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G8-Gipfel: Ein Journalist an der Front

Über 4.700 Journalisten sind im internationalen Pressezentrum akkreditiert und der kleine Ort Kühlungsborn besteht eigentlich nur noch aus Medienvertretern der gesamten Welt. Ich bin als Reporter mitten im Getümmel und versuche schneller und flexibler als alle anderen Journalisten die Brennpunkte der Demonstrationen zu melden. Doch bei der großen Masse an gewalttätigen Demonstranten läuft nicht alles wie geplant.

Donnerstag, der erste offizielle Tag des G8-Gipfels in Heiligendamm beginnt. Die hochrangigen Politiker können noch einige Stunden schlafen, als ich mich fünf Uhr aus dem Bett quäle und mit ziemlich hochnäsigen Kollegen des ZDF um die beste Position in der Frühstücks-Schlange ringe. In weiser Prophezeiung meiner Kollegen zwänge ich mich wenig später bei steigender Temperatur in einige Körperprotektoren, einen Schutzhelm und wasserdichte Kleidung; der Tag kann kommen. Die aktuellen Informationen am frühen Morgen stimmen mich schon sehr vorsichtig: Der autonome schwarze Block hat angekündigt, mit Gewalt den fast heiligen Zaun um Heiligendamm erreichen zu wollen.

Während des Gipfels soll ich mit zwei anderen Kollegen direkt von der Front die interessantesten Geschehnisse melden, um die Übertragungswagen möglichst gut positionieren zu können und nicht zuletzt Meldungen für den Ticker besorgen. Mit Fahrer Peter und wendigem Smart fahre ich die möglichen Demonstrationsplätze ab, die mir ein interner Informant geflüstert hatte. Doch scheint alles viel dynamischer zu sein, als mir als halbwegs ordnungsliebenden Journalisten lieb wäre. Nach einigem sinnlosen Herumfahren ohne jegliche Meldung kommen hunderte friedliche Demonstranten aus den Wäldern und marschieren in loser Anreihung in Richtung Zaun. „Sie lassen uns direkt an den Zaun“, ruft mir hektisch ein Demonstrant entgegen. Die offensichtliche Ente verbreitete sich im Volk der Globalisierungsgegner wie ein Lauffeuer. Die erste Meldung war geboren und wir rasen hinterher. Am Kontrollpunkt Hinter Bollhagen war dann für die Demonstranten der Schluss. Eine Hundertschaft von Polizisten und fünf Wasserwerfer versperren den Weg zum nur wenigen hundert Meter entfernten Zaun. Im Gegensatz zu den schon ersten angetroffenen Demonstranten müssen wir mit dem Auto den Weg durch den Wald nehmen. Einige G8-Gegner versperren uns den Weg mit Baumstämmen und großen Pflastersteinen. Nur wenige Meter vor uns verwandeln sich unscheinbare Demonstranten zum schwarzen Block. Mit Kapuze und Sonnenbrille kommt eine ganze Schar von Autonomen auf uns zu. Wir sind ganz klar als Vertreter der Presse gekennzeichnet, trotzdem werden die Herren und Damen zunehmend ungehalten und bedrohen uns aktiv. Schnell in das Auto gerettet und mit rasant pochendem Herzen davon gerast wird uns schnell klar, wo der Unterschied zwischen Protest und reiner Krawalle liegt.

Die ersten Straßenkontrollen der Polizei stimmen schon wieder fast froh, auf kontrolliertem Boden angekommen zu sein. An der Demonstration angekommen spitzt sich die schon von weitem erblickte Lage zu. Die Grenze zwischen Demonstranten und Polizei wird immer geringer, die Wasserwerfer schallen schon mit drohenden Warnungen in die Menge. Höchste Zeit, einmal in die Menge zu gehen; schließlich bin ich dazu hier. Wild telefoniere ich wieder mit der Zentrale und Kollegen. Der Mobilfunk ist völlig überlastet. Falls man hier in enger Konkurrenz mit den Kollegen mal eine Leitung bekommt, wird diese auch gehalten.

Die Stimmung schlägt nun rasant um. Aus allen Himmelsrichtungen kommen nach bekanntem 5-Finger-Prinzip die Autonomen aus Büschen und dem dahinter liegendem Feld. Erste Steine fliegen in Richtung der Polizei und schlagartig kommen die Wasserwerfer in Aktion. Mit einiger Wasserkraft wurden die aggressiven Demonstranten in die Schranken gewiesen. Über eine Stunde zieht sich das Katz-und-Maus-Spiel. Um die Mittagszeit versuche ich in entspannter Stimmung einige Reaktionen der Demonstranten einzufangen. Leider ist mir mein eigentlich gutes Gespür in diesem Moment nicht treu gewesen. Wieder kommt es zu einem autonomen Tumult, ich in der Mitte. Mitten im Gespräch mit der Agentur werde ich zu Boden gerissen. Auch die heranrasenden Polizisten ließen mich Atheisten fast zum Beten kommen. Doch in völliger Überraschung erkannten mich die Beamten am strangulierenden Presseausweis um den Hals und zogen mich mit den Füßen voraus aus dem Getümmel. Hinter der Absperrung angekommen war meine Kollegin immer noch am Telefon und in typisch fraulicher Art konnte sie sich einen Lachanfall aus voller Schadenfreude nicht verkneifen. Bis auf nasse Kleidung und einigen roten Haustellen war ja auch nichts passiert.

