Deckel drauf - die Gulli Glosse (Woche 45)
Prozac fürs Volk
Besonders ansprechend fand ich diese Woche die News meines Kollegen Columbus mit dem Titel "Machen Internet-Pornos depressiv"? Ein Titel der sicherlich viele männliche Leser angesprochen hat - oder auch nicht. Die Wahrheit will man schließlich selten akzeptieren. Gelernt haben wir das von einem Innenminister, der am liebsten die "Wahrheit" über jeden rausfinden möchte. Betrachten wir aber nunmal die repräsentative (!) Studie mit amerikanischen und australischen Teilnehmern, alle männlich. Wer viele Pornos im Internet besucht wird depressiv. Hört sich an wie manch pseudo-religiöse "1000-Schuss" Theorie, wenngleich laut der Studie jedoch ein beweisbarer Zusammenhang existiert zwischen der Menge an konsumierter Pornografie und der Wahrscheinlichkeit depressiv zu werden. Pornografie wirkt sich also negativ auf unseren mentalen Status aus. Nun gut. Endlich wissen wir Bescheid, was los ist. Die Welt ist voller böser Pornografie, der Albtraum der Alice Schwarzer? Wer weiß. Die bislang am stärksten wachsende "Industrie" wird es wenig kümmern, den gewöhnlichen Menschen ebenfalls nicht. Außer den depressiven (?) Teilnehmer der Studie, denen ein leckeres Prozac helfen sollte. Oder die Endorphine, die beim Orgasmus ausgeschüttet werden. Aber Konsumenten von Pornografie ... ach, lassen wir das. Damit aber jeder versteht, was droht, wenn man böse Pornos konsumiert und depressiv wird, dem empfehle ich nachfolgenden Clip.
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Die Käufer von Red Alert 3 dürften diese Woche auch einiges an Prozac benötigt haben, um den Frust mit dem Game zu überstehen. Man bestaune den ultimativen neuen Kopierschutz von Electronic Arts. Genial einfach. Einfach pervers. Man lässt den Käufer (zumindest einige davon) das Game für knapp 50 Euro kaufen, damit diese dann zu Hause feststellen dürfen, dass der CD-Key unvollständig ist. Tja. Shit happens. Den Silberling kann man zwar trotzdem brennen, die heiß begehrte Multiplayer-Funktion ist aber nicht verfügbar, mangels Original-CD-Key. Das Workaround auf der offiziellen Homepage ist ebenso grotesk wie der Fehler selbst. Die ersten 19 Stellen des Codes hat man ja, also einfach die Zeichen a bis z sowie null bis neun für die 20. Stelle ausprobieren. Taktik erkannt? Nicht? Na ist doch klar. Der Kunde soll mehr von seinem Game haben. Statt 50 Euro hinblättern und auf einen Tag durchzocken ist jetzt angesagt, erst mal einen Tag lang die Möglichen 36 Kombinationen durchzuprobieren. Wir halten fest. 19 bekannte Zeichen 36-mal eintippen - also, bis man die auswendig kann - macht 684 Anschläge zuzüglich 36 weiterer Optionen für die 20. Stelle. In die ganze Sache kalkulieren wir jetzt noch den Zufall, auch bekannt als vertippen, mit ein. Fertig ist die mindestens eine Stunde andauernde und nervende Tastatur-Be-Ackerei, verbunden mit der Hoffnung, das Game endlich zocken zu können. Ach ja, hat man das dann endlich geschafft, begrüßt einen SecuROM. Was jetzt wohl schlimmer ist.
Vielleicht hätte man dieses Game im Berliner Postbahnhof spielen sollen. Dort hatte die Electronic Sports League nämlich eine LAN veranstaltet, zu der insbesondere Eltern und Pädagogen eingeladen waren. Diese sollten sich ein Bild von den "bösen" Gewaltspielen machen, die ihre Kinder und Schützlinge so sehr verrohen lassen. Wäre Red Alert 3 mit fehlerhaften CD-Key und SecuROM dort vorhanden gewesen - die Erklärung für böse Kinder wäre so leicht geworden. Stattdessen stellte man die Killerspiele schlechthin vor: Trackmania Nations, Warcraft III und - zum Glück - CounterStrike.
