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Turtle Entertainment im Interview: Computerspieler als Sündenböcke der Nation?

Politiker wie Uwe Schünemann, Günther Beckstein und andere fordern im Zusammenhang mit dem Amoklauf in Emsdetten lauthals danach, "gewaltverherrlichende" Spiele zu verbieten. Barbara Sommer, die Schulministerin von NRW, hat ihr Augenmerk primär auf die Förderung der Jugendlichen und nicht auf das Verbot der Spiele gerichtet. Dabei sind alle eben genannte Personen schon alleine aufgrund ihres kalendarischen Alters nicht oder nur unzureichend in der Lage, den Puls der Zeit zu vernehmen. Mancher Zeitgenosse fragte sich öffentlich in den vergangenen Wochen in diversen Foren, ob die PolitProfis jemals eines der Spiele ausprobiert haben, welche sie jetzt verboten sehen möchten.

Wir befragten mit Jan Saarmann einen Bürger, der vom Alter und seiner Profession her wirklich weiß, wovon er spricht. Sein Arbeitgeber Turtle Entertainment organisiert auf professioneller Basis europaweit Spieleveranstaltungen für verschiedene Gamer-Ligen. In der neunten Saison der sogenannten Electronic Sports League (ESL) wurden alleine Preisgelder in Höhe von 200.000 Euro inklusive der Wert von Sachpreisen ausgezahlt. Über 435 Millionen Mal wurde alleine deren Internetpräsenz aufgerufen. Zocken ist kein Einzelphänomen von pickeligen, lichtscheuen, sozial inkompetenten Außenseitern, es ist eine Massenbewegung junger oder jung gebliebener Menschen.

Wir interessierten uns natürlich dafür, wie der durchschnittliche Besucher einer solchen Convention beschaffen ist. Wir wollten wissen, wie brutal diese Spiele wirklich sind. Und ob das Kölner Unternehmen eventuell einen Zusammenhang zwischen diesen und den jüngst verübten Amokläufen entdecken kann.



Hallo Jan Saarmann, bitte stell dich als Person und die Firma Turtle Entertainment vor.

Hallo, ich habe Medienkommunikation & Journalismus studiert, bin 27 Jahre alt, arbeite in der PR-Abteilung von Turtle Entertainment und bin momentan als Pressesprecher tätig. Turtle Entertainment ist die "eSport Company", die treibende Kraft im deutschen und europäischen eSport-Markt. Wir betreiben die Electronic Sports League (ESL), mit 600.000 Mitgliedern die größte Liga für Computerspiele in Europa und veranstalten in ganz Europa Events, bei denen professionelle eSportler vor Publikum auftreten: die "Intel Friday Night Games". Turtle Entertainment wurde im Jahre 2000 gegründet und beschäftigt derzeit über 80 Mitarbeiter.


Wie bist du zu Turtle gekommen, warum arbeitest du in diesem Bereich? Besteht privat auch ein Interesse an diesem Thema?

Ich spiele seit 2001 Counter-Strike in einem Team und seit 2002 fast ausschließlich in der ESL. Da war der Schritt zu Turtle Entertainment naheliegend und ich habe auch schon lange mit dem Gedanken gespielt.

Gewinner der ESL-Finals 9: Christian inklusive Plüschtier

Gibt es den typischen Besucher einer solchen Convention? Durch welche Merkmale würde sich dieser auszeichnen?

Es gibt einen Typus - männlich, zwischen 16 und 22, hohe Bildung, technik-affin. Aber diese homogene Struktur existiert nicht mehr so wie früher. Immer mehr Menschen aus allen möglichen Schichten und Sozialisationen drängen auf unsere Events. Was uns besonders erfreut: Der Frauenanteil steigt kontinuierlich.

Was würdest Du sagen: Wie erfolgreich sind die Teilnehmer Ihrer Veranstaltungen beruflich wie privat?

