gulli: GVU-Jahresbericht 2006: Prädikat Lesenswert

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24. April 2007

GVU-Jahresbericht 2006 Prädikat Lesenswert

Heute erschien der Jahresbericht der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen. Wie immer spannend zu lesen sind die Interpretationen der GVU zur Lage an der Raubkopierfront und ihren Aktivitäten 2006. Die Frage nach dem Erfolg beantwortet die GVU trotz bzw. wegen sinkender Verurteilungszahlen mit ja - darüber lässt sich indessen trefflich streiten.

Der Schwerpunkt der GVU-Ermittlungen richtete sich 2006 gegen die "Supplier" - GVU-Jargon für die ursprünglichsten Quellen kopierter Ware, namentlich Releasecrews und "First Seeders" in Tauschnetzen. Weitere Ermittlungsschwerpunkte waren der Handel mit kopierten Medien beispielsweise bei eBay oder auf Straßen- und Flohmärkten. Der Erfolg: die Einleitung von 1.843 Verfahren (im Gegensatz zu deren 2.549 im Jahr 2005) und der Abschluss von 1.475 Verfahren abgeschlossen, 25 weniger als im Vorjahr.

Spannend ist die klare Absage der GVU an die Methoden, wie sie beispielsweise von der IFPI angewendet werden. Die massenhafte Verfolgung privater Kopierer zur Durchsetzung von Schadensersatzzahlungen, wie sie in den Tausenden von Filesharingklagen der IFPI stattfand, sieht die GVU skeptisch:

"Die GVU hält ein solches Vorgehen nicht nur für wenig Ziel führend im Hinblick auf die sich daraus ergebenden spezial- und generalpräventiven Effekte, sondern auch für kontraproduktiv. Die Belastung der Strafverfolgungsbehörden mit einer hohen Anzahl von Verfahren ... birgt die Gefahr in sich, dass für die Strafverfolgungsbehörden die Identifikation von solchen Tätern, die entweder für Urheberrechtsverletzungen größeren Ausmaßes selbst verantwortlich sind oder für diese die Voraussetzungen schaffen, innerhalb der Verfahren erschwert wird."

Aus der sinkenden Zahl der Verfahren schließt die GVU auf die kontraproduktive Wirkung der Massenabmahnungen. Vor allem mit Strafverfolgungsbehörden, die durch Filesharing-Massenklagen lahm gelegt wurden, war die Kooperation deutlich erschwert, da die Bereitschaft zur Ermittlung bei steigender Verfahrenszahl fällt. Hier habe die GVU - erfolgreich -  Aufklärungsarbeit betreiben müssen, dennoch seien Fallermittlungen in direkter Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden von 242 im Vorjahr auf nur noch 51 im Jahr 2006 zurückgegangen.

Überwiegend Filme wurden bei den GVU-Aktivitäten beschlagnahmt. Die GVU konstatiert einen einsetzenden Abschreckungseffekt: Verfahren gegen Ersttäter würden meist gegen vergleichsweise niedrige Zahlungen eingestellt, die "Rückfallquote" sei laut GVU sehr gering.

Gefeiert wird erwartungsgemäß die Operation Boxenstopp, in der die GVU Realdaten der Mitglieder zahlreicher Releasecrews erlangt haben will. Ebenso sei die Strategie des "First Seeder Kill" vorläufig aufgegangen - gegen die ersten Seeder einer Kopie in Tauschbörsen wird verstärkt vorgegangen, erfahrungsgemäß seien die "First Seeds" von relativ wenigen Personen in den Tauschbörsen veröffentlicht worden. Eine interessante Interpretation, wenn man bedenkt, dass laut Eigenbericht der GVU Filme im Schnitt externer Link in neuem Fenster folgt3,7 Tage vor dem Kinostart im Netz verfügbar werden.

Amüsant liest sich die Passage zu den Maßnahmen der GVU in Tschechien. Die Blamage, als GVU-Agenten "externer Link in neuem Fenster folgtHautabschürfungen und Prellungen" bei mehreren Razzien im tschechisch/deutschen Grenzgebiet erleiden mussten, umschreibt der Jahresbericht mit den Worten:

"So führten GVU-Ermittler unter teilweise abenteuerlichen und auch zum Teil physisch gefährdenden Umständen Voraufklärungen durch, bevor die tschechischen Strafverfolger zugeführt wurden, um die Beschlagnahmungen tatsächlich durchzuführen."

Wie meistens fehlen Erwähnungen der Fehlschläge: zahlreiche Händler konnten sich bei den Razzien in Tschechien durch die Flucht entziehen. Auch vom externer Link in neuem Fenster folgtKieler Landgericht war keine Rede, welches im vergangenen Jahr untersagte, die GVU mit Ermittlungstätigkeiten zu betrauen oder als neutrale Sachverständige in strafrechtlichen Ermittlungsverfahren zu bestellen. Und auch die blamable Durchsuchung der Räumlichkeiten der GVU während der externer Link in neuem Fenster folgtOperation Boxenstop war der GVU keine Erwähnung wert:

"Entgegen anders lautender Einschätzungen in Teilen der Medien hat es sich bei der durch die drei unterschiedliche Staatsanwaltschaften in Zusammenarbeit mit der GVU im Januar 2006 durchgeführten Aktion „Boxenstop“ um einen sehr nachhaltigen Schlag gegen die Szene der so genannten Release-Groups und ihre Unterstützer gehandelt",

schreibt es im Jahresbericht, ohne ein Wort über die Vorwürfe zu verlieren, selber Server bereitgestellt und an der unerlaubten Verbreitung von Medien mitgewirkt zu haben.

Dennoch - oder naturgemäß - betrachtet die GVU das "Kalenderjahr 2006 im Sinne ihres strategischen Ansatzes als erfolgreich." Wie auch schon im externer Link in neuem Fenster folgtletzten Jahr.

  • Zitat: Zitat von Schranzelot  ja ne is klar...so legitimierst du also das verhalten sämtlicher ripper und filesharer? weil die großen es nicht anders verdient haben? Die Kunden unfreundlichen Konzerne haben es meiner Ansicht nach nicht anders verdient.

    Shanks.Der-Rote am 24.04.2007 23:19
  • Zitat: Zitat von Korrupt  Die Statements der GVU zu den IFPI-Massenklagen halte ich fuer duerchaus intelligent und lesenswert, und daraus macht der Text ja keinen Hehl. Auf der anderen Seite leistet sich die GVU natuerlich auch Pannen und Fehlleistungen, auf die hinzuweisen imo durchaus legitim ist. Full ack! denke schon das die "grossen" geringfüggige einbußen durch die p2p netze ...

    ornamix am 25.04.2007 10:58
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