17. August 2006
Evoke 2006 Nachlese
Seit Jahren ist diese Party eine der Pflichtveranstaltungen für die Mitglieder aller legendären Topgruppen der internationalen Szene. Jeder versucht das I-Tüpfelchen aus den Rechnern heraus zu holen, quasi die Bits per Pinzette zu verschieben. Hauptsache es dient der Optik und die extremen, vorgegebenen Grössen- beschränkungen, wie 4k, werden dadurch nicht überschritten. Gründe, um den mitunter beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen, um sich und seine Produktivität im Rheinland zu feiern, mussten nicht lange gesucht werden.
Die Ausrichter der Veranstaltung, der Verein Digitale Kultur e.V. hatte ganze Arbeit geleistet. Die Anfahrsbeschreibung war auch für Ortsfremde, die mit dem PKW, öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Flugzeug gekommen sind, unmissverständlich. Die sanitären Anlagen waren in einem sehr sauberen Zustand und wurden regelmässig gereinigt.
Die MitarbeiterInnen am Infostand kümmerten sich hilfsbereit um jede Anfage seitens der Besucher. Auch sonst bot die Evoke wieder, was man als Standard einer professionell organisierten Party erwarten kann: Eine bis auf wenige Aussetzer gute Internet- anbindung via LAN oder wahlweise WLAN, eine sehr geräumige und attraktive Location, hohe Preisgelder und eine zügige Durchführung der kompletten Veranstaltung. Lediglich die Livekonzerte diverser Musikgruppen oder Spaßwettbewerbe wurden schmerzlich vermisst. Diese hatten in den Vorjahren allseits für viel Begeisterung gesorgt.
Natürlich kann man die Evoke schlecht mit Parties wie der Breakpoint, Assembly oder The Gathering vergleichen. Alleine die Zahl der Teilnehmer ist weit niedriger, wobei man auch bedenken muss, dass bei den eben genannten skandinavischen Veranstaltungen ca. 90% der Besucher Spielefreaks und Massendownloader sind, auf die man in Köln bewusst verzichtet. Marc Wallony, auch bekannt als Prymer des Netlabels Tokyo Dawn Records brachte den Freunden freier Musik
schlechte Nachrichten mit. Sein Netlabel wurde komplett aufgelöst, er sieht sich einer Flut anderer Labels ausgesetzt, bei der es schwer wird, nicht in der grauen Masse unterzugehen. Er versucht sich demhingegen voll und ganz auf sein neues Projekt zu konzentrieren. Bezüglich der mangelnden Aktivität trifft dies leider auch auf Park Studios zu. Moritz "Mo" Sauer hatte seinen Mitstreiter Sudio im Schlepptau. Beide legten ihre Lieblingsmusik auf den eigens mitgebrachten Turntables auf, und sorgten in der Nacht von Freitag auf Samstag für gute Stimmung. Evoker würden sagen, "Gude Laune!", der Spruch hatte sich im Verlauf des Wochenendes zum Selbstläufer entwickelt. Als Samstag früh endlich alle Szener vollständig eingetrudelt waren, stand kaum noch Platz für Computer oder aufwändiges Equipment zur Verfügung. Es ist angeraten, die Plätze für nächstes Jahr im Voraus reservieren zu lassen, oder frühzeitig zu erscheinen.
Flaute
Release-technisch gesehen konnte die Evoke bis auf die Animations- und Wild Demo-Wettbewerbe leider nicht überzeugen. Ganze vier PC Demos wurden den überraschten Besuchern auf der riesigen Leinwand vorgeführt. Auch die Zahl der eingereichten 4 und 64k Intros war, gemessen an anderen Parties, eher unterdurchschnittlich. Erwähnenswert ist das weltweit erste Demo für den
iPod nano, von der Gruppe
Kakiarts. Die Sinclair ZX Spectrum Gruppe
HOOY-PROGRAM hatte im September letzten Jahres mit "Podfather" lediglich ein Demo für ältere iPod Generationen vorgestellt. Das 4k Intro "Inferno" von
Titan bot den Zuschauern eine Vielzahl von Effekten, auf Platz zwei kam das visuell weniger ansprechende, aber weitaus aufwändigere "Benitoite" von
Loonies &
TBC. Bei der Präsentation des Sony PSP Demos "Lick It" sangen die Akteure von
Trsi & Titan live auf der Bühne, während auf der Leinwand parallel ihr Demo lief. Das gute, alte, "Rob is Jarig" Thema wurde nochmals aufgewärmt. Wenig später erneut, um den Geburtstag des Programmierers,
Ryg von
Farbrausch zu zelebrieren.