"Zwar gab es noch keine direkten Äußerungen der Teilnehmer zu den Spielen, es scheint jedoch so, dass die Erziehenden keine direkte Bedrohung durch die Spiele beim Testen vorfanden." Keine direkte Bedrohung. Ja wie blind kann man den sein. Paladine die Tote wiederauferstehen lassen und mit Schriftrollen Feuerstürme herbeirufen. Miniaturflitzer, die mit bahnbrechender Geschwindigkeit einen Salto schlagen. CounterStrike. Nochmal. CounterStrike. Und es gab keine Reaktion? Mein Weltbild bricht zusammen. Finden es die Eltern vielleicht gar OK, was ihre Kiddies spielen? Ist das Killerspiel-Gewäsch gar nur ein Fantasieprodukt kontroll-geiler Regierungsorgane? Wir wissen ja, Pornos machen depressiv, dann kommt Prozac und dann kommt Wahnsinn. Schöne und einfache Welt.
Weil ich Studien und Gewalt durch PC-Konsum so mag, hier gleich noch ein geiles Stück. Pardon. Knackige Studie. Dr. Michele L. Ybarre, Sprecherin von "Internet Solutions for Kids " erläutert hierbei: "Wieder einmal tritt die Studie den Beweis an, dass Gewalt in den Medien und Aggressivität unter Jugendlichen in enger Verbindung zueinanderstehen. Die beste Vorbeugung ist es, Kinder und Jugendliche von Gewalt in Fernsehen und Internet auf Distanz zu halten." Genau. Informationssperre für alles unter 18 Jahren. Und über 18 Jahren kommt der Bundestrojaner. Sicherheit für das Volk, durch das Volk, mithilfe des Staates. Bei solchen Studien, die "zu der Erkenntnis" gelangen, dass "die Wahrscheinlichkeit" steigt, gewalttätig und brutal zu werden, sofern Kinder "gewaltverherrlichenden Seiten ausgesetzt sind", frage ich mich eigentlich immer, wo der gesunde Menschenverstand bei den Forschenden war. Vermutlich gerade beim Zocken von Trackmania Nations, neben sich im Fernseher laufend einen Hardcore-Pornofilm, das AK-47 griffbereit neben der Tastatur. Wenn Eltern der Ansicht sind, dass es für ihr Kind gut ist, bei Lieblingsfilm "Roter Drache" und "XXX - Horny Chicks" ins Album ihrer Freunde aus der 6. Klasse einzutragen, wundert sowieso gar nichts mehr.
Genug der Stänkerei. Erfreuen wir uns an wirklich wichtigen Dingen. Davon gab es zwei Stück diese Woche. Uno: Es gibt ein neues Logo für MP3-Kompatibilität. Sieht bescheiden aus und zeigt dem Käufer das, was er eigentlich schon längst mit einer MP3 dürfen sollte. Nämlich alles. Aber gut. Manches braucht eben seine Zeit. Hoffentlich kommt das Logo auch bei den Majors an.
Wer sich weniger für Musik interessiert, sondern für Filme, sollte demnächst eine Auge auf YouTube haben. Das von Google-gant in Besitz befindliche Videoportal will nämlich Filme und Serien in sein Repertoire mit aufnehmen. Wie von Google gewöhnt scheinbar kostenlos. Finanziert durch Werbung. Dass Google beziehungsweise YouTube tatsächlich satte Werbeeinnahmen einfahren, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Ein Projekt also, das möglicherweise funktionieren könnte. Gedulden müssen wir uns laut YouTube noch maximal 90 Tage. Bis dahin soll es rappeln im Karton. Hoffentlich werden wir dann auch ansprechende Serien zu sehen bekommen. Ich kenn einen, der wünscht sich garantiert die Sendung "Das Beste aus Überwachungskameras - Terroristen, Tagediebe, Tauschbörsennutzer".
In diesem Sinne, ein schönes Wochenende. (firebird)
| 3 Reaktionen aus dem gulli:Board |
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alter_Bekannter am 09.11.2008 19:40:03: |
xzeNji am 09.11.2008 20:02:03: |
money am 09.11.2008 22:39:08: |