Lars Sobiraj: Hallo Anne! Du trittst ja, gerade angesichts deiner eigenen Erfahrungen, sehr entschieden gegen staatliche Überwachung ein, bist beispielsweise auch auf Kongressen und Demos zum Thema aktiv und schreibst darüber in deinem Blog. Hast du aufgrund deiner eigenen Erfahrungen jemals erwogen, dich "unauffälliger" zu verhalten, in der Hoffnung, damit gewissermaßen aus dem Schussfeld zu geraten? Oder haben dich diese Geschehnisse dazu gebracht politisch in dieser Richtung aktiv zu sein? Wenn überhaupt, wie lange würde es wahrscheinlich dauern, bis die Behörden aufhören würden dich zu überwachen?
annalist: Ich frage mich immer mal wieder, ob es nicht besser, angenehmer, klüger wäre, wieder in der Versenkung zu verschwinden und nicht beständig darauf herum zu reiten, dass uns dieses und jenes an den Behörden für Ordnung und Sicherheit nicht ganz richtig vorkommt. Das schreit ja in gewisser Hinsicht nach Reaktion, und wäre es nicht viel bequemer, das einfach sein zu lassen? Ich habe zwei Kinder und allein deswegen stellt sich diese Frage: Kann ich das verantworten?
Es gibt ein Zitat im Film "Strange Culture" über das Bio-Terrorismus-Verfahren gegen Steve Kurtz von der Künstlergruppe Critical Art Ensemble, das ich gut nachvollziehen konnte. Der sagt: "It's a good feeling to know that you looked the beast in the eye, and you didn't flinch" (Es fühlt sich gut an zu wissen, dass Du der Bestie in die Augen gesehen hast und nicht zurückgewichen bist).
Ich hoffe, dass unsere Kinder später richtig finden werden, was wir gemacht haben.
Und ich hoffe auch, dass ich meine Erfahrungen an andere weitergeben kann, die in vergleichbaren Situationen stecken.
Wie lange es dauert, bis die Behörden uns in Ruhe lassen: Da bin ich nicht ganz die richtige Interviewpartnerin, fürchte ich. Versuch es doch mal bei Monika Harms.
Lars Sobiraj: Frau Harms in ihrer Funktion als Generalbundesanwältin (GBA) zu befragen wäre zumindest eine Überlegung wert. Aber was hältst du von der deutschen Datenschutzbewegung; glaubst du, diese kann wirklich etwas verändern? Was könnte von den Aktiven besser gemacht werden?
annalist: Ich glaube, dass sie schon etwas verändert hat. Die beiden großen Demos in Berlin und die vielen kleineren in anderen Städten unter dem Motto "Freiheit statt Angst" haben viel Aufmerksamkeit erregt. Ich hätte noch vor zwei oder drei Jahren nicht geglaubt, dass sich in Deutschland nochmal so was wie eine Bewegung bildet, deren Thema die Probleme sein würden, die sich daraus ergeben, dass in dieser vernetzten Welt so sorglos mit persönlichen Daten umgegangen wird. Die Reaktion "Ich habe nichts zu verbergen" schien mir unangreifbar. Inzwischen sind wir einige Schritte weiter. Trotzdem steht immer noch David vor einem scheinbar unbesiegbaren Goliath, aber David kämpft. Und er macht seine Sache nicht schlecht.
Wir haben gerade regelmäßig Berichte über Datenschutzskandale in den Medien. Es wäre genauso denkbar gewesen, dass die vielen bekannt gewordenen Geschichten über 'verlorene' Daten, Überwachung von Firmenangehörigen, illegale Speicherung von Daten nur ein Schulterzucken ausgelöst hatten. Das kam so nicht von selbst und das können sich die AktivistInnen schon auf die Plus-Seite schreiben.
(Bild links: Objekte zur Überwachung bei der Stasi 1.0)
Wo es wirklich noch fehlt, ist das (mangelnde) Bewusstsein über den Umgang mit den eigenen Daten. Oder schlicht das Wissen darüber, warum was problematisch ist. Und selbst wenn die grundsätzliche Einsicht vorhanden ist, fehlt das Detailwissen. Wenn alle deine Bekannten Googlemail benutzen und Deine KollegInnen natürlich Dokumente bei Google Docs ablegen und gemeinsam bearbeiten, ist es nicht so einfach, eine gute Alternative zu finden und alle davon zu überzeugen, dass es besser ist, diese sicherlich unbequemere Variante zu benutzen.
