Lars Sobiraj: Woran hast du gedacht, als du dein aktuelles Kunstwerk "The great transition" erschaffen hast? Was soll es dem Zuschauer rüber bringen? Gibt es eine Message, die du transportieren möchtest?
Florian Kuhlmann: Jedes der Bilder erzählt eine eigene Geschichte, auf alle im Einzelnen einzugehen würde den Rahmen hier wohl leider sprengen. Aber alle Bilder - so wie eigentlich alle meiner Arbeiten - sind eingebunden in die Frage nach dem Verhältnis von Technologie, Ökonomie, Kunst und Gesellschaft.
Die kapitalistisch ausgerichtete Technoökonomie durchdringt zunehmend alle Lebensbereiche. Mit der Entwicklung der Computertechnologie und den darauf basierenden Netzen hat sich diese Entwicklung qualitativ noch einmal verschärft.
Das macht das Leben für einige von uns natürlich einfacher, bequemer und luxuriöser, schafft aber gleichzeitig riesige Probleme.
Wie wir etwa an den aktuellen Diskussionen um Netzneutralität und Möglichkeiten der Überwachung sehen - um aber nur ein Beispiel zu nennen.
Lars Sobiraj: Das könnte man gnadenlos mit dem Slogan : "Kommerz goes Web" abkürzen. Das würde der Sache in dieser Kürze aber nicht mal halbwegs gerecht werden. Mit welchen Programmen bzw. Computern hast du das Kunstwerk erstellt? Wie lange hat die Erstellung gedauert?
Florian Kuhlmann: Hm. Ich weiß ich müsste jetzt eigentlich gimp sagen. Ich habe es auch versucht, habe mich aber im Laufe der Jahre so gut an Photoshop gewöhnt, dass mir der Umstieg sehr schwer fällt.
Zu meiner Entschuldigung sei vielleicht gesagt, dass ich mein Geld eben auch als Gestalter verdiene. Ich bin also auch auf Programme wie etwa Flash, Illustrator oder Indesign angewiesen.
In diesem Bereich gibt es im Open-Source Umfeld leider nichts wirklich Einsatzfähiges, so dass man derzeit wohl immer irgendwie recht schnell beim Adobe-Monopol landet.
Und so ärgerlich das ist, die Integration der verschiedenen Programme und der Dateiaustausch zwischen den verschiedenen Adobe-Programmen läuft einfach sehr reibungslos.
Um die letzte Frage zu beantworten, zur Erstellung der Bilder brauche ich sehr lange. :)
(Bild links: Auch eine Möglichkeit: Florian bleibt virtuell in Zeiten der VDS lieber unerkannt ;-) Flickr Fotoset hier!)
Lars Sobiraj: Dein Werk ist CC-lizensiert, wie kam es dazu? Was sollen die Leute mit deiner Collage tun? Hast du da konkrete Ideen?
Florian Kuhlmann: Die Collagen entstehen komplett am Rechner, das gesamte Material kommt aus dem Netz. Es gibt also keinen Arbeitsschritt außerhalb des Digitalen. Wenn ich eines der Bilder kopiere, was ja immer wieder mal vorkommt, ist die Kopie des Bildes gleichwertig zur Ausgangsdatei. Der Begriff des Originals, der ja in der Kunst - und natürlich nicht nur dort - recht bedeutend ist, verliert also bei dieser Arbeitsweise an Bedeutung.
Denn alle Kopien sind letztlich Originale.
Walter Benjamin hat die damit verbundenen Fragen aber in seinem Aufsatz 'Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit' sehr viel besser formuliert und beleuchtet, als ich das könnte. Unter anderem auf Basis dieser Überlegungen entstand auch die Idee zu www.sellingthe.net. Auch der amerikanische Philosoph Nelson Goodman hat mich bei den Überlegungen zu Original, Kopie, Authentizität und Fälschung die er in 'Sprachen der Kunst' anstellt, stark beeinflusst. All das finde ich ziemlich faszinierend, es hinterfragt ja auch immer irgendwie was Kunst heute eigentlich ist.
