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09. August 2005

J.D. Lascia Darknet - Hollywoods War against the Digital Generation

Warum man dieses Buch lesen sollte

"Der erste umfassende Bericht über die Restriktionen, die unseren digitalen Freiheiten durch die Medienindustrie auferlegt werden", so Howard Rheingold im Klappentext für Lascias Buchs, und er hat recht.

Sein Buch beginnt Lascia mit einer kurzen Geschichte über Fan-Fiction - eine Gruppe von Teenagern drehten einen Hollywoodfilm mit großem Enthusiasmus nach - um hinterher festzustellen, dass es keine Möglichkeit gibt, den Film vor 2076 in irgend einer Weise zu publizieren. Um diese Zeit würden die Macher ihren 105. Geburtstag feiern.

Dieses Thema wird sich durch Lascias gesamtes Buch ziehen: es gab eine Zeit, in der Medien von allen gemacht wurden und sie allen gehörten - vor dem Radio, vor dem Fernsehen, vor den großen Studios und ihren Produktionen. Die Gesellschaft ist in der Zwischenzeit kulturell verarmt: immer weniger Medienmacher prägen immer mehr Medien, die Möglichkeiten der Einzelnen, sich kreativ zu beteiligen, werden immer mehr eingeschränkt. Indessen hat das Internet das Potential, der Gesellschaft wieder Teilhabe an den Medien zu verschaffen - wenn die überbordenden Eigentumsregimes auf ein vernünftiges Maß zurückgestutzt werden. Dass Menschen mit Medien und Kunst Geld verdienen können, wird dadurch nicht unmöglich, im Gegenteil - und das Darknet spielt die Rolle eines wichtigen Korrektivs im Wiederaneignungsprozess der Gesellschaft an ihren Medien.

Im Folgenden umreißt Lascia mit enormem Insiderwissen die verschiedenen Bereiche, in denen digitale Regimes die Rechte der Menschen beschneiden sowie sie vom kreativen Umgang mit den Medien abhalten - Filme, TV, Musik, Spiele. Er beginnt jedoch mit dem "Darknet" - den Bereichen im Internet, in denen Inhalte gegen den Willen der Rechteinhaber frei verteilt werden und die für ihn einen Teil der Gegenkultur darstellen, in der sich die Menschen die Medien wieder aneignen.
Einen sehr detailierten Einblick in den Untergrund gibt uns Lascia insbesondere mit seinem Bericht um einen in die Releaserszene eingeschleusten Doppelagenten der Musik- und Filmindustrie, über welchen an anderer Stelle bereits ausführlich berichtet wurde. Wer dabei hofft, mit konkreten Anlaufstellen im Netz versorgt zu werden, wird jedoch erwartungsgemäß enttäuscht.
Nach einem kurzen Exkurs zum kreativen Potential von Fans, die teilweise extrem aufwändige Produktionen herstellen, welche dann aus Copyrightgründen nicht an die Öffentlichkeit gelangen sowie einigen technischen Basics zu Packformaten wie DivX und den neuen Möglichkeiten der Mediendistribution stellt Lascia die Restriktionen vor, mit denen Hollywood den Geist der digitalen Freiheit wieder in die Flasche drängen will. Er berichtet von Absurditäten wie beispielsweise dem Alternativentwurf zum Regionalcode in DVD-Playern: statt jenem war der Einbau eines GPS-Moduls in jeden Player geplant, der je nach Standort auf der Welt das Abspielen von DVDs erlaubte oder verweigerte. Abgelehnt wurde die Technik nicht wegen ihres Überwachungspotentials - sondern aus Kostengründen. Ein weiterer Schwerpunkt: PVRs - Personal Video Recorder wie TiVo, die zeitversetztes Aufnehmen, webefreies Filmschauen und einfach programmierbares automatisches Mitschneiden beispielsweise aller Folgen einer gewünschten Serie erlauben. Lascia gibt einen Überblick über den Stand der Technik und neue Entwicklungen, welche die Gerätehersteller gerne umsetzen würden, die jedoch die Medienindustrie mit teilweise drastischen Mitteln verhindert. Insbesondere das Recht, Sendungen aufzunehmen und Werbung zu überspringen, ist Hollywood wie den TV-Sendern ein Dorn im Auge, am Verhindern des Überspringens von Werbeblöcken wird momentan mit Hochdruck gearbeitet. Kommende Kopierschutzmechanismen für die DVD, die Kastration von HDTV, das generelle Verhindern des Aufnehmens von Sendungen: anschaulich führt Lascia vor, wie technische Innovation stattfand, aber von den Medienkonzernen regelmäßig aufs Erbittertste bekämpft wurde. Dies in jüngster Zeit übrigens mit beängstigend wachsendem Erfolg.
Auf der anderen Seite zeichnet Lascia ein realistisches Bild dessen, was prinzipiell schon heute mit vorhandener Technik möglich ist und welche rechtlichen Konsequenzen es haben könnte, wenn diese Möglichkeiten juristisch unterbunden werden. Die Wahl zwischen Dystopie und goldenem Medienzeitalter überläßt er dem Leser - einzig sicher sei, dass größere Umwälzungen bereits in den nächsten fünf Jahren bevorstehen.

