Deckel drauf - die Gulli Glosse (Woche 47)
Liebesgrüße vom Vermittlungsausschuss
Vergangene Woche hat mich ein Schicksal besonders, nun, sagen wir, irritiert. Eine Frau wurde um 400.000 US-Dollar betrogen. Eine nicht zu verachtende Summe, bei der man sich sicher fragt, wie sie um so viel Geld gebracht werden konnte. Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz leicht, zeigt sie doch, wie gutgläubig und womöglich sogar naiv manche Menschen sein können. Eine Krankenschwester aus den USA wurde per E-Mail dazu aufgefordert, einen Millionenbetrag aus Nigeria herauszuschaffen. Dazu waren aber zuerst Zahlungen von ihrer Seite nötig. Als versprochene Belohnung stand dafür jedoch der Millionenbetrag aus. Die Dame verzockte sich dabei jedoch nicht schlecht, und wurde nun um rund 400.000 US-Dollar betrogen. Es scheint, als sei die "Nigeria-Scam" Masche noch nicht bekannt genug - oder manche Menschen sehen die Welt etwas, anders.
Das absolute Schmuckstück der Woche dürfte das BKA-Gesetz unseres geliebten Innenministers Wolfgang "Ich krieg euch alle" Schäuble sein. Nach und nach verliert das gute Stück im Bundesrat an Boden, der Vermittlungsausschuss soll einschreiten. Funktioniert Demokratie etwa tatsächlich noch? Man kann es eigentlich nicht so wirklich glauben, insbesondere wenn sich der Chef der Polizeigewerkschaft dann noch einschaltet. Denn wenn es nach diesem Herrn geht, sind Online-Durchsuchungen ohne richterlichen Beschluss sowieso nur der Tropfen auf den heißen Stein. Viel zu lasch. Zu wenig Macht für das BKA. Konkrete Wünsche äußerte er nicht - was wohl auch besser ist. Vermutlich träumt er jedoch von einer Allmachtsposition. Ein Volk, ein BKA. Derweil zieht sich unser heiß geliebter Innenminister beleidigt zurück und erweckt den Eindruck eines Kleinkindes, mit dem keiner spielen will. "Es ist einfach nur etwas mühsam: Man vereinbart mit der SPD ein Gesetz und jetzt fängt wieder diese Diffamierungstour an.[...]" Ja, diese bösen Politiker in ganz Deutschland. Mensch. Immer diese Diffamierungstouren gegen den Innenminister der Herzen. Sollte das Gesetz durchkommen, weiß ich, wer unter den ersten Überwachten sein wird.
Aber man relativiert ja in der Politik gerne. Katastrophale Ereignisse, abstruse Pläne, wahnwitzige Ideen. Alles wird auf ein Level gebracht und schimpft sich dann "neue Kompetenzen". Wie sieht es eigentlich bei den bisherigen "Kompetenzen" aus? Reichen die etwa nicht mehr? Wenn man die Story von Dr. Rolf Gössner hört, scheint dem nicht so. 38 Jahre volle Überwachung seitens des Bundesnachrichtendienstes. Gratulation. Was für eine Leistung. Dies alles, obwohl gar nicht Gössner selbst das "Problem" war, sondern seine Bekanntschaften. Ermittlungen mögen sich dabei ja über einige Jahre hinziehen. Aber 38 Jahre? Wie darf man sich das vorstellen. Man geht morgens zur Tür raus, draußen steht schon der BND-Mann mit der Zeitung in der Hand. Man grüßt Heinz (man nennt ihn ja schon beim Vornamen) höflich und fragt, wie es seinen Kindern geht. Schnell wird gemeinsam eine Zigarette durchgezogen, dann ruft auch schon die Arbeit. Mit einem "Ja Rolf, ich muss dann mal zurück, ne. Weiter überwachen und so", entschwindet der BND-Mann zur gegenüberliegenden Wohnung. Im Sommer hat man beim Grillfest immer volles Haus. Familie Gössner inklusive sechs Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes. Nebenbei latschen die inzwischen die komplette Wohnung ab, einige Wanzen austauschen. Nach 38 Jahren geht ja auch was kaputt. Ist klar. Dem Überwachten wird von einem der Überwacher herzlichst nahegelegt, doch mal den Arzt X aufzusuchen. Der eigene Hausarzt sei eine Pfeife, das hat man bei der Analyse der medizinischen Akten festgestellt. Aber jetzt, nach 38 Jahren. Die "Abschiedsfeier". BND, wir hatten gute und schlechte (Anfangs-)zeiten, aber gemeinsam haben wir das Schiff geschaukelt. Ohne euch hätte ich nie gewusst, was mir meine Frau vor 14 Tagen aufgetragen hat. Ohne mich wärt ihr arbeitslos.
