gulli: Großbritannien: Stimmenerkennungssoftware soll automatisch Sozialschmarotzer ausfiltern
07. April 2007

Großbritannien Stimmenerkennungssoftware soll automatisch Sozialschmarotzer ausfiltern

In einem Stadtteil von London soll im dortigen Sozialamt demnächst ein neues Pilotprojekt starten. Die Anrufer werden nicht sofort mit den Mitarbeiterinnen verbunden, sondern zuvor von der eigens entwickelten Stimmerkennungssoftware beschnüffelt.

Entworfen wurde die Software für Versicherungsunternehmen, die ihren Anrufern vor der Zahlung einer Leistung im Fall eines Unfalls vorher auf den Zahn fühlen wollen. Technisch baut die Software auf die von Lügendetektoren auf, allerdings wird hier die Stimme als biometrisches Merkmal geprüft und gespeichert. Zunächst werden per Computerstimme allgemeine Fragen gestellt und gemessen, wie sehr dies den Anrufer unter Stress stellt. Später werden konkrete Fragen zu Sozialleistungen oder Steuererleichterungen gestellt und der Stressfaktor mit dem ersteren verglichen. Per Stimmanalyse sollen potentielle Betrüger aufgespürt werden. Wen die peinlichen Fragen in Rage, Verstörung oder extreme Zurückhaltung gebracht haben, wird dann mit extra geschulten Mitarbeitern verbunden, die den potentiellen Lügnern dann stärker auf den Zahn fühlen sollen. Kai Billen auf seinem Blog Rabenhorst dazu:


"Die so genannte narrative Integritätsanalyse besteht im Kern aus einem Katalog psychologisch ausgefeilter Interview- und Fragelisten, die als Grundlage automatischer Interviews und Befragungen dienen, deren Ergebnisse mittels Algorithmen zur Stimmenanalyse auf über 30 Verhaltensindikatoren abgeglichen werden, die Stellvertreter für unterschiedliche Wahrheits- und Täuschungswerte darstellen. Für die Basis der Algorithmen, die der "Stimmen-Risikoanalyse" dienen, verwendet DigiLog die patentierte so genannte "Layered Voice Analysis" (LVA) Technik, die von dem Unternehmen Nemesysco entwickelt wurde. LVA wird nach Angaben von Nemesysco auch bereits bei Verhören durch Polizei- und Geheimdienstbehörden, "Interviews" im Rahmen von Sicherheitsüberprüfungen bei Personen und bei Zugangskontrollsystemen für Hochsicherheitsbereiche eingesetzt. (...)

Man muss dabei ebenfalls bedenken, dass solche Systeme auch bei jedem Anruf bei jedem Call-Center im Hintergrund aktiv werden können, d. h. wenn man bei einer Bank, einem Versandhandel etc. anruft. Die Gegenstellen könnten also schon längst nicht nur über einen schriftlichen Scoringwert verfügen, sondern auch über ein biometrisches Stimmenprofil plus Sprach-Scoringwerten. Schon mal daran gedacht?"

Wenn man beim nächsten Anruf bei einem Callcenter je nach Stimm- und Gemütslage völlig unterschiedlich behandelt wird und sich auch dies beim übernächsten Anruf nicht ändert, weil die Stimme des Anrufers samt Analyse gespeichert bleibt, muss man sich nicht weiter wundern. Hersteller Nemesysco sieht die Sprache nur als Medium, um die Hirnaktivitäten der Anrufer zu analysieren, sie zu kategorisieren und daraus bestimmte emotionale und kognitive Zustände eines Individuums in Erfahrung zu bringen – die Lügendetektion ist dabei nur eine Anwendungsmöglichkeit.

Die Befürworter des neuen Systems sehen darin eine gute Möglichkeit ganz automatisch die Anrufer mit berechtigten Anliegen von den bösen Sozialschmarotzern zu trennen. Frei nach dem Motto: Die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen. David Laws, Sprecher der Opposition dazu:

"Das klingt wie nach einem neuen Gimmick der Regierung. Wenn man wirklich den Betrug in diesem Bereich reduzieren möchte, muss man stattdessen die unübersichtliche Vielschichtigkeit des Steuer- und Rentensystems auflösen."

 

Hartz IV, Zahngold

  • 14 Kommentare zum Artikel
  • Und wo wurd's erfunden? Großbritannien, richtig.

    xxxstereoxxx am 08.04.2007 20:08
  • Software soll Lügen in E-Mails erkennen Die Wissenschaftler haben bereits drei Jahre an dem Projekt gearbeitet und Experimente durchgeführt. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob das Erkennen von Lügen in Texten überhaupt möglich ist. "Unsere Forschung ergab, das es funktioniert", sagte Jeff Hancock, Professor für Communications and Information Science, dem Branchendienst Informationweek. Demnach gibt es in Texten typische ...

    Verbogener am 09.04.2007 08:50
  • Wenn ich sowas lese kommt mir echt das kotzen. Ich frage mich wirklich, für was der Mensch überhaupt auf dieser Welt ist, mir wärs am liebsten, gar nicht auf die Welt gekommen zu sein. Vorschriften da, Verbote dort. Man bekommt wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn man nur zum einkaufen geht und fragt sich warum eigentlich, ich war ja nur einkaufen?! Aber selbst da fühlt man sich beobachtet.

  • Was ist mit den Ausländern welche die Sprache nicht so toll beherrschen? Detektor: Name? Ich arm, brauchen Hilfe! Detektor: Betrüger! Stehen die englischen Politiker unter Polonium Einfluss? Wie kann man diese beschleunigte Verblödung erklären? Dasselbe mit der angeblichen mathematischen Vorberechnung, wann, wo, welche Straftat demnächst begangen wird. Der erbärmliche Versuch, alles vom Bürosessel aus zu bewältigen. Da lob ich mir ...

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