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22. April 2005

Der Dialer ist tot

Global Netcom gibt auf

Global Netcom, nach Mainpean zweitgrößter Dialeranbieter Deutschlands, stellt sein Angebot ein. Damit dürfte das Ende des Dialers als Geschäftsmodell begonnen haben - vor den Problemen Global Netcoms werden in absehbarer Zeit auch die anderen Anbieter stehen.

Dialerseiten funktionieren in der Regel nach dem immer gleichen Prinzip: beliebte Domains - zum Beispiel chat.de, hausaufgaben.de, katastrophe.de, kiffer.ag oder wohnung.de - werden aufgekauft oder durch Suchmaschinenoptimierung erzeugt, die angebotenen Informationen werden jedoch erst nach Dialereinwahl zur Verfügung gestellt - ob ihre Qualität den 30 Euro entspricht, die in der Regel pro Einwahl berechnet werden, ist oftmals fragwürdig.

Die RegTP griff mehrfach regulierend in den Dialermarkt ein und schuf mit der Stornierungsmöglichkeit für Dialerkunden ein Instrument, welches inzwischen rege genutzt wird und die Kalkulation der Betreiber stark erschwerte - und nun der Grund für die Aufgabe Global Netcoms wurde. Die Dialerangebote Global Netcoms werden eingestellt.

Im Rundmail Global Netcoms an seine Kunden ist so unter anderem zu lesen:

"...die zurückliegenden Monate waren von großen Veränderungen geprägt. Wie bereits bekannt, werden seit Februar 2004 Stornos der Telekom weitergereicht.

Diese Stornos haben folgende Gründe:
- Der Kunde hat kein Geld und bezahlt die Telekomrechnung nicht
- Der Kunde behauptet, er habe für sein Geld keine Gegenleistung erhalten und storniert deshalb
- REGTP entzieht die Registrierung vieler Dialer und verhängt damit ein nachträgliches Inkassoverbot"

Die miserable Qualität der Inhalte, die man nach der Dialereinwahl angeboten bekam, führte dazu, dass immer mehr Kunden ihre Aufträge stornierten - die Priorität der Anbieter lag mehr und mehr nur noch darauf, Einwahlen zu generieren, nicht tatsächlich den Kunden für ihr Geld auch entsprechenden Content zu bieten.
Global Netcom schreiben weiter:

"Wir sind nunmehr an einem Punkt angekommen, wo die Stornos derartig überhandgenommen haben, dass wir diese nicht mehr ausgleichen können.
Dadurch erhalten wir von den Geschäftpartnern keine Ausschüttung mehr.
Entsprechend unserer AGBs müssen wir diesen Zustand daher an Sie weiterreichen und es kann deshalb keine Auszahlung der Dialerumsätze für die Monate März und April an Sie erfolgen.
Die durch verschiedene Polizeidienststellen und Anwälte der User eingeleiteten Ermittlungen gegen Projektbetreiber/Webmaster werden wir weiterhin sorgfältig bearbeiten und entsprechende Dokumentationen den jeweiligen Behörden übergeben. [...]

Die Paymentlösung "Dialer" steht somit nicht mehr bei Global Netcom zur Verfügung. [...]"

Global Netcoms Aufgabe scheint nur der Anfang vom Ende der Dialer an sich zu sein. Dialerbetreiber wie Headix bieten ihr Domainportfolio inzwischen bei eBay an - auch wenn Teile des Angebots über Mainpean abgerechnet werden. Das sehr erfolgreiche Programm sms-stadt.de, welches ebenfalls über Mainpean abrechnet, wird Anfang Mai ebenfalls eingestellt.

Vorsicht beim Surfen ist bislang immer noch angebracht: die Dialer selber sind noch nicht abgeschaltet, entsprechende Einwahlen werden von Global Netcom noch berechnet. Bislang wurde erst die Ausschüttung der Dialereinnahmen an die Webmaster gestoppt. Für die Webmaster fallen so mehrere Wocheneinnahmen weg - wenngleich im Vorfeld dagegen Stornierungen nicht in vollem Umfang an sie weitergereicht wurden.

Dialer, welche Internetverbindungen über kostenpflichtige 0190 - Nummern herstellten, waren zu ihren Anfangszeiten die einzige praktikable Abrechnungsart für Internet-Mehrwertdienste in Deutschland - anders als in den USA konnten sich Kreditkarten hierzulande nie wirklich als Online-Bezahlungsmittel durchsetzen.

Waren zu Beginn Dialer vor allem im Rotlichtmillieu des Internet anzutreffen, breiteten sie sich zum Leidwesen der User massiv aus: immer mehr Angebote konnten nur noch durch die Einwahl über kostenpflichtige Nummern erreicht werden. Auch seitens von gulli.com wurden in der Vergangenheit Dialer beworben. Neben Erotik wurden nach und nach immer mehr Inhalte per Dialer im Netz angeboten, problematisch wurden dabei vermehrt Dialerangebote, die den Kunden über die entstehenden Kosten nicht informierten und den Verbindungsstatus nur sehr versteckt anzeigten - User wählten sich regulär über DFÜ - Verbindungen ein, die statt einiger Cent mehrere Euro pro Minute berechneten.

Die RegTP griff in der Folge mehrfach - wenn auch aus Kundensicht häufig erst spät - ins Geschehen ein: Dialer, welche nicht auf die Verbindungskosten hinwiesen, wurden verboten. Das Inkasso wurde von der Telekom in die Hände der Anbieter delegiert, die damit ihre Ansprüche nachweisen mußten, wenn der Kunde die Zahlung verweigerte. Zuletzt wurden die bekannten 0190 - Nummern abgeschafft und durch die international gültigen 0900 - Nummern für Mehrwertdienste ersetzt.

Mit dem Siegeszug von DSL wurde der Markt für Dialeranbieter weiter verkleinert. DSL - Modems können keine kostenpflichtigen Sondernummern anrufen. Längst war auch der Markt durch Anbieter angeblich "gecrackter" Dialer zerstört - über die Kostenpflicht der Einwahl wurde mit dem Hinweis auf das kostenlose Zugangsprogramm hinweggetäuscht.

Die rechtliche Unklarheit wird inzwischen kundenfreundlich gehandhabt - Dialergebühren können inzwischen aus zahlreichen Gründen verweigert werden. Global Netcom stellt seine Dialer aus diesen Gründen nun ein.

Mit Mainpean bleibt noch ein großer Player im deutschen Dialermarkt übrig - ob und wie lang er sich angesichts vermutlich ähnlicher Probleme halten kann, ist abzuwarten. Kurz- bis mittelfristig wird wohl nicht nur hausaufgaben.de aus dem Netz fallen.

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