Ich habe selber neulich vor dem Problem gestanden, für die Eltern der Klasse meines Sohnes eine Mailingliste anzulegen. Ich benutze Yahoogroups etc. prinzipiell nicht, wollte den Eltern aber auch keine 'typische PolitaktivistInnen'-Liste aufnötigen und habe wirklich nichts gefunden, was nichts kostet. Glücklicherweise gab es einen Vater, der überzeugter Linux-Aktivist ist und Zugang zu einem Listen-Server hat, aber das ist ja nicht die Regel.
Was könnte besser gemacht werden:
* es fehlt an aktiver Unterstützung sowohl der Leute, die 'auf der Straße' aktiv sind: also genau der Leute, die etwa die "Freiheit statt Angst"-Demos organisieren. Die machen das gut, aber sollten sicher mehr sein. Nur bloggen und twittern und Banner auf Websites setzen reicht auf jeden Fall nicht. Und dann müssen die Demos wohl noch viel größer werden, bis die Damen und Herren GesetzgeberInnen einsehen, dass das nicht so gut ankommt. Womöglich helfen sogar auch Wahlergebnisse, aber da bin ich nicht soo optimistisch.
* es fehlt an guten Alternativen und verständlichen Erklärungen, wie Microsoft, Google, die Payback-Karte, Yahoogroups etc. im Alltag vermieden werden können. Diese Alternativen zu programmieren, attraktiv zu machen und wachsen zu lassen ist viel Arbeit, aber ohne die werden wir von den anderen nicht loskommen. Ich wünsche mir schon lange ein Portal, dass andere Software, einfache Erklärungen und gute Begründungen versammelt, warum Facebook, Flickr oder web.de gefährlich sind. Oder zumindest, wie Du die eigenen Daten dabei etwas schützen kannst.
Lars Sobiraj: Was hältst du angesichts deiner eigenen Erfahrungen, die ja das Gegenteil fast beweisen, von Leuten, die sagen, sie hätten "nichts zu verbergen"? Ärgern dich solche Aussagen oder kannst du deren Entstehung nachvollziehen?
annalist: Persönlich ärgert mich das nicht - ich kenne diese Reaktion, seit ich als Jugendliche die Bewegung gegen die Volkszählung in Westdeutschland verfolgt habe und mit der Zeit lässt die emotionale Erschütterung nach. Politisch ärgert mich das natürlich, weil ich es für ungeheuer dumm und gefährlich halte, aber das geht mir genauso mit Leuten, die für Atomkraft sind oder glauben, dass mit Bomben Frieden herzustellen wäre. Es fällt mir auch schwer, es den meisten Leuten übel zu nehmen, weil sie sicherlich meistens aus Ignoranz so reagieren. Das hat mit dem Einfluss von Medien zu tun, die zunehmend von Interessen bestimmt sind, die wenig mit meinem Verständnis von Journalismus zu tun haben und mit der neoliberalen Politik, der wir seit Langem ausgesetzt sind (wahlweise: selber mitverschuldet haben). Soziale Unsicherheit führt zu dem Bedürfnis nach Sicherheit und nicht dazu, dass Menschen Fragen stellen (zu denen es keine einfachen Antworten gibt). Und ja, natürlich ärgert mich auch jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen zu bequem sind, um nachzudenken.
Lars Sobiraj: Hat sich deiner Meinung nach die politische Situation seit Andrejs Verhaftung eher verbessert oder verschlechtert? Könnte so etwas jederzeit wieder vorkommen?
annalist: Das ist eine ernst gemeinte Frage? OK: Ich finde, sie hat sich verschlechtert. Es werden weiter neue Sicherheitsgesetze verabschiedet, gerade geht es um das sog. Terrorcamp-Gesetz, sehr schön beschrieben in Prantls Kommentar "Per Mausklick zum Terrorist". Alle denken, dass es um die Ausbildung in diesen Camps geht, dabei steht das Wort im Gesetz nicht mal drin. Es geht um die Verfolgung von Straftaten, die jemand geplant haben *könnte*. Mit ernsten Haftstrafen als Folge. Also: ja, ich glaube, dass sowas wieder vorkommen könnte und es kommt ja auch vor. In meinem Vortrag beim letzten Chaos Communication Congress habe ich eine Reihe solcher Beispiele beschrieben.
