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24. Mai 2006
Kommentar IFPI-Chef Kennedy zu eDonkey, Razzien und dem Stand der DesinformationDem Spiegel gab IFPI-Chef John Kennedy ein Interview anläßlich der Razzia bei eDonkey-Usern in Deutschland. Und nimmt man wohlwollend an, dass Kennedy zum einen ein rudimentäres technisches Hintergrundwissen besitzt und zum anderen die Debatte um die Krise der Musikindustrie mitverfolgt hat, kann man sich nur noch fragen: wie verzweifelt muss dieser Mann sein? Denn den Kampf gegen die kostenlose Kopie hat die IFPI schon längst verloren. Dass die freie Kopie sämtlicher digitaler Medien nicht am Ende, sondern vielmehr noch am Anfang ihres Siegeszugs steht, will die IFPI jedoch wider besseres Wissen nicht wahrhaben, und entsprechend werden die Augen vor den kommenden technischen Möglichkeiten verschlossen und im finsteren Keller froh gepfiffen. Anders kann man sich die Statements, die teilweise absurd, teilweise unzutreffend und durch die Bank von bemerkenswerter Ignoranz in Bezug auf die kommenden technischen Entwicklungen geprägt sind, kaum interpretieren. Aber statt der Umschreibungen: Einige der Perlen unter Kennedys Äußerungen nach der eDonkey-Razzia. Dass bei den Filesharern selbst diese Statements auf wenig Zustimmung stoßen, verwundert nicht: deren Zahl geht immerhin in die Millionen. Doch auch die anderen "Leute da draußen" begreifen nach und nach in der Tat einiges, jedoch in völlig anderem Sinn, als Kennedy glauben machen will. Wenn selbst der Europäische Verbraucherschutzbund den Kriminalisierungskampagnen der Industrie entgegentritt und es für notwendig hält, angesichts der anhaltenden Desinformation der Verbände deren Kunden über ihre Rechte aufzuklären, dann erkennt man recht schnell, in welche Richtung das allmählich erwachende, breite Bewusstsein geht. Man fragt sich, ob es sich um Unwissenheit oder um bewusste Lügen handelt, liest man folgendes Statement: "Als wir damit begonnen haben, die P2P-Szene zu verfolgen, wurden so einige Künstler nervös. Sie dachten, das sei nicht gerade eine coole Sache und waren auch nicht sicher, ob es richtig wäre. Aber als sie dann sahen, wie ihnen und ihren Freunden der Lebensunterhalt regelrecht entzogen wurde, sahen sie ein, dass es keine Alternative gab." Eine schöne Wunschvorstellung, die mit der Wirklichkeit indessen nichts gemein hat. Das beginnt bei den ersten Anti-P2P-Aktionen, die unter anderem von namhaften Bands wie Metallica nicht nur eingefordert, sondern auch selbst initiiert wurden. Das endet mit der Verkehrung des aktuellen Trends in sein Gegenteil: immer mehr Bands und Musiker wenden sich gegen die Kriminalisierungskampagnen der Industrie. Labels wie das kanadische Nettwerk unterstützen angeklagte Filesharer sogar finanziell im Prozess gegen die Industrieverbände. In Deutschland wie auch in anderen Ländern bildeten sich Zusammenschlüsse von Musikern und Bands, die sich angesichts der Kriminalisierung ihrer Fans nicht mehr von den amoklaufenden Verbänden repräsentiert fühlen und stattdessen Organisationen wie Savemusic gründen. "99 Cent für etwas, das sie für immer behalten können. Das sie mit sich herumtragen können, das sie mitnehmen, wenn sie umziehen. Das sie auch nach zehn Jahren noch hervorholen und genießen können", so Kennedy weiter. Es verwundert nach seinen Statements nicht mehr, dass Kennedy die Ablehnung der diversen Kopierschutztechniken, Rootkits und Spywareapplikationen durch seine Kunden offenbar vollständig aus seinem Bewusstsein verdrängen konnte, viel mehr verblüfft, dass Spiegel Netzwelt-Lichtblick Pantalong die Steilvorlage nicht nutzt. Die Industrie vertreibt Tracks mit inkompatiblen DRM-Schutzmaßnahmen, experimentiert mit "sterilen Kopien" und ignoriert dabei völlig, dass Musik permanent mobiler wird und die Kunden ihre Tracks auf diversen