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René Zeyer: Insider entzaubert die Hochfinanz

Passierten früher Banküberfälle, so standen die Gangster samt ihrer Waffe VOR dem Schalter. Heute ist man als Kunde einer Bank nirgends mehr sicher. Unter so manchem schicken Anzug HINTER dem Schalter verbirgt sich nichts als ein Gangster einer modernen Gattung. Diese Sorte von Kriminellen sind weitaus gefährlicher, weil sie legal arbeiten und sich perfekt anpreisen können. Der Autor René Zeyer kennt das aus eigener, jahrelanger Erfahrung. In seinem Bestseller "Bank Banker Bankrott - Storys aus der Welt der Abzocker" beschreibt er erschreckend kurzweilig, wie die Welt der Privatbanken funktioniert. Wir von gulli haben ihn kürzlich über die Tonnen (Millionen) und Kisten (Hundertausende) Euro befragt, die jeden Tag bewegt und nicht selten verzockt werden.

Die kleinen Sparer als auch die Anleger hoher Summen sind schon lange nicht mehr davor gefeit, systematisch um ihre Einlagen gebracht zu werden. Und das unabhängig davon, wie seriös ihr Geldinstitut von außen wirken mag. In Zeyers Buch paaren sich Koks, Nutten, Luxusautos und der Wille mancher Anleger, um jeden Preis Steuern sparen zu wollen. Kombiniert man diese Faktoren mit der erschreckenden Inkompetenz vieler Berater, deren Hochmut und Gier, so entsteht daraus eine Mixtur, die schon lange unser aller Geld bedroht. Die aktuelle Finanzkrise muss bei diesen Gegebenheiten nicht die letzte gewesen sein.

Lars Sobiraj: Herr Zeyer, nennen Sie uns bitte Ihren Namen, Alter und Titel.

Dr. René Zeyer: Dr. René Zeyer, 53, Kommunikationsberater und Inhaber der Firma Zeyer: Kommunikation in Zürich.

Lars Sobiraj: Ihr bisheriger Werdegang?

Dr. René Zeyer: Ich studierte an der Universität Zürich Germanistik und Allgemeine Geschichte, war dann Redakteur und Reporter u. a. bei "Wiener",  "Transatlantik", "MännerVogue" und "Schweizer Illustrierte". Ab Anfang der 90er-Jahre war ich Auslandkorrespondent mit Wohnsitz in Havanna, ab 1993 bis 1999 exklusiv für die Neue Zürcher Zeitung. Anschliessend zwei Jahre Miami. Dort, wie auch schon zuvor, Kommunikationsberater für internationale Firmen unter anderem im Tabak- und Finanzbereich. Nach der Rückkehr in die Schweiz war ich kurzzeitig beim "stern" und der Zürcher "Sonntagszeitung". Anschliessend und bis heute selbständiger Berater, in erster Linie für Finanzkommunikation. Nach dem Krimi "Schnee über Havanna" (1997, Ammann-Verlag) ist "Bank, Banker, Bankrott" mein  zweites Buch. Im Augenblick arbeite ich an der Fortsetzung, die Anfang  2010 erscheinen wird.

Lars Sobiraj: Spätestens mit der Veröffentlichung von "Bank, Banker, Bankrott - Storys aus der Welt der Abzocker" dürften Sie Ihren Ruf in der Welt der Finanzdienstleister verbrannt haben. Befürchten Sie keine Nachteile oder gar Repressalien?