(Bild rechts: Ein original Arbeitszimmer der Stasi 1.0, ein voller Aktenschrank und ein Bild von Erich Honecker inklusive.)
Lars Sobiraj: Du hast mit deinem Blog sehr viele Menschen erreicht, sie informiert, sie zum Nachdenken gebracht und teilweise auch betroffen gemacht über das, was in diesem Land von staatlicher Seite möglich ist. Bist du zufrieden mit diesem Erfolg? Wie sehen diesbezüglich deine Pläne für die Zukunft aus? Wäre das eventuell ein guter Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung deiner Karriere, oder haben sich deine kritischen Aussagen eher hinderlich bei manchen Arbeitgebern ausgewirkt?
annalist: Ich freue mich natürlich darüber, dass sich so viele Leute für unsere Geschichte interessiert haben. Das hat uns ungeheuer geholfen. Und die Geschichte ist ja noch nicht vorbei: die Ermittlungen gehen weiter. Andrejs Anwältin hat gerade mehrere Kisten mit neuen Akten bekommen, in denen u. a. steht, dass auch vom Verfassungsschutz weiter überwacht wird, dass sie auch mein Blog lesen und z. B. darüber verfolgen, wann wir wo Veranstaltungen machen. Die LeserInnen von annalist schützen uns auch weiter vor dem Wahnsinn der Behörden: daher ist ein Ziel ganz sicher, weiter über den Verlauf der Ermittlungen zu informieren. Und dieser Verlauf ist ja auch so, dass mit etwas Abstand allerhand Komisches darin gefunden werden kann, das wir gern mit möglichst vielen Menschen teilen. Nur mit Verzweiflung wird die Welt nicht zu ändern sein, davon bin ich fest überzeugt.
Abgesehen vom 'Fall Andrej Holm' schreibe ich auch über vieles andere. Das ist nicht so authentisch, nicht so persönlich, steht oft auch woanders und wird nicht so viel gelesen. Das ist ganz normal, mein eigenes Leseverhalten ist nicht anders. Ich schreibe so oder so gern und werde das weiter tun. Mein Traum wäre, davon leben zu können, nur über Themen zu schreiben, die mir Spaß machen, aber das ist leider sehr unrealistisch und ist einer, der ganz bestimmt von sehr vielen Leuten geteilt wird.
Ob annalist mir beruflich geholfen hat? Schwer zu sagen. Ich denke, dass sich es keine negativen Auswirkungen hatte, obwohl ich am Anfang schon Angst hatte, ob diese 'Terrorismus-Geschichte' nun ewig an meiner Biographie kleben wird. Wird sie, aber nicht so negativ, wie ich befürchtet hatte, als es noch nicht so deutlich danach aussah, dass sich hier das BKA wohl vergriffen hat. Ich habe mich auch vorher schon mit Themen beschäftigt, die verhindert hätten, dass ich Pressesprecherin der Deutschen Bank geworden wäre, wenn ich denn gewollt hätte. Und auf der anderen Seite gibt es inzwischen eine ganze Menge Leute, die annalist gut finden, und das kommt auch unter einigen wenigen Arbeit- und AuftraggeberInnen vor.
Lars Sobiraj: Was hältst du vom neuen BKA-Gesetz, das dem Staat, beziehungsweise dem BKA, noch weitere Überwachungsmöglichkeiten an die Hand gibt? Wie sieht es generell mit deinem Vertrauen in unser Rechtssystem aus? Kann man im Fall von Deutschland noch immer von einer Demokratie sprechen? Und wenn nicht, was ist es sonst?
(Bild links: So also sahen sie aus, die Mitarbeiter der Stasi V. 1.0.)
annalist: Das BKA-Gesetz ist eine Katastrophe, gar keine Frage. Hat irgendjemand eine andere Antwort erwartet? Überwachung finde ich in unserem Fall schlimm, aber wir wissen es ja wenigstens. Das BKA-Gesetz (mit allerhand anderen) ermöglicht Überwachung in ganz vielen Fällen, in denen die Betroffenen wahrscheinlich nichts davon wissen oder erfolgreich verdrängen, dass sie betroffen sind. Diesen Verdrängungsmechanismus kenne ich. Wir kennen die Zahlen der überwachten Telefonanschlüsse, aber trotzdem hoffen die meisten, dass es sie nicht betrifft, obwohl die Wahrscheinlichkeiten dagegen sprechen.
