoffe nicht, dass die GEMA die Angelegenheit so ernst nehme, dass sie die 70.200 Formulare ernsthaft bearbeitet. Er wolle nicht die Bürokratie der Gesellschaft überlasten, sondern für bestehende Missstände sensibilisieren.

Kreidler und seine Helfer laden die Formulare aus

GEMA-BannerVor dem Gebäude erwarten bereits GEMA-Sprecher die Menschenmenge. Nachdem Kreidler und Helfer die Formulare in die Poststelle des Gebäudes getragen haben, werden die Anwesenden sehr höflich zu einer spontanen Pressekonferenz eingeladen - für den einen oder anderen kommt der freundliche Empfang überraschend. Im siebten Stock des GEMA-Hauses stehen bereits Getränke, der Raum ist ausreichend bestuhlt, eine rotbehaarte Dame verdeutlicht auf einem Poster, dass für die GEMA unzweideutig die Musik im Mittelpunkt stehe. Natürlich.

In der lebhaft geführten Diskussion schälen sich nach und nach, bei aller Höflichkeit, die verschiedenen Standpunkte heraus. Die drei Mitarbeiter der GEMA betonen mehrfach, dass sie die Gesetze zum Urheberrecht umsetzen, sie jedoch nicht erdenken. Dabei gehe es nicht nur darum, für öffentliche Aufführungen von Musik zu kassieren. Jeder Laden, in dem ein Radio läuft, ist gesetzlich verpflichtet, GEMA-Gebühren zu entrichten, sogar die GEMA selbst wirft für jedes Betriebsfest 21 Euro in den großen Topf. Die Gesellschaft kümmere sich jedoch auch in anderer Hinsicht um die Verwertungsrechte, etwa wenn ein Künstler dem widerspricht, dass ein anderer auf sein Werk benutzt, auf ihm aufbaut. Hypothetisches Beispiel: Jemand, der nicht möchte, dass sein Rocksong von einer Naziband gecovert wird.

In diesem Zusammenhang kommt die Diskussion auf das Thema Schöpfungshöhe bei Samples. Anders als ein aktueller Artikel der Online-"Süddeutschen" behauptet, war sich Kreisler im Vorfeld durchaus bewusst, dass ein verwendetes Sample "erkennbar" sein muss, damit dessen Verwendung GEMA-anmeldepflichtig ist. Nur ist der Begriff der Erkennbarkeit allerhöchstens in juristischer Fachliteratur umrissen. Das menschliche Ohr kann bereits akustische Informationen von wenigen Millisekunden Länge unterscheiden, argumentiert Kreidler. Muss ein Künstler, der etwas kreiert und dabei zwangsläufig auf Werke, Konzepte, Ideen anderer zurückgreift, juristische Literatur studieren, um seinem Tagwerk nachgehen zu dürfen? Rhetorisch fragt Kreidler nach der "Musikantenstadl". Im Bereich der deutschen Volksmusik sei schließlich offensichtlich, dass jeder von jedem kopiert.

Kreidler und die GEMA-Sprecher bei der Pressekonferenz

Mit den Möglichkeiten moderner Technologie ist vieles möglich, das vor einigen Jahren noch undenkbar erschien, wie Kreidlers Stück "product placements" zu zeigen versucht. Aus Sampling entsteht eine neue Form der Ästhetik. Die in diesem Zusammenhang geäußerte Kritik, dass die GEMA zu unflexibel auf neue Optionen, die digitale Technik bietet, reagiert, lässt die Diskussion kurz auf die Möglichkeit einer Kulturflatrate schwenken. Die GEMA diskutiert solche Optionen selbst in der Chefetage, verweist aber auch auf parallele Debatten in Frankreich, wo diese Möglichkeit als "Ausverkauf an den Künstlern" gebrandmarkt wurde. Dass die französische Regierung jedoch diese Möglichkeiten erst nach intensivem Lobbying der Industrie verwarf um fortan einen strikten Kurs der Verfolgung von "Piraterie" einzuschlagen, bleibt unerwähnt. Unklar bleibt zudem, auf welche Art und Weise die GEMA den Musiktransfer über das Internet sonst in Zahlungen für die Künstler umwandeln will. In der Diskussion lassen die Vertreter der Rechteverwerter ein Verständnis dafür vermissen, dass Filesharing trotz sämtlicher Maßnahmen, es zu kriminalisieren, in der Masse der Bevölkerung zu einem alltäglichen Phänomen geworden ist, so normal wie einst das Radiohören. Filesharing lässt sich genauso wenig mehr in den Griff bekommen wie das Brennen von CDs und der Tausch von Daten über Netzwerke und mobile Festplatten. Etwas provokant holt Kreidler zehn CD-Rohlinge aus der Tasche, die mit seinem "product placements"-Musikstück bespielt sind. De facto dürfte er sie ohne GEMA-Lizenzierung nicht an die Besucher verteilen, am Ende der Veranstaltung tut er es dennoch.

Ein GEMA-Sprecher bemühte zuvor die Analogie von Pflaumen, die jemand aus Nachbars Garten stiehlt, um zu illustrieren in welcher Weise geistiges Eigentum wirkt und das Urheberrecht formt. Nur sind Musikdaten heutzutage problemlos und in Massen digital reproduzierbar, während eine Pflaume nicht ohne weiteres geklont werden kann, wie mehrere Zuhörer anmerken. Welche Möglichkeiten hat die GEMA sonst, um aus der digitalen Revolution noch Tantiemen für die Künstler abzuschöpfen? Für Festplatten und Rohlinge gibt es schließlich auch Pauschalbeträge, die an die Künstler weitergegeben werden.