Dr.  René Zeyer: Diese Frage stellte sich für mich nicht im Zusammenhang mit dem Buch, sondern als ich mich entschied, der Sprecher der Schweizer Lehman-Anlageopfer zu werden. In der Schweiz wurden mindestens 7000 Kleinanleger, meist finanztechnische Laien, in Lehman-Schrottpapiere  hineinberaten. In erster Linie durch die Tätigkeit des von mir gegründeten Vereins für Anlageopfer ist es inzwischen gelungen, die Grossbank Credit Suisse zur Rückzahlung von 150 Millionen Franken zu bewegen. Das sind immerhin 150 Millionen mehr, als sie anfänglich zu zahlen bereit war. Natürlich ist damit meine Karriere als Berater von Schweizer Grossbanken und Finanzdienstleistern beendet, was ich angesichts dieses Erfolgs allerdings nicht bedaure. Natürlich gibt es auch weitere Kollateralschäden; die Credit Suisse hat mich wegen Beleidigung eingeklagt. Der Prozess läuft noch, die klare Absicht der CS ist dabei, mich durch die entstehenden Prozesskosten finanziell fertig zu machen. Zum Verständnis: In der Schweiz werden Gerichts- und Anwaltskosten abhängig vom Streitwert festgelegt, die CS setzt den mit mindestens 100 000 Franken an, der Verlierer zahlt alles inklusive gegnerische Anwälte.

Lars Sobiraj: Das sind umgerechnet 65,823.15 Euro. Sie bezeichnen die aktuelle Finanzkrise als den "größten Bankraub aller Zeiten". Welche Fehler werden gemacht und von wem?

Dr.  René Zeyer:  Die dummdreiste, wenn nicht verbrecherische Niedrigzinspolitik der letzten Jahre machte das Entstehen von virtuellen Derivatebasteleien möglich. Ein kleines erklärendes Beispiel. Wenn ich als Bank mit 100 eigenen und 900 geliehenen Euro zocke (wobei mir die 900 fast umsonst nachgeschmissen werden), und damit auch nur einen Schlappen Gewinn von 50 Euro realisiere, dann kann ich triumphierend eine Eigenkapitalrendite von 50 Prozent verkünden. Wenn die Spekulation in die Hose geht und ich verliere 100 Euro, dann bin ich als Bank blank und müsste eigentlich die Bücher deponieren. Stattdessen rufe ich heutzutage nach Staatshilfe. Um das real existierende jährliche Bruttosozialprodukt weltweit von ca. 50 Billionen Dollar schwirren inzwischen sagenhafte 700 Billionen virtuelle Wettscheine, denn nichts anderes stellt der Teilchenzoo von Derivaten, also abgeleiteten Finanzinstrumenten wie die berüchtigten CDOs,  Hypothekarschrottpapiere, dar.  Die von den Bangstern bis heute verteidigte Anreizgestaltung, dass Boni umsatzabhängig und kurzfristig bemessen ausbezahlt werden, ermöglichte es, dass in wenigen Jahren die ungeheuerliche Summe von mehr als 1000 Milliarden Dollar abgegriffen werden konnte. Legal und am helllichten Tag. Die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise hat inzwischen viele Staaten an den Rand des Bankrotts gebracht, der Gesamtschaden ist im Moment nicht überblickbar. Neben der Staatsverschuldung wurde Kapital im Bereich von Hunderten von Milliarden Dollar vernichtet.

Lars Sobiraj: Die in Ihrem Roman beschriebenen Herren übertrumpfen sich gegenseitig in ihrer Inkompetenz, Unwissen, ihrer Gier, dem Hang zum Luxus und ihren psychischen Komplexen. Entspricht das der Wirklichkeit?

Dr.  René Zeyer: Nein. In Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer, wie mir nach dem Erscheinen des Buches auch viele Private Banker hinter vorgehaltener Hand bestätigen. Aber das hätte mir keiner geglaubt. Private Banker beherrschen das Reputationsmanagement, sie sind Vertreter, Verkäufer, Phrasendrescher. Zumeist völlig unbefleckt von finanztechnischen Kenntnissen. Wer's nicht glaubt, soll mal einen solchen Berater fragen, ob er den Unterschied zwischen einem Hedgefonds und einem normalen Fonds erklären könne, allgemeinverständlich und in zwei Sätzen. Obwohl es sich dabei um zwei banale finanztechnische Begriffe handelt, kann ich nur viel Spass bei der Antwort wünschen.

Lars Sobiraj: Wenn dem so ist, warum dürfen solche Gestalten das Geld anderer Menschen verwalten? Und warum gibt es noch immer genügend Personen, die ihnen ihr Vermögen anvertrauen?