Grundsätzlich ist jeder Gast, der nicht in der Szene aktiv ist, überrascht. Denn die üblichen Vorurteile von leeren Pizzaschachteln, Zigarettenqualm und Bierkästen, dunklen Räumen und pickligen Jugendlichen entsprechen nicht der Wirklichkeit. Sowohl unsere Spieler, als auch unsere Besucher sind ganz normale Menschen. Gaming an sich und auch eSport im Speziellen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, niemand in Deutschland muss weit gehen, um den nächsten Computerspieler zu entdecken. Insofern gibt es auf unseren Veranstaltungen alles das, was es auch außerhalb gibt: Schüler, Berufstätige, Studenten, Auszubildende, Arbeitslose.


Wie viel oder wenig Ahnung haben Eltern von der Materie, die man auf euren Veranstaltungen beobachten konnte?


Die Erziehungsberechtigten, die so offen sind, dass sie ihre Kinder auf ein Intel Friday Night Game begleiten, wissen eine Menge über die Spiele. Viele spielen auch selber, teilweise mit den Kindern gemeinsam. Leider lassen sich nur wenig Eltern auf das Thema so bereitwillig ein, aber mit dem Erwachsenwerden der Gamer wird auch die Zahl der Eltern zunehmen.



Welche möglichen Zusammenhänge siehst du beim Amoklauf in Emsdetten? Inwiefern könnte die Tatsache, dass der Amokläufer gerne Counter-Strike gespielt hat, eventuell eine Auswirkung auf diese Tat gehabt haben?


Da gibt es keine Verbindung. Die wird künstlich hergestellt, weil es für einige die einfachste Erklärung ist. Mit den Spielern haben die Aktionisten unter den Politikern einen Sündenbock gefunden, auf den man verweisen kann und der - solange das Thema in den Medien akut ist - ablenkt von eigenen Versäumnissen und vielleicht die eine oder andere Wählerstimme einfängt. Neue Medien machen immer auch zu einem gewissen Grad Angst, schon Aristoteles hat sich über die Auswirkungen von Theaterstücken auf die menschliche Seele den Kopf zerbrochen. Dazu kommt, dass für viele Angehörige der älteren Generationen Dinge wie das Internet und virtuelle Welten unbegreiflich sind - und damit leider auch automatisch gefährlich.


Zuschauer der Intel Friday Night Games

Was hälst du von den kürzlich bekannt gewordenen Plänen des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann bezüglich einer Ergänzung des Strafgesetzbuches um die sogenannten Gewaltdarstellungsparagrafen? Die Verbreitung von Gewalt verherrlichen Spielen soll mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden!?


Die aktuelle Diskussion entbehrt einer vernünftigen Grundlage und verwischt die wahren Ursachen unsere Probleme, welche in einem mangelhaften Familienumfeld und einem nicht funktionierenden sozialen Netz liegen. Wir haben in Deutschland die strengsten Medienschutzregeln in Europa und die vorgeschlagenen Pläne von Schünemann und Beckstein sind kurzsichtig, populistisch und vor allem wirkungslos.

Deutschland ist im Begriff sich zu einem wichtigen Standort für die Computerspiele-Industrie zu entwickeln. Alleine am Standort Köln haben wir mit Turtle Entertainment und GIGA Digital innerhalb weniger Jahre 160 Arbeitsplätze in diesem wichtigen neuen Wirtschaftssektor geschaffen. Junge, kreative und engagierte Mitarbeiter finden in diesen Unternehmen ein Umfeld für Innovation und Entwicklung. Wir halten uns bei der Produktentwicklung ganz genau wie die gesamte Gaming-Industrie in Deutschland - strikt an die Vorgaben der USK, BPJM und Landesmedienanstalten, welche sich als funktionierende, anerkannte und in Europa führende Institutionen zum Schutz vor gefährdenden Medieninhalten etabliert haben.

