
Um dem Gespräch mehr Tiefe zu verleihen, hatten wir an mehreren Stellen inhaltlich nachhaken wollen. Manche Antworten bedurften nach unserer Meinung einer weiteren Klärung und Erläuterung. Leider wurde uns mitgeteilt, dass man zwar die ursprüngliche Fassung freigeben, gleichzeitig auf die Bearbeitung der neuen Fragen "verzichten" würde. Uns blieb als Konsequenz die Wahl die ursprüngliche Form zu belassen, das Interview als solches abzusagen, oder aber unsere Rückfragen kommentarlos stehen zu lassen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns dadurch bei anderen Politikern unbeliebt machen könnten, haben wir uns für letztere Variante entschieden. Die Veröffentlichung der Rückfragen stellt aber keinen Angriff unsererseits dar, dieser Schritt soll lediglich der Offenheit und Transparenz dienen.
Lars Sobiraj: Sucht kommt von Suche. Ist es nicht so, dass die Online-Rollenspiele lediglich ein Symptom, aber in den meisten Fällen nicht die tatsächliche Ursache darstellt? Wer auch immer vor der Realität flieht, hat seine individuellen Gründe dafür. Sollten Sie die Computerspiele oder die Internet-Sucht einschränken können - befürchten Sie keine Verlagerung in andere Bereiche? Was halten Sie in diesem Zusammenhang von Studien, die exzessives Computerspielen eher mit Depressionen, Unzufriedenheit mit der Lebenssituation und ähnlichen Problemen als mit regelrechter Sucht in Verbindung bringen?
Sabine Bätzing: Auf meiner Jahrestagung wurde diesem Gerücht von allen anwesenden Experten widersprochen, mit einer Ausnahme: Der Vertreter der Computerspieleindustrie vertrat als Einziger diese inzwischen widerlegte Auffassung. Deutsche und internationale Studien beschreiben Computerspielsucht eindeutig als ein eigenständiges und neues Störungsbild, dass eine Sucht, genauer eine Verhaltenssucht darstellt, vergleichbar mit der bereits anerkannten Glückspielsucht.
Lars Sobiraj: Sie fordern einen Ausbau an Therapiemöglichkeiten für Online-Süchtige. Welche Form der Therapie könnten Sie sich denn konkret vorstellen? Wie könnte man eine Therapie dieser Spezialform der Sucht anpassen?
Sabine Bätzing: In verschiedenen Kliniken, z. B. an der Universitätsklinik in Mainz, werden bereits spezielle Therapien durchgeführt. Es handelt sich hierbei um speziell angepasste Therapien aus dem Bereich der Suchttherapie. Dies unterstreicht den Suchtcharakter der Computerspielsucht. Es kommt dabei nicht eine einzige Therapieform zum Einsatz, sondern je nach Schwere der Sucht stehen verschiedene Therapieformen zur Auswahl.
Rückfrage: Welche Therapien sind denn im Detail für schwerst Abhängige vorgesehen? Generell steht eine Entwöhnung am Anfang jeder Therapie.
Problematisch dürfte eine absolute Abstinenz von Computern und dem Internet sein, weil diese in unserer Gesellschaft allgegenwärtig sind. Wie kann man das Problem lösen?
Manche Therapeuten schlagen vor, anstatt den Betroffenen ihr Suchtmittel komplett zu entziehen, sollen diese wohl dosiert damit umgehen. Das zu realisieren dürfte aber auf Dauer schwer zu realisieren sein, oder?
Hinweis: Auf eine Bearbeitung der Rückfragen wurde verzichtet.
Lars Sobiraj: Wie stellen Sie sich denn einen wirksamen Schutz vor derartigen Verlockungen vor, die uns das Internet bietet? Steigt durch ein Verbot nicht noch der Reiz daran?
Sabine Bätzing: Der wichtigste Schutz ist eine minimale Medienkompetenz der Eltern und ein Interesse der Eltern am Freizeitverhalten ihrer Kinder. Ergänzend ist eine angemessene Alterseinstufung wichtig, WoW ab 12 ist eine unangemessene Einstufung, derartige Spiele sollten nach Auffassung von mir und zahlreichen Experten nur an Volljährige verkauft werden. Ein Verbot, dass in der Praxis auch weitgehend eingehalten wird, schützt Kinder - und Eltern - vor dem Erwerb dieses Spieles. Der Reiz des Verbotenen wird zwar gerne angeführt, mir konnte bisher aber noch niemand einen wissenschaftlichen Beleg für diese Hypothese vorlegen, - z. B. im Zusammenhang mit Computerspielen.