Dr.  René Zeyer: Häufig wächst natürlich zusammen, was zusammengehört. Die Gier des Kunden und die Gier des Bankers. Neu ist allerdings, dass früher wirklich jeder selbst schuld war, wenn er von einem obskuren Anlageberater von den Bahamas angerufen wurde, der ihm ein fantastisches  Anlagemodell mit 20 Prozent Profit aufs Auge drückte. Seit solche Anrufe allerdings aus den Zentralen angeblich seriöser, traditioneller und prestigeträchtiger Banken erfolgen, hat das eine ganz neue Dimension angenommen. Die Banker haben damit zwar das berühmte Vertrauen restlos  verspielt, aber ewig gilt eine alte Bankerweisheit: Den nächsten Dummen findest du immer.

Lars Sobiraj: Mit Absicht unvorteilhaft beraten wird ja auch der einfache Mann, der seine Hausbank Hilfe suchend aufsucht. Geht das jetzt immer so weiter? Und wenn ja, warum?

Dr.  René Zeyer: Leider ja. Die Kehrseite der Niedrigzinspolitik ist ja, dass der Anleger mit einem Sparheft oder einer Kassenobligation oder einem staatlichen Pfandbrief nach Abzug von Steuern und Inflation Geld verliert. Also ist er gezwungen, sich auf spekulative Anlagen einzulassen, die er nicht überblickt und nicht versteht.

Lars Sobiraj: Der Staat soll seine Bürgerinnen und Bürger vor allen Gefahren schützen, warum schreitet er nicht ein? Und wenn dann nicht nachhaltig.

Dr.  René Zeyer: Nach dem Bankenversagen ist ein Staatsversagen, besser ein Politikerversagen zu konstatieren. Die Inkompetenz der meisten Wirtschafts- und Finanzminister ist ja weltweit offenkundig. Sie haben durch Multimilliardenhilfen und -garantien ganze Staaten in die Geiselhaft der Banker überführt. Denn wenn heute ein Grossbank mit Staatshilfe pleite geht, dann sind nicht nur Gläubiger, Aktionäre und Angestellte betroffen, sondern jeder Steuerzahler inklusive seiner  Nachkommen bis ins zweite Glied. Und für diese Staatshilfen wurden keinerlei Gegenleistungen eingefordert. Es wird fröhlich weitergzockt, Boni in Milliardenhöhe werden ausgeschüttet, Kredite an die Realwirtschaft kaum oder nur zögerlich vergeben. Ist ja auch verständlich. Wenn mir als Bank der Staat zum aktuellen Leitzinssatz in der EU von einem Prozent eine Milliarde leiht, dann haue ich die als Bank doch einfach in eine deutsche Staatsanleihe mit vier Prozent Zins, als dass ich einem mittelständischen Betrieb einen Kredit gewähre, der mit Aufwand, Abklärungen und Risiko verbunden ist.

Lars Sobiraj: Wenn aktuell so viel Geld vernichtet wurde, wieso ist es noch immer kein Problem genügend Opfer zu finden? Sind die hohen Steuern Teil der Misere?

Dr.  René Zeyer: Geld wird nicht vernichtet. Hat einer weniger, halt einer mehr. Oder sind Ihnen Krematorien bekannt, in denen täglich Milliardenbeträge verbrannt werden? Opfer werden zu Opfern, weil sie, leider zu unrecht, dem finanztechnischen Wissen eines Bankers vertrauen. Und im Gegensatz zu einem Automechaniker, der mir einen neuen Motor aufschwatzen will, dabei bräuchte ich nur neue Zündkerzen, ist die Haftbarkeit bei Fehlberatung bei Anlagen fast inexistent. Wer sich heute allerdings über hohe Steuern beklagt, der darf sich freuen: In einem Jahr werden ihm die aktuellen Zustände als paradiesisch erscheinen. Denn wie sonst sollen die Staaten ihre Verschuldung refinanzieren? Die Alternativen zu höheren Steuern wären: Inflation oder Krieg.

Lars Sobiraj: Sollten Staatshilfen wirklich wie kürzlich geschehen dafür benutzt werden, um Managern horrende Prämien auszuzahlen? Was sagen Sie als Sprecher der Geschädigten des Lehman Brother-Konkurses dazu?

