
Mit dem Gesetz zur Einführung von Netzsperren gegen Kinderpornographie ist das Thema Zensur in Deutschland von der Sparte "Aus aller Welt" auf die Titelseiten gekommen. Doch Deutschland steht nicht alleine da mit seinen Zensurbemühungen: Erst kürzlich veröffentlichte Wikileaks Teile der italienischen Sperrliste. Ist die Internetzensur in Europa auf dem Vormarsch? Und können wir dabei tatsächlich, wie Hans-Peter Uhl (CDU) glaubt, von China lernen?
gulli:news hat mit Jillian C. York über die internationale Entwicklung der Internetzensur gesprochen. Sie ist Projektkoordinatorin der OpenNet Initiative am Berkman Center for Internet & Society und kümmert sich für Herdict um die Community und internationale Öffentlichkeitsarbeit. Herdict ist ein Projekt, um Internetzensur mittels Crowdsourcing auf die Schliche zu kommen: Nutzer können selbst erfahrene Zensur per Firefox-AddOn an das Projekt melden.
gulli:news: Deutschland erlebt aktuell eine hitzige Debatte über Internetzensur. Sie ist die Folge eines Gesetzes, das DNS-Sperren gegen Seiten mit kinderpornographischen Inhalten einführen wird. Nimmt deinen Beobachtungen nach Internetzensur in westlichen Demokratien zu?
Jillian C. York: Netzfilter werden definitiv immer üblicher im Westen, nachdem Regierungen und private Stellen sich des Umfangs des Internets bewusst werden. Zugegebenermaßen hat sich westliches Filtern traditionell auf Kinderpornographie und extreme sexuelle Inhalte konzentriert, aber es scheint, als würde sich die Zensur an einigen Orten (wie etwa Australien) ausweiten, um Glücksspielseiten einzuschließen, Drogen-Inhalte oder sogar noch kontroversere Dinge wie Pro-Anorexie/Bulimie-Seiten.
gulli:news: In den letzten Jahren haben viele europäische Staaten begonnen, auf DNS-Sperren basierende Systeme einzuführen, hauptsächlich um die Verbreitung von Kinderpornographie zu bekämpfen. Kritiker haben immer wieder dagegen angeführt, dass DNS-Sperren sehr leicht umgehbar sind. Hast du eine Erklärung dafür, warum diese Methode trotz ihrer bekannten Mängel so häufig angewendet wird?
Jillian C. York: Mir scheint es als würden die Regierungen eher etwas tun als untätig zu erscheinen. Die effektivere Methode, solche Seiten ausfindig zu machen und vom Netz zu nehmen und hoffentlich die an der Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie beteiligten Personen zu verhaften und strafrechtlich zu belangen, kostet weitaus mehr Zeit und Mittel als die Seiten einfach zu sperren. Um sich den Anschein zu geben, als würden sie die Welt von Kinderpornographie befreien, wählen die Regierungen daher die Methode des dünnsten Brettes und sperren die Seiten aus dem öffentlichen Sichtfeld aus. Es ist dennoch richtig, dass die Sperren sich häufig leicht umgehen lassen.
gulli:news: In der aktuellen Debatte um die Einführung einer Zensurliste hat ein deutscher Bundestagsabgeordneter, Hans-Peter Uhl, vorgeschlagen, Deutschland könne bei der Zensur von China lernen. Das Land hat zuletzt Schlagzeilen mit seiner "Green Dam"-Software verursacht. Wie ausgeklügelt ist die chinesische Internetzensur? Wie unterscheiden sich ihre technischen Mittel von den in der EU angewandten?
Jillian C. York: Auch wenn Green Dam nicht besonders durchdacht war, ist die chinesische Internetzensur komplexer als die meisten; China benutzt TCP-Resets für Stichwort-Filterung. Das heißt, wenn ein Benutzer versucht, mit Google oder Yahoo nach einem bestimmten Begriff zu suchen (wie z. B. "Falun Gong" oder "Tiananmen"), werden seine IP-Pakete durchsucht und Reset-Pakete werden sowohl zur Quelle als auch zum Ziel der IP-Adressen in dem Paket geschickt und unterbrechen die Verbindung.
Andere Regimes, die starke Filter einsetzen haben, haben andere Filtermethoden mit China gemeinsam, aber Chinas Stichwort-Filterung ist ziemlich einmalig.
gulli:news: Hältst du es für wahrscheinlich, dass westliche Länder in der Tat von China und anderen Zensur-Superstars lernen und in Zukunft neue Technologien einführen werden?
Jillian C. York: Es erscheint mir nicht wahrscheinlich, dass westliche Länder Stichwort-Filter anwenden werden - es würde erhebliche Entrüstung verursachen und wäre nicht besonders effektiv gegen die Dinge, die westliche Länder sperren wollen.
gulli:news: Ein Konzept, das vielen Experten, wie etwa dem deutschen Wissenschaftler Ralf Bendrath, Sorgen bereitet ist Deep Packet Inspection. Kannst du uns kurz diese Methode erklären und warum sie so gefährlich ist?