Rückfrage: Die mangelnde Medienkompetenz der Eltern ist in der Tatsache begründet, dass diese mit der modernen Technik nicht groß geworden sind und sich oftmals auch später nicht darüber im Nachhinein informiert haben. Wie kann man hier konkret Aufklärung betreiben und die Eltern ins Boot holen?
Hinweis: Auf eine Bearbeitung der Rückfrage wurde verzichtet.
Lars Sobiraj: Wie würden Sie uns einen typischen Online-Süchtigen beschreiben?
Sabine Bätzing: Wie andere Süchtige erkennt man Online-Süchtige daran, dass ihr Leben sich immer stärker auf das Computerspiel konzentriert. Freunde, Familie und andere Hobbys werden vernachlässigt und schließlich völlig ignoriert. Das geht im Extremfall bis hin zur Vernachlässigung der eigenen Kinder oder der Trennung von Freundin oder Frau. Ein erstes Symptom sind immer längere Spielzeiten.
Lars Sobiraj: Sie haben einen Online-Süchtigen mit einem Glücksspieler verglichen. Bei World of Warcraft kann man sicher spannende Abenteuer bestehen, aber kann das Glücksgefühl wirklich mit dem Gewinn von Bargeld an einem Automaten oder im Spielkasino mithalten?
Sabine Bätzing: Forscher an der Universität Mainz verglichen die Aktivität bestimmter Suchtzentren im Gehirn bei Glückspielern, Alkoholikern und Computerspielern. Die Kurven sind praktisch identisch. D. h., für das Gehirn existiert de facto kein Unterschied zwischen Wow und Poker. Daher ist die Therapie auch sehr ähnlich. Noch interessanter ist aber das Ergebnis, dass die Abhängigkeit von Alkohol oder anderen Drogen praktisch identische Hirnaktivitäten hervorruft wie bei Computerspielabhängigen.
Lars Sobiraj: Die Übergänge zwischen einer normalen Beteiligung am Leben und der Sucht sind überaus fließend. Vom Kontrollverlust des Betroffenen abgesehen, an welchem Punkt würden Sie jemanden als süchtig bezeichnen? Ist es der soziale Rückzug, das Versagen im Berufsleben oder die überaus zentrale Rolle, die das Rollenspiel im Leben des Süchtigen eingenommen hat?
Sabine Bätzing: Der Übergang ist fließend, alle genannten Faktoren spielen eine Rolle, letztlich sollten potenziell Betroffene eine Fachambulanz oder Beratungsstelle aufsuchen und sich professionell beraten lassen.
Lars Sobiraj: Welche Maßnahmen sind geplant - wollen Sie diese MMORPGs in Deutschland deutlicher kennzeichnen lassen, das Mindestalter anheben oder gar komplett ein Verbot aussprechen? Glauben Sie das Problem damit wirklich aus der Welt zu bekommen? Befürchten Sie eine Übertragung der Verhältnisse in Südkorea oder China auf Deutschland?
Sabine Bätzing: Das Ziel meiner Jahrestagung war es, zunächst einmal die wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse der Öffentlichkeit vorzustellen und direkt mit den Wissenschaftlern zu diskutieren. Eine Maßnahme allein wird das Problem sicher nicht lösen, stattdessen ist eine Mischung aus Prävention, Medienpädagogik und strengeren Vorschriften notwendig. Es existieren in den Ländern und Kommunen bereits zahlreiche gute Angebote, aber nur an einzelnen Stellen. Wichtig ist aus meiner Sicht eine bundesweite Stärkung der gerade genannten Bereiche.
Lars Sobiraj: Was würden Sie den Betroffenen oder einem Erziehungsberechtigten raten, wenn Symptome auf eine Online-Sucht hinweisen?
Sabine Bätzing: Suchen Sie möglichst schnell eine qualifizierte Beratungsstelle auf und kontaktieren sie ergänzend eine Selbsthilfegruppe, z. B. über den Fachverband Onlinesucht.