Meine Arbeit dann wieder in einer festgelegten Auflage auszubelichten, hätte ich einfach als Rückschritt empfunden. Die Veröffentlichung im Netz und damit die Verwendung von CC-Lizenzen lag dann nahe. Lange Zeit habe ich die Bilder auch in Ausstellungen nur digital präsentiert, wie etwa hier zu sehen. Secondlife war dann natürlich auch ein idealer Ort der Präsentation, dort habe ich die Arbeiten dann auch gezeigt.
Ende vergangenen Jahres habe ich das Konzept der digitalen Präsentation dann etwas gelockert. Als ich Spectaculartakeoverbattle.de im Rahmen der Ausstellung "Anna Kournikova Deleted By Memeright Trusted System - Kunst im Zeitalter des Geistigen Eigentums" im Hartware Medienkunst Verein in Dortmund gezeigt habe, war es zum ersten Mal als Print zu sehen :
(Bild rechts: die VideoLifePerformance "Der Künstler ist anwesend")
Auf der vergangenen ars electronica, welche sich ja auch intensiv mit der Frage des geistigen Eigentums beschäftigt hat, habe ich es mit einer Gegenüberstellung versucht. Der Print hing neben einem Video, welches auf der Collage basiert.
Das Rekombinieren und Samplen auch der eigenen Arbeit ist mir sehr wichtig. Ich finde den Gedanken sehr reizvoll, dass meine Arbeit keine endgültige feste Form hat, sich also ständig verändert und neue Formen findet.
Deswegen passt es perfekt, wenn sich andere die Collagen runter laden und noch besser: Auch nach ihren Wünschen ausbelichten. Sollte sich jemand wirklich mal die Mühe machen, würde ich mich über ein Foto vom fertigen Bild freuen. Und wenn jemandem etwas anderes damit einfällt und anstellt ist das noch besser.
Lars Sobiraj: Es wäre durchaus interessant zu erfahren ob zum Beispiel die Anwälte von Walt Disney oder Lucasfilm deine Ansichten über geistiges Eigentum teilen. Diesbezüglich auf den Busch zu klopfen dürfte aber weniger sinnvoll sein. Aber besonders spannend fand ich den Papst, der bei einer Collage von zahlreichen weiblichen Schönheiten umringt wird. Was hat es damit auf sich? Woher hast du die ganzen Motive und nach welchen Gesichtspunkten hast du diese ausgesucht?
Florian Kuhlmann: Der Papst in spectaculartakeoverbattle.de (siehe Bild links) steht für mich symbolisch für einen Herrscher des Virtuellen. Er ist das Oberhaupt einer Kirche die lange Zeit die Deutungshoheit über diesen Bereich hatte. Heute wird dieser virtuelle Raum unter anderem von Hollywoodstars bevölkert, die diesen natürlich nicht beherrschen aber irgendwie doch mit definieren. Das Thema der Collage spectaculartakeoverbattle.de ist der Kampf um den virtuellen Raum, der mit dem aufkommen des Netzes ein neues Stadium erreicht hat.
Lange Zeit war die Definition dieses öffentlichen Raumes den zentralistisch orientierten Massenmedien überlassen. Wir waren Zuschauer und Beobachter von dem was dort geschieht und hatten nur sehr begrenzte Möglichkeiten zur Partizipation. Mit der Entwicklung des Netzes und auch mit der Entstehung virtueller Welten öffnet sich uns nun dieser Bereich. Jeder kann über das Netz empfangen aber eben auch senden. Dadurch wird nicht alles besser, aber es verändert Strukturen und eröffnet zumindest neue Möglichkeiten. Die Avatare die sich auf dem Bild unter den Stars und dem Papst befinden und nach oben drängen, symbolisieren diese Entwicklung.
Ganz konkret lässt sich dieser Streit um Deutungshoheit dieses Raumes eben auch an den Überwachungsbestrebungen und geplanten Zensurmechanismen des Netzes und den Fragen rund um die Netzneutralität fest machen.
Lars Sobiraj: Wieso gibt es auf deiner Website direkt unter der Collage keine Kommentarfunktion für die Besucher? Bist du auf diese Idee nicht gekommen oder bist du an Feedback generell weniger interessiert?