Dr.  René Zeyer: Dazu fällt mir nichts ein, was nicht einen zweiten Prozess wegen Beleidigung nach sich ziehen würde. Höchstens: Das ist obszön, ekelerregend und ungeheuerlich.

Lars Sobiraj: Mittlerweile wird in Deutschland von einem Aufschwung der Konjunktur gesprochen. Ist die Finanzkrise zu Ende? Und: Können wir uns hier in Deutschland irgendwie vor weiteren Ausläufern der Krise schützen? Und wenn ja, wie?

Dr.  René Zeyer: Banken, die in den letzten Wochen und Monaten Quartalsgewinne verkündeten, haben die oft mit buchhalterischen Taschenspielertricks herbeigezaubert. Dazu nur ein Beispiel: Durch gelockerte Bestimmungen dürfen vor allem US-Banken CDOs, also Hypothekarschrottpapiere, die eigentlich nicht handelbar sind, statt mit Null mit einem rein  virtuellen Wert in der Bilanz aufführen. Also, ich habe CDOs im Nominalwert von beispielsweise 10 Milliarden in meinen Büchern. Handelswert aktuell null oder, sind wir grosszügig, eine Milliarde. Nun darf ich das neu mit zwei oder drei Milliarden ansetzen. Und schwups, ich habe einen Quartalsgewinn von einer oder zwei Milliarden gemacht. Und die gesammelte Wirtschaftsjournaille, von wenigen Ausnahmen abgesehen, applaudiert. Aber zur Frage: Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist nicht zu Ende. Wir sind im Moment nur im Auge des Wirbelsturms. Und Schutz vor der Rückwand des Wirbelsturms? Da kann ich keinen Optimismus versprühen. Aber vielleicht einen guten Rastschlag geben: Wer hat,  sollte das Geld raushauen und das Leben geniessen. Solange er kann.

Lars Sobiraj: Das sind überaus klare Worte. Herr Dr. Zeyer, vielen Dank für das Gespräch !

(Bildquellen: René Zeyer, orell füssli Verlag)

News Redaktion am Dienstag, 18.08.2009 18:57 Uhr

tagsTags: bank banker bankrott dr. rene zeyer hochfinanz koks nutten

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65 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • awichai am 27.12.2009 13:56:39

    Diese Verarmung der Gesellschaft durch die Politik ist meiner Meinung nach gewollt, anders kann ich mir das nicht erklären Wieso sollte das gewollt sein? Ich glaub zufriedene Bürger sind leichter zu regieren als unzufriende... und in DE von verarmung zu rede ...

  • Ghandy am 27.12.2009 09:33:16

    Mit solchen Aussagen wäre ich sehr vorsichtig. Von wegen wenn ich die Macht hätte, gäbs Vollbeschäftigung. Wenn das mal alles so easy wäre... Lafontaine halte ich für einen sehr gefährlichen Menschen, den möchte ich in der deutschen Politik am besten nirgends mehr sehen. Dem gehts lediglich ...

  • Prey G!lgrim am 26.12.2009 16:09:29

    Man sollte mit den ausgedruckten Interviews zu unseren "verehrten" Politikern gehen, ihnen die Infos unter die Nase halten und sie zur Rede stellen. Die meisten sind doch genauso Systemschafe wie alle anderen auch und checken, das was gespielt wird überhaupt nicht.. Die labern sich da nur einen S ...

  • rockmachine am 26.12.2009 15:53:29

    ja und der gegenwert ist? schuld. wer davon profitiert? die eigentümer der banken. wer die sache bezahlt? die bürger. wer das ganze veranstaltet? die bürger selbst, indem sie es zulassen, weil sie falsch informiert sind. echt schlimm. ...

  • Throatslit am 25.12.2009 20:11:14

    Das ist das Problem wenn man aus Geld mehr Geld machen will, bedruckte Papierscheine brauchen immer einen gegenwert, haben sie den nicht, sehen sie schön aus im Geldbeutel, mehr nicht. ...

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