Moods Plateau versuchten mit "Classics on the run", einer Persiflage auf Retrospiele, wie Prince of Persia, Turrican, Worms, Elvira, Lemmings und Rick Dangerous die Herzen der Zuschauer zu erobern. Auch enthielt diese Animation Anspielungen auf ältere Wild Demos anderer Gruppen. Die Intention der Leipziger Moodies war es nicht, sich über die anderen Produktionen lustig zu machen. Es war eher als eine Hommage an die bisher geleistete Arbeit der Konkurrenz gedacht. Leider hatte dies nicht jeder Anwesende richtig verstanden. "Zerfall" von Jan Obergfell aka Jco von Neuro Concept bot den Zuschauern gute, deutschsprachige Lyrics, einen auf die Sekunde genauen Schnitt der Szenen, und ansehnliche Animationen. Daxx von Deviance^Scoopex schlug mit "A rainy day" einen ganz anderen Weg ein. Diese Animation ist sehr von ihrer regnerischen Atmosphäre und der ruhigen, tragenden Musik geprägt. "Discard" von 5711 & Taunus hätte destruktiver nicht ausfallen können. Die Darsteller sind das ganze Video über damit beschäftigt, schrottreife Autos den letzten Rest zu geben. Leider mangelt es an der Synchronisation, ansonsten hätten die Kölner Lokalmatadore alle Chancen gehabt, einen besseren Platz zu erreichen.
Die Musikwettbewerbe waren in OGG/MP3 Music, Tiny Music mit maximal 64k Grösse und von Hand getrackte Stücke in der Multichannel Music Compo gesplittet. Trotzdem reichten mehr als ausreichend viele Musiker ihr Material für alle genannten Sektionen ein. Beim Theme Song Remix durfte man lediglich die auf der Evoke Website angebotenen Samples verwenden. Das Lied musste in jedem Fall mit dem Titelsong "Jump Aboard" in Verbindung stehen. Gemeint war der Szenebahnhof Evoke, die Veranstalter trugen am Infodesk passenderweise die orangefarbenen, reflektierenden Eisenbahnerwesten. Der Pechvogel Psycreator hatte insgesamt drei mal knapp die Preisverleihung verpasst. Zwei seiner Titel waren auf Platz vier, einer auf Rank fünf gelandet. Auch in graphischer Hinsicht gab es viel fürs Auge. Interessierte sollten sich auf Scene.org einfach selber ein Bild machen, welches der gepixelten und gerenderten Werke ihnen am besten gefällt.
Manche Beobachter versuchten sich und anderen zu erläutern, wie es zu so wenig Einsendungen gekommen war. Höchstwahrscheinlich lag der Mangel an Demos am extrem warmen Sommer. Bei der über Wochen anhaltenden Hitzeperiode war es kaum möglich, kreativ am Rechner tätig zu werden. Ausserdem hatten viele ihre Beiträge bereits auf einer der anderen Parties abgegeben.
Nokia - Be inspired?
Jk von Kakiarts hatte sich für sein 64k Intro "Riot of Flowers" die Assembly 2004 Invitation von der finnischen Gruppe Moppi Productions als Vorbild genommen. Was Moppi mit ihrer Einladung zweidimensional darstellten, visualisiert Kakiarts in allen drei Dimensionen. Wesentlich spannender aber ist die Diskussion in Pouet.net, wo bis heute darüber gemunkelt wird, wer sich letztendlich von wem hat inspirieren lassen. Das Demo von Moppi wurde im April 2004 veröffentlicht. Die Handyserien 7360. 7370, 7380 der L´amour collection wurden aber erst im Jahr 2006 veröffentlicht. Nicht nur das Design des Handys selbst, auch die Flash-Animation der Nokia 3W Repräsentanz erinnert sehr stark an die Partyeinladung der finnischen Demomacher. Per email auf das Thema angesprochen, antwortet der Moppy-ist Mikko Mononen folgendermassen:
"Ja, einige Leute haben mir das gegenüber erwähnt. Und wir standen nicht in Kontakt mit Nokia oder anders herum. Eigentlich kam die orginal Idee für den Blumeneffekt von einer Vorführung einer brasilianischen Werbeagentur. Sie beschäftigen sich mit computergestützten Animationen und Webdesign, glaube ich. Ich kann mich nicht mehr an den Namen der Firma erinnern. Die Schwingung der wachsenden Pflanzen sind komplett aus deren Animation geklaut. Am Ende war ich in der Lage, den Effekt deutlich genug vom Orginal zu unterscheiden, damit wir nicht mehr dem geistigen Diebstahl bezichtigt werden konnten.
