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U2 auf Schalke: Urknall oder Erdrutsch?

Eigentlich wollten die vier Iren am Montag die Besucher der Veltins-Arena im Rahmen ihrer "360 Grad"-Tour in ihren Bann ziehen. Nicht wenige der 74.000 Konzertbesucher fuhren als Fan nach Gelsenkirchen und verließen die Halle überaus verstört.

Selbst wenn die WAZ das Konzert vorgestern mit dem Gütesiegel "Gigantisch" versehen hat, es war alles andere als das. Die Veltins-Arena indes zeigte sich von ihrer besten Seite. Denn obwohl das Dach verschlossen blieb, herrschte drinnen nie Mangel an frischer Luft. Der erste Blick ins Innere der Arena war überwältigend. In der Mitte stand ein riesiges utopisch aussehendes Gefährt. So ähnlich muss sich der "Kampf der Welten"-Autor H.G. Wells die futuristischen Kampfmaschinen der Außerirdischen vorgestellt haben. Unter dem Gerüst befand sich ein gigantischer kreisrunder Bildschirm, der auch den letzten Zuschauer erreichen sollte. Auf dem Screen lief vor dem ersten Auftritt in Endlosschleife ein Werbeclip der Rim Corporation. "U2 loves Blackberry." Nun, der Hersteller hat sicher sehr gut bezahlt für diese Dauerwerbesendung. Und doch müssen die Kosten für den Erwerb, Transport und Aufbau der grünen Krake immens gewesen sein.

So denn auf zu neuen Ufern. Das Event schien perfekt vorbereitet und der Mega-Event konnte beginnen. Der Gig vom Aufheizer "Snow Patrol" begann mit ca. 30 Minuten Verspätung. Die Band rund um Sänger Gary Lightbody ist unter anderem für ihre Hits "Shut Your Eyes" oder "Chasing Cars" bekannt. In Anbetracht der Größe der Halle war die Akustik noch immer recht akzeptabel. Die sympathischen Musiker aus Schottland und Nordirland waren sehr angetan von der dortigen Atmosphäre. Sie hatten sichtlich Spaß bei ihrem Auftritt. Schnell war man mit den 74.000 Fans warm geworden. Viel zu früh verließen sie die Bühne wieder.

Nach schier endlos wirkenden Umbauarbeiten kam endlich um 21. 11 Uhr für alle U2-Fans die Stunde der Wahrheit. So schnell würden sie ihre Idole Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Junior in NRW nicht wieder sehen können. Anfangs hob Bono seine Arme fast so wie die Statue in Rio de Janeiro (Brasilien) und drehte sich mehrfach im Kreis. Der Autor der WAZ von vorgestern glaubte schreiben zu müssen, dass Bono nur wenige Sekunden gebraucht hätte, um die Hörer für sich einzunehmen. Falsch, leider war das genaue Gegenteil der Fall. Alle vier Musiker wirkten auf der Bühne hochgradig distanziert. Sie erlaubten sich von Beginn an unüberhörbare Schnitzer, die die Toleranz der Zuhörer auf eine harte Probe stellte. Spannend wäre auch die Frage, ob es sich bei U2 um eine Band handelt. Oder sind das vielmehr vier Einzelinterpreten, die eher zufällig gemeinsam Karriere gemacht haben? Einige eher kritisch eingestellte Zeitgenossen bemerkten, wie kurz der Gig vor dem Abgrund stand. Viele Fans haben den drohenden Absturz nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen. Frei nach dem Motto: Wenn U2 kommt, muss es einfach magisch sein. Da macht man als Anhänger auch gerne mal ein Auge und beide Ohren zu. Bono sang leider wann und was er gerade wollte. So kam es, dass im ersten Drittel des Konzerts keine rechte Stimmung aufkam. Den Tiefpunkt des Abends macht ohne Zweifel "Vertigo" aus. Das Lied musste nach knapp der Hälfte abgebrochen werden um es von vorne zu beginnen. Fraglich auch, an welchen Faktoren der Auftritt in letzter Konsequenz gescheitert ist. Die Bandmitglieder haben in unzähligen Konzerten in aller Herren Länder bewiesen, wie elektrisierend sie sein können. Auch legte Bono nicht selten seine Hand auf's Ohr, als wenn er auf der Bühne zu wenig von seiner eigenen Stimme hören konnte. Zumindest bei der Vorgruppe gab es keine technischen Probleme in Bezug auf die Akustik, war es hier anders?

