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Geschichte wird gemacht: Was brachte die Woche #7? (Mit Alvar Freude)

Der Rückblick auf gulli.com, mit wechselnden Gesprächspartnern: Mit Alvar Freude teilt gulli eine gemeinsame Aversion gegen so manche Auswüchse des Jugendschutzes im Internet, die auch gelegentlich öffentlich gepflegt wird. Nun war vergangenen Dienstag "Safer Internet Day", in Österreich erscheint ein Ratgeber namens "Schutz vor Schmutz", abwechselnd sollen ISPs oder Suchmaschinen den "Schund" filtern oder verbergen, in schöner Regelmäßigkeit keult man mit dem Jugendschutz auch auf mündige Erwachsene ein - Grund genug, einmal mehr etwas skeptischere Stimmen zum Thema zu hören.

Alvar verdankt das Internetz so schöne Dinge wie den Assoziations-Blaster, das Anti-Zensurportal odem.org, den Vorleseservice "FreedomFone", der auch schon Anlass für einige Rechtsstreitigkeiten war und mit "insert_coin" ein Filterexperiment, das auch die eine oder andere wissenschaftliche Folgearbeit inspirierte. Nebenbei pflegt Alvar ein gelegentlich angespanntes Verhältnis zu jugendschutz.net, ist in Rechtssachen aber durchaus erfahren.

Vergangenen Dienstag war "Safer Internet Day", in Österreich wird passend zum Anlass mal wieder ein Feldzug gegen "Schmutz" im Netz gestartet, selbst Pornanbieter prügeln auf mangelndes Bewusstsein für den Jugendschutz im Netz ein - natürlich nur bei den anderen.

Der "Safer Internet Day könnte schnell mit "viel Lärm um nichts" abgetan werden: mit Partnern wie Klicksafe, die meinen, Links auf ihre Webseite verbieten zu können oder Verbänden, denen wenig mehr als der Ruf nach Netzsperren einfällt, kann das Blätter- und Byterauschen der vergangenen Woche kaum ernst genommen werden, aber Alvar hat einige eigene Erfahrungen mit dem Jugendschutz in Deutschland machen können und etwas deutlichere, hörenswerte Meinungen zum Thema. Nach viel Unsinn aus der Jugendschützer-Ecke nun ein wenig Korrektur der herrschenden Meinung.

Korrupt: Alvar, wie immer meine erste Frage: Welche Neuigkeit hat dich

diese Woche am meisten gefreut?

Alvar: Da ich diese Woche u.a. mit dem diesjährigen Perl-Workshop, dem alljährlichen Treffen der deutschsprachigen Perl-Entwickler, beschäftigt war, habe ich nicht allzu viel mitbekommen. Aber ich kann nicht verhehlen, dass es mich in gewisser Weise gefreut hat, dass nun ein paar Steuerhinterzieher großen Stils auffliegen - auch wenn das eher eine traurige Sache ist und ziemlich wenig mit Internet zu tun hat.

Korrupt: Und welche am meisten geärgert?

Alvar: Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit mit so manchem Leser anlege: der nun bekannt gewordene Beschluss des Amtsgerichts Berlin Mitte bezüglich der Speicherung von IPs beim Bundesjustizministerium und die Berichterstattung darüber hat mich geärgert. Zum einen wurde wider jeglicher journalistischer Sorgfaltspflicht überall verbreitet, dass das Amtsgericht die Justizministerin schon fast in den Knast steckt, was in der Einfachheit nicht korrekt ist, da es sich um eine übliche Standardformulierung handelt. Und zum anderen hat das Amtsgericht in der Vergangenheit gezeigt, dass es von der Materie überhaupt keine Ahnung hat. Zur Erinnerung: es hatte in einem alten Urteil jegliche Protokollierung auf einem Web-Server untersagt, so dass beispielsweise auch keine Fehler (selbst ohne IP-Adresse!) - wie der berühmte 404 Not Found - mehr protokolliert werden dürfen. Das Landgericht hat diesen Quatsch zum Glück aufgehoben.

