gulli: Deckel drauf - Die Gulli-Glosse (Woche 25)

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22. Juni 2008

Deckel drauf - Die Gulli-Glosse (Woche 25)

Nanu, schon wieder Sonntag? Höchste Zeit für Deckel drauf, die Gulli-Glosse, heute zur Abwechslung mal aus der (nicht immer) flinken Feder von fraencko.

Was brachte die Woche? Ganz klar, den Ausnahmezustand allerorten. Auch wenn die Presse den Begriff Ausnahmezustand mittlerweile inflationär verwendet, muss man doch feststellen, dass es in dieser Woche reichlich davon gab: Hochwasser in den USA, Irland treibt mit seiner DoS-Attacke gegen den Deformvertrag die EU in die Bredouille, Jogi Löw wird mit Baldrian und Aspirin auf die Baseler Tribüne verbannt, worauf seine Mannen tatsächlich mal ansehnlichen Fußball spielen und in Kanada muss man einen DNA-Test bemühen um festzustellen, dass ein angeschwemmter Fuß nicht vom Menschen stammt. Man kann also konstatieren, dass selbst in Ausnahmezustandsdingen gerade Ausnahmezustand herrscht.

Apropos: Der oberste Zuständige für Ausnahmen bei den Bürgerrechten, Wolfgang Schäuble, ist mal wieder an vorderster Front tätig. Es ist, nebenbei, für einen Glossen-Azubi wie mich verflixt schwer, versehentliche Formulierungen zu umschiffen, die man als politisch inkorrekten Seitenhieb auf die Behinderung des Innenministers verstehen kann. Jedenfalls, die Befugnisse des Bundeskriminalamts sollen um geheimdienstliche Methoden erweitert werden: Betreten von Privaträumen, Rasterfahndung, Lauschangriff, Videoüberwachung, Computerspionage, auch gegen Strafverteidiger und Geistliche - alles ohne konkreten Tatverdacht und Rechenschaftspflicht gegenüber der Bundesanwaltschaft. Wie finden wir das?

Mann mit FernglasWir finden das gut! Um es mit Schäubles Worten zu sagen: Die neuen Arbeitsmethoden des BKA sind "unerlässlich im Kampf gegen den internationalen Terrorismus", zumal die "Bedrohungslage" wie immer "ernst" ist. Die unzähligen Toten, die Deutschland aufgrund der zahlreich im Untergrund agierenden Al-Kaida-Ortsvereine erleiden musste, zwingen uns geradezu zur Abschaffung des Grundgesetzes. Man traut sich ja gar nicht mehr auf die Straße bei all dem Terror. Und terrorverdächtig per definitionem sind ja nicht nur islamistische Wirrköppe. All die Soziologen, Leute mit komischen Haarschnitten, Linke, die sich mit Nazis prügeln und Leute, die Leute kennen, die solche Leute kennen , wollen ja auch erst einmal ausgeforscht und eingeknastet sein. Dafür braucht man schon das nötige Instrumentarium. Gut, dass wir Wolfgang Schäuble haben, der von persönlichen Tragödien unbeeinflusst mit kühlem Kopfe die nötigen Maßnahmen ins Rollen..., Verzeihung: auf den Weg bringt.

Firefox-LadyNach langem Weg endlich angekommen ist Mozillas Firefox 3. Der anberaumte Weltrekordversuch war dabei natürlich ein prima Marketinginstrument. Allein die Server haben schlappgemacht. Die Mozilla-Leute waren sicher verblüfft: Da coden sie jahrelang an einer neuen Browsergeneration, bringen einen enormen Hype in Gang, scharen Millionen Unterstützer um sich und dann - wollen die Leuten das Ding tatsächlich runterladen! Wer hätte damit gerechnet? Das Interesse am Firefox kam ja schon so überraschend beim Release des FF2 (Pedanten jetzt bitte im Chor: "Das heißt FX2!1!ölf"). Zum Trost hat Microsofts IE-Team einen Kuchen gebacken. Wobei man das Ding eher "Monstrum aus Sahne und Zuckerguss" nennen sollte. Nicht schlecht, Microsoft. Eine kreative und sehr perfide Methode, den härtesten Konkurrenten im Browserkrieg aus dem Weg zu räumen: Indem man ihn der Adipositas anheim fallen lässt.

Indes geht die Associated Press (AP) neue Wege in der Eigenvermarktung: Blogger dürfen zukünftig keine Meldungen der Nachrichtenagentur mehr zitieren, werden sonst verklagt. Wobei das übertrieben dargestellt ist: Ein Zitat von bis zu vier Wörtern Länge ist großzügigerweise nach wie vor erlaubt. Das reicht zwar nicht für "Die Associated Press hat die Blogosphäre nicht verstanden, sie sollte gefälligst froh sein wenn ihre Nachrichten zitiert werden", für "AP verhält sich strunzdämlich" jedoch allemal. Nun berichten selbst die traditionellen Medien kritisch darüber und das US-Blog TechCrunch erläutert eine eigene Politik gegenüber AP : Für TC existiert Associated Press nicht mehr, solange deren neue "Strategie" nicht zurückgenommen wird.

Moment mal... Associated Wer?

Giving the Finger to Nicolas Sarkozy

Zum Schluss ein Blick ins Land von Boule und Froschschenkeln, um mal ein paar abgehangene Klischees zu recyceln. Die Franzosen haben es gut, denn sie haben ihren tollen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Der ist nicht nur ganz besonders charmant, sondern geht die gesellschaftlichen Probleme unseres westlichen Nachbarlandes auch dampfreinigermäßig an. Zum Beispiel das Thema Filesharing. Ein Gesetzesentwurf ist endlich auf dem Weg, laut dem jenen Delinquenten die DSL-Leitung gekappt, ja - geradezu guillotiniert wird, die zum dritten Mal bei ihrem schändlichen Tun erwischt werden. Bei dem Entwurf hatten die Rechteverwerter natürlich ihre Hände im Spiel. Wir von Gulli finden es prima, wenn Leute mit Sachverstand politisch mitgestalten. Ja, weg aus dem Web mit diesen Verbrechern! Es wäre ja noch schöner, wenn der olle französische Soziologe (ja, Soziologe!) Émile Durkheim tatsächlich Recht gehabt hätte, dass Rechtsnormen historisch aus gesellschaftlichen Moralvorstellungen erwüchsen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jene schätzungsweise 90% der Bevölkerung, die bei sich zu Hause gebrannte CDs rumliegen und/oder eine P2P-Applikation auf dem Rechner installiert haben plötzlich das Gefühl hätten, sie handelten irgendwie normal? Nein nein, was Moral ist, müssen der Patriarch und die Wirtschaftslobbyisten definieren. Mit eiserner Hand! Sonst kommt der Pöbel noch auf die Idee, erneut die Bastille zu stürmen.

Der Gedanke liegt nicht allzu fern, dass eine ähnliche Gesetzgebung auch für Deutschland in näherer Zukunft real wird. In dem Zusammenhang stellt sich freilich eine bohrende Frage: Wenn Schäubles Schergen meinen Telefonanschluss abhören und mich dabei erwischen, wie ich meinem Gesprächspartner drei AP-Agenturmeldungen vorlese - wird dann mein Telefonanschluss gesperrt?

Eine gute neue Woche wünschen fraencko und das Gulli:News-Team.

Bilder

"Mann mit Fernglas": practicalowl (cc)

"Firefox-Lady": ihao (cc)

"Sarkozy vs. The Finger": moiles (cc)

P.S.: Bitte nicht diesem Link folgen.

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