
Korrupt: Glückwunsch zur TV-Präsenz und den Radiogeschichten. Das entwickelt sich ja alles sehr fein, wenn man über die gelinde gesagt verkürzte Darstellung im TV hinwegsieht...
Florian: Danke. Also die TV Story war leider etwas "aufgebauscht", aber ich denke insgesamt sind wir doch recht gut rüber kommen. Aber im Radio haben wir uns dann aber schon recht gut geschlagen. Und mitterweile bin ich nach den ganzen Radiointerviews auch etwas sattelfester.
Korrupt: Dann noch Glückwunsch zum beeindruckenden Start - die notwendigen 2600 Unterschriften sollten ja zu schaffen sein. Zunächst mal, ich kontakte dich grade als "Provisorischen Bundessprecher", wie weit ist die Organisation schon gediehen?
Florian: Allem Anschein nach kannst du das "Provisorischen" wegstreichen ;) Wie weit ist die Organisation schon gediehen? Wir haben gerade alle Hände voll zu tun, um das Medienecho zu verwalten und den großartigen Ansturm von motivierten Leuten. Dabei ist gerade Wikipedia-mäßig eine sehr gute Organisation entstanden, die wir mal erfasst und gefestigt haben.
Tolle Antwort... äh... was heißt das konkret?
Zuerst ist das ein wenig "Laissez-faire"-mäßig gelaufen, was aber nicht heißt, dass nichts weiter gegangen wäre. Die Leute sind wahnsinnig motiviert und jeder hat sich eine Arbeit gesucht und gemacht. Jetzt haben wir die bestehende Struktur erfasst und klare Bereiche vergeben. Auch haben wir die Leute an Schlüsselpositionen festglegt, damit man ein paar hat, die auch Verantwortung haben, damit die ganze Sache nicht im Sand verläuft.
Wegen der Unterschriften: ja, es schaut daweil recht gut aus. Man sollte aber die bürokratische Hürde in Österreich nicht unterschätzen: Jeder muss zu seinem Gemeindeamt gehen und dort selber vor Ort unterschreiben. Deswegen lehnen wir uns keinesfall zurück, sondern versuchen mit allen Mitteln, Leute zu mobilisieren.
Korrupt: Wie schätzt ihr eure Chancen bei den kommenden Wahlen ein? Österreich hat nicht die Skandale gehabt wie Schweden in der letzten Zeit, dennoch scheint bei euch die Resonanz auf die Gründungsbestrebungen sehr gut zu sein - trifft das zu und wie erklärst du dir das?
Florian: Das ist eine sehr gute Frage. Wir sind uns da selber nicht wirklich sicher und geben jetzt am Anfang lieber keine Prognosen ab.
Was halt zu sagen ist: die Schweden schaffen vorraussichtlich 6-7%. Auch haben die zehn Tage vor uns Wahl, was uns sicher einen kleinen Bonus gibt, wenn sie schon ins Parlament einziehen.
Nüchtern betrachtet sieht es so aus: es gibt 1,526.909 Österreicher zwischen 15 und 29 und insgesamt 3,5 Millionen zwischen 15 und 44. Ungefähr 250.000 Stimmen brauchen wir, um in den Nationalrat zu kommen... (Anmerkung: Wählen kann man in Österreich ab 18)
Doch egal was wir erreichen; für eine Partei, die sich zwei Monate vor den Wahlen gegründet hat, ist jeder Erfolg beachtlich.
Zusätzlich haben wir unter anderem auch Unterstützung von der Künstlergruppe monochrom...
Korrupt: Die Themen Copyright, Geistiges Eigentum, Patente usw. sind zweifelsohne zentrale Faktoren der heutigen Gesellschaft, die das Leben mehr denn je beeinflussen. Trotzdem handelt es sich doch um einen recht engen Ausschnitt des politischen Themenspektrums, und "Ein-Programmpunkt-Parteien" haben bisher selten wirklich mittel- und längerfristigen Erfolg gehabt. Wie seht ihr da eure Aussichten, wie wird sich die Partei zu anderen politischen Fragen positionieren?
Florian: Auch die Grünen haben als Themenpartei begonnen. Gerade jetzt am Anfang haben wir absichtlich nur drei Kernthemen. Diese vereinen uns und schweißen uns zusammen. So werden wir nicht durch ideologische Streitereien außeinander getrieben. Auch muss man sagen, dass die großen Parteien sich zur Zeit in Österreich nicht gerade thematisch positionieren, sondern eher eine Schlammschlacht veranstalten...
Korrupt: Dazu passt vielleicht auch die Frage nach der KPÖ - die schrieb sich ja noch vor eurer Gründung kurzerhand selber das Piratenparteisein auf die Fahnen. Wie steht ihr dazu, gibt es da Austausch, Konkurrenz, Gemeinsamkeiten?
Florian: Es gab ein Treffen mit der KPÖ. Vor allem ist dazu zu sagen, dass wir uns nicht in das klassische Spektrum "links-rechts" einordnen wollen. Unsere Themen betreffen jeden, unabhängig von seiner Ideologie.
Auch wenn die KPÖ teilweise "piratische" Ziele verfolgt, so unterscheiden sie sich doch grundlegend von denen der Piratenparteien. Z.B. sind unsere Ziele im Bereich Urheberrecht und Patente doch eher darauf ausgerichtet, eine faire Situation in der freien Marktwirtschaft zu schaffen, die vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen stärkt.
Der Kommunismus geht da eher in eine komplett andere Richtung.
Korrupt: Rein interessehalber auch noch: und wie sieht eure Beziehung/Kooperation mit monochrom aus? Einerseits ein Kunstprojekt, welches sich mit eurem Themenfeld oft genug subversiv bis genial beschäftigt, weiterhin aus gewissen sozialistischen Einflüssen nicht wirklich ein Geheimnis macht, wie sind sie nun bei euch involviert?
