gullinews am Dienstag, 11.12.2007 15:50 Uhr
Ein solcher ist Alvar Freude, der zusammen mit Dragan Espenschied den Assoziations-Blaster aus der Taufe hob, weiter mit dem Freedom Fone, odem.org und einer ganzen Reihe weiterer Kunst-, Protest- und Kommunikationsprojekte das Internet zu einem etwas angenehmeren Ort machen. Der Assoziationsblaster sorgt gelegentlich für Ärger: so begriff die Deutsche Bahn vor Jahren nicht den Unterschied zwischen einem Proxy und einem Webserver und forderte die Sperrung einer "geblasterten" Version der Zeitschrift "Radikal", welche eine Anleitung zur Bahnsabotage enthielt.
Ähnlich hanebüchen die jetzige Beschwerde von jugendschutz.net. Unter dem Stichwort "Frischfleisch" findet sich im Blaster unter anderem folgender Text:
"Endlich Sommer! Die Bekleidung wird knapper und lädt zur Fleischbeschau ein. [...] Unwillkürlich frage ich mich, wie sich dieser junge, muskelbepackte Russe wohl in meinem Schlachtraum machen würde. Natürlich würde ich ihn mit einer Spritze gefügig machen. [...] Aus ängstlichen Augen sieht mich der Bengel an, aber ich kenne kein Mitleid. ich packe seinen Kopf, beuge ihn nach hinten und schneide die Kehle durch. Der Junge röchelt, das Blut strömt, dann erschlafft er. Zufrieden lasse ich ihn herunter und verfrachte ihn auf den Ausbeintisch, wo ich den schlanken Bengel ausnehme und zerlege."
Achtung, dieser Text ist nach Ansicht von Jugendschutz.net eine "offensichtlich schwere Jugendgefährdung". Schwach besaitete Jugendliche sind hiermit gewarnt und sollten gegebenenfalls von der Lektüre absehen.
Freude dazu:
"Hier wird eine wirre Phantasie geäußert, dennoch muss man sich fragen, ob alles, was wirr ist, verboten gehört?"
Man muss nicht nur fragen, man muss auch mit "Nein" antworten. Ansonsten ein guter Teil der Weltliteratur wohl nicht mehr frei verkauft oder gar beworben, sondern allenfalls gegen Vorlage des Personalausweises unter der Ladentheke vertickt werden dürfte.
So absurd die Beschwerde, hat sie dennoch ihr Gutes und belegt damit, dass jugendschutz.net gelegentlich zu etwas nütze ist. Im konkreten Fall regte die umstrittene gGmbH Freude dazu an, einen Text zu verfassen, welcher en Detail darlegt, warum es sich bei jugendschutz.net um eine Institution handelt, die beim Verschwinden eine Lücke hinterläßt, von der sie vollkommen ersetzt würde.
Mehr sogar: die Lücke wäre weitaus gesellschaftsdienlicher als die Institution: im Gegensatz zu jugendschutz.net muss eine Lücke weder öffentliche noch private Gelder auftreiben und zu diesem Zweck auch keine Propaganda betreiben:
"Nur ein Teil der benötigten Gelder kommt von den Obersten Landesjugendbehörden. Sie müssen also, wie jede normale Firma, Akquise betreiben und Projekte an Land ziehen. Dafür wäre es natürlich wenig hilfreich, wenn das Internet gar kein so wirklich gefährlicher Ort für Kinder wäre – also müssen permanent neue Gefahren gesucht werden, vor allem nachdem die Pornobranche in Deutschland deutlich gezähmt ist."
So Freude zur Selbstlegitimation des Unternehmens, von der er den Bogen schlägt bis zur Angst von Politik und Wirtschaft vor einem Medium, welches direkte Kommunikation zwischen Bürgern ermöglicht, ohne dass sich die bisherigen Gatekeeper - Medienunternehmer, Zensoren, staatliche Überwachungs- und Kontrollstellen - dazwischen schalten können. Eine Alptraumvorstellung - für manche Leute.
Einen der zentralen Kritikpunkte an jugendschutz.net wird von Freude gar nicht einmal aufgegriffen: dass die Institution mit ihren angeblichen Erfolgsgeschichten suggeriert, das Internet von Schmutz und Schund "reinzuhalten", kann zum fatalen Missverständnis führen, dass naive Eltern von einem sauberen, jugendfreien Internet ausgehen und ihre Kinder entsprechend unvorbereitet an den Rechner lassen.
Schöne Pointe zum Schluss: als gGmbH sollte die Webseite ihren Rechtsstatus auch im Impressum führen. Weder dort noch in ihren Mailanschreiben taucht dieser indessen auf.
| 10 Reaktionen aus dem gulli:Board |
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surfingdude am 13.12.2007 03:27:20: |
JohONE am 13.12.2007 03:46:11: |
BluePeer am 13.12.2007 04:57:45: |
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