Nach der ganzen Aufregung ist leider noch nicht Schluss. Am Nachmittag haben uns „Vöglein“ noch Vorkommnisse am Zaun berichtet. Diesmal schnell angekommen sehen wir, wie der schwarze Block den „heiligen“ Zaun fachmännisch abbaut. Das ist der Knüller des Tages! Nach einigen Minuten des Polizeieinsatzes war der Aufstand auch schon beendet, doch glücklicherweise konnten die Kollegen mit Kamera das Spektakel noch filmen. Aus der angespannten Situation wird binnen weniger Minuten ein fröhliches Fest. Direkt vor dem Zaun finden sich friedliche Demonstranten ein und feiern den kleinen Erfolg, doch direkt zum Zaun gekommen zu sein. Die Grillwürstchen werden über den glühenden Kohlen positioniert. Und an manchen Stellen kommen Demonstranten mit den nun unbewaffneten und ungeschützten Polizisten zum Würstchen-Essen zusammen. Trotz sonniger Atmosphäre strecken die Demonstranten zielsicher die Plakate in die Luft. Warum nicht immer so? Jetzt ist endlich Feierabend. Handy aus und die wegen der hohen Temperatur am Körper klebende Schutzkleidung in den Kofferraum.

Zurückblickend habe ich wenig von den Entscheidungen und politischen Kämpfen in Heiligendamm erfahren. Doch umso mehr von den Demonstrationen: Leider gibt es unter den friedlichen Demonstranten immer wieder die sprichwörtlichen „Schwarzen Schafe“. Dort geht es nicht um die politische Sache, sondern oft um reine Gewalt. Wer mit Steinen bewaffnet neutrale Journalisten im Wald angreift, hat meine persönliche Toleranz im Sinne der Demonstranten verspielt.

Also das Fazit eines anstrengenden Tages: „Wasserdicht“ auf dem Etikett bedeutet lange nicht, dass das Kleidungsstück auch wirklich kein Wasser durchlässt. Ein paar Schürfwunden werden vom eigens für die Presse zuständigen Mediziner hoffentlich noch fachmännisch versorgt. Und Sonnenschutzfaktor 50 bedeutet überhaupt nichts. Morgen geht’s weiter, immer auf der Suche nach den brisantesten Meldungen. Jetzt um ziemlich genau 18 Uhr gebe ich mir noch ein leichtes Schlafmittel, den Newsfeed der dpa und Ohropax, denn bei der Anhäufung an Journalisten wird es sicherlich wieder nicht ruhig.

News Redaktion am Donnerstag, 07.06.2007 18:29 Uhr

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35 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • re-aktor am 26.06.2007 14:16:05

    natürlich kann das nicht objektiv sein! mein gott da waren 4000 bis 5000 leute, an 4-5 verschiedenen blockadepunkten. ich hab bloss das geschrieben was ich gesehen habe und das was ich in den offiziellen medien gelesen habe. leider was vieles davon mist. naürlich nicht alles aber viele haben einf ...

  • chickenrun am 13.06.2007 15:39:16

    warn alles polizeispitzel ne? :p mit solchen undifferenzierten Kommentaren änderst du auch nix dran, dass "der schwarze Block" der selbe irreale Begriff ist wie beispielsweise "die Gesellschaft". Und zu den Zivis (nicht auf indymedia) http://www.spiegel.de/politik/deutschland ...

  • mistaknsita am 13.06.2007 13:57:08

    Also bitte! Natürlich ist es immer eine Berichterstattung aus der Sicht einer Seite wenn jemand darüber berichtet was er erlebt hat und wie er es erlebt hat, er kann ja nur auf einer Seite sein und nur das wiedergeben was er auch erlebt hat. Fotos von Steineschmeißern? Keine Ahnu ...

  • amondaro am 13.06.2007 13:26:48

    Moin, grad kam die Meldung von N24 das der G8 vorher mit Tonados ausgekundschaftet wurde. Quelle: http://www.n24.de/politik/article.php?articleId=125307 "Demonstranten wie Taliban ausgeforscht" Zur Absicherung des G8-Gi ...

  • Mistvieh am 13.06.2007 13:23:31

    Also bitte! Natürlich ist es immer eine Berichterstattung aus der Sicht einer Seite wenn jemand darüber berichtet was er erlebt hat und wie er es erlebt hat, er kann ja nur auf einer Seite sein und nur das wiedergeben was er auch erlebt hat. Fotos von Steineschmeißern? Keine Ahnung wo die sind. ...

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