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Oliver Dierks: Undercover

Ein verdeckter Ermittler der GVU, rezensiert

"Was genau will er?" ist die Frage, die dem Rezensenten nach Lektüre von Oliver Dierks' Buch "Undercover" letztendlich im Kopf blieb, und Oliver beantwortete diese und andere Fragen auch, aber zuvor zum Buchtext.

"Undercover" ist die Geschichte eines Undercover-Agenten, der mehrere deutsche Szenecrews infiltrierte und mit dessen Hilfe die GVU einige Busts durchführen konnte. Zu wenige, so Dierks' Kernaussage: durch das ganze Buch zieht sich die Klage, massenhaft Informationen und Beweise gesammelt zu haben, welche nur zum Teil verwertet wurden und auch nur Teile der infiltrierten Szenen getroffen hätten. In fxp-Crews, unter Donkey- und Torrentseitenbetreibern, Releasern und im Umfeld von im tief grauen Bereich operierenden Firmen war Dierks aktiv, sammelte Informationen, uppte Daten, mietete Server an und erstattete der GVU Bericht - welche oft genug aus verschiedensten Gründen den Fällen nicht oder Dierks' Ansicht nach unzureichend nachging.

20,80 Euro schwer und knapp 450 Seiten dick kommt Dierks' Buch ins Haus, die Frage "lohnt es sich" kann eindeutig bejaht werden, auch wenn bisweilen der Eindruck entsteht, hundert Seiten weniger wären machbar gewesen - der Ursprungsentwurf mit über 700 Seiten wurde jedoch bereits stark gekürzt. Das Ergebnis beinhaltet ausgiebig dokumentierte Mailwechsel zwischen Dierks und diversen Ansprechpartnern bei der GVU, Chat- und Messengerlogs, die einen sehr authentischen Einblick in die szeneinternen Vorgänge erlauben. Man trifft auf zahlreiche alte Bekannte - sowohl im Warezbereich als auch in anderen Geschäftsfeldern juristisch grauer bis schwarzer Regionen im Netz, erhält Aufschluß über Strukturen, Streitereien und Hintergründe in den Crews und nicht zuletzt über die Probleme rechtlicher Art, die für Ermittler in dem entsprechenden Betätigungsfeld entstehen - und wie sie von den Interessensgruppen, für die sie arbeiten, bisweilen im Regen bzw. der rechtlichen Grauzone stehengelassen werden.

Was auf der anderen Seite jedoch auch gelegentlich ausufert: kennt man den Slang, die typischen Chatgespräche usw., werden die ausführlich wiedergegebenen Dialoge schnell langatmig - der Authentizität hätten hier gelegentliche Kürzungen nicht geschadet, die Akteure sind zwar weitgehend anonymisiert, Rückschlüsse auf die realen Personen sind durch die nur teilweise ausgeblendeten persönlichen Informationen durchaus möglich und wären es auch noch in geraffterer Version.

Auch die gelegentlich sehr ausführlichen Fullquotes aus im Netz frei verfügbaren Infoseiten - beispielsweise der Einführungstext zur GVU - hätten problemlos straffer werden können, an deren Stelle hätten dem Buch ein Quellenverzeichnis und ein Presse/Linkspiegel mit weiterführenden Informationen gut getan. Andere, ähnliche Infotexte sind hingegen unvollständig oder irreführend geblieben - was bisweilen ärgerlich wird. Dass es verschiedene IRC-Netze gibt, dürfte eine vernachlässigbare Information sein, wenn jedoch berichtet wird, auf Windows-Servern könne "keine raubkopierte Software installiert werden" und müsse deswegen ein Redhat-Linux aufgesetzt werden, dann wird aus der technischen Wissenslücke ein grob falsches Bild, welches im Text nicht mehr aufgeklärt wird. Auch hier erschließt sich den technisch informierteren Leser durchaus, was wohl gemeint war, könnten bei vielen Lesern jedoch falsche Eindrücke entstehen.

Was Dierks Buch hingegen sicherlich ist: hochaktuell und sehr direkt aus dem Netzleben in den Grauzonen berichtet. Zahlreiche Gruppen und Akteure, über die er schreibt, sind nach wie vor aktiv, die Fälle nicht abgeschlossen. Und während Dierks im Gespräch dazu steht, auch heute wieder so zu handeln, wie er es getan hat, unterscheiden sich seine Ansichten zum Netz, der Kopiererei, dem aktuellen Kurs der GVU und der anderen Rechteverwerter durchaus von denen, die man bei Buchlektüre annimmt - auch hier trifft der Satz vom "Work in Progress" zu. Dierks' Geschichte beginnt mit seinem Einstieg in die Grauzonen, setzt sich mit Kontakten zur GVU fort, während seine Postion in den Szene- und Releaserkreisen immer gefestigter wird, und endet mit den kürzlich stattgefundenen Busts in Coburg. Zahlreiche Fäden bleiben unverknüpft - die Geschichte setzt sich fort, auch wenn Dierks seine Rolle für die GVU inzwischen an den Nagel gehängt hat.

