gulli: Blogger in Ungarn nach Unruhen in Haft: Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit
27. September 2006

Blogger in Ungarn nach Unruhen in Haft Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit

Der Buchautor von "Freax" und "Freax - The Art Album" Tamás Polgár auch bekannt, als Tomcat wurde am 20. September, also genau einen Abend nach den gewalttätigen Unruhen in Budapest inhaftiert.

Die Freundin des politisch aktiven Ungarn hatte in ihrem Blog darüber berichtet, unter welchen Umständen er in Haft genommen und seine Wohnung durchsucht worden ist. Miklos Hollender hatte sich in seinem Weblog die Mühe gemacht, ihren ausführlichen Bericht in die englische Sprache zu übersetzen. Die Freundin klagt die Vertreter der Exekutive in ihrem Blog an, sie würden sich wie Schergen einer aufkommenden Diktatur verhalten.

 

"Eine Diktatur, die Toleranz propagiert und von den Leuten erwartet, tolerant zu sein aber selbst keine abweichende Meinung, Kritik oder Beschwerde akzeptiert, egal ob sie berechtigt ist oder nicht."

 

Offensichtlich wurde der Blogger und seine Freundin, in diesem speziellen Fall der Angeklagte und eine Zeugin, der man vorwarf, nicht unbeteiligt zu sein, hier vonseiten der ungarischen Polizei unangemessen hart behandelt. Und doch ist die Festnahme, wenn auch nicht die Art ihrer Durchführung insgesamt nachvollziehbar. Hatte Tamás Polgár auf den inzwischen vom Netz genommenen Seiten seines Blogs aktiv zum Demolieren eines russischen Monumentes aus dem Zweiten Weltkrieg aufgerufen. Auch sonst mehren sich die Anzeichen, dass er zumindest bei den Unruhen in der Nacht zum 19. September anwesend war und sich dort an der Hand verletzt hat. Im Verlauf der Demonstrationen wurden Hunderte Protestierende und Polizisten verletzt, die aufgebrachte Meute stürmte die Zentrale eines Rundfunksenders der Landeshauptstadt.

Zu den Ausschreitungen unter Beteiligung von rechtsextremer Gruppen und Hooligans war es gekommen, nachdem der Mitschnitt einer Rede des Premierministers Ferenc Gyurcsany an seine Parteigenossen im Mai, also kurz nachdem die Sozialistische Partei die Wahlen gewonnen hatte, ans Tageslicht gekommen war. In dieser Rede an die Parteigenossen kündigte der Premier einschneidende wirtschaftliche Reformen in Ungarn an.

 

"Wir haben keine Wahl. Dem ist so, weil wir es übertrieben haben. Nicht ein bisschen sondern reichlich. Kein anderes europäisches Land hat sich so holzköpfig verhalten wie wir. Natürlich haben wir in den letzten anderthalb Jahren, in den vergangenen zwei Jahren, gelogen"

 

, setzte der Premier seine Rede fort. Bezogen auf die ungarische Wirtschaft sprach er von einer göttlichen Vorsehung, plus "die Menge an Krediten aus der Weltwirtschaft und hunderte von Tricks". Bekannt wurde auch, dass Gyurcsany sehr unpopuläre Maßnahmen wie die Kürzungen von Arbeitslosenbezügen, Steuererhöhungen und die Einführung von Steuern für das Gesundheitswesen und Studiengebühren in Augenschein nimmt, um das Haushaltsdefizit unter 10,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes drücken zu können.

Gerüchte werden laut, die Rede sei nicht wirklich zufällig publik geworden. Eher könnte es sich um eine strategisch geschickte Lancierung halten, um die Wähler der Kommunalwahl vom 1. Oktober auf die Notwendigkeit von harten Reformen in seinem Land vorzubereiten. Leider fehlt es in Ungarn an einer einflussreichen und politisch ausgewogenen Partei der Mitte. Die Wähler haben lediglich die Wahl zwischen der sozialistischen Linken und den extremen, christlichen Rechten.

Der kämpferische und auf Parties der Demoszene sympathisch wirkende Ungar hatte offensichtlich schon häufiger in seinem Weblog Mitglieder diverser Gruppierungen wie Sprayer oder Zigeuner provoziert und war durch seine spezielle Art, seine Wahrheiten ungeschminkt bekannt zu geben, in der Bloggerszene recht bekannt geworden. Nun, wer Wind sät, muss sich nicht wundern wenn er von eben diesem irgendwann davongetragen wird. Offensichtlich suchte man nach den Ausschreitungen nach Schuldigen und ein solch prominenter Blogger ist ein einfach ausgemachtes Ziel, schuldig oder nicht.

Bis dato befindet sich Tamás Polgár aka Tomcat noch immer in Untersuchungshaft. Seine Freundin wurde, nachdem sie ein weniger angenehmes Kreuzverhör über sich ergehen lassen musste, im Laufe der Nacht freigelassen.

 

Tomcat & Athina auf der Breakpoint 2005 - photo by http://slengpung.com/


Der Budapester Miklos Hollender gab zwischenzeitlich zu diesem Vorfall ein sehr interessantes Statement ab:

 

"Ich glaube all unsere politische Elite ist abscheulich korrupt. Aber wenn ich die Wahl habe zwischen den satten, gut gefütterten und den hungrigen Wölfen, die uns leiten sollen, suche ich mir die Satten aus. Es ist so simpel.

Revolution? Ich bin dabei. Aber nur wenn es gegen die gesamte politische Elite geht. Wenn lediglich Viktor Orban den Platz von Ferenc Gyurcsany einnehmen soll, vergesst mich bitte. Ich glaube nämlich nicht, dass ein hungriger besser als ein satter Wolf wäre.

Es hat nichts zu tun mit der linken und rechten Fraktion, wie man es aus dem Westen kennt. Es geht hier um zwei unterschiedliche politische Mafias, die sich lediglich das "linke" und "rechte" Label angeheftet haben.

Der Unterschied ist nur, dass die Wähler der Sozialisten clever genug waren zu wissen, dass beide Parteien korrupt sind und sie glauben, das wäre das kleinere Übel von beiden - der besser gefütterte Wolf. Die Unterstützer der christlichen Rechten glauben, ihre Politiker wären sauber, echt, fromm und ehrlich. Deswegen sind das für mich nur Lämmer."

 
Auch gibt sich Hollender nicht mit dem zu einfach wirkenden Konstrukt dieses Vorfalls zufrieden.

 
"Ich mag keine einfachen Wahrheiten wie diese. Meistens entspricht die Wahrheit genau dem Gegenteil".

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