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15. Dezember 2007

Geschichte wird gemacht Was brachte die Woche #50? (mit Jon Newton, p2pnet)

Der wöchentliche Rückblick auf gulli.com, mit wechselnden Gesprächspartnern, heute Jon Newton von p2pnet.net. P2pnet ist eine der ältesten Newssites zum Thema Filesharing im englischsprachigen Raum, Jon schreibt in Kanada. Und während gulli.com die Welt aus deutscher Perspektive betrachtet, ist jene aus kanadischer Sicht durchaus auch interessant. Danke, Jon!

Es gibt einiges, was gulli und p2pnet gemeinsam haben: beide Seiten beschäftigen sich mit Copyright und digitalen Medien, beide mit den neuen Möglichkeiten der Bürger, die das Internet verschafft, und Jon hat bereits etwas geschafft, was gulli noch bevorsteht: ein Move der Site auf Wordpress.

gulli.com und p2pnet kooperieren gelegentlich (zu selten, leider), insofern ist ein wenig öffentlicher Meinungsaustausch längst überfälig.

Korrupt: Jon, erst mal Danke für deine Zeit. Meine übliche erste und zweite Frage: Welche Neuigkeit hat dir in der vergangenen Woche am meisten gefallen?

Jon: Vergangene Woche? Ich hab Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was gestern passiert ist ;) Aber ernsthaft - 'gefallen' ist das falsche Wort. Ich denke, die Vorfälle, die ich am interessantesten fand, waren die über den Tod des Teenage-Nacktmodells Emily Sander / Zoey Zane, un der der 13jährigen Megan Meier. Das ließ mich über eine Menge Dinge nachdenken, die ich zuvor nicht überlegt hatte. Und die Geschichten sind ja auch nicht zu Ende: Zoey wurde an den externer Link in neuem Fenster folgtPranger gestellt,  weil sie externer Link in neuem Fenster folgtnackt im Internet zu sehen war, und Megan brachte sich um, weil sie von einem Fakeaccount bei Myspace externer Link in neuem Fenster folgtfertiggemacht wurde.

Dass es Mark Zuckerberg von Facebook nicht schaffte, das externer Link in neuem Fenster folgt01238-Magazin zu zensieren, war wirklich cool. Er wollte verhindern, dass Informationen über ihn veröffentlicht werden, die ihm nicht gefielen.

Korrupt: Und was war am ärgerlichsten, und warum?

p2pnet logo jon NewtonJon: Das Justizministerium der USA hielt es für notwendig, die Nase in den externer Link in neuem Fenster folgtFall Jammie Thomas zu stecken. Ich bin es vollkommen leid, es macht mich krank, dass die Medienkartelle es schaffen, von Steuergeldern bezahlte Institutionen wie Polizei und Strafermittler für ihre Zwecke zu nutzen. Und das geschieht ja nicht nur in den USA, sondern überall, Deutschland inbegriffen. Und niemanden scheint es auch nur am Rande zu interessieren.

Korrupt: Der "kanadische DMCA" wurde vorerst gestoppt: geplant waren ja das Verbot, Kopierschutztechnik zu umgehen, schwerere Strafen, der ganze Katalog an Maßnahmen, den wir von den USA kennen. Es gab einen erstaunlichen Aufschrei des Protestes externer Link in neuem Fenster folgtin der Öffentlichkeit: sind Kanadier besser informiert über ihre Rechte im Digitalen Zeitalter? Haben sie Kontrolle über ihre Regierung, selbst wenn diese vorgibt, nur internationale Verträge umsetzen zu müssen?

Jon: Wie ich an externer Link in neuem Fenster folgtanderer Stelle sagte: Kanada schuldet Hollywood und den vier großen Labels diese Weihnachten einen herzlichen Dank. Indem sie versuchten, die Regeln des Unterhaltungskartells in kanadisches Copyright umzusetzen, haben sie den Leuten einen Grund gegeben, sich zusammenzuschließen. Dank des Internets, Blogs, Messengern, Chat, Handy, PDA usw. haben die Menschen eine Stimme - laut und kräftig. Und sie nutzen sie dazu, miteinander zu reden, egwal, wo auf der Welt sie sich befinden, und zwingen ihre gewählten Vertreter dazu, ihnen zuzuhören.

