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Interview: Daus und DRM - Wie die Medienindustrie eine kaufkräftige Kundengruppe vertreibt

Digitale Medien kaufe man nicht mehr, weil der überbordende Kopierschutz eine normale Nutzung zunehmend verleide, so das oft gehörte Argument bei Leuten, die sich bevorzugt aus den kostenlosen Alternativen im Netz bedienen. Dass die sinkenden Verkaufszahlen auch viel mit dem Konsumverzicht von an sich kauffreudigen, an Warez und Konsorten völlig uninteressierten Kunden zu tun haben könnten, wird ebenfalls oft angeführt, diese Zielgruppe meldet sich hingegen seltener im Web zu Wort. Die Rolle, die DRM dabei spielt, bekommt gulli:board-Moderator TabulaRasa täglich zu hören.

Es gibt sie da draussen: kaufkräftige Kundschaft, die trotz wenig technischem Know How interessiert ist an moderner Unterhaltungstechnik und der langwierigen und gelegentlich riskanten Suche im Netz nach kostenlosen Angeboten den (Online-)Einkauf vorzieht. Wie lange noch, fragt man sich allerdings, wenn man von den Erfahrungen und Problemen mit der schönen neuen DRM-Welt hört, die diese Gruppe von Kunden in der Regel nicht in den einschlägigen Foren und Boards erörtert, sondern auf die Hotline des Herstellers zurückgreift.

An deren anderem Ende sitzt gelegentlich TabulaRasa, der von einigen DRM-Erfahrungen seiner täglichen Klientel berichten kann.

Welche Art von Kunden berätst du?

In der Regel normale Leute, die sich mit dem Thema noch nicht auseinandersetzen mussten, sondern einfach mal eben ein hochwertiges Gerät gekauft haben und nun kopfkratzend rätseln, warum bestimmte Dinge nicht funktionieren.

Wie häufig sind die Beschwerdeursachen beim DRM zu suchen?

Kommt auf die Sparte an. Im Fernsehbereich noch maximal 20%, vom Gefühl her, da die meisten einfach noch analog empfangen und daher der Kopierschutz nicht greift. Die meisten Anfragen kommen von Leuten, die sich wundern, weil Sie Ihren Computer trotz der vollmundigen Versprechungen von Marketingstrategen nicht an die HDMI-Schnittstelle anklemmen können.Im Bereich MP3-Player ebbt die Welle langsam ab, aber zu Spitzenzeiten war jede 3. Anfrage auf Inkompatibilitäten zwischen Wiedergabegerät und DRM bestimmter Downloadshops zurückzuführen...

In welchen weiteren Bereichen triffst du auf Probleme, die mit DRM zu tun haben?

Das schönste Beispiel war ein Computerbesitzer, der seine privaten Powerpoint-Präsentationen nicht auf einem Plasma anschauen konnte. Der hatte sich mit dem Thema bereits auseinandergesetzt, dabei aber übersehen, dass HDCP eben kein Kopierschutz an sich, sondern ein Inhaltsschutz ist, dem die übertragenen Inhalte vollkommen gleichgültig sind. Der war - zu Recht - ziemlich angepisst. Ansonsten kommen gelegentlich wirklich mal die Fragen "wieso kann ich keine Film-DVDs auf meinen Festplattenrekorder ziehen", oder warum die legal erworbenen MP3s von Anbieter X nicht auf dem Player laufen, auf dem Computer aber schon. Ausserdem tauchen gelegentlich Kunden mit älteren Geräten mit DVI-Anschluss auf, der per Spezifikation nicht unbedingt HDCP haben *muss*, und die nun den teuren HD-DVD-Player nicht über HDMI anschliessen können...

Und womit kämpften dann die Kunden, bevor sie zum Telefonhörer greifen und sich beschweren?

Siehe der Computerbesitzer mit seiner Powerpoint-Präsentation. Oder durchdrehende Festplattenrekorder, die selbst Werbung als kopiergeschützt bezeichnen und nicht aufnehmen. In Dubai gekaufte portable DVD-Player, die dank Region-Code partout keine europäischen DVDs spielen wollen. Und vor allem viele enttäuschte Kunden eines Onlineshops mit Obst als Logo, die die vorher erworbenen Lieder auf Ihrem neuen Player nicht abspielen können, nur weil der eben kein Obst als Logo hat.

Kann durch DRM-Verzicht die Beschwerdequote gesenkt werden? Oder reden wir hier über Leute, die im Zweifelsfall auch die DVD falsch herum einlegen und dann jammern, dass nichts funktioniert?

Wenn alle auf DRM verzichten würden, würden zumindest in diesem Bereich logischerweise keine Beschwerden mehr kommen. Natürlich gibt es auch die ewigen Nörgler, aber die machen eher einen verschwindend geringen Anteil aus.

Wie sinnvoll erscheint dir DRM aus deinem Blickwinkel? - Maßgeblicher Hemmschuh für Möchtegernkopierer, oder doch eher ein Witz für den Kundigen und eine Quelle von Ärger für Leute, die ohnehin mit dem Kopieren nichts am Hut haben?

Eher letzteres. Mal im Ernst, was ich bisher an DRM gesehen habe funktionierte immer nur unter zwei Voraussetzungen: dass das Material an sich DRM hat, und dass das Abspielgerät DRM hat. DRM findet man allerdings nur bei gekauftem Material. Wenn ich nun also meine MP3-Dateien aus dem Netz auf einem DRM-Abspielgerät wiedergebe, habe ich kein Problem. Wenn ich jedoch alles im Laden kaufe, stolpere ich irgendwann über das DRM. Das passiert mir ein paar mal, dann bin ich als zahlender Kunde auf ewig vergrätzt und bediene mich aus illegalen Quellen - selbst wenn ichs vorher nie vor hatte.

Wie reagieren die Kunden, wenn man Ihnen reinen Wein einschenkt und über die Einschränkungen aufklärt?

Die meisten sind entrüstet und beleidigt. Nicht nur, dass Sie sich zu Unrecht vorverurteilt fühlen, vor allem sind Sie sauer über die Investition in ein künstlich abgewertetes Produkt.

Alles soll in Zukunft leichter, kompatibler, intuitiver und aus Holz werden. Kannst du diese Entwicklung zur Bedienungs- und Nutzungsfreundlichkeit bestätigen?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Bald wird es Beipackzettel zu Geräten geben, Kompatibilitätslisten, die in Ihrer Länge den Nebenwirkungen von Antibiotika in nichts nachstehen.

Wozu würdest du Geräte- und Medienindustrie raten?

Wenn Ihr etwas verkaufen wollt, dann verkauft euren Kunden auch die Rechte daran. Ansonsten treibt ihr sie geradezu in die Illegalität. Software und Geräte, die das "analoge Loch" ausnutzen, sind die direkte Antwort auf eure digitalen Grenzen.

TabulaRasa, seines Zeichens g:b-Moderator, berichtet von seiner täglichen Arbeit auch im Täglichen Wahnsinn an der Hotline.

News Redaktion am Donnerstag, 15.06.2006 20:54 Uhr

tagsTags: drm high definition interview kopierschutz apple hdcp hotline hdmi dau

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