Vorschnelle und unüberlegte Sanktionen, wie sie von den in diesem Zusammenhang bestens bekannten Politikern zur passenden Gelegenheit immer wieder gefordert werden, helfen nicht die Ursache des Problems zu lösen. Im Gegenteil, sie werden zum Verlust von Wachstum und Arbeitsplätzen in einer der innovativsten und am schnellsten wachsenden Branchen führen und wahrscheinlich auch zur Umsiedlung von Unternehmen in andere Länder der EU.



Wenn die Polizei wie im aktuellen Fall versucht, den Inhalt von Websites, die mit dem Selbstmord zu tun hatten, nicht mehr zugänglich zu machen. Welche Einschränkungen/gesetzliche Regelungen/polizeiliche Kontrollen könnten auf Turtle Entertainment zu kommen?

Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Behörden in Zukunft auf uns zu kommen werden, um uns zu bitten, irgendwelche Inhalte aus dem Web zu entfernen. Zudem sind wir eine Liga, kein Spiele-Entwickler und auch kein Webhoster.

Wie viel Blut braucht ein Egoshooter, um in der Community als attraktiv zu gelten? Wie realistisch sind EgoShooter kurz vor dem Jahreswechsel von 2006/2007?

Das kommt ganz darauf an, mit welchen Kriterien an die Sache herangegangen wird. Ein Spiel, das ein erfolgreiches eSport-Spiel werden will, kann komplett ohne Blut auskommen. Ein Spiel, das eher für den Einzelspieler ausgelegt ist und einen spielbaren Actionfilm darstellt, benötigt Blut. Nicht exzessiv, aber immerhin will man dem Spieler ja nicht die Illusion rauben. Als Beispiel: Wenn man sich heute mal einen Western aus den Fünfziger Jahren anguckt und zusieht, wie Kirk Douglas einen Indianer ersticht und der nicht mal blutet, wirkt das auch etwas merkwürdig und unrealistisch im Vergleich mit den heutigen Filmen.


Nach welchen Kriterien werden Spiele von Turtle ausgesucht, die zu den Wettbewerben der Conventions zugelassen werden?

Ausgewählt wird grundsätzlich nach dem Interesse in der Community. Immer wieder können die Spieler in den normalen Ligen über die Anzahl der gespielten Matches darüber abstimmen, welches Spiel in die höchste Spielklasse aufsteigen darf. Dazu kommen natürlich auch andere Faktoren wie die Unterstützung durch die Publisher und die eSport-Tauglichkeit des Spiels an sich.

Counter-Strike ist doch primär ein Spiel, dass in einer Gruppe gespielt wird. Wenn sich jemand völlig isoliert und Probleme bei der Kommunikation mit anderen Menschen hat - wirkt sich das nicht sehr schädigend auf seinen möglichen Erfolg aus?

Ohne Team kann in Counter-Strike niemand gewinnen. Counter-Strike ist kein Spiel für Einzelgänger, ohne Teamwork kommt man keinen Meter voran. Auch Teams, deren Einzelspieler viel schlechter sind als der Durchschnitt, können ein Ansammlung von Stars schlagen, wenn die Stars nicht „miteinander können“.



Kann ein solches Spiel wie CS tatsächlich dazu führen, dass man auch in der realen Welt gewalttätig wird?

Nein, selbstverständlich nicht. Das Pferd wird hier einfach falsch herum aufgezäumt. Nicht Counter-Strike macht gewalttätig, die Chance ist – man bedenke, dass pro Monat weltweit 5 Milliarden Minuten Counter-Strike gespielt werden – relativ hoch, dass ein gewalttätiger Mensch Counter-Strike spielt. Wobei vielfach von den Medien da ein falsches Bild gezeichnet wird. Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, spielte beispielsweise alle möglichen brutalen Spiele, aber kein Counter-Strike. Das war ihm laut Abschlussbericht der Polizei zu "harmlos".


Bühne der Extreme Masters Intel Friday Night Games

Kann es nicht sogar sein, dass das Ausleben der Gewalt in einer virtuellen Umgebung dazu führen kann, dass man dort wo man keinen Schaden anrichtet, seine Aggressionen rauslässt anstatt auf der Straße?