Digitale Rebellen - wenn oft auch wider Willen - sind das nächste Thema Lascias. Ausgehend vom filesharenden Pfarrer bis hin zur EFF, die gegen den DMCA verstieß, um Schwachstellen in den Wahlmaschinen Diebolds publik zu machen, stellt er die fatalen Folgen heutiger Copyrightgesetze dar. Sehr kenntnisreich berichtet Lascia dann über die Filesharingszene - begonnen von den Rechtsstreitigkeiten um die großen Tauschbörsen, ihren rechtlichen Status in vielen Ländern bis hin zu den anonymen Tauschbörsen wie Waste, dem fragwürdigen EarthStation5-Projekt und dem Freenet Project. Auch über diese hat er mit dem größten Teil der Entwickler selbst gesprochen und ihre Ansichten und Motive mit jenen der Medienproduzenten gegenübergestellt.
Neben den "Darknets" geht Lascia dabei auch auf die medialen Gegenkulturen ein: Creative-Commons-Aktivisten, Graswurzelmedien, Menschen, die sich zwischen den juristischen Verstrickungen des Copyright und Fair Use hindurchschlängeln und ihre eigenen Mediennetzwerke schaffen. Regelmäßig versieht Lascia seine Beschreibungen mit Beispielen, gibt den verschiedenen Anwendern und Projekten Gesichter, läßt Entwickler und Gegner von Darknet-Software selbst zu Wort kommen zu ihren Motiven und Gegenstandpunkten.

Zu guter Letzt zieht Lascia mit der Verbreitung von Spielen über die berühmten dunklen Kanäle ein Beispiel dafür heran, wie sich eine Branche zwischen Piraterie, Fankultur und funktionierendem Geschäftsmodell etabliert hat. Lascias These: da ein Großteil der Spieleproduzenten ihre Fans stark in die Spieleentwicklung mit einbeziehen, schaffen sie es, trotz Copyrightverstößen ihrer Fanschar in der Gewinnzone zu bleiben einerseits sowie die Bindung zu ihren Fans zu erhalten andererseits. Diese Strategie hat die Musikindustrie dagegen komplett verworfen. Ergebnis: die Musikindustrie wird von den Fans in der Regel gehasst, während die Spielehersteller Fans stärker an sich binden kann und gar ihre Kreativität im Markt nutzt: über von Fans gemachte Mods, Addons, Spielvariationen - bekanntestes Beispiel wohl der Half-Life-Mod Counterstrike. Hier wieder die These: anstelle das kreative Potential der Anwender mit digitalen und juristischen Restriktionen zu verhindern, sollten die Medienproduzenten diese Ressourcen ausschöpfen und auf ihnen basierend neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Dennoch fällt im letzten Drittel der Lesespass ein Stück weit ab: dieselbe Problematik wird einmal in Bezug auf die Musikindustrie, die Filmindustrie sowie auf die Spieleproduzenten abgehandelt. Dabei existieren in der Tat signifikante Unterschiede, der Text hätte im Großen und Ganzen hier dennoch einige Straffungen vertragen. Inhaltlich dagegen ist Lascia auf dem neuesten Stand und schafft einen Komplettüberblick, der in dieser komprimierten Form weder im Netz noch im Druck bislang zu finden war. Kleinere Fragwürdigkeiten fallen kaum ins Gewicht - Lascia nimmt beispielsweise an, dass das Freenetproject bei Bedarf - im Fall der fortgesetzten Kriminalisierung der großen Tauschbörsen - schnell eine unzensier- und kontrollierbare Filesharingalternative wird. Indessen ist das Projekt von dieser Nutzung technisch noch weit entfernt.

In zehn knappen Punkten stellt Lascia abschließend dar, wie eine völlige Enteignung der Gesellschaft an den Medien verhindert werden kann - und wie dabei weder Medienschaffende noch Künstler deswegen in Brotlosigkeit versinken müssen.

Zusammenfassend: das Buch ist höchst lesenswert, es bietet einen sehr detailierten Über- wie Ausblick zu den aktuellen Entwicklungen im Bereich Medienindustrie, Internet, Darknets/Szene und Creative-Commons-Aktivisten, auch dann, wenn man sich schon länger mit der Thematik befasst hat. Der Schwerpunkt auf US-Gesetzgebung und -Medienlandschaft wird regelmäßig durch Vergleiche mit der Rechtslage in anderen Ländern aufgebrochen und relativiert. Darüber hinaus bricht das Buch auf geradezu erfrischende Art und Weise aus dem Grabenkampf "Kopieren ist Diebstahl" vs. "Information ist frei" aus und bietet einige sehr nachdenkenswerte Ansätze, um über eine neue Medien- und Musikkultur nachzudenken, die sich mit den neuen Netztechnologien ergeben kann. Ein Index und die umfangreiche Homepage mit Interviewvolltexten, weiterführenden Links und Quellen runden den Titel ab.

Ein ordentliches Englisch sollte man für das Hardcover mitbringen - Lascia schreibt durchaus spannend und unterhaltsam, regelmäßiges Begriffsnachschlagen könnte jedoch schnell den Spaß am Buch verderben.

J.D. Lascia, Darknet - Hollywoods War against the Digital Generation. 308 Seiten, Englisch, Hardcover, 24,50

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