Diskussion zwischen Kreidler und der GEMADaran schließt sich jedoch ein weiteres Problem an: Wie sollten die Erlöse aus einer solchen Flatrate unter den Künstlern fair aufgeteilt werden? Johannes Kreidler bemüht den Vergleich zu YouTube, mit denen die GEMA bereits eine Einigung erzielt hat. Prinzipiell ist es möglich, Zugriffszahlen zu manipulieren. Genauso, wie man mit einem einfachen Script ein YouTube-Video immer wieder aufrufen kann, wäre es möglich Songs aus Tauschbörsen automatisiert herunterzuladen. Für den Status Quo, wie die daraus resultierenden Einnahmen verteilt werden, hagelt es bei vielen Gelegenheiten reichlich Kritik gegenüber der GEMA. Auf dieses Problem eine Lösung zu finden, sei Aufgabe der GEMA im digitalen Zeitalter, insistiert Kreidler.

Die Diskussion weiterhin beherrschendes und unter reger Zuschauerbeteiligung stattfindendes Thema waren alternative Lizenzierungsmodelle und die Antworten der GEMA darauf. Momentan ist ein Künstler, einmal bei der GEMA angemeldet, gezwungen alle seine Werke unter den einmal gewählten Bedingungen anzubieten. In der Praxis bedeutet das, dass ein GEMA-Mitglied zwar Musik nach eigenem Gusto auf seiner Website zum Stream anbieten, jedoch keine Musik unter CC-Lizenz oder exklusiv für Filesharingangebote veröffentlichen darf. Das führt, wie ein Diskutant anmerkt, zu der absurden Situation, dass man als Künstler unter Pseudonymen oder mit Hilfe von "Strohmännern" veröffentlicht, wenn man mit Creative Commons arbeiten will. Der Grund hierfür liegt in den Abstufungen der Lizenzierungen: Die GEMA unterscheidet lediglich zwischen öffentlicher und privater Zugänglichmachung, während CC mit der Unterscheidung zwischen kommerziell und nicht-kommerziell wesentlich näher an den Bedürfnissen vieler Künstler ist. Zum Abschluss der Diskussionsrunde gaben die GEMA-Bediensteten kund, vor allem an diesem Dilemma zu arbeiten. Man darf also gespannt sein, schließlich hat die GEMA ja auch eine Lösung für Podcasts mit bei ihnen lizenzierter Musik gefunden. Die halten zwar viele für unpraktikabel und realitätsfern, aber besser überhaupt eine Lösung als - siehe Filesharingproblematik - die Existenz von Podcasting zu ignorieren, weil es ja sowieso illegal ist.

Am Ende nahm Kreidler seine 70.200 Formulare wieder mit. Ein Museum interessiert sich, laut eigenem Bekunden, dafür.

Es war eine interessante Diskussionsrunde, bei der man zwar hin und wieder das Gefühl hatte, dass die Parteien aneinander vorbeiredeten, aber dennoch höflich und sachlich miteinander umgegangen wurde. Johannes Kreidler hat sich als schlagfertiger und pointierter Diskutant erwiesen, es wäre wünschenswert, zukünftig mehr solcher Aktionen von ihm zu sehen. An dieser Stelle sei auch auf die Veranstaltungsreihe GEMAwissen hingewiesen, die alle zwei Wochen in verschiedenen Städten Deutschlands stattfindet und bei der man die Möglichkeit hat, mit den Vertretern der Verwertungsgesellschaft zu diskutieren.

Einen Videozusammenschnitt mit Impressionen der Aktion hat YouTube-User professortiki zusammengestellt:


(YouTube-Direktlink)

Sämtliche Fotos in diesem Artikel und noch ein Haufen weiterer finden sich im Flickr-Account des Autors, sie stehen komplett unter einer CC-Lizenz. Julia Seeliger hat ebenfalls Fotos, sowie einen kurzen Blogeintrag. (fraencko)

  • Zitat: Zitat von Gravenreuth  .... und warum bitte? Jaja komm, wozu bist du überhaupt hier, back der GEMA einen Kuchen oder so

    The | Commander am 14.09.2008 12:45
  • Zitat: Zitat von PS-SP  Herr Kreidler hat sich getraut wovor viele Angst haben. Er hat SAchen nicht nur behauptet er hat es auch durchgezogen! Wenn man mit "der Sache" seine PR-Aktion meint. Zitat: Meinen Respekt hat er, Da wird er sich sicher aber freuen. Zitat: den der GEMA warscheinlich auch Für was? ...

    Gravenreuth am 14.09.2008 12:55
  • Zitat: Zitat von vbgd2  Ganz schön verrückt der Kerl mit seinen 70.200 Samples in 30 Sekunden Rumgeklapper. Verrückt.? Mit Sicherheit...allerdings, auf eine solche Idee muß man eben auch erst mal kommen... Respekt.

    soricsoon am 14.09.2008 13:35
  • Zitat: Zitat von soricsoon  Verrückt.? Mit Sicherheit...allerdings, auf eine solche Idee muß man eben auch erst mal kommen... Respekt. .... und was hat´s gebracht?

    Gravenreuth am 14.09.2008 14:23
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