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Chris Hülsbeck Interview: Mein C64 braucht eine amtliche Reparatur!

Zehn Jahre bereits hat Chris Hülsbeck kein neues Album mehr veröffentlicht. Zum diesjährigen Eröffnungskonzert der Games Convention in Leipzig hatte er aber für alle Wartenden eine Überraschung im Gepäck: sein neuntes Studioalbum 'Number Nine'. Chris Hülsbeck sprach mit uns über seine neueste Platte, den Skandal um Timbaland, seine eigenen Erfahrungen mit Ideendieben und die Zukunft der Spielemusik und was er am meisten an Deutschland vermisst.

Lotek64: Hallo Chris! Eine Dekade ist nun schon seit der Veröffentlichung des Soundtracks zu "Extreme Assault" vergangen. Wie kam es zu der langen Schaffenspause? Was gab den Impuls, die neue Platte in Angriff zu nehmen?

Chris Hülsbeck: Es war eigentlich keine totale Schaffenspause, denn ich habe mehrere Jahre lang Material für ein neues Album gesammelt, aber ich kam irgendwie nie dazu alles auszuarbeiten. Ein Jahr nach der "Extreme Assault" bin ich ja auch in die USA umgezogen und fing eine Festanstellung bei Factor 5 in Kalifornien an. Von da an hatte ich nicht mehr so viel Zeit für persönliche Projekte. Ich wollte auch unbedingt mal etwas anderes probieren als nur meine Spielemusiken neu aufzunehmen und keine Kompromisse machen, was die Produktion und das Konzept anging. Deshalb hat eben alles etwas länger gedauert.

Lotek64: Du bist ja gerade erst von der Games Convention in Leipzig in die Staaten zurückgekehrt. Welche Eindrücke konntest du auf der Messe sammeln?

Chris Hülsbeck: Ich war ziemlich beeindruckt, wie die Messe in den letzten Jahren gewachsen ist. Jetzt, da es die E3 nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form gibt, ist die Games Convention eine der wichtigsten Veranstaltungen weltweit. Das ist sicher eine positive Entwicklung für Deutschland und die Stadt Leipzig. Leider hatte ich diesmal nicht so viel Zeit, auf der Messe herumzulaufen und alles auszukundschaften, weil ich ja einige Pressetermine und Autogrammstunden abhalten musste. Das Interessanteste war aber meiner Meinung nach die Ausstellung der Videospielgeräte von 1972 bis 2007, eine unglaubliche Sammlung von René Meyer, mit der er nun sogar ins Guinness Buch der Rekorde kam.

Lotek64: An zwei Tagen hast du dir Zeit für den Kontakt zu deinen Fans genommen und auch Autogramme gegeben. War das ein besonderer Moment für dich und kamen Erinnerungen an deine früheren Messe-Auftritte auf?

Chris Hülsbeck: Es war schön zu sehen, dass es immer noch treue Fans gibt, und ich freue mich immer über diese Begegnungen. Aber es gab lustigerweise auch ein paar Besucher der jüngeren Generation, die nicht wussten, was sie damit anfangen sollten. Ein ca. 15 Jahre alter Gamer kam an und fragte ganz frech und frei, warum ich da Autogramme gebe und ob man mich kennen müsste. Ich hab nur geschmunzelt.

Lotek64: Bist du noch oft in Deutschland?

Chris Hülsbeck: Ich bin mindestens einmal pro Jahr da, entweder wegen Veranstaltungen wie der Games Convention oder einfach, um meine Familie und Freunde zu besuchen. Außerdem kann ich nicht länger als ein Jahr auf ein gutes, frisches deutsches Frühstücksbrötchen verzichten, und Heimweh krieg ich schon ab und zu.

Lotek64: Deine alljährlichen Besuche zum Eröffnungskonzert der Games Convention haben ja schon Tradition. Warst du mit der Orchester-Umsetzung deiner Komposition zufrieden?

Chris Hülsbeck: Ich bin immer sehr positiv überrascht über die Umsetzungen und die Qualität der Darbietungen. Man merkt, dass es wirklich virtuose Musiker sind und die Musik professionell und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt und aufgeführt wurde. Die größte und umwerfendste Überraschung dieses Jahr war für mich das C64-Medley, bei dem ich bis zur Premiere keine Ahnung hatte, dass sie es mit „Shades“ anfangen würden. Das hat mich echt umgehauen und ich war ganz hin und weg.