Das Vertrauen in den Rechtsstaat. Schwierige Frage. Ich sage es mal so: in Andrejs Fall hat er weitgehend versagt, und dieser Fall ist zwar einerseits speziell, aber andererseits auch ganz typisch. In der Debatte um den Rechtsstaat wird - auch und gerade beim BKA-Gesetz - wird meist das sog. Richterband, oder der Richtervorbehalt, als letzter Schutzwall des Rechtsstaats hochgehalten. Also die Vorschrift, dass die Überwachungsmaßnahmen von einem 'unabhängigen Richter' abgesegnet werden müssen. In diesen Mechanismus habe ich keinerlei Vertrauen, und wenn der den Rechtsstaat so grundlegend schützt, dann habe ich jedenfalls meine Zweifel, ob das so funktioniert.
Die Richter erhalten ihre Informationen ausschließlich von der einen Seite (Staatsanwaltschaft u. Polizei) und haben zudem keine Zeit, etwas zu prüfen. Die Richter am Bundesgerichtshof müssen vorher beim Generalbundesanwalt gearbeitet haben, haben also gute Kontakte zu den Leuten, die sie eigentlich kontrollieren sollen.
Ich werde hier aber einen Teufel tun, öffentlich den Rechtsstaat an sich in Frage zu stellen: Das ist ja in der Regel genau der Anfang der Ermittlung gegen sog. 'LinksextremistInnen' (wahlweise Linksradikale, Links-..., Linke, Staatsfeinde, was-weiß-ich): Es wird eine grundsätzlich kritische Haltung konstatiert, Bekanntschaft mit den falschen Leuten (in meinem Fall schwer zu leugnen), und schon kann Dir passieren, dass alles was Du sagst oder schreibst, oder nicht sagst oder schreibst, gegen Dich ausgelegt wird. Mit den bekannten ernsten Folgen. Das würde ich also gern anderen Leuten überlassen ;) .
Ist Deutschland eine Demokratie? War es das jemals? Ich nenne es eine real-existierende Demokratie.
Lars Sobiraj: Hast du von deinem Umfeld damals Solidarität erfahren oder eher Unverständnis oder andere negative Reaktionen? Hat sich das Verhältnis zu euren Freunden und Bekannten seitdem verändert? Haben Sie Angst, es könnte sie auch treffen?
annalist: Wir haben unglaublich viel Solidarität erfahren. Auch von Leuten, bei denen wir überhaupt nicht damit gerechnet hatten. Das war sehr großartig und auch wenn wir nicht geschafft haben, auf alles zu reagieren, haben wir doch alles registriert und es hat uns alles wirklich sehr geholfen. Bis heute.
Negative Reaktionen gab es kaum, und wenn, dann waren die Leute zivilisiert genug, uns das nicht direkt merken zu lassen. Wenn uns jemand nicht mehr kontaktiert haben sollte aus Angst, dann auch von Überwachung betroffen zu sein, dann waren das absolute Ausnahmen, von denen wir logischerweise nichts bemerkt haben. Enttäuschend fanden wir vielleicht die Reaktion der Leitung der Humboldt-Universität, wo Andrej 2007 gearbeitet hat. Die konnten sich zu keinem kritischen Wort darüber hinreißen lassen, dass einer ihrer Mitarbeiter so behandelt wurde. Es gibt auch einen ernst zu nehmenden Verdacht, dass irgendeine Behörde Zugriff auf Daten des Fachbereichs entweder bekommen oder sich selbst beschafft hat, und zwar zu den Personaldaten von vielen Beschäftigten dort. Die Ermittlungen des Berliner Datenschutzbeauftragten verliefen leider im Sande.
Dafür haben sich aber wirklich hunderte von WissenschaftlerInnen zu Wort gemeldet, was individuell sehr mutig war und sicher dazu beigetragen hat, dass Andrej nach drei Wochen wieder aus der Untersuchungshaft freikam.
Und sicher noch mehr Menschen, die keine WissenschaftlerInnen sind.
Lars Sobiraj: Gab es jemals in irgendeiner Form eine Entschuldigung vonseiten des Staates oder der beteiligten Behörden?
annalist: Nein. Im Gegenteil. Es gibt sehr lustige Dokumente, die zu belegen versuchen, warum sie gar nicht anders als so handeln konnten. Eins davon ist hier beschrieben.