Für die Stars war das wahrlich kein Grund Trübsal zu blasen. Denn Bono glaubte nicht nur im Zentrum von Schalke zu stehen. Doch mit diesem Fehler steht er natürlich nicht alleine da. Auch Narziss aus der griechischen Mythologie hat den gleichen fatalen Fehler begangen, sich derart in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Dennoch geht der Sänger Paul David Hewson alias Bono noch weit darüber hinaus. Er ist auch Heiland, Friendensbringer, Weltretter und Vordenker. Und das alles in einem. Dass er zu theatralischen Gesten neigt, ist zwar nichts Neues. So intensiv wie er seine Eigenliebe am Montag auszuleben schien, das berührte manche Beobachter doch sehr unangenehm. Und so war es nicht nur ein Rockkonzert, es war eine heilige Messe. Zu allem Überfluss hat sich ausgerechnet Bischof Tutu vor den missionarischen Karren der Gutmenschen spannen lassen. Die Message lautete: Wir lieben uns, alle Menschen sind gleich, alles ist schön. Desmond Tutu ist in der Welt bekannt als moralische Instanz und Gewissen. Und doch klang der anschließende Spendenaufruf von Bono leider etwas billig, unglaubwürdig und erinnerte einen an die Ablassbriefe zu Zeiten der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Spende Geld, erlöse dich und andere. Dich von deinem Geld und andere von ihrem Leid. Und überhaupt: alles wird gut. Interessanterweise hat dort keiner der Gruppenmitglieder verkündet, dass man die Gage an die Organisation One spenden will. Wirklich erlöste Menschen gehen demütig mit gutem Beispiel voran, oder?

Das Event hatte aber durchaus seine Höhepunkte. Die Darbietung der Songs wie "I Still Haven't Found What I'm Looking For", "City of the Blinding Lights", "Sunday Bloody Sunday" zeigten deutlich, dass die Gruppe in der Lage ist, auf der Bühne den Urknall zu zünden, auf den wir alle so sehnsüchtig gewartet haben. Pointierte Gitarrenriffs von The Edge und hart durchgeknüppelte Drums von Larry Mullen Junior haben bewiesen, dass sie es können - wenn sie nur wollen. Leider hat es an der kontinuierlichen Aufrechterhaltung eines hohen Niveaus gehapert, warum auch immer. Die Band spielte bis weit nach 23 Uhr. Kurz vor Ende der Show war es komplett dunkel rings um Bono. Zu sehen waren lediglich die roten Laserstrahlen seiner Jacke und ein Mikro, welches formvollendet kreisrund von der Decke hing. Die Pose wirkte abgehoben. Diese Stars haben sich den Musikfreunden entfremdet. Man könnte fast meinen, das Raumschiff im Zentrum der Halle hat nie den Boden berührt, ist nie wirklich gelandet. Mehr Bodenhaftung und Selbstdisziplin wäre wahrscheinlich genau das, was viele Ungereimtheiten und Probleme auf einen Schlag lösen könnte.