Ich persönlich glaube nicht, dass das Argument zieht. Viele Spieler führen so was an, doch ich denke, dass Aggressionen verarbeitet werden müssen, nicht "herausgelassen" - ob auf der Straße oder vor dem PC und genau hier muss die Politik ansetzen. Natürlich würde ich es nichtsdestotrotz vorziehen, wenn ein Mensch computergesteuerte Wesen am PC niederschießt, als wenn er auf der Straße anderen Menschen Schaden zufügen würde. Dennoch denke ich, dass Computerspiele kein sonderlich guter Weg zur Aggressionsverarbeitung sind.


Welche Entwicklung nehmen Egoshooter? Wie werden diese in 5 oder 10 Jahren aussehen?

Das ist eine verdammt schwierige Frage. Stell dir mal vor, man hätte dich vor zehn Jahren nach der durchschnittlichen Festplattengröße im Jahre 2006 gefragt. Ich denke, dass in den Singleplayer-Spielen der Trend zur bestmöglichen Grafik weitergeht. Und natürlich folgen auch die Hersteller von neuen Multiplayer-Shootern in gewisser Weise dieser Devise. Aber man konnte in den letzten Jahren doch klar sehen, dass die Mehrspieler-Spiele, die fast ausschließlich von ihrer Grafik lebten, sehr schnell keine Community mehr hatten, während „billig“ aussehende Spiele für Furore sorgen, die mit ausgeklügeltem Gameplay aufwarten konnten. Insofern müssen die Developer hier die Gratwanderung schaffen zwischen dem reinrassigen eSport-Titel und dem gutaussehenden Shooter-Spiel für Single- oder Multiplayer-Partien zwischendurch.


Schwierige Fragen sind unsere Spezialität. Jan, vielen Dank für die prompte "Bedienung" und die ausführliche Beantwortung unserer Fragen!!

News Redaktion am Dienstag, 19.12.2006 15:14 Uhr

Tags: amoklauf schünemann electronic sports league turtle entertainment esl emsdetten jan saarmann barbara sommer

 
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4 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • The-COMP am 22.12.2006 10:07:54

    Man kann es als neurtal bezeichnen, da er seine sicht der dinge dar stellt, die sicht die er vertirtt. Ich finde dieses Interview klasse - die Fragen wurden mit Niveau beantwortet, teilweise auch kritisierend, aber keinesfalls beleidigend bzw. übertrieben. :T :T :T Diese Meldung ist nun leider w ...

  • gS32tom am 19.12.2006 17:56:52

    Richtig, neutral nicht, er verdient ja schließlich sein Geld damit. Trotzdem hat er recht, früher waren es die Filme, oder Rock, heute sind es die Spiele, in Zukunft sind es die bösen Holodecks. Ich hoffe das wenn ich mal so alt bin, wenn ich es den werde und nicht vorher amoklaufe ...

  • The Kinslaya am 19.12.2006 17:55:16

    Finde trotzdem ein sehr gutes Interview. klar ist das nicht neutral, aber wenn man uns Spieler interviewen würde, wären wir es ? Ehe rnicht. Aber er hat auf die prikären Fragen exakt, und vor allem persönlich geantwortet, anderst als andere, die mit sowa snichts zu tun haben wollen. Danke für das g ...

  • nullmade am 19.12.2006 17:21:38

    jemand von turtle entertainment ist aber auch nicht neutral ...

  • gullinews am 19.12.2006 14:36:54

    Politiker wie Uwe Schünemann, Günther Beckstein und andere fordern im Zusammenhang mit dem Amoklauf in Emsdetten lauthals danach, "gewaltverherrlichende" Spiele zu verbieten. Barbara Sommer, die Schulministerin von NRW, hat ihr Augenmerk primär auf die Förderung der Jugendlichen und nicht auf das ...

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