Lotek64: Auf deiner neuen Platte findet man ja deutlich weniger Orchesterklänge als früher und sie betont mehr die elektronische Seite des Chris Hülsbeck. War das eine bewusste Entscheidung oder wie kam es dazu?

Chris Hülsbeck: Das war von vornherein so geplant. Ich konnte mich in Sachen Orchester bei den letzten Spielprojekten (von "Tunnel B1" bis "Star Wars Rebel Strike") ja schon reichlich austoben und wollte mich einfach mal wieder meiner Jugendliebe, dem Synthesizer, widmen. Aber die Kompositionen und Arrangements sind dennoch eher nicht minimalistisch, sondern recht vielschichtig geworden, und haben teilweise trotzdem etwas Filmmusik-Charakter.

Lotek64: Viele deiner früheren CDs enthalten eine bunte Mischung verschiedener Musikstile. Dagegen wirkt "Number Nine" eher wie ein Konzeptalbum. Stand ein stimmigeres Gesamtbild für dich mehr im Vordergrund als früher?

Chris Hülsbeck: Das war auch ein Punkt, den ich mir nach dem kunterbunten (und etwas enttäuschend ausgefallenen) "In The Mix"-Album zum Ziel gesetzt hatte. "Number Nine" sollte eine CD werden, die man ohne Vorbehalte von vorn bis hinten durch hören kann, und wo man kein Stück überspringen muss, weil es vielleicht aus dem Rahmen fällt. Ich wollte das ganze Werk auch besser für Hörer zugänglich machen, die meine früheren Projekte nicht kennen und dennoch reichlich von meinem Grundstil durchscheinen lassen. Du hast durchaus recht, dass man es als Konzeptalbum bezeichnen könnte.

Lotek64: Sind die Tracks auf "Number Nine" denn alle gezielt für das Album entstanden oder sind auch welche dabei, die ursprünglich als Spielemusiken geplant waren? Ich habe mich selbst einige Male bei dem Gedanken ertappt, zu welcher Art Spiel manche Tracks wohl passen würden.

Chris Hülsbeck: Die Stücke basieren teilweise auf Ideen, die ich über fast 20 Jahre gesammelt habe (und da gibt es übrigens noch eine Menge mehr Material), aber keins war direkt für ein bestimmtes Spiel gedacht. Die eine oder andere Melodie hätte aber durchaus in einem Spiel von damals Einsatz finden können. Meine ursprüngliche Methode, Melodien und andere musikalische Ideen festzuhalten, war übrigens einfach eine Musikkassette auf Aufnahme mitlaufen zu lassen, wenn ich drauflos gespielt habe. Diese etlichen Bänder habe ich dann vor ein paar Jahren digitalisiert und sortiert und benutze sie immer noch manchmal als Inspirationshilfe.

Lotek64: SID-Sounds haben ja schon seit einiger Zeit Einzug in die Charts gehalten, neuerdings sogar auf dem amerikanischen Massenmarkt (z. B. der von Timbaland produzierte Track "Ayo Technology" von 50 Cent und Justin Timberlake). Hast du auch mit dem Gedanken gespielt, den SID auf "Number Nine" erklingen zu lassen?

Chris Hülsbeck: Da habe ich ehrlich gesagt nicht schlecht gestaunt, als ich das im Radio hörte. Für "Number Nine" habe ich eindeutige SID-Sounds vermieden, aber das heißt nicht, dass ich solche Sounds nie einsetzen würde. Bei R&B, Hip Hop und Rap-Musik wird ja oft mit ungewöhnlichen Klängen gewerkelt, um einen Kontrast zur sonstigen Pop-Musik zu erwirken. Leider kopieren sich die Macher dann aber oft gegenseitig bis zum Umfallen.

Lotek64: Timbaland wurde ja vor einigen Wochen mutmaßlich dabei erwischt, den für Nelly Furtado geschriebenen Song "Do It" nahezu komplett aus einem SID-Tune übernommen zu haben. Er selbst umschrieb es als normalen Sampling-Vorgang. Wie ist dein Standpunkt dazu? Was hättest du getan, wenn sich jemand großzügig aus einem deiner alten Stücke bedient hätte?