Lars Sobiraj: Die Umsätze der Spieleindustrie hat die der Musik- und Filmindustrie schon lange überholt. Spüren Sie denn schon Gegenwind von Branchenvertretern? Befürchten Sie nicht, durch ein Vorgehen gegen derartige Spiele die Wirtschaft negativ zu beeinflussen?
Sabine Bätzing: Wenn Menschen an Computerspielsucht leiden, muss Ihnen professionell geholfen werden. Ich denke nicht, dass es das Ziel der Spieleindustrie ist, abhängige Spieler zu produzieren, oder?
Lars Sobiraj: Sicherlich nicht. Und wie stehen Sie zum Thema "Killerspiele" oder dem viel diskutierten Paintballverbot? Möchten auch Sie diese Dinge bekämpfen oder verbieten?
Sabine Bätzing: Dafür sind die Innenminister zuständig.
Lars Sobiraj: Wenn die Fans der Killerspiele so sozial inkompetent sind, warum wirken die Teilnehmer von eSports-Veranstaltungen alles andere als das? Kann man durch ein Killerspielverbot wirklich Amokläufe verhindern? Oder wäre es nicht an der Zeit, die Hintergründe der einzelnen Fälle zu beleuchten?
Sabine Bätzing: Dafür sind die Innenminister zuständig.
Lars Sobiraj: Haben Sie selbst einmal ein derartiges Spiel ausprobiert? Wenn ja, wie war Ihr Eindruck?
Sabine Bätzing: Nein, ich habe derartige Spiele noch nie selbst gespielt, sondern lediglich bei Konferenzen oder Veranstaltungen Ausschnitte daraus gesehen.
Rückfrage: Wenn Sie nie selber einen Egoshooter oder ein Online-Rollenspiel ausprobiert haben, worauf begründen sich dann bitte Ihre Aussagen? Lediglich auf die Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern?
Auf eine Bearbeitung der Rückfragen wurde verzichtet.
Lars Sobiraj: Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Vorgehen gegen die beliebten MMORPGs bei der jungen Generation vielfach auf Unverständnis stößt? Was würden Sie diesen Leuten sagen?
Sabine Bätzing: Ich habe von der jungen Generation viele Beispiele von abhängigen Freunden erzählt bekommen, die sich freuen, dass sich endlich jemand diesem verdrängten und unter Spielern gerne heruntergespielten Problem annimmt. Das die Betroffenen dies abstreiten ist mir aus den Feldern Alkohol, Tabak und illegale Drogen bekannt und wundert mich nicht. Die Angehörigen dagegen sind mehr als dankbar.
Lars Sobiraj: Frau Bätzing, vielen Dank für das Gespräch!
Vielen Dank auch an Annika Kremer für das Beisteuern einiger Fragen, ihre Korrekturen und ihre Bilder vom AION Beta Event!
News Redaktion am Donnerstag, 23.07.2009 13:27 Uhr
1. Sie vergessen ganz, dass diese millionen jugendliche in maximal sechs jahren wahlberechtigt sind und sich an dinge wie diese erinnern werden. (Killerspiel hetze, Internet zensur/ Meinungsfreiheit beschneiden, Überwachungsstaat, Internetausweis) 2. Mit jugendfeindlicherpolitik hat sich bis jetzt ...
Hier hab ich ein Video vom ZDF gefunden, das ich vor einiger zeit gesehen habe: Gefangen in der virtuellen Welt Da kommt die Frau Betzing auch drin vor. Ich denke es passt gut zum Thema. Find es schon fast lustig, wie WOW u ...
So, und jetzt schlag ich mal eine Kerbe in die ganze Diskussion: Wer hat Zweifel daran, dass WoW süchtig macht? Ja, ich halte eine Einstufung generell von Computerspielen in den Suchtbereich für realistisch und vernünftig. Tatsache ist, dass es viele Menschen gibt, die aufgrund von diversen Spi ...
Dann müssten ja komplett neue Politiker an den Staat. Ja, exakt. Warum denn auch nicht? :D ...
Wie wäre es mit einer Eignungsprüfung für Politiker? Dann müssten ja komplett neue Politiker an den Staat. Ich habe den Eindruck, dass Frau Bätzing gegen alles ist, was süchtig und spaß macht. Verbietet Athmen. Ich schätze, dass 100% der Me ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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