gulli: Killerspiele: Sinn und Unsinn im Bundesrat

Anzeige

gulli:Toolbox

Voting

Worüber wollt ihr mehr News?
Netzwelt
Untergrund
Filesharing
Datenschutz
Hacking
Demoszene
Mobiles (Handy)
Linux
Feature (Gulli Glosse)
16. Februar 2007

Killerspiele Sinn und Unsinn im Bundesrat

Es steht zu befürchten, dass einmal mehr Gesetzesvorlagen von Leuten eingebracht und diskutiert werden, die von der Materie auch nicht die geringste Ahnung haben. Glücklicherweise melden sich nach wie vor auch denkende Menschen zu Wort in einer Debatte, die ansonsten im faktenfreien Raum geführt wird. Der deutsche Kulturrat sprach sich im Vorfeld der heutigen Debatte für ein "Recht auf Schund" aus.

Erstaunlich entspannte Töne, in einer Diskussion, die sonst von Faktenfreiheit geprägt ist. Mit ihrem Statement im ZDF outete sich beispielsweise die bayerische Familienministerin Christa Stewens als weitgehend ahnungslos, was Medienwirkungsforschung betrifft:

"Das sagt uns ja die Medienwirkungsforschung ganz klar, dass wir uns schon anschauen müssen, was für Wirkungen das bei Jugendlichen hinterlässt. Und da sagen uns die Vorfälle in Reichenhall, in Erfurt, in Emsdetten: Da waren immer gewaltverherrlichende Videos und Killerspiele im Spiel, die letztendlich auch hier die Bereitschaft zum Töten bei Jugendlichen herabgesenkt haben."

Man muss keine zwei Semester Medienpädagogik studiert haben, um zu wissen, dass von "Klarheit" diesbezüglich keine Rede sein kann, die Lektüre von ein, zwei Standardwerken reicht vollkommen aus.

Bereits im Vorfeld präsentierte Bayerns Ministerpräsident Stoiber stolz seine abgekürzten Denkvorgänge:

"Nach dem Amoklauf von Emsdetten und angesichts immer neuer Amokdrohungen von Jugendlichen darf es keine Ausreden und Ausflüchte mehr geben. Killerspiele gehören in Deutschland verboten."

zitiert Golem den Ministerpräsidenten, der wohlweislich ignoriert, dass neben Killerspielen der Alltag der jeweiligen Jugendlichen geprägt war von Schulversagen, Mobbing, Zukunftsangst, Brotkonsum und schwarzen Trenchcoats.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sorgt sich indessen um die Kunst- und Redefreiheit im Land:

„Zur Zeit beobachten wir mit Sorge, wie sich Bund und Länder gegenseitig mit immer neuen Vorschlägen überbieten, um den Vertrieb von Computerspielen einzuschränken. ... Bei der Debatte um Gewalt in Computerspielen darf aber nicht über das Ziel hinausgeschossen werden. Erwachsene müssen das Recht haben, sich im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen auch Geschmacklosigkeiten oder Schund anzusehen bzw.entsprechende Spiele zu spielen. Die Meinungsfreiheit und die Kunstfreiheit gehören zu den im Grundgesetz verankerten Grundrechten. Die Kunstfreiheit ist nicht an die Qualität des Werkes gebunden. Kunstfreiheit gilt auch für Computerspiele.

Ein großes Wort, gelassen ausgesprochen, welches unter anderem besagt, dass es glücklicherweise noch nicht die Sache der CSU ist, zu entscheiden, was Kunst ist und was nicht.

Indessen ist die merkbefreite Diskussion in der Politik von langer (und in den Augen der Populisten auch pflegenswerter) Tradition. Der Verfall der Sitten unter den Jugendlichen wurde in Deutschland schon seit dem Kaiserreich auf die "jugendgefährdenden Medien" zurückgeführt, die wahlweise verbrannt, verboten oder anderweitig verdammt wurden. Weder NS-Zeit noch '68, weder die Weimarer Republik noch das DDR-Regime zeigte ein anderes Bild: wenn es um die Jugend ging, dann waren die Medien schuld - und keinesfalls eine Gesellschaft, die Verlierer produziert.

Es steht zu hoffen, dass die Denkfähigkeit in absehbarer Zeit bei den Entscheidungsträgern zurückkehrt - auch wenn die historische Betrachtung der Diskussion daran zweifeln läßt. Immerhin, Verbote würden natürlich an der Verfügbarkeit der entsprechenden Titel absolut nichts ändern. Die Alternativen zu den "Killerspielen" sind nebenbei allenfalls zeitweise amüsant, wie ein unabhängiger Test ergab.

Ein "CSU-Unreal Tournament" wurde in der gulli-Redaktion angesichts der zur Diskussion stehenden Gesetzesvorschläge getestet. Die Regeln: möglichst häufiges und intensives Unreal-Kuscheln mit so sanft wie möglich betätigtem Presslufthammer. Die Gravitation wurde zum Schutz vor Sturzverletzungen weitgehend abgestellt, Bots auf niedrigste Stufe gesetzt. Wer das Fraglimit erreicht, hat verloren. Fazit: allenfalls gelegentlich spassig.

  • 45 Kommentare zum Artikel
  • Zitat: Zitat von MegaTuroki 2  Bayern sollte echt ein eigenes Land werden, dann können die in ihrem eigenen Land verrecken! genau da haben wir das problem: eine masse von menschen wird beurteilt aufgrund der erfahrungen die man mit einer person gemacht hat. nur weil die stimme der bayerischen politiker eine der lautesten in dieser debatte ist heißt das noch lang nicht das das bayerische fußvolk ...

  • Zitat: Zitat von MjaG  genau da haben wir das problem: eine masse von menschen wird beurteilt aufgrund der erfahrungen die man mit einer person gemacht hat. nur weil die stimme der bayerischen politiker eine der lautesten in dieser debatte ist heißt das noch lang nicht das das bayerische fußvolk diese ansichten, die die politiker vertreten, tolerieren. Das stimmt schon, dass ein solcher ...

    icecreamman am 19.02.2007 19:25
© Copyright 2008 gulli.com  | home | sitemap | kontakt | impressum | Partner | downloads |