Kanada Interview mit p2pnetKorrupt: Aus unserer deutschen Perspektive sieht Kanada wie ein angenehmer Ort aus - was unter anderem an Michael Moore liegen mag, der häufig die USA mit Kanada vergleicht und Kanada dabei als liberales, freiheitliches Land darstellt. Bezogen auf die digitale Welt, Urheberrecht, Verbraucherrechte, Zensur usw. - trifft dieser Eindruck zu?

Jon: Traurigerweise sieht Kanada dank einer rückgratlosen, konservativen Regierung immer mehr wie die USA aus. Aber obgleich ich das sage, lebe ich dennoch viel lieber auf dieser Seite der Grenze, vor allem, da meine Heimat um Vancouver Island ein wenig wie ein kleines Land für sich ist. Wir gehören zu British Columbia, vom Festland durch eineinhalb Stunden Fährpassage getrennt, was sehr angenehm ist. Und natürlich können Kanadier immer noch frei herunterladen, wie sie wollen, vorausgesetzt, es ist für die private Nutzung bestimmt. Warner Music, EMI, Vivendi Universal und Sony BMG, Mitglieder des Kartells der Musikindustrie versuchen das zwar mit allen Mitteln zu ändern, aber ich denke, ihre Vorhaben sind um einiges schwerer umzusetzen geworden, nachdem nun die Kanadier einen Vorgeschmack dessen bekommen haben, was sie im Netz erreichen können. Dabei rede ich beispielsweise von der Art und Weise, wie Wirtschaftsminister Jim Prentice dazu gezwungen wurde, eine kanadische Version des ominösen und gehassten DMCA in Kanada zu etablieren, der sich in den USA zu einer gern verwendeten, wertvollen Waffe der Kartelle gegen die Bürger entwickelt hat.

Korrupt: Aus deiner Perspektive: was ist in Europa oder Deutschland besser als in Kanada, und was schlechter?

Jon: Ich bin Europäer - ich wurde in London, England geboren - und vermisse die europäische Kultur sehr. Ich war einige Male in Deutschland und mag die Leute dort sehr. Aber ich weiß nicht genau genug, was bei euch passiert, um einen einigermaßen intelligenten Vergleich anzustellen. Sorry...

RIAA Logo von p2pnetKorrupt: In Deutschland sind die "Lieblingsfeinde" beispielsweise die IFPI (Verband der Phonographischen Industrie) oder die GVU (die allgemein gegen Urheberrechtsverstöße vorgeht). Du schreibst sehr viel über die US-Organisationen, überwiegend die MPAA/RIAA, aber der wohl bekannteste kanadische Verband CRIA ist weniger präsent in der Presse (und wenn, dann meist wegen externer Link in neuem Fenster folgtdiverser externer Link in neuem Fenster folgtSkandale). Ist Kanada mit inkompetenten Copyright-Regimes gesegnet und daher liberal, oder gibts dafür andere Gründe?

Jon: Nun, an sich kann ich deinem letzten Satz nicht zustimmen :) Ich ind andere schreiben permanent über die CRIA. Ich nenne sie gerne die "Canadian Recording Industry Association of America" und eine Zeitlang sagte mir jedesmal jemand höflich, dass diese Bezeichnung inkorrekt sei und der richtige Name "Canadian Recording Industry Association" laute *g* Inzwischen ist es ihnen egal, und ich sehe meine Version als "korrekte Bezeichnung" mehr als einmal in der Mainstream-Presse :) Weiterhin, selbst wenn die Kartelle ihr Bestes tun, um Copyright-Gesetze als veraltet und extrem reformbedürftig darzustellen, liegen sie komplett falsch. Howard Knopf ist einer der angesehensten kanadischen Copyright-Juristen und er stellt anschaulich klar, dass das kanadische Copyright tatsächlich weit stärker ist als das in den USA.

Unter den vielen überlegenen Reglementierungen führt er beispielsweise diese an:

- Wir haben "Nachbarschaftsrechte". Die USA nicht. Das bringt ziemlich viel Geld in die Kassen der Plattenproduzenten und der aufführenden Künstler.