Auch halte ich das Vorgehen von Patrick Breyer für populistisch und gefährlich. Ehrlicher wäre es, wenn er gegen die Wikipedia vorgehen würde, da sind die gespeicherten IP-Adressen immerhin öffentlich einsehbar. Nur versteht da jeder, warum die IPs gespeichert werden und jeder freut sich, wenn mal wieder bekannt wird, wenn die Partei XYZ Politiker anderer Parteien in der Wikipedia mies macht. Zum anderen gäbe es selbst innerhalb der Bundesregierung bessere Opfer: Das Bundesfinanzministerium beispielsweise nutzte bis vor kurzem Google Analytics für Website-Statistiken.

Es gibt sehr viele Fälle, in denen das Speichern von IPs der zugreifenden Nutzer sinnvoll und wichtig ist. Das betrifft nicht nur statistische Zwecke. Es gibt einfach viele Formen von Mißbrauch, und seien es nur die Spams in den Kommentaren in Blogs oder das erwähnte Beispiel der Wikipedia. Daher ist es auch eine gängige Praxis, die IPs in Webserver-Logs zu speichern. Ich möchte behaupten, dass rund 99% der Websites in Deutschland dies machen.

Dem Nutzen steht nur ein extrem geringer Eingriff in die Privatsphäre der Surfer gegenüber, denn es ist mit dieser IP-Speicherung weder möglich herauszufinden, wer welche Website aufgerufen hat noch kann ein Website-Betreiber ohne weiteres herausfinden, wer sich auf seinen Webseiten tummelt. Schon gar nicht ist es dem Bundesjustizministerium möglich herauszufinden, welche Krankheiten oder sexuellen Vorlieben ein bestimmter Mensch hat. Hier wird einfach viel Lärm um nichts gemacht, anstatt sich der wichtigeren Dinge zu widmen - zum Beispiel den wirklich bedenklichen Teilen der Vorratsdatenspeicherung.

Korrupt: Ich muss zugeben, ich fühl mich ertappt: natürlich war ich auch hocherfreut. Anmerken mag ich, dass das Urteil neben der in meinen Augen trotz allem vorhandenen und richtigen Botschaft "Datensparsamkeit!" ja auch etwas anderes zeigt: dass sowohl Politik und Gerichte in Bereichen Fakten schaffen, die sie beide noch nicht wirklich unbedingt begriffen haben - eine Botschaft, die meiner Ansicht nach durchaus ebenso verbreitet gehört.... um aber angesichts der journalistischen Rechtschaffenheit wieder die Kurve zum Hauptthema zu schlagen: Jugendschutz.net, Konsorten und ähnliche Institutionen im Netz können wir beide nicht wirklich leiden. Ist da ein Interview zwischen uns beiden überhaupt fair? Hat das noch mit seriöser Berichterstattung zu tun, verderben wir womöglich gar gerade die Jugend?

Alvar: Ach, ich bemühe mich das in der Regel möglichst differenziert zu sehen. Aber: Natürlich verderben wir nicht die Jugend! Und: Im Gegensatz zu diversen Fernsehprogrammen haben wir doch alle zusammen nur einen marginalen, nicht messbaren Einfluß auf "die Jugend" ...

Und abgesehen davon, dass ich mich nicht prinzipiell gegen Jugendschutz wende, sondern hauptsächlich mit verschiedenen simplen Lösungen medieninkompetenter Jugendschützer so manche Probleme habe: Auch in deren Kreisen ist es üblich, dass man sich gegenseitig Interviews gibt oder gegenseitig die angeblichen Lieblingsseiten von Kindern verteilt. So wird jugendschutz.net dann auch mal zu einer Lieblingsseite von Kindern bei fragFINN - und ich würde da Finn gerne mal fragen: warum ist eine Website, die sich weder an Kinder richtet noch kindertauglich ist, denn eine Lieblingsseite von Kindern?

Korrupt: Du bist wegen eines, nun, nicht grade erbaulichen, aber in meinen Augen harmlosen Text im Assoziations-Blaster mit jugendschutz.net aneinandergeraten. Wie gings aus?

Alvar: Der Text wurde von den Nutzern des Assoziations-Blasters negativ bewertet und wird nicht mehr gefunden, damit hat sich das Ganze erledigt.