Wenn wir von Nokia sprechen. Für den Fall, dass unser Demo deren Kampagne in irgend einer Weise beeinflusst hat, ich wäre wirklich beeindruckt und amüsiert. Gute Dinge verteilen sich von alleine und das sollten sie definitiv auch. Ich kann mich an nicht weniger als drei Blumenanimationen in Demos erinnern, die veröffentlicht wurden, als unsere Assembly Invitation gemacht wurde. So dass wir das nicht wirklich selbst erfunden haben. Die Idee schwebte in der Luft, wir haben sie aufgegriffen und unsere Version daraus gemacht". Damit wäre aber die Frage nach dem Ursprung des Designs der Nokia Serie noch nicht nachhaltig geklärt. Pablo Picasso aber würde wahrscheinlich darauf antworten: "Everything you can imagine is real".
Starbesetzung
Als besonders interessanter Gast wäre noch AlienAntitrax zu erwähnen, der die Gelegebeit nutzte, um auf den offiziellen Start seines brandneuen, öffentlichen Forums Bitfellas aufmerksam zu machen. Der Besucher mit dem mit Abstand höchsten Alter war der Däne Sphinx von Danish Gold und Scoopex^Deviance. Mit stolzen 48 Jahren hatte er viel aus der guten, alten Zeit zu erzählen. Mitte der 80er Jahre war er als Mailswapper aktiv und erhielt täglich ca. achzig neue Briefe von Mailtradern anderer Gruppen, die mit ihm die damals aktuellen C64 und später Amigaspiele tauschen wollten. Er war es auch, der Samstag Abend unseren "Üblichen Verdächtigen", Korrupt, in Beschlag nahm und ihn mehr oder weniger unter Zwang zum Bierkonsum nötigte.
Auch die deutsche Presse war gut vertreten. Ein Kamerateam von der Redaktion Neues von 3Sat machte Aufnahmen für ihre gleichnahmige Sendung. Marco Medkour von Netzcheckers.de sammelte Material für seine Podcasts und die Gulli Redaktion war wie erwartet völlzählig anwesend. Der in Köln beheimatete Buchautor Evrim Sen (No Copy) und das "digital extravaganza" Team des Printmediums Sceen gaben sich die Ehre. Alex Scholz von Sceen wurde häufiger danach gefragt, wann endlich die mit Spannung erwartete zweite Ausgabe seines Magazins rauskommen wird. Man wird sich wohl noch etwas gedulden müssen, good things take their time.
Lediglich Torsten Kleinz von heise online fehlte, obwohl er über diese Veranstaltung im Vorfeld berichtet hatte. Als Wiedergutmachung könnte er sich beispielsweise auf den Weg in die Schweiz machen, um über die Buenzli am nächsten Wochenende zu schreiben.
Fazit
Die Atmosphäre auf dem Partyplace war wie immer sehr entspannt. Es war erneut ein friedliches Nebeneinander der Anhänger verschiedenster Computerplattformen aus ganz Europa. Auch behinderte Menschen, wie der PC-Programmierer Bero, wurden in den Kreis der feiernden Gäste mit eingeschlossen. Wer sich auch nur annähernd für das Thema Demoszene begeistern kann, sollte für nächstes Jahr in seinem Kalender Mitte August für die Evoke 2007 frei halten.
P.S.: Danke an Fortunato, Korrupt und Slengpung.com für die Photos.
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