Kaum einer der Beteiligten kommt in "Undercover" gut weg - weder die der "Szene", die sich zunehmend kommerzialisiert und neben der Verbreitung des einschlägigen Materials in zahlreiche andere, fragwürdige Aktivitäten verwickelt ist und angesichts möglicher Einkünfte nicht einmal vor dem Sabotieren ganzer Filesharingnetze zurückschreckt, noch die der Rechteverwerter, die diesen Aktivitäten nichts nennenswertes entgegenzusetzen hat und dabei selbst engagierten Menschen noch Knüppel zwischen die Beine wirft. Deren rechtlich unsichere Lage können oder wollen auch die Vertreter der Medienindustrie kaum auffangen, darüber hinaus leidet die Branche offenbar unter einem massiven Bürokratieproblem. Ganz abgesehen davon, dass ihre aktuelle Vorgehensweise die (angeblichen?) Probleme nicht zu lösen imstande ist.

Das Netz sei jedoch in Bezug auf die beschriebenen, grauen bis schwarzen Akteure nicht zu kontrollieren - den Handlungsbedarf sieht Dierks vor allem auf der Anbieterseite:

22:08:02: du kannst im netz nichts ändern!
22:08:26: willst das internet abschalten, formatieren und neu einspielen?
22:08:29: das geht nicht....

so Dierks im Gespräch über sein Buch. Was sich aus der Lektüre nicht unmittelbar erschließt, auch wenn das bekannte Problem der Rechteverwerter - eine Gruppe geht hoch, drei andere kommen nach - mehr als einmal thematisiert wird.

Trotz der Kritik: Einpacken, lesen - auch für den Leser ohne große Vorkenntnisse ist das Buch durchaus verständlich, mit einschlägigen Vorkenntnissen dürfte man sich an den genannten Ungenauigkeiten gelegentlich stören, was dem Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch tut.

Ein Interview mit dem Autor folgt in Kürze.

Oliver Dierks (Nickname: "Prophi")
"Undercover" Monsenstein und Vannerdat 2005
Paperback, 447 Seiten, 20,80 Euro
Webseite: www.undercover.6x.to

News Redaktion am Mittwoch, 15.02.2006 20:34 Uhr

tagsTags: release gvu autor buch undercover rezension agent dierks prophi coburg

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34 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Benni-mac am 30.12.2007 01:17:06

    Der Typ ist clever DA er für die GVU arbeitet und alles runterläd , machen die gegen ihn nichts. Ich glaube nicht das er seine 600GB gelöscht hat . er hat sie bestimmt verteilt und Kohle kassiert DAs ist die perfekte Tarnung ...

  • am 20.04.2006 02:42:28

    Der Typ ist ein Wixxer!!! Frau und Familie glaub ich ihm net... Deshalb hat er auch soviel Zeit. Denn im wahren Leben beachtet ihn niemand.... Greetz Epi ...

  • sara am 23.02.2006 18:55:53

    Ich habe das Buch auf Grund der oben stehenden Rezension von Korrupt gekauft und gestern geliefert bekommen. Und heute fertig gelesen - was weniger an einer zu vermutenden Gabe des Schnell-lesens liegen mag, als mehr an der Tatsache, dass die über 400 Seiten zu einem nicht unerheblichen Teil ...

  • Konsument am 17.02.2006 12:56:26

    Ein fake ists wohl leider nicht.. soweit ich mich erinnern kann gabs mal nen #lotr im after-all.org.. Ich hab bisher auch nur die paar JPEG´s gesehen die hier auf rapid geupped wurden, aber was das wieder mit Scene zu tun haben soll sei mal dahin gestellt. Es wird von FXP-Teams berichtet die 3 Se ...

  • Shinzon am 17.02.2006 10:37:55

    Wie würdest du es sonst bezeichnen, wenn ein Unternehmen auf die Methoden zurückgreift (fillen von Servern), obwohl es gerade das unterbinden sollte? Ausserdem ist die GVU meines Wissens nach nicht für die Musikindustrie tätig und dennoch füllen die die Server mit Alben? Des weiteren suchen di ...

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