Jillian C. York: Deep Packet Inspection untersucht die Daten eines Pakets (sowie eventuell den Header), wenn es den Inspektionspunkt durchläuft. Sie kann benutzt werden, um nach Nichtbefolgung des Protokolls zu suchen, nach Spam oder jedem anderen voreingestellten Kriterium. Gefährlich ist, dass sie das Potenzial hat, für Überwachung verwendet zu werden. Etliche Regierungen (einschließlich Japan, China und den USA) haben solche Möglichkeiten zur Verfügung, obwohl sie, meines Wissens nach, diese nicht für Überwachung einsetzen.
gulli:news: Während das chinesische Zensursystem hauptsächlich darauf ausgerichtet zu sein scheint, Leute am Zugang zu bestimmten Inhalten zu hindern, gibt es auch Tendenzen, diejenigen zu verfolgen, die diese Inhalte aufrufen. Dem Iran wird nachgesagt, Demonstranten zu jagen, die Soziale Medien wie Twitter nutzen um über die Situation nach der Wahl zu berichten. Glaubst du, dass das in der Tat Menschen davon abhält, an Informationen zu gelangen?
Jillian C. York: Erst einmal gibt es keine bekannten Fälle von Leuten im Iran, die über Twitter erwischt wurden. Allerdings hält die Empfindung von Überwachung und die Realität von Überwachung in vielen Ländern Benutzer davon ab über bestimmte Themen zu bloggen oder Soziale Medien zu nutzen. In Marokko wurde letztes Jahr ein Facebook-Nutzer ausfindig gemacht (und die Information eventuell von Facebook herausgegeben, obwohl das nicht bestätigt wurde), nachdem er einen Fake-Account gepostet hatte, in der er sich als einer der Prinzen des Landes ausgab. Andererseits könnten solche Technologien zum Guten verwendet werden, etwa um Verbreiter von Kinderpornographie ausfindig zu machen.
gulli:news: Mehr und mehr Menschen benutzen Tools wie TOR oder alkasir, die einen leichten Weg versprechen, Zensur zu umgehen und die Privatsphäre der Nutzer zu schützen. Glaubst du, dass diese technologische Herangehensweise Internetzensur nutzlos machen kann?
Jillian C. York: Es gibt eine Reihe von Umgehungs-Tools, die aktuelle Filter-Technologien nahezu nutzlos gemacht haben. TOR, alkasir, Psiphon und andere sind alle gut finanziert, nützlich und erlauben den Nutzern, sich sicher im Netz zu bewegen. Hier besteht Hoffnung, dass sie weiterhin den Zensoren einen Schritt voraus sein werden.
gulli:news: Es gibt außerdem die Befürchtung, dass Internet Service Provider ohne staatliche Eingriffe selbst anfangen könnten, Inhalte zu zensieren. Hälst du das für eine ernstzunehmende Bedrohung für die Netzneutralität?
Jillian C. York: Ich halte das für eine ernste Bedrohung der Netzneutralität. Allerdings gibt es wenig Anreize für Provider, ohne staatliche Intervention Seiten zu sperren.
gulli:news: Schon in seinem 2001 erschienenen Buch "The Future of Ideas" hat Lawrence Lessig davor gewarnt, dass die Verschmelzung von Internet- und Inhaltsanbietern zu solchen Anreizen für ISPs führen könnte, Inhalte von Wettbewerbern zu manipulieren oder zu sperren. Das geschah sicher unter dem Eindruck der Entstehung von Time Warner AOL, aber selbst wenn Lessigs Befürchtungen seitdem noch nicht Realität geworden ist, scheint sich die Situation doch nicht nennenswert geändert zu haben. In meinen Augen sind die Anreize immer noch da, zumal wir das Verhalten von Unternehmen wie Comcast erlebt haben, das gegen BitTorrent-Nutzer vorging, oder von Rogers in Kanada, die eigene Inhalte in Webseiten eingebunden haben, die ihre Kunden besuchten. Meinst du nicht, dass es von da aus nur ein kleiner Schritt zur Zensur ist?
Jillian C. York: Ich befürchte, dass ich keine klare Antwort darauf habe (ich habe das Buch nicht gelesen), aber mein Empfinden dazu ist ähnlich wie dazu, dass iTunes-Stores für bestimmte Länder nur in diesen Ländern verfügbar sind, oder andere ähnliche Copyright-Angelegenheiten - in anderen Worten, blöd. Tut mir leid, dass ich da keine tieferen Erkenntnisse anbieten kann.
gulli:news: Wie könnten und sollten Regierungen eingreifen, um die Netzneutralität zu verteidigen? Es gibt eine Diskussion darüber in den USA wie auch in der EU - denkst du, dieses Thema erhält die Aufmerksamkeit die es verdient?