 - Radiosender zahlen hierzulande weitaus mehr als ihre Gegenstücke in den USA, vieles durch Rechte, die in den USA nicht einmal existieren. Aktuell verlangen die Labels über 50 Millionen jährlich. Wir zahlen durch SOCAN ein Vermögen für Musik in Bars, Restaurants, Läden und anderen Kleinunternehmen. In den USA werden solche Unternehmen permanent von der Vergütungspflicht ausgenommen, obwohl ein WTO-Urteil dazu verpflichtet, gegen das die USA nach wie vor verstoßen. Die USA sind diesbezüglich der größte Copyright-Missachter weltweit.

 - Wir haben mehr Rechte auf alle Arten von Werken. Die USA nicht. In Kanada wird das Recht unabhängiger Künstler auf ihre eigenen Werke anerkannt, die USA machen das platt mit ihrer Doktrin der "entlohnten Arbeit", die Großunternehmen bevorzugt.

Wer die ganze Liste lesen will (und es ist eine empfehlenswerte Lektüre), kann das externer Link in neuem Fenster folgthier tun.

CCC 24c3 FlyerKorrupt: Im letzten externer Link in neuem Fenster folgtWochenrückblick sprach ich mit Andreas, einem deutschen Hacker, wie es um die unterschiedlichen Sichtweisen auf "die Hacker" bestellt ist. In Deutschland werden Hacker als Experten wahrgenommen, die von Regierung, Kommissionen, Ausschüssen und Expertengremien um Rat gefragt werden (auch wenn hinterher ihre Kritik selten geschätzt oder umgesetzt wird. Immerhin aber: man hört sie an.)

In den USA wird der "Hacker" meist noch als der "Black Hat" gesehen, der in Rechnernetzen für Chaos und Zerstörung sorgt. Gibt es in Kanada eine "Hackercommunity", und welche Rolle spielt sie in Bezug auf die öffentliche Meinung und die Sichtweisen und Standpunkte von Regierungsvertretern?

Jon: Witzigerweise hatte ich vor p2pnet eine Seite namens OTRiCS (On the road in cyberspace) betrieben, die ich jedoch irgendwann aus Trafficgründen vom Netz nehmen musste. Sie wurde recht populär und ich konnte die Bandbreite nicht mehr bezahlen. Das war in den Neunzigern und ich kam nicht auf die Idee, Werbung zu schalten. Wie auch immer, als die Seite online war, genoß sie große Popularität bei nordamerikanischen und europäischen Hackern. Damals hätte ich die Frage beantworten können, aber heute habe ich den kontakt zur Hacker-Community weitgehend verloren und weiss schlicht nicht mehr, was vor sich geht und wer was tut. Aber OTRiCS war eine schöne Sache. Es war faszinierend, mit Menschen solcher Intelligenz, mit solcher Fantasie und solchen Fähigkeiten zur Grenzüberschreitung zu reden, die diese Grenzen auch überschreiten konnten.

Korrupt: Es scheint weltweit derselbe Vorgang zu sein: seitens der Politik werden mehr Befugnisse verlangt, ihre Bürger auszuspionieren und zu überwachen, wegen terroristischer Bedrohungen. In den USA treibt die externer Link in neuem Fenster folgtBush-Administration diesen Prozess voran, in Deutschland ist unter anderem unser Innenminister Schäuble und die große Regierungskoalition. Obwohl Kanada nun die externer Link in neuem Fenster folgtInvasion im Irak nicht mitmachte, haben sie sich an den Auseinandersetzungen in Afghanistan beteiligt und hat dort nach wie vor Truppen vor Ort. daher sollte doch die Bedrohungslage in Kanada ungefähr dieselbe sein als die in anderen westlichen Staaten. Trotzdem höre ich aus Kanada wenig über zunehmende Überwachung wegen drohender Terroranschläge und wenig über Geheimdienste, die erweiterte Befugnisse fordern. Warum? Weil das tatsächlich nicht gefordert und umgesetzt wird? Oder weil es darüber einfach keine Berichterstattung gibt?