Chris Hülsbeck: Eine meiner Kompositionen wurde auch schon mal ganz frech geklaut, und zwar das Turrican-2-Credits-Thema. Da hat irgend so ein DJ einen Dance-Remix draus gemacht und ohne zu fragen kommerziell veröffentlicht. Ich war ziemlich sauer, zumal ich sicher für einen kleinen Anteil die Rechte freigegeben hätte. Zuerst wollte ich noch dagegen rechtlich vorgehen, aber da es wohl auch kein großer kommerzieller Erfolg war, hat mein Anwalt aufgrund der Kosten abgeraten. Ich habe generell übrigens nichts dagegen, wenn jemand einen Remix macht und frei im Internet anbietet, solange ich als Komponist der Originalversion genannt werde. Sowie es aber Geld einbringt, möchte ich fairerweise beteiligt werden. Die Timbaland-Geschichte habe ich nur am Rande mitverfolgt, deshalb kann ich nicht viel dazu sagen. Aber wenn es stimmt, dass er den Song fast 1 zu 1 abgekupfert hat, wäre das eine Sauerei und man sollte versuchen zu klagen, vor allem, wenn es ein lohnender kommerzieller Erfolg war.

Lotek64: Du hast dich ja nicht vollends vom SID abgewandt und sowohl für den Quadra-SID als auch zum Jubiläum der HVSC ("Metro Dance") neue, reine SID-Kompositionen veröffentlicht. Könntest du dir vorstellen, dich noch weiter auf diesem Gebiet auszutoben?

Chris Hülsbeck: Das "neue" Stück für die HVSC war eigentlich fertig und lag einfach nur jahrelang rum, aber es würde mich eventuell schon reizen, mal wieder ein nagelneues Stück mit dem C64 zu machen. Leider ist mein Original-C64, auf dem "Shades" entstanden ist, im Moment nicht einsatzfähig und braucht eine amtliche Reparatur. Aber inzwischen sind die Emulatoren ja auch ziemlich gut und vielleicht probier ich es damit mal. Zum Glück habe ich vor ein paar Jahren in weiser Voraussicht alle meine C64-Daten auf den PC rübergeholt und mehrere Sicherheitskopien gemacht. Man weiß ja nie, wofür die Daten noch mal brauchbar sind, und wenn auch vielleicht nur aus Nostalgie.

Lotek64: Verfolgst du das aktuelle Geschehen im Retrobereich bzw. am C64? In der Szene soll ja sogar ein Imitator von dir existieren ...

Chris Hülsbeck: Ich kriege immer mal wieder ein bisschen was mit und habe auch schon in ein paar Ausgaben der Lotek64 herumgestöbert, aber ich bin nicht so wirklich aktiv zurzeit. Meinen Imitator habe ich übrigens höchstpersönlich dieses Jahr auf der Games Convention kennengelernt und war sehr erstaunt und fand das Treffen auch sehr spaßig.

Lotek64: Einige deiner älteren Alben sind schon seit Längerem vergriffen und nicht mehr im Handel erhältlich. Können die Fans auf Neuauflagen hoffen?

Chris Hülsbeck: Die älteren Alben werden vermutlich nicht noch mal neu gepresst, aber wir veröffentlichen sie jetzt alternativ nach und nach online (iTunes, emusic etc.). Wir wollen auch noch digitale Booklets erstellen, die sich die Käufer der Online-Versionen später herunterladen können.

Lotek64: Bereits seit 22 Jahren machst du Musik für Computerspiele. Hast du noch persönliche Träume oder Ideen, die du bisher nicht umsetzen konntest (insofern du sie verraten möchtest)?

Chris Hülsbeck: Ich habe noch eine Menge Ideen und könnte mir schon noch einiges vorstellen, was ich gerne in Angriff nehmen würde, aber ich nenne lieber keine Details, um nicht Erwartungen zu schüren, die vielleicht nicht realisierbar sind. Nur soviel für nächstes Jahr ist eine ganz großartige Sache geplant, aber es ist noch zu früh, um die Katze aus dem Sack zu lassen. Es wird aber hoffentlich recht bald eine Ankündigung geben.

Lotek64: Du hast die Entwicklung der audialen Vertonung von Computerspielen nahezu von Anfang an miterlebt und kaum jemand kann in dieser Branche mehr Erfahrung vorweisen. Hast du dabei einen besonderen Blick für die Zukunft der Spielemusik entwickelt? Wo führt uns die Entwicklung in den nächsten Jahren hin?