Jillian C. York: Ich denke es gibt einen ernstzunehmenden Mangel an Verständnis von Netzneutralität in den Vereinigten Staaten - ich denke nicht, dass die meisten Menschen irgendeine Ahnung haben, was der Begriff bedeutet. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass Aktivisten und Experten breiter über das Thema diskutieren.
gulli:news: Kannst du uns eine globale Übersicht zur Netzneutralität geben? Wie ist die Situation in Entwicklungsländern? Gibt es etwas wie eine UN-weite Initiative zur Unterstützung der Netzneutralität?
Jillian C. York: Soweit ich weiß gibt es keine globale oder UN-Initiative, die Netzneutralität unterstützt. Außerhalb von EU, USA und Kanada ist wenig getan worden, um rechtliche Regeln zur Netzneutralität zu schaffen, obwohl Japan Fortschritte zu machen scheint.
gulli:news: Ein Ziel von Bandweiten-Diskriminierung könnten Filesharer sein. Die befinden sich auch im Fokus diverser Regierungen, die versuchen eine Form von "Three Strikes"-Gesetzgebung einzuführen. Wie siehst du diese von der Content-Industrie getriebenen Initiativen?
Jillian C. York: Ich komme aus der Copyleft-Richtung, daher vertrete ich sicher keine Mainstream-Meinung, aber selbst die, die das tun, haben Widerstand gegen "Three Strikes"-Regelungen geäußert. Jemandem das Internet wegzunehmen, der illegal gegen das Urheberrecht verstößt, ist nicht gerade eine gerechte und ausgeglichene Strafe.
gulli:news: Arbeitgeber und Anbieter von öffentlichem Internetzugang, wie Schulen oder Restaurants, nutzen häufig White- oder Black-Lists, um bestimmte Angebote auf ihrem Netzwerk zu sperren. Hälst du das für eine Bedrohung der Meinungsfreiheit, oder ist es im Allgemeinen akzeptabel, dass sie das tun?
Jillian C. York: Ehrlich gesagt schwanke ich hier - ich denke, dass es das Vorrecht eines privaten Unternehmens (wie einem Café oder Restaurant) ist, Webseiten zu sperren, besonders, wenn sie dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn jemand in ihrem Geschäft dabei erwischt wird, illegales Material anzuschauen. Dennoch denke ich, dass viele von ihnen beim Sperren von Seiten viel zu weit gehen, weil ihren IT-Abteilungen rechtliche Kenntnisse mangeln, die nötig sind, um eine bewusste Entscheidung darüber zu treffen, was zu filtern ist (die Meisten nutzen so oder so einfach leicht verfügbare Heim-Filter-Software, was sich für Fehlkategorisierungen und übermäßige Sperren anbietet).
gulli:news: Deutsche Aktivisten propagieren die Herangehensweise "löschen statt sperren" im Kampf gegen die Verbreitung von Kinderpornographie. Dennoch mag es in manchen Fällen nicht möglich sein, das Material aus dem Internet zu entfernen. Könnte Zensur in einem solchen Szenario eine akzeptable Lösung sein?
Jillian C. York: Ich denke nicht, dass Zensur je eine akzeptable Lösung ist, besonders angesichts das Tatsache, dass sie immer umgangen werden kann.
gulli:news: Gibt es sonst noch etwas, das du sagen möchtest?
Jillian C. York: Ja! Obwohl ich gänzlich gegen Internet-Filterung bin, unterstütze ich die Nutzung und Verbreitung von Filter-Software für die Benutzung zuhause. Wenn Familien sich mehr für die Internetnutzung ihrer Kinder interessieren würden, indem sie Webseiten filtern die IHRE Familie für unangemessen hält, indem sie die Internetnutzung ihrer Kinder beobachten und ihren Kindern solide Internetfähigkeiten beibringen, glaube ich gäbe es weniger Rufe nach Internet-Filterung durch die Regierungen oder Internetprovider. Die Entscheidung, was zu sehen, sollte zuhause gemacht werden, nicht außerhalb davon.
gulli:news: Jillian, vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Simon Columbus.
Bilder von Jillian C. York, Das dicke En.de?, keine Quelle, ~oetzy. Danke!
News Redaktion am Freitag, 17.07.2009 15:21 Uhr
(ich habe das Buch nicht gelesen), Kann Ihr mal jemand die Links zu Lessig's Bücher schicken? Ist schon hart, am Berkman arbeiten und dann auf "Ohhh ist Lessig nicht nen Dichter?" machen :p ...
tja der kann man einfach nur zustimmen... ...
über das Thema Zensur kann man quasi nicht zu viel schreiben ... ;-) ...
Guter Stuff mehr bitte ... ...
Deutschland wird bald sein eigenes Gesetz zur Internet-Zensur bekommen. Einzelfall - oder Symptom eines weltweiten Trends? Ist die Netzzensur auch woanders auf dem Vormarsch, und was bedeutet das für uns? Wir betrachten das Thema einmal global. Mit dem Gesetz zur Einführung von Netzsperren ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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