(Bild rechts: "wir sind alle militant" - annalist auf dem 25C3)
Lars Sobiraj: Wie bewertest du das mangelnde Interesse zahlreicher Medien an eurem Fall, hat dich das überrascht oder hast du damit gerechnet?
annalist: Ich finde, es mangelt eigentlich gar nicht so. Sicherlich wird jetzt nicht mehr darüber berichtet, aber es passiert ja auch nichts, was im klassischen Sinne Nachrichtenwert hätte. Als die Geschichte aktuell war, im zweiten Halbjahr 2007, gab es doch eine ganze Menge Berichterstattung. Sogar mehr, als wir anfangs für möglich gehalten hatten.
Es gab vor kurzem Mal eine Talkshow-Anfrage, ob Andrej an einer Diskussion zum BKA-Gesetz teilnimmt, die wurde leider wieder abgesagt. Das wäre sicher nett geworden. Sonst gibt es in größeren Abständen Interviews für Radio-Features oder Fernsehdokumentationen zum Thema Innere Sicherheit, aber das wird natürlich insgesamt nicht so stark wahrgenommen. Bei der Berlinale wird es die Premiere eines Kurzfilms geben, der auf Andrejs Geschichte basiert. Der wurde von Hans Weingartner gedreht und ist Teil des Films "Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation". Ich hoffe, dass das wieder ein bisschen Aufmerksamkeit schafft, auch bei Leuten, die bisher noch nichts davon gehört hatten.
Wunderschön wäre, wenn es jetzt laute und öffentliche Forderungen gäbe, dass das Verfahren endlich eingestellt werden muss, aber das können wir wohl von den Medien allein nicht erwarten.
Lars Sobiraj: Inwieweit hat sich euer Leben im Verlauf des letzten Jahres geändert, lebt ihr heute anders? Ist es schwerer Vertrauen zu Fremden aufzubauen oder sich in der Öffentlichkeit unbefangen zu bewegen?
annalist: Sicher leben wir heute anders. Unser Leben wurde mindestens ein Jahr lang vor allem von dem Verfahren bestimmt. Eine Nebenwirkung war zum Beispiel, das wir ja nicht dafür bezahlt werden, dass wir uns damit beschäftigen und entsprechend auch finanziell nicht besonders gut da standen. Bzw. auch unsere Kinder sehr darunter gelitten haben, dass wir so wenig Zeit hatten. Das ist eine Sache, die mich persönlich sehr ärgert.
Wie sich Dein Leben verändert, wenn Du sicher weißt, dass Du überwacht wirst: das wäre Thema für ein eigenes Interview. Aus diesem Grund habe ich angefangen, annalist zu schreiben, und dazu steht gerade in den ersten Monaten dort sehr viel. Natürlich änderst Du Dein Verhalten, wenn Du weißt, dass Deine Mails gelesen, Deine Telefonate mitgehört und total absurd interpretiert werden - und das konnten wir in den Akten ja nachlesen - , wenn Du weißt, dass eine Kamera auf Dich gerichtet ist, wenn Du deine Haustür aufschließt und Du nicht ausschließen kannst, dass in Deiner Wohnung Wanzen oder sogar Kameras angebracht sind. Das können sich sicher alle selber vorstellen, wie sich das anfühlt.
Ich hoffe, dass wir immer noch genauso schnell oder langsam Vertrauen aufbauen.
Eine Nebenwirkung dieser ganzen Geschichte ist bestimmt, dass wir auf einem bestimmten eher nicht so hohen Level öffentlich bekannt geworden sind. Und das Gefühl, beobachtet zu werden, resultiert ja auch daraus. Auch daran habe ich mich bis jetzt nicht gewöhnt, aber es ist schon angenehmer, von Leuten beobachtet zu werden, die uns grundsätzlich mit Sympathie gegenüberstehen.
Lars Sobiraj: Wenn jemand unfreiwillig in eure Situation geraten sollte, was sollte derjenige auf gar keinen Fall tun?
annalist: Anders gefragt: würde jemand freiwillig in unsere Situation geraten? Da würden wir gern mal über Tausch-Optionen nachdenken!