Korrupt: Letzte Woche war ja "Safer Internet Day". Großes Getöse mal wieder, siehst du inhaltlich und/oder technisch Fortschritte (oder Rückschritte, von unserem Standpunkt aus gesehen)? Zum einen nun, was das oft und gern geforderte "Filtern" von Inhalten angeht - was ich für recht witzlos halte - und zum anderen, was die Debatte selbst angeht: Sind Lernprozesse bei gelegentlich welt- und technikfremd wirkenden und nur allzugern mehr prüde und "erwachsenenschützend" daherkommenden selbsternannten Zensoren inzwischen zu erkennen? Wird im Gegenteil alles noch viel schlimmer?

Alvar: Selbstverständlich ist es so, dass mit der Zeit auch bei Medienwissenschaftlern die Medienkompetenz bezüglich des Internets steigt. Die Filterei sehen die meisten durchaus nicht mehr als alleiniges Allheilmittel an, der kompetente Umgang mit dem Internet wird mehr und mehr betont. Wenn die Jugendschützer dann noch lernen, dass Computer und Windows nicht das gleiche sind und dass es auch gute Alternativen zum Internet Exporer gibt ...

Das Positive setzt sich hoffentlich mit der steigenden Medienkompetenz der Jugendschützer durch. Aber das dauert. So gibt es immer noch die Studien, die bemängeln, dass viele Kinder im Chat o.ä. nach ihrem Alter, Name, Wohnort etc. gefragt werden. Hier muss man wohl sagen, dass die Autoren solcher Studien offensichtlich keine oder wenig Ahnung von ganz normalem Sozialverhalten haben, denn das sind zum Beispiel auch die ersten Fragen, die sich Kinder auf dem Spielplatz gegenseitig stellen.

Korrupt: Als ich beim ORF die "Schutz vor Schmutz"-Geschichte las, musste ich an ein Projekt an der Tübinger Uni denken: 2002 wurde da "Schmutz und Schund" von den Kulturwissenschaftlern näher betrachtet, und das Ergebnis ist erstaunlich - mancher "Schund" von gestern ist die Kulturgeschichte von heute, die "Klassifizierung" als "Schund" oft genug nur mäßig verschleierte Durchsetzung von Herrschaftsinteressen ohne weitere Begründung. Haben wir das heute auch? Spontan fallen mir zuerst die Videotext-Babes von Drax ein, aber da gibts vermutlich einiges mehr... heute lachen wir drüber wie auch über "Schundcomics" aus den Fünfzigern und die Prüderie der Jahre danach bzw. betrachten den Kram als interessantes Kulturgut, worüber lachen wir in zwanzig Jahren?

Alvar: Natürlich haben wir das heute auch. In den 80ern waren auch so manche Computerspiele indiziert, worüber man heute nur noch lachen kann. Silent Service zum Beispiel.

In zwanzig Jahren werden wir sicherlich darüber lachen, dass die ursprüngliche Version von Command & Conquer: Generals indiziert war. In der "entschärften" Version gab es dann keine Soldaten mehr, sondern "Cyborgs", die USA wurden zur "Westlichen Allianz" und so weiter. Das und die gesamte Killerspiel-Diskussion ist mal wieder ein schönes Beispiel, dass Jugendkultur von vielen angegrauten Menschen nicht verstanden wird: Früher war es Rock'n'Roll, heute sind es die Killerspiele.

Korrupt: Klicksafe sprach ich schon an, über fragFINN lachten wir vor einiger Zeit auch herzhaft, und wenn man bedenkt, dass da draußen im Zombieland ein paar wackere Kämpfer nach wie vor meinen, jede nackte Miss .jpg oder jeden Schwanz mit Anstellwinkel über x Grad aus dem Netz filtern zu können, beschleicht zumindest mich das Mitleid. Unterschätzen wir den Gegner?

Alvar: Beim Chaos Communication Congress 2005 (22C3) sagte Frank Rieger: "Wir haben den Krieg verloren". Ich denke: ganz so schlimm ist es noch nicht, aber wenn wir nicht aufpassen, dann wird es so kommen.

