gulli: Grokster - Urteil: Zehn Jahre gebremste Innovation
30. Juni 2005

Grokster - Urteil Zehn Jahre gebremste Innovation

...und andere Reaktionen auf Grokster/StreamCast

Die Tauschbörsen vor allem reagierten gestern auf die veränderte Lage nachd em Spruch des Supreme Court im Verfahren MGM vs. Grokster und Streamcast. Heute melden sich einige weitere Akteure zu Wort, die meisten mit dem erwarteten unreflektierten Beifall gepaart mit den üblichen Propagandasprüchen, dóch einige mit recht differenzierten Betrachtungen und Überlegungen.

Zuvorderst Lawrence Lessig. Der Stanford - Juraprofessor befürchtet im Interview mit der Business Week ein jahrzehnt gebremster Innovation. Die Gefahr sei weniger, dass Technik tatsächlich regelmäßig kriminalisiert werde, sondern vielmehr, dass neue aufstrebende Konkurrenz mit frischen Ideen einfach aus dem Markt geklagt werden könne. "Schauen Sie sich ReplayTV an: es benötigte Jahre und Millionen von Dollar zum Prozessieren und ihr Recht, die ReplayTV-Technologie so zu lassen, wie sie entwickelt wurde. Tatsächlich mussten sie die Firma aufgeben, da die Rechtsprechung so unklar war...".
Mit dem jetzigen Urteil habe der Supreme Court einmal mehr klargestellt, dass es auf einfache Weise möglich ist, unliebsame Konkurrenz quer durch die Instanzen zu prozessieren, bis die Konkurrenz oder ihr neues Produkt ausgeschaltet ist. Mit Massen von Gerichtsverhandluingen rechne Lessig in diesem Kontext nicht einmal. Schlimmer wirke sich die Schere im Kopf der Erfinder und Entwickler aus, denn man würde nicht einmal sehen, was an Möglichkeiten und Entwicklungen potentiell machbar wäre. Projekte werden nun aber verstärkt von vorneherein nicht begonnen, wenn Sorge vor entsprechenden Klagen besteht. Geld werde vermehrt nur noch dort investiert, wo man mit Sicherheit keine Copyrightstreitigkeiten zu befürchten habe - und diese Entwicklung sei "nicht einmal öffentlich - wir wissen nicht einmal, was wir verpassen, weil Leute Angst haben", so Lessig.

Wäre es nicht gerade Apple, der den iPod auf den Markt geworfen hätte, wäre der Hersteller schon längst aus dem Feld geklagt worden, vermutet Lessig: teile man die bei iTunes gekauften Tracks durch die Zahl der verkauften iPods, käme man auf ungefähr 25 Tracks per Pod - und es seien vermutlich einige mehr Tracks auf den einzelnen Playern. Apple ermutige User zum CD-Rippen, und wäre es nicht Apple, würde die Musikindustrie dagegen klagen, so Lessig.

Inzwischen beginnt die Musikindustrie neben den erwartbaren Freudenstürmen, die Tauschbörsen für die eigenen Zwecke zunehmend ins Auge zu fassen. Nach langer Hexenjagd wolle man auf einmal vom Image der Tauschbörsen profitieren. iMesh wolle mit seinem Bezahlservice nun 15 Millionen Tracks DRM-geschützt und per Tauschbörse verteilt kostenpflichtig anbieten, Sony BMG hat mit Mashboxx einen Vertrag unterzeichnet. Mashboxx wird pikanterweise vom Ex-Präsidenten der eben unterlegenen Grokster - Börse, Wayne Rosso geführt. Zugrunde liegt wohl die Idee, die User nun auch noch den Plattenplatz und die Bandbreite für die Datentransfers stellen zu lassen, die Preise dabei nicht zu senken und entsprechend die Kasse klingeln zu lassen

Indessen bestehen wohl begründete Zweifel, ob nun die von den großen Musikkonzernen anerkannten Dienste den Durchbruch schaffen können. Noch gibt es im Netz mehr kostenlose Musik als je zuvor, und solange das so bleibt, würden die Angebote - meist zu iTunes-kompatiblen 99 Cent pro Track - keinen großen Erfolg haben.Sam Yagan von der hinter eDonkey stehenden MetaMachine lehnt alle Restriktionen gegen den Willen der User ab. "Es hat keinen Sinn, Hundefutter zu produzieren, das die Hunde nicht essen wollen", zitiert ihn Futurezone.

Und die User? Die tauschen fleißig weiter, interssieren sich mehr und mehr für alternative Lizenzen und Distributionsformen für Musik und andere digitale Inhalte, rufen munter zum RIAA- und MPAA - Boykott auf, und selbst das ehemalige Schimpfwort des "Commie" lebt bei den Creative Commons wieder auf. Eine Galerie der jüngsten hübschen Anti-DRM-Buttons sammelte Nootropic und fordert explizit zum Verbreiten, Verteilen und Kopieren auf.

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