Jon: Das ist hier ein Thema wie überall anders auch, aber nicht im gleichen Ausmaß wie in den USA, beispielsweise. Die Mounties wollen natürlich mehr Befugnisse, um im Internet lauschen zu können und so weiter, aber was das angeht, haben wir mit Jennifer Stoddart eine Datenschutzbeauftragte, die meiner Ansicht nach verdammt gut ihren Job macht. Darüber hinaus denke ich, dass Kanadier in der Tat besser darin sind, staatlichen Institutionen die Invasion ihrer Privatsphäre zu verwehren als Leute in den USA.

Einen Datenschutzskandal hatten wir, als Michael Geist, Forscher für Internet- und E-commerce-Recht an der Uni Ottawa zu einer handverlesenen Expertengruppe eingeladen wurde, die sich in einer "halböffentlichen" Runde mit dem Thema Zugriff von Strafermittlern auf Kundendaten von Internet- und Telefonieprovidern befasste. Laut Geist gab es keine öffentlichen Informationen über die Pläne, und ihm sei nicht erlaubt, sie zu publizieren. "Ich denke, die Regierung sollte dazu alle betroffenen Gruppen anhören und nicht nur eine handverlesene, heimlich ausgewählte Gruppe", sagte er. "Es ist extrem enttäuschend, dass die Behörden glauben, dass ISPs private Kundendaten ohne gerichtliche Anordnung und Kontrolle herausgeben sollen." Sicherheitsminister Stockwell Day kam schnell auf den (richtigen) Schluss, dass die "Expertenrunde" alle Anzeichen dafür aufwies, zu einer massiven Kontroverse zu werden, in der er die Rolle des Bösen spielen würde. Woraufhin er sich beeilte zu betonen, dass niemand die Absicht hätte, ohne richterliche Genehmigung Informationen von Internetprovidern der Polizei zugänglich zu machen. "Das macht einige Ermittlungen schwieriger, aber unsere Erwartungen an Datenschutz sind solcher Art, dass wir jetzt und in Zukunft nichts planen werden, was der Polizei Zugriff auf Kundendaten verschafft." Und das war das Ende der Geschichte :)

Korrupt: Ganz andere Frage: Gehst du eigentlich ins Kino, und wenn ja, in welche Filme?

Jon: Selten. Manchmal nehme ich meine Tochter Emma - sie ist 11 - in einen Streifen mit, aber soviel ist einfach Müll und soviele andere Dinge sind einfach interessanter - von daher interessieren wir uns nicht sehr für Filme. Wenn wir gehen, dann mögen wir Animationsfilme a la Pixar. Der letzte war Bee Movie, und wir waren enttäuscht. Gute grafik, und das wars. Viel TV sehen wir auch nicht, aber Arrested Development (brilliant) und die Simpsons (brilliant) verpassen wir nicht, wenn es irgendwie geht.
 
Korrupt:
Eine meiner Lieblingsfragen: warum wird nächste Woche alle mit Sicherheit besser?

Jon:
Weil ich eine Woche näher dran bin, endlich die ultimative Frage nach dem Geheimnis des Universums zu beatworten. Aber das wird sich noch ein wenig hinziehen  ;)

Korrupt:
21 ist ja nur die halbe Wahrheit :) Jon, großen Dank für deine Zeit und deine Antworten, und für nen feinen und wichtigen Job im Netz.

  • 5 Kommentare zum Artikel
  • [QUOTE=Korrupt]Heul doch ein wenig. Anschliessend bestell dir ein Focus-Abo.[/QUOTE] Kannst ja mit Kritik super umgehen:T

  • Zitat: Zitat von Korrupt Heul doch ein wenig. Anschliessend bestell dir ein Focus-Abo. Hehe... hab ich schon merke: Korrupt macht Werbung für den Focus

    Kontrolltroll am 15.12.2007 15:10
  • Zitat: Zitat von Kontrolltroll Fullack... ... bitte mal objektive Leute interviewen, oder Leute, die Ahnun haben, worüber sie reden. Dann schlag doch mal objektive Leute vor! falls es sowas gibt

  • Deine Mudda... Ich kenn hier die Vögel nicht und interessier mich auch nicht so dolle für die ganzen Honks, die sich hier rumdrücken und -klicken. Daher schlag ich einfach mal Dich vor.

    Kontrolltroll am 16.12.2007 21:11
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