Playern, Multimediahandys, Mediencentern zu Hause und Rechnern auf Arbeit nutzen wollen. Ein Produkt, welches komplett an diesen Kundenwünschen vorbei vermarktet wird, kann am Markt schlicht keinen Erfolg haben. Momentan kann die Industrie nicht einmal gewährleisten, dass ein heute online geshoppter Track morgen auch auf dem vom Kunden bevorzugten mobilen Player abgespielt werden kann, es sei denn, jener entfernt die störenden digitalen Kastrationen. Unter diesen Umständen von den Jahren zu reden, in denen man die Stücke "hervorholen und genießen" kann, ist schlichtweg ignorant. Und weshalb Pantalong anschließend das Beispiel allofmp3 aus der Tasche zieht, jedoch auf die Preise und nicht auf das vorbildliche Encoding sowie die fehlenden Kopierrestriktionen eingeht, ist völlig unverständlich. Bei Statements wie jenen zu den "legalen Alternativen", welche die Branche in einer herbeihalluzinierten Vorreiterrolle im Netz geschaffen haben will, muss man sich gar nicht mehr groß äußern, wie die Labels zu diesen Alternativen geprügelt werden mussten, ist hinlänglich bekannt. "BitTorrent ist nicht immun", beschließt Kennedy das Interview, und wenn damit suggeriert werden soll, man sei auf der Höhe der Zeit, dann scheitert Kennedy damit geradezu grandios. Nach wie vor ist die Industrie absolut unfähig, die technische Entwicklung und die dadurch resultierenden Folgen für ihre Vertriebsmodelle auch nur ansatzweise abzuschätzen und sich darauf einzustellen. Denn BitTorrent ist mitnichten der letzte Schritt der Entwicklung, im Gegenteil: das richtig dicke Ende ist über die Industrie noch gar nicht hereingebrochen. Die sozialen Netze des Web 2.0 stehen erst in den Startlöchern, aber bereits jetzt gehört wenig Fantasie dazu abzusehen, was in den neu gebildeten, globalen Freundschaftsnetzwerken passieren wird: User werden Musik tauschen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit - einzelne Tracks, Alben, Ordner werden gezielt einzelnen Buddies zur Verfügung gestellt. Es kommen schlechte Zeiten für die Serverschnüffler der IFPI. Ob per MySpace und Konsorten, Messengerclients, Browserplugins wie AllPeers oder heute noch unbekannte neue Dienste - die gezielte Freigabe von Files an spezifische User und Usergruppen, die weiter wachsenden Bandbreiten und der immer billigere Traffic werden den Tausch von Medien in Zukuft weiter vereinfachen. Dieselbe Entwicklung wird im Reallife stattfinden. Bereits jetzt kann man eine stattliche Discografie auf eine Handvoll DVDs packen. Die Frist ist absehbar, in der Musikfans ihre komplette Musiksammlung auf einem Player, einem Multimediahandy oder einem sonstigen Speichermedium permanent mit sich herumtragen können. Hundert Gigabyte mp3 auf dem Handy, immer dabei, und wenn dem Freund etwas gefällt, wird per Bluetooth oder anderer drahtloser Anwendung der Wahl kopiert. Auch einem Kennedy sollte klar sein, dass dies keine utopischen Szenarien sind, die in einigen Jahrzehnten eintreffen könnten, sondern dass diese Form des Datentauschs bereits jetzt gängige Praxis ist und bleiben wird. Durch welche Medien und Verbreitungswege auch immer: die Konkurrenz durch den kostenlosen Tausch wird der Musikbranche erhalten bleiben. Um einen Klassiker zu variieren: Größere Speichermedien, wachsende Bandbreite und die Kopfhörerausgänge der Player sind die schwere Artillerie, mit denen jede Krimimalisierungskampagne, alle DRM-Maßnahmen und jegliche Kopierschutztechnik in Grund und Boden geschossen werden, die sich die Verbände noch ausdenken wollen. Je länger sie sich diesen Tatsachen verschließen, um so dicker die Kröten, die sie am Ende schlucken müssen. "Wir wollen, dass das alles aufhört", so Kennedy im Spiegel-Gespräch. Zumindest mit der Ausage könnte er recht behalten. Die IFPI ist auf dem besten Weg. Verwandte News
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