Chris Hülsbeck: Spiele fangen jetzt wirklich langsam an, "erwachsen" zu werden, und sind vielleicht von der Stufe der Evolution mit frühen Filmen aus den 20ern und 30ern zu vergleichen, "raus aus der Stummfilmzeit" sozusagen. Und im Audiobereich wird alles inzwischen mit den gleichen Produktionsmitteln erstellt wie bei anderen Medien (z.B. Popmusik, Film- und TV-Sound). Zunehmend werden auch große Orchester und Chor aufgenommen, da die Produktionsbudgets das inzwischen möglich machen. Natürlich kommt bei Spielen der interaktive Faktor dazu, da der Spielverlauf ja nicht linear ist. Da muss man clevere Programmierung und sogenanntes Scripting sowie spezielle Aufbereitung der Audiodaten einsetzen, um die Vertonung so zu gestalten, dass sie sich der jeweiligen Spielesituation gut anpassen kann. In all diesen Bereichen haben wir in den letzten Jahren schon eine Menge Fortschritte gemacht, aber es geht halt immer noch ein bisschen besser mit jedem Projekt.

Chris Hülsbeck, vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Volker Rust von der Lotek64-Redaktion.

Download-Tipp: Metro Dance. Zum zehnjährigen Bestehen der HVSC-SID-Sammlung steuerten viele namhafte Komponisten aus Vergangenheit und Gegenwart des C64 neue und unveröffentlichte SID-Stücke bei, u.a. Chris Hülsbeck den „Metro Dance“. Die komplette Jubiläumsdiskette ist kostenlos zum Download erhältlich.

Review: "Number Nine"

Mit Spannung wurde es erwartet, jetzt ist es da: Chris Hülsbecks neues Album „Number Nine”. Und das Comeback ist tatsächlich perfekt: Von der ersten Sekunde an wird der Hörer in vielschichtige, atmosphärische und teils trancige Klangteppiche hineingezogen – und wird sich kaum noch aus ihrem Bann befreien können. Hülsbeck selbst verliert sich dabei nicht im Synthi-Wohlklang oder in experimentellem Elektro-Gepansche, sondern versteht es, durch seine konsequente Melodik und das vorsichtige Einarbeiten verschiedener Stilrichtungen (bis hin zu Jazz-, Eurodance- und Latino-Elementen), ein abwechslungsreiches und doch stimmiges Gesamtbild entstehen zu lassen. Wer ein Feuerwerk von Arcade-Soundtrack oder ein gewaltiges Orchester-Opus erwartet, wird vielleicht zunächst etwas enttäuscht sein: Hülsbeck schlägt hier eindeutig ruhigere Töne an, als man sie von seinen bisherigen Alben gewöhnt ist. Wir erleben mit „Number Nine”  einen gereiften Hülsbeck, der sich nicht mehr beweisen muss und vielleicht gerade deshalb virtuos zu seinen Elektronik-Ursprüngen zurückgefunden hat.

Album: Number Nine
Künstler: Chris Hülsbeck
Erschienen: August 2007
Label: Synsoniq-Records Email: order@synsoniq.de
Preis: ca. 16,95

Hörprobe bei 4Players.

News Redaktion am Sonntag, 28.10.2007 11:19 Uhr

tagsTags: c64 lotek64 chris hülsbeck turrican factor 5 hvsc extreme assault number nine album

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3 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Skyscraper1972 am 30.10.2007 09:39:52

    Starker Artikel ! Welchen kommerziellen Remix meint eigentlich Chris im Bezug auf Turrican ? ...

  • c64er am 30.10.2007 08:48:48

    Danke für den geilen Artikel. Chris ist und bleibt eine lebende c64 Legende !!! Er hat viele Stücke komponiert, die gewissen Games (Turrican etc.) erst den richtigen Touch mitgegeben haben! Weiter so, auch nach 10J. Pausierung !! :T ...

  • bur am 28.10.2007 20:19:28

    Auch ganz interessant sind Input 64 und Output 64. Die eine CD enthält original SID-Musik aus verschiedenen Spielen, die andere (Output) verschiedene Remixe dieser St ...

  • gullinews am 28.10.2007 11:12:18

    Zehn Jahre bereits hat Chris Hülsbeck kein neues Album mehr veröffentlicht. Zum diesjährigen Eröffnungskonzert der Games Convention in Leipzig hatte er aber für alle Wartenden eine Überraschung im Gepäck: sein neuntes Studioalbum 'Number Nine'. Chris Hülsbeck sprach mit uns über seine ne ...

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