Flankiert wird dieser denkwürdige Tag, den man vielleicht besser in "Welttag der geistigen Einfalt" umbenennen sollte, durch allerlei suspekte Aktionen entsprechender Verbände oder der Prominenz. Letztes Jahr sorgte Herbert Grönemeier mit einer ganzen Reihe Musikschaffender, die sich hilferufend an die Kanzlerin wendeten, für Amüsement. Die Kanzlerin selbst aber konnte sich vermutlich nicht persönlich um das Anliegen kümmern, da sie sich selbst gegen das "Herunterladen von Computern" stemmen musste. Befürworten tat sie das geistige Eigentum dann doch, welches man auch "über die Grenzen hinaus" schützen müsste. Dieses Jahr, also 2009, organisiert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine Aktion, die schön sinnstiftend "Ideenliebe" genannt wird. Lustigerweise in diesem Zusammenhang ein Ideenwettbewerb für Schüler durchgeführt, in welchen sie dazu angehalten werden, frei (und kostenlos) Ideen zu entwickeln, wie man Ideen schützen kann.
Das ist Fortschritt. Open-Source? Freie Lizenzen? Wahrscheinlich nie gehört. Im Aufklärerjargon der Aktion informiert man nicht nur über den Sachverhalt, sondern läutert gleichzeitig ein Weltbild, welches die letzten 40 Jahre einfach unter den Tisch fallen lässt: "Der Schülerwettbewerb "Ideenliebe" soll zeigen, wie wichtig es ist, Ideen zu schützen. Sonst denkt sich nämlich niemand mehr etwas Neues aus - wenn er selbst nichts davon hat. Stell Dir das mal vor: Deutschland ohne Ideen! Ohne ICE, deutsche Autos und Aspirin." Ja, Deutschland ohne Ideen, das wäre in der Tat ein Jammertal.
Aber mal ein wenig ernsthafter. Das System des "geistigen Eigentums" ist in Gefahr. Software, Internet und Globalisierung lassen eine Reihe von Problemen entstehen, die zwangsläufig dazu führen müssten, das System an sich zu überdenken, denn es ist momentan dabei, völlig unbrauchbar zu werden. Selbst die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) erkennt das Problem. So stellte Francis Gurry, Generaldirektor der WIPO, auf einem Vortrag zu dem Jahrestag fest, dass das System unter "tektonischen Spannungen" steht. Im Gegensatz zu den Marken- und Patentsystemen, welche meist territorial gebunden sind, ist das technologische, soziale und wirtschaftliche Gefüge längst global organisiert. Es bestünde daher die "große Gefahr", dass sich die wirtschaftliche und soziale Ebene so schnell ändert, dass die Anpassung der politischen Architektur nicht mithalten könne, so Gurry.
Es gibt aber noch ein ganz anderes Problem, welches vielleicht noch viel gravierender ist. Es gibt schlichtweg zuviele Ideen. "Wir haben 3,5 Millionen nicht erledigte Anträge", stellte Gurry fest. Unnötig zu erwähnen, dass auch Piraterie als Problem benannt wurde. Doch anstatt mit der Zeit zu gehen, hält man lieber den Atem an und an Altem fest, denkt man nur an die USA, die mit dem "Copyright-Zaren" noch zu Bush-Zeiten eine Behörde schufen, die einzig und alleine den Zweck hat, geistiges Eigentum zu schützen und Verletzungen zu verfolgen.
Da sollte man vielleicht mal bei der Piratenpartei fragen, ob sie eine Lösung parat hat. Denn auch diese nahm zum heutigen Welttag des geistigen Eigentums Stellung: "Wir Piraten finden Kreativität und gute Ideen wichtig und wollen diese fördern. Wir glauben aber, dass restriktive Eigentumsrechte der falsche Zugang zur Förderung von Ideen sind. Wir sind nicht die Einzigen, die das so sehen: Tausende Menschen auf der ganzen Welt sehen keinen Sinn darin ihre Ideen und ihre Kreativität in Ketten zu legen, vielmehr sorgen sie für freie Verbreitung." Desweiteren folgt eine lange Auflistung von vor allem erfolgreichen Produkten, wie Firefox, Thundebird und OpenOffice oder Projekten wie Wikipedia, Creative Commons und Freshmeat, die den Weg in eine andere Richtung weisen. In diesem Sinne - querdenken, freidenken und sich nicht blenden lassen. (020200)
Bild: Wikipedia, via Gulli-Board (User: Teletubbies), thx!!
| 13 Reaktionen aus dem gulli:Board |
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Kokossaft am 26.04.2009 12:55:20: |
energy107 am 26.04.2009 13:32:03: |
_020200 am 26.04.2009 14:45:33: |