gullinews am Freitag, 25.07.2008 11:01 Uhr
Schon wieder Großbritannien: Wie wir bereits berichteten, wurden am gestrigen Tag im britischen Parlament nicht nur positive Ideen zum Filesharing besprochen, sondern auch knüppelharte Sanktionen gegen erwischte Musiktauscher beschlossen. Zu letzteren schwappen jetzt neue Details aufs Festland.
Wie die Londoner Times und ZeroPaid berichten, wurde die Forderung von Film- und Musikindustrie, mehrfach erwischten Filesharern wie in Frankreich den Internetanschluss komplett zu sperren, fallen gelassen. Der Traffic der Internetnutzer wird dennoch genauestens unter die Lupe genommen. In der Vereinbarung zwischen Politik, Industrieverbänden, Providern und der unabhängigen Regulierungsbehörde Ofcom wird eine engere Zusammenarbeit beschlossen. Den ISPs wird dabei eine erheblich aktivere Rolle als bisher zugewiesen, indem sie zur Erkennung und Sanktionierung illegaler Aktivitäten ihrer Kunden verpflichtet werden.
Die neue Gesetzgebung besagt eine Sanktionierung in zwei Phasen:
Zuerst werden Briefe an den Anschlussinhaber geschrieben werden. Diese haben keine weiteren Konsequenzen. Hintergrund sei, dass oftmals Kinder und Jugendliche ohne das Wissen ihrer Eltern illegal downloaden und die Erziehungsberechtigten so informiert würden.
In der zweiten Phase, also bei wiederholtem Tauschen illegaler Daten, soll sanktioniert werden. Dies beinhaltet noch nicht explizit festgelegte, aber weithin angenommene Maßnahmen wie Drosselung der Bandbreite oder Sperrung bestimmter Protokolle wie BitTorrent. Von der Anwendung solcher Techniken wie der datenschutzrechtlich bedenklichen Deep Packet Inspection (DPI), welche den Internettraffic eines potentiellen Filesharers analysiert, gehen Pro-P2P-Aktivisten wie ZeroPaid aus.
Bedenklich an der Entwicklung ist, dass die Provider auf Geheiß der Rechteverwerter (in Form des britischen IFPI-Pendants BPI) gezwungen sind, Maßnahmen zu ergreifen. Dies ist eine Verschiebung der Verantwortlichkeiten. Während etwa in Deutschland zumindest ein Richter den Auskunftsanspruch absegnen muss, Benutzerdaten zu geloggten IP-Adressen herauszugeben, fällt in Großbritannien ohne diese zusätzliche Instanz künftig die Schutzfunktion des ISPs zum Teil weg, der für das Verhalten seiner Kunden keine Verantwortung trägt. Man sollte die neuen Abmachungen auch in einem größeren Kontext sehen: Während sich beispielsweise in Nordamerika Provider wie Comcast momentan gerichtlich dafür verantworten müssen, dass sie BitTorrent drosseln, ist dieses Vorgehen im Vereinigten Königreich zukünftig staatlich legitimiert.
Entsprechend frohlocken Musik- und Filmindustrie. John Kennedy, Chef der IFPI etwa gibt bekannt:
"Die Vereinbarung in UK ist ein großer Schritt in Richtung einer Lösung für Online-Piraterie. Es zeigt, dass das Verfahren, die ISPs einzubeziehen, welches letztes Jahr in Frankreich in Gang gesetzt wurde, international an Schwung gewonnen hat. Die Britische Regierung hat den Willen gezeigt, die ISPs in eine effektive Partnerschaft mit den Kreativindustrien einzubeziehen. Es ist wichtig, dass sie jetzt den Prozess zu einer Lösung mit Druck vorantreibt und konkrete, messbare Resultate erreicht. Es sind sehr gute Neuigkeiten für einen Musiksektor, der neue Geschäftsmodelle entwickelt, die jedoch nur Erfolg haben können, wenn das weithin anerkannte Problem der Internetpiraterie gelöst wird."
Nun ja, wer in dem Wort "Kreativindustrien" keinen inneren Widerspruch ausmacht, der hält sicher auch Filesharing für ein "weithin anerkanntes Problem". (fraencko)
Bild: spinneyhead (cc)
(via Times Online & ZeroPaid, thank you!)
[Update:]
Im Technologie-Blog des Guardian gibt Journalist Charles Arthur einen relativ genauen Überblick über eine Pressekonferenz mit Geoff Taylor, Chef der BPI. Diese behebt einige Missverständnisse und erläutert weitere Einzelheiten des Deals:
Die Internetprovider verpflichten sich, auf eigene "Ermittlungen" hin je tausend der viel diskutierten Warnbriefe pro Monat an ihre Kunden zu schreiben. Dies ist nur mit der von den Datenschützern kritisierten Trafficanalyse zu bewerkstelligen. Bei diesen ISPs handelt es sich um fünf größere Provider, nicht jedoch Virgin.
Es soll sowohl nach Up- als auch nach Downloadern gefahndet werden, man konzentriert sich jedoch auf Uploader. Welche technischen Maßnahmen ergriffen werden können, um Filesharer an ihrem Treiben zu hindern, untersucht momentan noch eine Arbeitsgruppe. Der Industrieverband streitet ab, dass eine Pauschalabgabe (wir berichteten) ernsthaft in Gesprächen mit der Regierung zur Diskussion stand. Die Zeitung "The Independent" sei eventuell falsch informiert worden oder habe sich lediglich einen sehr radikalen Vorschlag herausgegriffen, um ihn ins Zentrum ihrer Berichterstattung zu stellen. (fraencko)
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titus_shg am 25.07.2008 22:46:46: |
TheOutSideRs am 26.07.2008 08:26:12: |
am 26.07.2008 11:05:18: |