Florian Kuhlmann: Ich hatte erst kürzlich wieder über eine Kommentarfunktion nachgedacht, gerade weil ich an Feedback sehr interessiert bin. Das Fehlen dieses Feedbacks ist nämlich in der Tat eine echtes Defizit bei dieser Form der Ausstellung im Netz. Da ist dann die Präsentation an einem Ort im Kunstkontext manchmal doch noch besser. Auch einfach weil man mit den Leuten ins Gespräch kommt und auch neues über die eigene Arbeit erfährt. Sowas geht am besten, wenn man gemeinsam vor einer Arbeit steht. In den Ausstellungen in Secondlife ging das im übrigen auch recht gut.
Ich bin mir aber auch nicht ganz sicher, ob eine Kommentarfunktion das Gespräch ersetzen kann. Im Gespräch mit meiner Freundin kamen wir erst einmal zu der Befürchtung, dass es irgendwo zwischen "wow, geiles bild." und anonymem Rumtrollen hängen bleiben könnte. Wir alle wissen wie es auf Kommentar-Boards und in Foren manchmal zugeht. Ich finde das Problem am anonymen Posting im Netz ist, dass es manche Zeitgenossen dazu verführt, Dinge zu äußern die man in Gegenwart der Person so nicht sagen würde. Als Künstler offenbare ich mich aber sowieso immer mit meiner Arbeit, biete Einblicke in mein denken und mache mich dadurch schon mal angreifbar.
Ich überlege aber schon, ob es ein interessantes Projekt wäre und ich eine solche Kommentarmöglichkeit einfach mal ausprobiere.
Im Übrigen stehen meine Kontaktdaten aber auch auf meiner Internetseite, wer also Lust hat mit mir über die Arbeit zu sprechen oder fragen hat, kann mit relativ geringem Aufwand Kontakt zu mir aufnehmen.
Lars Sobiraj: Nun ja, das dürfte leider schon an der Antriebslosigkeit und Faulheit der meisten Besucher scheitern. Anonym einen Kommentar zu hinterlassen fällt zudem vielen Leuten leichter, als in direkten Kontakt zu treten, um dem Autoren seine Meinung mitzuteilen. Und so ein Kommentar ist immer noch weniger Aufwand und erscheint eine geringere Hürde zu sein als eine E-Mail. Bei den Bloggern klappt das auch recht gut. Teilweise kommt es dabei zu recht konstruktiven Diskussionen zwischen den einzelnen Parteien.
Mehr und mehr Dinge geben ihre Gegenständlichkeit auf. Musik verwandelte sich bereits von Schallplatten und CDs in MP3s. Bücher verwandeln sich in PDF-Dokumente, die mithilfe von eReadern auch von unterwegs gelesen werden können. Gibt es irgendwann auch digitale Kunst, die man mit sich herumtragen und seinen Freunden zeigen kann?
Florian Kuhlmann: Klar. Die gibt es doch schon. ;) Einfach Bilder runter laden und ab auf den iPod.
Lars Sobiraj: Das dürfte nur bezüglich der Auflösung deiner Bilder etwas kompliziert werden. Aber generell gesehen: Wie groß ist im Internet das Interesse an digitaler Kunst?
Florian Kuhlmann: Schwer zu sagen. Spectaculartakeovebattle.de hat mittlerweile mehr als 35.000 Besucher gehabt. Das ist schon eine Menge Publikum für ein Bild. Ich kann das aber schwer beurteilen wie groß das Interesse an Kunst im Netz ist. Die Netzkunst an sich ist ja derzeit eher out, was sie aber eigentlich nur um so interessanter macht.
Lars Sobiraj: Nun, man muss ja nicht blind jedem Trend folgen. In diesem Sinne dir noch viel Erfolg und Spaß bei deiner Arbeit und bezogen auf das Interview - vielen Dank für deine ganze Mühe!
| 1 Reaktionen aus dem gulli:Board |
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gullinews am 05.02.2009 16:11:35: |
Ghandy am 10.02.2009 21:12:15: |