Aber lassen wir das, widmen wir uns den wirklich großen Problemen. Zum Beispiel dem ewigen Leid der deutschen Filesharer-Szene, welche von perfekt organisierten Kanzleien mit fehlerfreier Anti-Piracy-Software gejagt werden. Eine Truppe dieser Jungs zieht es jetzt scheinbar ins Vereinigte Königreich, zur Kanzlei Davenport Lyons. Wieso? Diese Fragen können wir auch nicht beantworten, aber vielleicht sind die Weiden da drüben einfach grüner. Oder die Geldbörsen noch voller. Wer weiß das schon. Wir wünschen auf jeden Fall eine gute Reise und hoffen auf keine Wiederkehr. Diese ist vermutlich auch gar nicht notwendig, schließlich haben die Anwälte bei Davenport Lyons ja großartige juristische Erfolge erzielen können. Versäumnisurteile. Besonders interessant ist aber eine etwas jüngere Abmahnung durch die Kanzlei, gegen ein sehr altes Ehepaar. Die wendeten sich an ein bekanntes englisches Magazin und siehe da: Die Anwälte knickten ein und zogen die Abmahnung zurück. Ein "bedauerlicher Fehler". Ich rahm mir das mal ein und häng es mir an die Wand. "Bedauerlicher Fehler" bei "100 Prozent fehlerfreier Ermittlung von Filesharern in P2P-Tauschbörsen".
Derweil dürfen sich deutsche Abgemahnte, die Freunde der Kanzlei Schutt & Waetke waren, über einen neuen Brieffreund freuen. Der heißt gegenwärtig zumeist Infoscore und möchte - na, wer weiß es - Geld. Ja. Toll, oder? Man zieht jetzt die Ur-alt-Abgemahnten heran, also die aus 2005/2006, die damals auf ignore geschaltet hatten und die nix bezahlt haben. Aus diesen versucht man jetzt noch den letzten Tropfen leckerer Euros zu pressen. Urheberrechtsverstoß hin oder her: Das Ende der P2P-Abmahnungen ist wohl greifbar nah, umsonst würde man hier nicht so rigoros aussortieren. Vielleicht zahlen ja noch ein paar. Davor sollte man sich aber informieren.
Zum Abschluss möchten wir heute noch jemandem Alles Gute zum 10. Geburtstag wünschen. Er wurde bekannt als der Retter der Welt und benutzt bevorzugt Brecheisen. Fans wissen sicherlich bereits, wer gemeint ist, hier die Auflösung: Gordon Freeman. Wem dieser Name nichts sagt. Nun gut. Wir können es nicht ändern. Wir wünschen "Half Life" dennoch alles Gute zur 10-jährigen Existenz und einer immer-wiederkehrenden Spielbarkeit aufgrund eines innovativen Konzeptes. Wer sich bereits einmal für das Game interessiert hat, jedoch nie zum Zocken kam, dem sei nachfolgender Clip ans Herz gelegt.
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Bis zur nächsten Woche! Bleibt sauber! Wir überwachen euch! (Firebird77)
(Bilder via Liorin & Rabby87, thx!)
| 5 Reaktionen aus dem gulli:Board |
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Crunchip am 23.11.2008 22:43:22: |
Dragonblood94 am 23.11.2008 23:24:07: |
LuCiFeR0711 am 24.11.2008 18:36:54: |