Ernsthaft: Ich würde rückblickend immer empfehlen, die größtmögliche Öffentlichkeit zu suchen. Das ist überhaupt nicht leicht in einer Situation, bei der Du das Gefühl hast, vollkommen den Boden unter den Füßen zu verlieren und machtlos einer unangreifbaren staatlichen Gewalt ausgesetzt zu sein, die vollkommen den Rahmen verloren hat. Und in der Du nicht einschätzen kannst, wer Dir jetzt noch hilft. Aber wenn Du dann hoffst, dass es schneller wieder aufhört, wenn Du ganz stillhältst, weil sie dann schon merken werden, dass sie sich getäuscht haben, kann gut passieren, dass Dir wirklich niemand hilft. Wir hatten sehr viel Glück, aber wir haben die Öffentlichkeit auch sehr aktiv gesucht.
(Bild links: Ausschnitt aus der Kurzfilmreihe "Deutschland '09".)
Lars Sobiraj: Manche Verschwörungstheoretiker versuchen die Stasi der DDR mit den heutigen Überwachungsmethoden zu vergleichen, kann man das wirklich?
annalist: Schwer zu sagen. Ich bin in Westdeutschland groß geworden und kenne die Stasi nur aus Erzählungen. Die sind sehr unterschiedlich, je nach Perspektive der Erzählenden und auch danach, was jeweils verglichen wird. Wem nützt es, das zu vergleichen? Manchmal helfen plakative Vergleiche, um etwas deutlich zu machen, aber in der Regel hinken sie auch gewaltig.
Ich spiele selber mit Vergleichen, wenn ich wie vorhin von real-existierender Demokratie rede und damit deutlich machen will, dass unser Gesellschaftssystem ziemlich weit weg ist von dem, was ich mir unter Demokratie vorstelle. Bei dem Stasi-Vergleich soll angedeutet werden, dass die Überwachung ein Maß erreicht hat, das für eine Demokratie nicht auszuhalten ist. Das finde ich auch. Manche sagen, dass es schlimmer ist als in der DDR, andere behaupten das Gegenteil und beide haben Recht, je nachdem, was genau verglichen wird. Sowas stimmt nie, aber manchmal helfen solche Vergleiche, um etwas zu illustrieren, was sonst drei Seiten Text bräuchte.
Lars Sobiraj: Ihr wollt noch immer dauerhaft in Berlin bleiben? Oder gibt es mittlerweile seit dem Ende des Verfahrens von Andrej jetzt doch Überlegungen ins Ausland zu gehen?
annalist: Das Verfahren ist nicht zu Ende. Das ist leider ein Trugschluss, dem viele Leute aufgesessen sind, weil nicht mehr soviel berichtet wird und seit der Bundesgerichtshof den Haftbefehl aufgehoben und für illegal erklärt hat. Aber ermittelt wird weiter. Die Generalbundesanwältin ist eine sehr schlechte Verliererin.
Und was das Ausland angeht: Wir wohnen eigentlich ganz gern in Berlin und es hat uns noch niemand wirklich schicke Jobs im Ausland angeboten. Gibt es denn Länder, in denen ausgeschlossen werden kann, dass der Krieg gegen den Terror geführt wird? Dann würden wir vielleicht nochmal darüber nachdenken. Vorausgesetzt, dort würden Stadtentwicklungsforscher mit Schwerpunkt Berlin und ..pscht.. Gentrifizierung gebraucht. Ich selber liebe ja andere Sprachen und Länder, aber das allein füttert keine vierköpfige Familie durch.
Lars Sobiraj: Last, but not least: Was wünscht ihr euren Verfolgen, Überwachern und Abhörern?
Annalist: Viel Weisheit und Vernunft.
(Andrej murmelt im Hintergrund undeutlich etwas, das als 'Hodenkrebs' verstanden werden könnte).
Lars Sobiraj: Was auch immer Du da verstanden hast. Aber das zumindest kann nicht auf die derzeitige GBA, Frau Prof. Harms gemünzt sein. ;-)
In jedem Fall vielen herzlichen Dank für das wirklich aufschlussreiche und interessante Interview.
P.S.: Den ersten Teil unseres Interviews vom Dezember 2007 kann man an dieser Stelle nachlesen.
Alle Bilder mit Ausnahme des Screenshots aus dem Kurzfilm wurden von mir im Herbst 2007 im Leipziger Stasi-Museum (Museum in der runden Ecke) oder im Dezember '08 auf dem 25C3 aufgenommen.
(Bild rechts: Humanist Mielke macht 1982 kurzen Prozeß, "wenn nötig ohne Gerichtsurteil".)
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Annika_Kremer am 07.02.2009 05:21:06: |
Maggus87 am 07.02.2009 21:07:57: |
Annika_Kremer am 07.02.2009 23:56:08: |