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22. November 2006

Killerspiele Warum die Verbotsdebatte am Ziel vorbeiführt

Der Amoklauf von Emsdetten entfacht wieder einmal die mittlerweile schon zur Gewohnheit verkommenen Diskussionen um sogenannte Killerspiele. Jedes Mal greifen Online- und Printmedien dieses Thema auf und können sich dabei auf prompt vorliegende Presseerklärungen diverser Politiker berufen. Zweifellos: wer Counterstrike und Konsorten spielt ist ein latent psychisch gestörter Amokläufer, der jeden Tag explodieren könnte heißt es im ungeteilten Presseecho.

Subversive Vorstöße in diese Richtung gibt es seit Jahren. Bereits 1999 - wenige Monate nach dem Schulmassaker von Littleton und dem Amoklauf eines 16-jährigen Lehrling in Bad Reichenhall fordert CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber ein Verbot "Killerspielen" in Bayern. Dabei lässt er auch keinen Zweifel an seiner Meinung, denn derartige Spiele "[sind] völlig unverantwortliche und indiskutable Machwerke, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen".
Erneut entflammt die Debatte nach dem Massaker von Erfurt, bei dem 16 Menschen sterben. Bereits damals wurde ein neues Jugendschutzgesetz verabschiedet und ein Antrag auf Indizierung ("Verbot") von Counterstrike gestellt, der allerdings abgewiesen wurde, da das Spiel zwar eine gewisse Jugendgefährdung in sich berge, diese aber für eine Indizierung nicht ausreiche.

Counter-Strike Screenshot

Davon erneut unbeeindruckt zeigen sich Politiker um Niedersachsens Innenminister Uwe Schürmann (CDU) und Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU), die eine Bundesratsinitiative unterstützen wollen, die eben jene "Killerspiele" verbieten soll. Ziel dieser Initiative soll ein generelles Herstellungs- und Verbreitungsverbot für eine nicht näher genannte Gruppe von Computerspielen sein. Beckstein findet hier gewohnt deutliche Worte:

"Killerspiele sollten bei der Strafbewährung in der Größenordnung von Kinderpornografie eingeordnet werden, damit es spürbare Strafen gibt."

Einzig Bodo Ramelow (Linkspartei) hält nichts von "solche[n] Ersatzdebatten", sondern sieht vielmehr das Schulsystem in der Pflicht "Die Schule muss nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch soziale Kompetenz".

In der Tat ist das Verbot von gewalttätigen Computerspielen (und/oder Musik sowie Filmen) eine recht sinnfreie Debatte, die Politiker angesichts ihrer eigenen Hilflosigkeit und des kollegialen Versagens unserer Gesellschaft bei derartigen Vorfällen führen, um Schuldige auszumachen. Denn wo es eine Auswirkung gibt, muss es auch eine deterministische Ursache geben - so die einfache Theorie. In der Wissenschaft kennt man dieses einfache Prinzip als Technikdeterminus. Im Allgemeinen gilt das längst als widerlegt und falsch. Dies kann man ganz einfach nachvollziehen, da dieser Technikdeterminismus von falschen Voraussetzungen ausgeht, etwa dass Technik eine gegebene unbeeinflussbare Ursache sei; oder gar, dass Technik im Allgemeinen und gewaltverherrlichende Computerspiele im Einzelnen automatisch eine Veränderung in den sozialen Beziehungen "bewirken" und jene Auswirkungen auch noch "soziale Auswirkungen" seien. Nun bedarf es keines studierten Soziologen um darzulegen, das Technik und soziales Handeln viel komplexer, als eine simple Ursache-Wirkung-Beziehung ist.

Counter-Strike Screenshot

Gerade diese technikdeterministische Denkweise stellt einen Gutteil der Aussagen zu diesem heiklen Thema dar und ist entsprechend häufig anzutreffen. Es ist eine einfache und naheliegende Lösung. Daran gibt es nur ein Problem: diese Theorie ist falsch. Deswegen kann nunmal nicht einfach allgemein die Behauptung aufstellen: Counterstrikespieler sind potenzielle Amokläufer. Dies ist ein ebensolcher Technikdeterminismus. Vielmehr ist der soziale Akteur "(jugendlicher) Amokläufer" eine viel komplexere Angelegenheit, als ein simpler Liebhaber gewalttätiger Computerspiele. Das ist auch der ganz simple, wie richtige Grund, warum ein Verbot von Egoshootern (oder was auch immer) nicht zielführend wäre, weil deutlich am Ziel vorbeigeschossen. Vielmehr sollte man sich über die wirklichen Ursachen dieses Problems kümmern und das fängt weitab von Slipknot, Counterstrike und Internet-Bombenbauanleitungen an, nämlich bei den (zweifellos) vorhandenen sozialen Ursachen, die letztlich zu der psychosozialen Entwurzelung führen, die für einen Amoklauf nötig scheint, etwa Integrationsprobleme, oder ungelöste Konflikte im täglichen Leben.

Allerdings wäre es auch falsch, Gewaltspielen jede Auswirkung auf die Psyche abzustreiten. Diese sind allerdings weit komplexer und nicht deterministisch erklärbar. Das Potential, die Gewaltbereitschaft zu fördern, haben derartige Spiele nämlich allemal. Bei entsprechend veranlagten Personen können gewaltbereite Spiele durchaus auf fruchtbaren Boden treffen. Falsch wäre allerdings, diesen Gedanken zu pauschalisieren und auf die Allgemeinheit zu übertragen - denn die Allgemeinheit vermag in der Regel sehr wohl zu differenzieren. "Nicht Waffen bringen Menschen um, Menschen bringen Menschen um", kann hier als Vergleich herhalten. Gleichwohl fördern Spiele wie Counterstrike irrationales Klassendenken, wie es gibt nur "die Guten" und "die Bösen". "So ein Blödsinn", denken wir uns - und doch, unser Verstand ist wesentlich komplexer und beeinflussbarer als mancher von uns zugeben mag. Ob das allerdings ein hinreichender Grund für eine pauschale Indizierung von Gewaltspielen ist? Mit Sicherheit nicht.

  • hehe das ist gut^^

    CronekorkN am 06.12.2006 18:25
  • Langsam kann ich über Beckstein nur noch lachen: Verbot von „Killerspielen“ - Bayern will auch Spieler bestrafen (FAZ, 5.12.2006) Ein besonderes Highlight: Zitat: Für das gelegentliche Spielen seien dagegen „Jugendstrafen“ ausreichend. Tja, lang ist ist es her, das Jurastudium und die Promotion zum Dr. iur. . grtz BuggerT

    BuggerT am 06.12.2006 20:05
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