Sehr ergreifend war die Szene mit der Schalker Milchstraße. So gut wie jeder Konzertbesucher hat diese Galaxis mit seinem beleuchteten Handy nachempfunden. Zwischen all den kleinen Lichtern ein unglaubliches Blitzgewitter. Was für ein schöner und atemberaubender Moment. U2 hatte sich zum Ziel gesetzt, aus der riesigen Mehrzweckhalle ein kleines Wohnzimmer zu zaubern. Ein schwer zu erfüllender Wunsch. Umso schwerer, wenn man bedenkt, wie statisch alle vier Musiker wirkten. Steif wurde das Programm durchgezogen, lediglich am Schluss gönnte man sich ein kurzes Lächeln. Stellt man so eine Verbindung zu den Fans her?

Im wahrsten Sinne des Wortes abgehoben auch die Tatsache, dass man sich hinterher von einem Helikopter wegbringen ließ. Während die Musiker zwischen den Wolken schwebten, durfte das Fußvolk entweder bis zu drei Stunden auf ein Ende des PKW-Staus warten. Oder aber man wurde von der Straßenbahn wie Heringe in der Dose durch die City von Gelsenkirchen geschaukelt. Hatte man nicht wenige Minuten zuvor verkündet, alle Menschen seien gleich? Wie dem auch sei. Einen Grund seine CD-Sammlung auf der Suche nach U2-Scheiben auszusortieren und alle Werke wegzuwerfen gibt es keinen. Die Musik aus der Konserve und das Live-Evangelium der Polit-Missionare sind zwei Paar Schuhe, die man tunlichst trennen sollte. Und trennen muss, will man ein Freund dieser Musik bleiben.

Bei nächster Gelegenheit wird sich der eine oder andere zahlende Besucher überlegen, ob er die Rock-Predigt für 70 Euro aufwärts wiederholen möchte. Ein Schluck Wein mit seiner Liebsten bei Kerzenlicht wirft auch einen Schatten, wenn es auch kein Heiligenschein ist. Und genau dieser Kerzenschein könnte die Intimität erzeugen, von der uns U2 so sehr vorgeschwärmt hat. (Ghandy)

(Bilder von slintes & drOMM via Twitpic, danke!!)

News Redaktion am Donnerstag, 06.08.2009 01:50 Uhr

tagsTags: adam clayton larry mullen junior snow patrol the edge gary lightybody u2 bono

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75 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • sergius74 am 19.08.2009 15:05:37

    Hallo Zusammen, ich sehe diesen Beitrag etwas spät. Ich wollte auch nur kurz drauf hinweisen dass ONE -- anders als hier dargestellt -- keine Spenden sammelt. ONE bietet politische Beteiligungsmöglichkeiten für Menschen, die sich gegen extreme Armut einsetzen wollen. Die Aufrufe auf den U2-Konz ...

  • eliveo am 09.08.2009 22:01:57

    Richtig. Und man soll auch das Recht haben zu sagen, der Artikel gefalle einem nicht. Dabei ist in einem Forum - wegen dem "Web 2.0" - egal, ob man sich da "gewählt" oder "nicht so gewählt" dagegen ausdrückt. Natürlich soll man auch sich im Ton ein klein wenig zurück halten und Aggressionen auà ...

  • otti93 am 08.08.2009 22:42:05

    (und otti + dante) Ihr tut einem ja schon leid, das ihr diesen Beitrag lesen "musstet". Und noch mehr, weil ihr es wohl nicht unterdrücken konntet, euch solche Kommentare zu sparen. Da das Forum hier ja unzensiert ist und freie Meinungsäußerung besteht, kann ich ja w ...

  • Ghandy am 08.08.2009 21:44:41

    @Gurkenhobe: ROFL!!! Und @DanteConstantin: Wenn ich das nur so einfach durchsetzen wollen würde, meinste ich würde das dann ausführlich mit euch diskutieren? ...

  • Gurkenhobel am 08.08.2009 20:38:51

    Ich denke dass dieses Portal sich schon weit genug vom Kern abgewand hat. Manchmal glaube ich dass die Qualität etwas unter der Quantität leidet, aber da rede ich nicht von dem viel beschrienen BILD Niveau. Soviel Text wie in diesem einen Artikel findest du in alle ...

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