Florian: Ein Mitglied von monochrom ist aktiv bei uns dabei und arbeitet bei unserer Taskforce Öffentlichkeitsarbeit mit.
Und wie du schon sagst: die Leute von monochrom sind genial ;) Mal sehen was da noch auf uns zukommt...
Korrupt: Ich vertrat letztens die - bewusst provokante - These, dass auf dem Feld der Politik in manchen Bereichen wenig bis nichts zu reißen sei und zumindest schnellerer Erfolg damit zu erzielen ist, Fakten und Realitäten zu schaffen - Technik, die das Kopieren und freie Verbreiten an den Kontroll- und Eigentumsregimes vorbei erlaubt, Software, die die Abschaffung der Privatsphäre bekämpft usw. Ganz jenseits allen "das bringt ja eh nichts"-Pessimismus: wo seht ihr die politischen Möglichkeiten angesichts des Gegenwinds und den ausufernden Eigentumsregimes auf allen Ebenen - von den Staaten über die EU bis hin zu WTO und TRIPS?
Florian: Das gute ist: diese Fakten und Realitäten existieren ja bereits. Und allen Klagewellen zum Trotz ist ja zum Beispiel auch kein Rückgang des Filesharing zu verzeichnen.
Im Endeffekt kann sich Europa entscheiden: wollen wir ganze Teile der Bevölkerung pauschal kriminalisieren, oder das Unausweichliche akzeptieren.
Dazu vielleicht ein Zitat von der EFF:
"Die RIAA hat mehr als 20.000 Musikfans wegen Filesharing verklagt, jedoch nimmt Filesharing online wie offline nach wie vor zu. Wann werdet ihr aufhören, Musikfans zu verklagen?"
Wo du schon recht hast, ist, dass die Industrie durch intensives Lobbying versucht noch härtere Gesetze und Strafen abseits jeder Vernunft durchzusetzen (5 Jahre Haft in Deutschland für Schwarzkopierer?). Ich glaube eine internationale Bewegung wie der Piratenparteien kann hier aber noch nie gesehenen Druck ausüben. Es ist ja geplant, 2009 mit allen europäischen Piratenparteien an der Europawahl teilzunehmen.
Korrupt: In Deutschland laufen die Gründungsvorbereitungen zur deutschen Piratenpartei ja auch auf Hochtouren. Was würdest du deinen deutschen Gründerkollegen raten und wovor würdest du sie warnen?
Florian: Auf jeden Fall müssen wir aufpassen, dass man unsere Bewegung nicht als "verpickelte Teenager, die alles umsonst wollen" abstempelt. Der Kampf für die Privatkopie ist nur ein Teil unserer Themen. Europa wird zunehmend zu einer Überwachungsgesellschaft, in der jeder erfasst und beobachtet wird - das geht jeden was an. Die "klassischen" Parteien sind dieser Thematik beinahe hilflos ausgeliefert - wir tun endlich was dagegen! Man kann sagen: Wir bringen das Recht der Menschen auf Privatsphäre zurück.
Auch würde ich den deutschen Kollegen raten, sich einen Frontman für Interviews zu geben. Es sollte nicht passieren, dass verschiedene Leute bei Interviews total verschiedene Statements abgeben. Gerade eine Bewegung, über die viel Unklarheit in den klassischen Medien herrscht, sollte nach aussen hin möglichst kohärent auftreten.
Und: Bindet die Leute ein! Lasst so viele mitarbeiten und integriert sie so schnell und gut wie möglich. Unsere Bewegung zieht so viele junge, hochmotivierte, hochqualifizierte Leute an wie noch nie. Diese Motivation, dieser Eifer soll nicht in irgendeiner starren Struktur erwürgt werden.
Folgt dabei dem Grundsatz: "Mithelfer bis zum Beweis des Vandalismus". Diese partizipative Kultur gibt uns einen großen Vorsprung an Schnelligkeit.
Korrupt: Florian, danke für das Interview und alles Gute nach Österreich.
Florian: Ich danke auch. Alles Gute nach Deutschland, viel Glück der deutschen Piratenpartei und viel Glück der wirhabenbezahlt-Kampagne!
Wer als Österreicher die Piratenpartei unterstützen möchte, kann die Unterstützungserklärung herunterladen und mit der unterschriebenen Erklärung sowie dem Personalausweis zum jeweiligen Gemeindeamt oder Magistrat gehen. Dort wird die Erklärung bestätigt und kann der Piratenpartei zugeschickt werden. Insgesamt 2600 Unterstützungserklärungen sind für einen Wahlantritt der Piratenpartei notwendig. Nähere Informationen und Kontaktadressen finden sich unter der Infoseite der PPÖ.
News Redaktion am Dienstag, 08.08.2006 13:21 Uhr
"Der Fluch der Karibik" nun auch in Österreich. Herrlich! :D :D :D ...
ja, sehr unterstuetztenswert. interessanter demokratischer prozess an dem wir uns gerne beteiligen. wir versuchen u.a. die piratenpartei beim paraflows festival in wien im september zu praesentieren. bzgl. interview: das mit der freie marktwirtschaft ist zwar nicht so unsere vorstellung von welt, u ...
In Österreich gründete sich vor kurzem eine weitere Piratenpartei. Wie die Kollegen in Schweden, Dänemark oder Frankreich setzt sich die PPOe für eine Legalisierung von privatem, nichtkommerziellem Filesharing und grundsätzliche Reformen im Patent- und Urheberrecht ein sowie für die Bewahru ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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