Ja, der "Gegner", wenn man das so sagen mag, wurde lange unterschätzt. Nehmen wir mal zum Beispiel die Sperrung ausländischer Internet-Inhalte: Viele aus der Hacker-Szene haben sich lange darauf versteift zu behaupten, dass eine solche Sperrung nicht möglich sei. Dragan Espenschied und ich haben 2001 gezeigt, dass selbst eine umfangreiche Manipulation von Web-Inhalten möglich ist (via odem-Tour bzw. als Direktlink bzw. proxy.odem.org:7007). Und in der Zwischenzeit kommen nicht nur immer mehr Forderungen nach der Sperrung ausländischer Inhalte, es gibt auch schon die ersten Umsetzungen und vor allem die ersten Systeme, die das technisch ausgereift umsetzen. Es ist ein Fehler, sich nur auf die technische Machbarkeit und ähnliches zu konzentrieren. Wir müssen uns auf die gesellschaftspolitische Diskussion konzentrieren - denn ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit kein Equivalent zu Feindsenderverbot oder Störsender haben will.

Korrupt: Ihr hab für Euer Filter-Experiment insert_coin 2001 den Internationalen Medienkunstpreis gewonnen. Ist der Filter-Proxy noch online?

Alvar: Ja, der Proxy ist noch online und jeder kann ein manipuliertes Internet genießen, wenn er im Browser als Proxy proxy.odem.org, Port 7007 (oder Port 443) einstellt. Wir mussten damals feststellen, dass viele Nutzer auch bei offensichtlicher massiver Manipulation diese sowohl nicht bemerken als auch kein tieferes Interesse haben, diese auszuschalten, auch wenn ihnen bekannt ist, dass sie manipuliert werden. Daher haben wir den Filter weiterhin aktiv, falls sich das jemand anschauen möchte.

Korrupt: Um mal aufs Positive zu kommen: Wo siehst du sinnvolle Aktivitäten im Bereich Jugendschutz, was das Netz betrifft? Was sind deiner Ansicht nach sinnvolle Angebote?

Alvar: Allgemein halte ich solche Projekte für sinnvoll, die sich mit Medienkompetenz befassen - sofern es nicht nur darum geht, auswendig zu lernen wo man hinklicken muss, um eine bestimmte Aktion zu erhalten. Die eigene Produktion von Inhalten ist da sicherlich ein Weg - sei es Musik, ein Film oder ein Blog.

Eine der wenigen guten Websites für Kinder ist die Suchmaschine Blinde Kuh. In der Zwischenzeit wird sie vom Bundesfamilienministerium gefördert, war aber jahrelang ein ehrenamtliches Projekt und hat immer noch den entsprechenden Flair, auch wenn es aufgrund der Förderung die üblichen Links auf manch andere ominöse Projekte enthält.

Korrupt: Wie immer zum Schluss: was hab ich nicht angesprochen oder gefragt, sollte ich aber unbedingt erfahren?

Alvar: Tausend Sachen, aber wenn wir die alle ansprechen dann werden wir ja gar nicht fertig! ;-)

Korrupt: ...und ebenso meine letzte Frage: Warum kommen demnächst zweifellos bessere Zeiten?

Alvar: Hmmm ... weil bald, irgendwann, der Assoziations-Blaster v3 kommt.

Korrupt: Alvar, großen Dank für Zeit, Antworten und die ganzen feinen Sachen, die du im Netz so treibst. Und alles gute für laufenden und kommenden Zoff mit den Sittenwächtern!

News Redaktion am Sonntag, 17.02.2008 21:30 Uhr

tagsTags: killerspiel jugendschutz pornografie jugendschutz.net filter zensur freude alvar assoziations-blaster fragfinn odem

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1 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Kontrolltroll am 20.02.2008 00:21:11

    Wow... sehr interessant :rolleyes: Ich kann mich vor Spannung gar nicht mehr halten. ...

  • gullinews am 17.02.2008 21:25:22

    Der Rückblick auf gulli.com, mit wechselnden Gesprächspartnern: Mit Alvar Freude teilt gulli eine gemeinsame Aversion gegen so manche Auswüchse des Jugendschutzes im Internet, die auch gelegentlich öffentlich gepflegt wird. Nun war vergangenen Dienstag "Safer Internet Day", in Österreich ers ...

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